Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben

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Autor: Alfred Anton Jensen
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Titel: Taras Schewtschenko
Untertitel: Ein ukrainisches Dichterleben
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Auflage: 1
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1916
Verlag: Adolf Holzhausen
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Erscheinungsort: Wien
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TARAS

SCHEWTSCHENKO
EIN UKRAINISCHES
DICHTERLEBEN

VON ALFRED JENSEN





VERLAG ADOLF HOLZHAUSEN
WIEN 1916
[II]
Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen. Bild 1.jpg


Selbstbildnis des Dichters.

[III] TARAS
 SCHEWTSCHENKO


EIN

UKRAINISCHES

DICHTERLEBEN


LITERARISCHE STUDIE

VON

DR. ALFRED JENSEN




WIEN, 1916
DRUCK VON ADOLF HOLZHAUSEN
[V]
Vorwort.


Das Los übersehen zu werden, das so vielen slawischen Dichtern zu teil geworden ist, war auch dem ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko beschieden. Sein Name ist zwar der Geschichte der Weltliteratur einverleibt, allein die Kenntnis von einem der begabtesten Dichter der osteuropäischen Welt beschränkt sich meist nur auf flüchtige Erwähnungen.

Im Jahre 1870 machte Georg Obrist als erster in Czernowitz den bescheidenen Versuch, Schewtschenko in das literarische Bewußtsein Europas einzuführen, während in einer Sammlung der Kulturskizzen „Vom Don zur Donau“ (1889) von K. E. Franzos der ukrainische Dichter gebührend gewürdigt und in wesentlichen Zügen vorgeführt wurde. In der französischen und englischen Literatur aber sucht man, dünkt mich, vergeblich nach einer besonderen Schewtschenko Studie, außer man begnügt sich mit einem Aufsatz von E. Durand in der „Revue des deux mondes“ 1876.

Im Jahre 1914 feierten die Landsleute Schewtschenkos seinen hundertjährigen Geburtstag; anläßlich dieses Jubiläums erschien in Wien eine Festnummer der „Ukrainischen Rundschau“, redigiert von Wladimir Kuschnir und Alexander [VI] Popowicz. Hier erst wurde in deutscher Sprache der Grund zu einer nichtslawischen wissenschaftlichen Schewtschenko-Literatur gelegt.[1])

Wenn ich mich jetzt unterfange, eine neue Studie über Schewtschenko herauszugeben, bin ich mir dessen wohl bewußt, daß ich schwerlich etwas wesentlich Neues bringen kann. In der jetzigen Zeit, wo der internationale wissenschaftliche Verkehr durch die kriegerischen Ereignisse gehemmt wird, ist es auch fast unmöglich, das nötige Material zusammenzustellen und es fehlt mir besonders in bezug auf die Biographie – ich bediene mich im wesentlichen der von Alexander Konyskyj verfaßten Lebenschronik (Lemberg 1898 bis 1901) – leider an zureichenden Quellen, z. B. an Briefen, um das Bild des Dichters ergänzen zu können. Als erstes Ziel stellte ich mir vor allem die Aufgabe, den Dichter, wie die ukrainische Volksseele überhaupt, durch seine eigenen Dichtungen zu ergründen und zu beurteilen. Dieser Versuch wird jedenfalls einer guten Sache dienen; trotz aller Mängel kann die spärliche ausländische Schewtschenko-Literatur durch eine einheitliche Behandlung des Stoffes nur gewinnen und das Urteil eines nichtukrainischen Literaturforschers und Slawisten dürfte auf das europäische Publikum besonders kräftig und überzeugend einwirken. Da diese Arbeit, obgleich sie auf wissenschaftlichem Grund basiert, nicht für Spezialisten geplant ist, sondern für ein größeres Publikum, habe ich auf das benützte Quellenmaterial nur ausnahmsweise hingewiesen.

