Seite:Sponsel Grünes Gewölbe Band 3.pdf/89

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

rautenförmiger Spiegel, dessen Rückseite aus einer polierten Goldplatte besteht, in die ein Groteskenornament mit eingestreuten Figuren eingraviert und mit vielfarbigem durchsichtigen Email ausgefüllt ist. In der Mitte dieser Platte ist ein hochovales Feld ausgeschnitten und im Innern mit dem Altersbildnis der Kurfürstin Sophie in Öl auf Silber ausgefüllt. Das Feld hat einen durch Scharniere befestigten goldenen Deckel, auf dem wieder in eingravierten und mit Email bedeckten Figuren vor Gebäudeteilen die Anbetung der Könige dargestellt ist, die aber mit dem Reiz der Ornamentik der Platte nicht wetteifern kann. Der Spiegel könnte noch zur Verwendung als Anhänger gedacht gewesen sein. Die korpulent gewordene alte Kurfürstinwitwe hat auf ihrer gravierten Bronzegrabplatte im Dom zu Freiberg einen ähnlich großen, doch andersartigen Brustschmuck (W. B. Nr. 91). Ob das Stück auf ihre Bestellung entstanden ist, bleibt fraglich, in sein Mittelfeld hätte auch nachträglich jedes andere Bildnis gelegt werden können. In einer Aktennotiz habe ich die Angabe gefunden, daß Sophie nach ihrem Witwensitz auf Schloß Colditz einmal Malgerät geliefert erhielt. Sie könnte also ihr Bildnis selbst gemalt und eingelegt haben. Da sie dort auch Schmucksachen von auswärtigen Goldschmieden erworben hat, und ich an der Gravierung und Emailarbeit des Spiegels keinen überzeugenden Zusammenhang mit Werken der für den Hof beschäftigten Dresdner Goldschmiede finde, so liegt es wohl nahe, hierbei an einen auswärtigen Meister zu denken, der durch die Leipziger Messe zu ihr in Verbindung kam. Die Einfügung der Ornamente in den Raum zwischen dem Mittelfeld und dem rautenförmigen Rahmen zeugt von souveränster Erfindung und Formenphantasie. Das vielfache Schweifwerk ist überaus graziös entwickelt und rhythmisch belebt. Zu den opaken Emailfarben kommen die leuchtenden durchsichtigen Farben der daraus wachsenden und darin spielenden phantastischen Vögel und Insekten. Hieraus heben sich die mit glashellem Email überdeckten menschlichen Gestalten und Halbfiguren ab und bilden im Verein mit dem hellen Goldglanz das reizvollste Farbenspiel. Das Stück ist ein Kunstwerk ersten Ranges.

Während sich bisher über diesen durch seine Emailarbeit so kostbaren Spiegel eine urkundliche Nachricht, die seine Herkunft bezeugte, nicht hat finden lassen, haben die Brüder Erbstein schon in dem Führer von 1884 S. 123 hervorgehoben, daß Kurfürst Christian II. den auf Tafel 26 abgebildeten Bergkristallkruzifix nach der Angabe des Kunstkämmerers 1602 als Weihnachtsgeschenk