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Reinhold Steig: Zur Entstehungsgeschichte der Märchen und Sagen der Brüder Grimm. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen

Ein glücklicher Zufall kam mir zu Hilfe. Ich nahm für andere Zwecke den in Nürnberg damals erschienenen Korrespondenten von und für Deutschland durch, den mir hierher zu leihen das Germanische National-Museum so freundlich war. Ein wundervoll gedrucktes, klug redigiertes, gesinnungsloses Rheinbundsblatt. Das schöne Folio durch einen Strich in zwei verschiedene Regionen abgetrennt. Über dem Striche liest man die im Napoleonischen Sinne zurecht gemachten Politica, für welche die Leser unter dem Striche durch allerlei amüsante, inhaltsreiche und belehrende Literaria eingefangen werden mußten. Im südlichen Deutschland wurde der Korrespondent sehr eifrig gelesen und hatte großen Einfluß. Kleist hat 1809 auf einen seiner politischen Aufsätze, um ihn als vaterlandslos zu brandmarken, in einem (von Köpke zuerst aus der Handschrift veröffentlichten) satirischen Briefe die Antwort eines deutschen Patrioten gesetzt, worüber noch einmal gesprochen werden muß. 1810 und 1811 benutzte Kleist, wie viele andere Blätter, so auch den Korrespondenten für seine Berliner Abendblätter.

In diesem Nürnberger Korrespondenten, in Nr. 37 vom 6. Februar 1811, erscheint nun zuallererst die Sage vom Rodenstein. Von hier also, sehen wir jetzt, hat Kleist sie in seine Abendblätter (vom 19. Februar 1811) übernommen, nichts verändernd, kaum ein Wort hinzufügend. Auch dort ist der Name des Verfassers nicht genannt, noch irgendwie die Herkunft der Sage angedeutet. Aber wir werden es im Korrespondenten mit einem Originalartikel zu thun haben. Die rationalistische Auffassung von Sage und Aberglauben paßt trefflich in das „aufgeklärte“ Rheinbundsblatt. Ein Nürnberger Blatt konnte wohl dergleichen Beiträge aus dem nicht fernen Odenwalde, der so reich an volkstümlicher Litteratur war, unmittelbar an sich ziehen.

Nachdem wir so an den Anfang dieser Überlieferung der Rodensteinsage gelangt sind, fragen wir zunächst, ob und in welchem Verhältnisse die Grimmsche Sage zu ihr stehe? Es wird nötig sein, beide Fassungen zur Veranschaulichung nebeneinander zu setzen. Ich wähle aber, da auch Kleinigkeiten mitsprechen, die Textgestalt der Eleganten Welt, die die Brüder ja allein benutzten, und füge nur hier und da ein paar Varianten an:

Empfohlene Zitierweise:
Reinhold Steig: Zur Entstehungsgeschichte der Märchen und Sagen der Brüder Grimm. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen. Georg Westermann, Braunschweig 1907, Seite 302. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Steig_Entstehungsgeschichte_Maerchen_Sagen_Grimm.djvu/26&oldid=- (Version vom 1.8.2018)