Obzwar mir die Übertragungskunst slawischer Dichtungen ins Schwedische nicht fremd ist, traue ich mir [VII] doch nicht zu, gereimte Dichtungsproben von Schewtschenko deutsch wiederzugeben. Ich habe deshalb von den schon vorhandenen deutschen Übersetzungen,[2]) besonders den von Julia Virginia, reichlichen Gebrauch machen müssen, selbstverständlich unter sorgfältiger Angabe der Quelle.

Hinsichtlich der Wiedergabe der ukrainischen Zitate, Personen und Ortsnamen hielt ich mich an das jetzt übliche, den Grundsätzen der neuhochdeutschen Phonetik entsprechende [VIII] sprechenden Transkriptionssystem, wobei jedoch folgendes zu beachten ist:

1. Der Vokal y ist nicht identisch mit dem deutschen i, sondern nähert sich dem deutschen e; 2. der Konsonant w vor andern Konsonanten oder am Wortende darf nicht wie f ausgesprochen werden, sondern ungefähr wie das deutsche u in den Wörtern „Tau“, „grausam“; 3. j nach den Konsonanten bezeichnet, daß letztere weich ausgesprochen werden (analog den Südslawen); 4. der dem französischen j entsprechende Laut wird durch zh ausgedrückt.

Während eines kurzen Aufenthaltes in Wien, nachdem das Manuskript schon fertig war, habe ich einige nachträgliche Berichtigungen, respektive Ergänzungen hinzufügen können. Für literarische Anweisungen sage ich den Herren Dr. St. Tomaschiwskyj, Dr. W. Szczurat und Dr. Z. Kuziela, vorzugsweise dem ersteren, der außerdem die technische Seite der Veröffentlichung besorgte, meinen verbindlichsten Dank, ebenso dem Fräulein phil. Olga Anscherlik für die Überprüfung der deutschen Übertragungen.

Stockholm, im August 1916.

Alfred Jensen.

[IX]
Historische und literaturgeschichtliche Einleitung.

„Wer das Dichten will verstehn,
Muß ins Land der Dichter gehn:
Wer den Dichter will verstehn.
Muß in Dichters Lande gehn.“

Ukraine – die osteuropäische Mark, das verschwommene Grenzland zwischen dem Orient und dem Okzident, die in drei Literaturen (der polnischen, der russischen und der ukrainischen) besungenen Ufer des ungeheuern Dnipró-Beckens, die endlosen Kosakensteppen; die Wiege melodischer Volkslieder und Weisen, die idyllischen Gegenden der weißen Hütten und der hellroten Kirschblüten, die schwarze Erde des herrlichen Igorliedes; das Vaterland eines unterjochten Volksstammes von dreißig Millionen Seelen, das Riesengrab der schwedischen Helden Karls XII. – dieses so unbekannte und verkannte Land ist mit dem Namen Taras Schewtschenko untrennbar verknüpft.

Vom Karpathengebirge bis zum Schwarzen Meer und dem Don und noch weiter breiteten sich die Ukrainer aus, das sogenannte kleinrussische Volk. Schon die geographische Lage bestimmte so das Land zum Tummelplatz für nomadisierende Eroberer und zu ununterbrochenen Völkerwanderungen. Bereits im V. Jahrhundert war die Ukraine größtenteils slawisiert und Kiew wurde nach der warjägischen Ansiedelung am Dnipró im IX. Jahrhundert bekanntlich die Hauptstadt und der Kulturherd des ersten ukrainischen Reiches, welches damals den etwas dunklen Namen „Russj“ führte. Allein im XII. Jahrhundert wurde seine Macht durch barbarische Völkerschaften immer mehr geschwächt. Parallel [X] mit diesem Prozeß entwickelte sich in der westlichen Ukraine durch die Vereinigung von Galizien und Lodomerien (Wolhynien) ein ansehnlicher Staat, als dessen Hauptstadt Halytsch, Wolodymyr, Cholm und Lemberg einander ablösten.

