Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/114

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Eiche „buschig“ (kutscherjawyj dub). Die Donau (Dunaj in der alten Bedeutung des Flusses) ist „schnell“ (bysstryj) usw. „Tschornobrywyj“ (mit schwarzen Augenbrauen) ist eine oft vorkommende Bezeichnung für Schönheit, sowohl männliche als weibliche, und der Kosak ist „tschornjawyj“ (schwarzhaarig). In den „Hajdamaken“ nennt Oksana ihren Jarema „ssysokrylyj sokil“ oder „holub“ (graubeflügelter Falke oder Täuber) und er nennt sie „rybka“ (Fischlein). Menschen werden oft mit Bäumen verglichen. In dem Gedichte „Der Gefangene“ beugt sich Stephan über Jaryna wie ein Ahorn über das Wasser, ihr Vater neigt sich über sie wie eine Eiche und Jaryna selbst beim Abschiede „wie eine Kalyna“. In mehreren poetischen Erzählungen, z. B. in den „Hajdamaken“ sind echte Volkslieder eingelegt. Ja, die ganze Dichtung Schewtschenkos ist eine einzig dastehende Verherrlichung des Volksliedes. „Unsre Dume, unser Lied wird nicht sterben oder verderben, darin liegt unsre Ehre, die Ehre der Ukraine.“[1]

Die Volkstümlichkeit Schewtschenkos liegt schließlich nicht zum mindesten in der Wahl von poetischen Stoffen und in der Bearbeitung von Volksmärchen und poetischen Überlieferungen. Schon sein erstes bekanntes Gedicht, „Die Besessene“,[2] basiert auf einer Volkstradition. Ein geistesverwirrtes Mädchen, dessen Bräutigam ins Feld gezogen ist, nachtwandelt am Ufer des Dniprós, um wenigstens im Traume den Geliebten zu erblicken oder um zu erfahren, ob Adler ihm die Augen zerhackt haben oder Wölfe seinen Körper zerfleischt. Um Mitternacht tauchen ungetaufte kleine Kinder, rusalonjky, d. h. Wassernymphen aus der Tiefe auf und kitzeln die Arme zu Tode. Am nächsten Morgen kommt der Kosak wohlerhalten zurück und sobald er den Leichnam der Geliebten entdeckt, zerschmettert er seinen Kopf an einem Eichenstamm. Die beiden Leichen werden vom Popen begraben, und auf ihrem Grabhügel


  1. In dem Gedicht an Ossnowjanenko. Siehe nächstes Kapitel.
  2. Eigentlich diejenige, die durch Zaubereien einer Hexe mondsüchtig wird.