Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.2.djvu/35

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Aehnlichkeit haben? In so fern beyde zur Erhebung über die Selbstheit, zur Abhängigkeit von andern Wesen, und zur Aufopferung für diese einladen, und den Zustand der Entzückung befördern. Der leidenschaftliche Liebhaber menschlicher Schönheit ist eben so wohl bereit, sein ganzes Leben hindurch in Qualen und Kummer hinzuschmachten, als der Derwisch, Fakir, oder Sofi: beyde werden durch die Wonne einer hinschmelzenden Begeisterung, durch den Stolz auf ihre Niedergeworfenheit schadlos gehalten: beyde entäußern sich Alles dessen, was das Leben angenehm macht, und sind fähig, dieß Leben auf den Wink eines äußern Wesens hinzugeben: beyde empfinden den höchsten Reitz in der Spannung ihrer Phantasie mit Bildern des Abwesenden, noch nicht Erreichten, aber Gehofften: beyde fühlen dadurch eine Erhebung über sich selbst, und über das Gegenwärtige: beyde werden an ihren Zusammenhang mit Wesen erinnert, die durch äußere und innere Schönheit selbständigen Werth haben: beyde leiden endlich einen innern Brand in ihrer Seele, der ein unauslöschbares Mahl darin zurückläßt!

Der Zustand von Besessenheit, der dem leidenschaftlichen Liebhaber menschlicher Schönheit so gut eigen ist, als dem entzückten Liebhaber Gottes, dieser war es, den die Orientaler so äußerst schätzten. Schon der Nahme Megnun, der einen Besessenen, einen Wahnsinnigen bedeutet, und dem Modell der Liebhaber beygelegt wird, muß darauf zurückführen. „Der erste Schritt auf dem gefährlichen und mühsamen Wege, der zum Hause der Leileh führt, sagt Giami, besteht darin, Megnun zu werden;“ das