Um die Mitte des XIV. Jahrhunderts wurde das galizisch-lodomerische Reich zwischen Polen und Litauen geteilt; dem letztern gelang es auch, die übrigen zertrümmerten Provinzen des ehemaligen Kiewer Reiches den Tataren zu entreißen. Nach der ersten polnisch-litauischen Personalunion (1386) wurden sämtliche Gebiete der Ukraine Bestandteile des polnisch-litauischen Staates, bis zufolge der endgültigen Union von 1569 beinahe das ganze ukrainische Territorium dem polnischen Teile dieses Staates anheimfiel.

Unter der polnischen Herrschaft erging es dem ukrainischen Volke sehr schlecht. Diese Zeit zeigt eine kaum übersehbare Reihe von Gegensätzen und Kämpfen zwischen den beiden Völkern. Die Konflikte erstrecken sich auf sämtliche soziale Gebiete. Im Bereich des religiös-kirchlichen Lebens wurde der traditionelle Gegensatz zwischen dem Katholizismus und der Orthodoxie durch Schaffung der kirchlichen Union keineswegs beseitigt, weit eher kompliziert; der römisch-katholische Ritus blieb immer die privilegierte herrschende Konfession. Diese Unterschiede und Gegensätze kamen natürlich im ganzen kulturellen Leben zum Ausdruck.

Auf sozial-wirtschaftlichem Gebiete wurde in den ukrainischen Ländern das Polentum durch den Großgrundbesitz repräsentiert und durch den privilegierten Bürgerstand (zumeist Juden). Alle politischen Rechte lagen bekanntlich in polnischen Händen, was die Ukrainer in ihren alten politischen Überlieferungen stark verletzte.

Alle diese Gegensätze verschärften sich jedoch ganz besonders seit dem Ende des XVI. Jahrhunderts, wo sich der freie, oft zügellose ukrainische Kosakenstand zu einem wichtigen politischen Faktor in Osteuropa emporschwang und zum Vorkämpfer für die nationalen Forderungen der Ukrainer wurde. Tollkühne Kosakenführer, wie Kosynskyj, Nalywajko, Loboda, [XI] boda, Pauljuk u. a., bedrohten und bekämpften in der Zeit von 1590–1638 das mächtige Polen, vermochten aber nicht, die Rechte der Ukrainer über gewisse bescheidene Grenzen auszudehnen.

Um die Mitte des XVI. Jahrhunderts raffte sich die Ukraine auf, die polnische Oberhoheit abzuschütteln. Bohdan Chmelnytzkyj schlug die Polen in mehreren Schlachten 1648–1649 und rang denselben folgereiche Zugeständnisse ab. Cromwell apostrophierte ihn als ungekrönten Monarchen. Aber Chmelnytzkyj brauchte Bundesgenossen in dem ungleichen Kampfe mit dem noch übermächtigen Polen und suchte deshalb Anlehnung an benachbarte Staaten. Nach den vereitelten Proben, mit der Türkei, Moldau und Siebenbürgen ein Einvernehmen zu erzielen, wurde 1654 in Perejaslaw am Dnipró eine Personalunion zwischen Moskowien und der Ukraine geschlossen, die für die letztere verhängnisvoll wurde. Die republikanisch-demokratische Selbstverwaltung der Ukraine war mit der moskowitischen Zentralisationspolitik unvereinbar und der Vertrag von Perejaslaw bedeutete den Anfang des ukrainischen Auflösungsprozesses. Der Tod entriß „Chmelj“ plötzlich seinen tollkühnen Plänen; er war eben im Begriffe, eine Trippelallianz zwischen Schweden, Ungarn und der Ukraine zwecks Teilung von Polen zu bilden. Er selbst hätte freilich am wenigsten ahnen können, daß seine Reiterstatue dereinst den schönsten Platz von Kiew zieren werde und noch dazu errichtet von dem „einheitlichen, unteilbaren“ Rußland, das bald jede geistige Individualität und das Selbstbestimmungsrecht jenes ukrainischen Volkes zu ersticken versuchte, welches in Chmelnytzkyj noch heute einen seiner ersten Helden und Patrioten sieht.

