Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.2.djvu/9

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

daß er, um die Freuden der Liebe bey dem eingeschlossenen Mädchen zu genießen, Nachts durch die Haufen der Wächter und anderer Menschen gedrungen sey, die alle begierig nach seinem Tode gewesen wären. [1]

Ein heißes Blut, ein feuriger Geist, zeichnen ohnehin den Araber aus. Jene Hindernisse, die sich seinen Begierden entgegen setzten, mußten seine Leidenschaft erhöhen, und seine Einbildungskraft doppelt entflammen. Die meisten Gedichte dieser Nation enthalten das Lob der Schönen unter Bildern, an denen die Phantasie ihre ganze Wirksamkeit im Idealisieren äußert. Die Geliebte erscheint dem Araber unter den reitzendsten Gestalten die er kennt: nicht bloß in Blumen und Bäumen, sondern auch in der lieblichen Ghazelle, in dem nützlichen Kameele, und sogar, wie wir eben gesehen haben, in dem Blitzen der Schwerter, die ihm, als Mittel seines Ruhms, so theuer waren. Daher aber auch der elegische Ton in diesen Gedichten, der mit demjenigen so sehr überein kommt, den wir bey allen Nationen antreffen, die etwas mehr als die Befriedigung einer bloß körperlichen Begierde in der Geschlechtsverbindung suchen. Der Liebhaber zeigt seine ganze Abhängigkeit von dem geliebten Gegenstande durch Klagen, die seine Qualen, Aengste, Sehnsucht und Verzweiflung ausdrücken. Oft lebt er nur in Erinnerungen an genossene Freuden, oder in kühnen Hoffnungen; oft ruft er die Naturkräfte, und besonders den Zephyr um Beystand in seinem liebenden Bestreben an.


  1. Caab ben Zoheir Carmen Panegyricum in laudem Muhammedis, item Amralkeisi Moallakah. edid. Lette. Lugd. Batav. 1748. Amralkeis lebte zu Muhammeds Zeiten.