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Ruhlands Flurnamen
von Lehrer C. Nicolaus.

Flurnamen sind Denkmäler, und ihrer Entstehung und ihrem Sinn nachzugehen, gehört zu den reizvollsten und dankbarsten Aufgaben den Heimatforschers. Teilweise sind diese Namen mit ihrem Grund und Boden so fest verwurzelt, daß auch die amtlichen Vermessungs- und Kartenstellen nicht auf sie verzichten können. Das geschieht einerseits aus Rücksicht auf die bodenständige Bevölkerung; zum andern erleichtert die Eintragung der hauptsächlichsten Flurnamen im Verein mit den behördlichen Ortsbezeichnungen das Zurechtfinden auf den Messtischblättern.

Mit dem Seßhaftwerden der Volksstämme nach der Völkerwanderung, mit der Verteilung der Ländereien unter die einzelnen Sippen und noch weiter unter die Familien machten sich Gruppierungsmerkmale notwendig. Gräben, Hecken, Steine wurden zu Grenzpunkten, und nach Benutzungsart, Lage, besonderen Eigenarten, geschichtlichen Überlieferungen haben sich die Flurnamen gebildet, die in den zurückliegenden Jahrhunderten eine grundlegende Bedeutung in der Besitzverteilung und Bestimmung von Feld, Wiese und Wald hatten. Um gleich einige Beispiele aus der engeren Heimat zu nennen, sei nur an Schaftrift, Lachensläuckchen, Diebswinkel und Sieggraben erinnern. Der Bauer hält an diesen Bezeichnungen mit der ihm eignen Zähigkeit fest, und selbst amtliche Bekanntmachungen bedienen sich dieser kennzeichnenden Namen, da sie im Volksmunde leben und den kürzesten Weg in der Ortsangabe tatsächlich bedeuten.

Auch die Fluren um Ruhland herum tragen eine Fülle solcher Bezeichnungen. Viele davon sind ohne weiteres verständlich, wie z.B. Schmalers Busch und Bauerswinkel, da sie an alte Familiennamen erinnern. Andre dagegen sind so eigenartig, so wenig "deutsch", daß man an eine fremde Herkunft denken muß. Was besagen die Namen Koltschen, Dernauken oder Tarnauken, Schrotschack, Perschken oder Preschken? Die Antwort wird leichter, wenn man sich vergegenwärtigt, dass auch unsere Gegend fruher von Wenden bewohnt gewesen ist, eine Tatsache, die nicht lange zurückliegt. So berichtet der Amtmann Weinart in seiner Statistik der hiesigen Herrschaft vom Jähr 1789, da? es an der Stadtkirche „Herkommens war, daß der Oberpfarrer jeden ersten Feiertag eine halbe wendische Predigt halten muß, weshalb auch jetzt noch ein Wende zu dieser Stelle gewählet wurde; es ist aber nicht mehr notwendig, weil die wendische Sprache fast ganz in der Gegend verloschen, und jeder Einwohner Teutsch verstehet.“ In Hohenbocka wurde noch am Ende des 18. Jahrhunderts die Quartalspredigten vom Ruhländer Oberpfarrer zum Teil in wendscher Sprache gehalten, und von Schwarzbach berichtet Weinart: „Dieses Dorf ist eines der ältesten in dieser Gegend, und die Einwohner sprechen in ihren Gesellschaften wendisch, auch ihre Sitten und Gebräuche verraten ihr Altertum“.

Mit der Geschichte des Wendentums sind auch die Geschicke Ruhlands eng verbunden; nach einer Lesart über die Entstehung des Namens Ruhland wird er von dem wendischen Wort „run-lan ad“ abgeleitet, welches eine größere Niederlassung in fluß- und sumpfreicher Ebene bedeutet. Diese Namenserklärung ist sehr zweifelnaft. Heute bezeichnet der Wende Ruhland mit ”rolany” (die Ackerbauer), ein Name, der wahrscheinlich von der deutschen Form abgeleitet wurde.

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C. Nicolaus: Ruhlands Flurnamen. , Ruhland 1931, Seite 1. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ruhlands_Flurnamen_Aufsatz_von_Lehrer_C._Nicolaus,_Ruhland_1931.pdf/1&oldid=3055211 (Version vom 20.10.2017)