Nach dem Tode Chmelnytzkyjs wurde eine Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen (in Hadjatsch 1658) versucht, die jedoch fehlschlug und zuletzt eine Teilung der Ukraine herbeiführte. Durch den Frieden von Andrussowo (1667) wurde das ukrainische Gebiet rechts vom Dnipró an Polen abgetreten. Das hatte eine längere, sehr traurige Zeit der inneren Zerwürfnisse und Bürgerkriege zur Folge [XII] (die sogenannte „Ruine“), was die beiden Teilungsmächte ihr politisches Ziel nur um so leichter erreichen ließ.

In der östlichen Ukraine machten sich's die Moskowiter bequem. Nach der entschiedenen Niederlage der Verbündeten Karls XII. und Masepas (Mazeppa) bei Poltawa (1709) wurde die Ukraine nach und nach dem moskowitischen Staate einverleibt. Im Jahre 1720 wurde eine russische Kriegskanzlei für die Ukraine eingerichtet, 1721 eine Gerichtskanzlei und 1722 ein besonderes Staatskollegium. Die Soldaten und Beamten Peter des Großen überschwemmten das ehemalige „Hetmanenland“[3]) (Hetjmánschtschyna) und der letzte nominelle Hetman der Ukraine, Kyrylo Rasumowskyj (ein Bruder des morganatinischen Gemahls der Kaiserin Elisabeth), mußte im Jahre 1761 sein Amt niederlegen. 1775 ließ Katharina II das kosakische Hauptlager „Ssitsch“[4]) an den Stromschnellen des Dnipró gänzlich zerstören und der Rest der saporoger Kosaken siedelte sich nach längeren Irrfahrten am Kubanj an. Das Vernichtungswerk der russischen Regierung wurde 1783 mit der endgültigen Aufhebung der kosakischen Heeresorganisation gekrönt.

Gleichzeitig wurde auch die Leibeigenschaft über die gesamte Bauernschaft, welche unter Chmelnytzkyj frei geworden war, von rechtswegen verhängt und so der Zwiespalt zwischen dem aus dem Kosakenstande hervorgegangenen ukrainischen Adel und dem gemeinen Volke noch erweitert und vertieft.

In den bei Polen gebliebenen Teilen der Ukraine nahmen die früheren Gegensätze und Kämpfe nicht ab; sie änderten nur ihren Charakter, indem sie einerseits in wilde Bauernrevolten ausarteten, andrerseits in haarsträubende Strafexpeditionen. Es ist dies die traurige Haydamakenzeit [XIII] (Hajdamatschyna), welche im Jahre 1768 in der sogenannten Kolijiwschtschyna ihren Höhenpunkt erreichte und zugleich ihr Ende. Mit Hilfe Rußlands unterdrückte Polen den letzten ukrainischen Aufstand in Blutströmen. Nach einigen minder bedeutenden letzten Zuckungen wechselte die Westukraine ihren Herrn; mit Ausnahme Galiziens kam sie unter russische Herrschaft. Die Stelle des polnischen Latinismus gegenüber der unierten Kirche der Ukrainer nahm jetzt die russische Orthodoxie ein. Die soziale Lage der ukrainischen Bauern wurde nach der Teilung Polens noch schlechter: polnische Gutsbesitzer in der Westukraine hatten jetzt die genügend strengen Machtmittel eines nach den Prinzipien der Leibeigenschaft organisierten Staates, um ihre Untertanen wirtschaftlich im vollen Maße auszunützen. Infolge des Mangels an Verwaltungsorganen konnte dies in Polen nicht erreicht werden. Deshalb haben auch sämtliche ukrainische Emanzipationsbestrebungen diesseits des Dnipró, mögen sie auch im Grunde genommen gegen den Staat gerichtet sein, einen stark polenfeindlichen Anstrich.




Als das alte Kiew auf der Höhe seiner Macht stand und Beziehungen mit dem Abendlande anknüpfte, war das kulturelle Niveau in dem damaligen Ruthenenlande ungleich höher als 500 Jahre später, da Iwan Grosnyj das moskowitische Einheitswerk vollendete. Über das ursprüngliche Verhältnis der ukrainischen Sprache zu der russischen hat die Wissenschaft vielleicht noch nicht ihr letztes Wort gesagt. Doch so viel steht immerhin fest, daß seit Jahrhunderten ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Sprachen existiert, was auch von der Kaiserlichen Akademie in Petersburg bestätigt wurde. Mögen die Gelehrten auch noch so heftig über den sprachlichen Charakter des berühmten Igorliedes streiten – es steht fest, daß diese eigenartig frische und lebensfrohe Poesie niemals aus moskowitischem Boden hervorsprießen konnte.

Diese ziemlich reichhaltige und eigenartige Literatur der staatlichen Unabhängigkeitsperiode nahm ihr Ende mit [XIV] dem allgemeinen politischen und kulturellen Verfall zufolge des Mongolensturmes im XIII. Jahrhundert. Die neuen Verhältnisse, in welche die ukrainischen Länder nachher gekommen waren, schufen neue Bedingungen für die literarische und kulturelle Betätigung des Volkes.

Je mehr die Ukrainer von den Polen wie auch von den polonisierten Landsleuten ausgebeutet wurden, destomehr suchten sie sich gegen diese Unterdrückung mit geistigen Waffen zu schützen, um ihre nationale Individualität zu wahren. Die geographische Nähe der abendländischen Zivilisation war dieser kulturellen Bewegung sehr förderlich. Schon seit dem Ende des XV. Jahrhunderts bezogen die Ukrainer die ersten gedruckten Bücher aus der Fremde (seit 1491 aus Krakau, seit 1517 aus Prag, seit 1525 aus Wilna) und frühzeitig (1573 in Lemberg, 1580 in Ostroh, 1614 in Kiew) wurden die aktivsten ukrainischen Druckereien gegründet, während Moskau 1564 nur einen verfehlten Versuch in dieser Richtung machte. Im XVI. Jahrhundert bildeten sich ukrainische Volksbildungsvereine, sogenannte Bruderschaften (bratztwa), welche die Pflege der Kirche, der nationalen Rechte und der Volksaufklärung bezweckten und durch Schulen, Hospize und Verbreitung von Druckschriften den geistigen Wohlstand förderten. Da das nationale Leben jener Zeit überwiegend von kirchlich-religiösen Interessen beherrscht wurde, hat die damalige literarische Produktion einen besonders starken polemisch-dogmatischen Charakter. Inmitten einer ganzen Reihe von seelenlosen scholastischen Machwerken treten Gestalten auf, deren Wirken einen hervorragenden poetischen, beziehungsweise sittengeschichtlichen Wert darstellt (Iwan Wyschenskyj, Meletius Smotrytzkyj). Der allgemeine Kulturaufschwung in der Ukraine im XVII. Jahrhundert darf überhaupt nicht unterschätzt werden; sein Einfluß erstreckte sich über die Grenzen des Landes. Dadurch erklärt es sich auch, daß, als Moskau die ersten Schritte zur Einführung der Zivilisation unternahm, fast sämtliche Pioniere der Kultur – Theologen, Lehrer und Staatsmänner – gebürtige Ukrainer waren. Peter I. hätte das reformatorische Werk nicht durchführen [XV] können, wären nicht ukrainische Gelehrte ihm dabei behilflich gewesen. Das charakteristischeste Produkt der damaligen ukrainischen Kultur bedeutet die zeitgenössische ukrainische Geschichtsschreibung nach Chmelnytzkyj (Samowydetzj, Welytschko, Hrabjanka). Die nationale Epik wurde in „Dumy“ (Rhapsodien) gepflegt. Die hervorragendsten Staatsmänner der Ukraine, Masepa, Orlyk, Polubotok u. a., waren auch dichterisch begabt.

Diese kulturellen Dienste wurden den Ukrainern schlecht gelohnt. Die russische Regierung trat mit eiserner Folgerichtigkeit jedem ukrainischen Separatismus entgegen und versuchte von allem Anbeginn an, das ukrainische Element mit dem russischen zu verschmelzen oder, wo dies unmöglich war, zu vertilgen. Bereits 1680 wurde die kirchliche Literatur in ukrainischer Sprache sistiert und 1720 erschien ein Verbot für den Druck ukrainischer Bücher überhaupt. Die ukrainischen Schulen wurden geschlossen, was selbstverständlich einen ungeheuren kulturellen Rückgang zur Folge hatte, und die ukrainische Priesterschaft wurde dem moskowitischen Patriarchen, schließlich der Heiligsten Synode gänzlich unterworfen.

In der nach der dritten Teilung Polens annektierten westlichen Ukraine, wo es viele Anhänger der unierten Kirche gab, ergriffen die Behörden oft gewaltsame Maßregeln, um die Widerspenstigen zum „rechten“ Glauben zurückzuführen und auf diese Weise den hier bereits bestehenden Druck zu verdoppeln.

Und am Ende des XVIII. Jahrhunderts, als die ukrainischen Landesangelegenheiten schon einer moskowitischen Kanzlei (Prikas Malyja Rossii) überliefert worden waren, war die Volksaufklärung in der Ukraine noch immer größer als in den letzten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts. Fürwahr eine sonderbare Entwicklung, die zu ernstem Nachdenken Anlaß gibt! Der Niedergang der Volksbildung in der Ukraine steht im Zusammenhang mit der Monopolisierung des gesamten Schulwesens durch den russischen Staat.

Trotz des national-politischen und sozial-kulturellen Niederganges lebte die ukrainische Sprache unentwegt fort, [XVI] ja es gab hier im XVIII. Jahrhundert eine volkstümliche Literatur: geistliche Dramen in den Schulen nebst realistisch-komischen Interludien, Krippenspiele (wertep), religiöse Lieder, Bearbeitungen belletristischer Stoffe etc., wenngleich dieses reiche Material meist ungedruckt blieb und teilweise verloren ging. Der Philosoph und religiöse Dichter Skoworoda (1732–1794) erhöhte das literarische Interesse im nationalen Sinne; im Jahre 1818 schrieb Pawlowskij die erste ukrainische Sprachlehre mit einer Chrestomathie und 1819 gab Fürst Certeljew eine Sammlung ukrainischer Volkslieder heraus, welcher 1827 eine reichere von Maksymowytsch folgte. Die schöne Literatur war oft anonym; man weiß aber, daß viele, wie z. B. Gogol d. Ä. (Vater des Verfassers der „Toten Seelen“), Theaterstücke usw. in ukrainischer Sprache schrieben. Schließlich versuchte man sich auch in Parodien im pseudoklassischen Stil und es ist kein bloßer Zufall, wenn die moderne ukrainische Literatur 1798 mit Kotljarewskyjs traversierter „Aeneis“ ihren Anfang nahm.

Für die Russen war diese ukrainische Neubelebung anfangs eine harmlose Erscheinung, die für sie höchstens den Reiz der Neuheit hatte und das Interesse für die Merkwürdigkeit. Durch Gogols „Abende auf dem Gutshofe nächst Dykanjka“ kam ein frischer Hauch vom Dnipró in die russische Literatur selbst und man begann in Petersburg und Moskau sich für die kleinrussische Folklore zu interessieren [Sresnjewskij u. a.[5])]. In der lakonischen Besprechung einer ukrainischen Druckschrift[6]) mußte Bjelinskij, der berühmte russische Kritiker, sogar gestehen, daß „die kleinrussische Sprache für uns Moskowiter völlig unzugänglich ist und uns deshalb der Möglichkeit, sie nach ihrem Werte zu schätzen, beraubt“. In dieser Unkenntnis liegt immerhin etwas Entschuldigendes, und die Zeit war auch damals noch nicht gekommen, in der ein russischer Minister des Innern (Walujew, 1863) kurz und bündig dekretieren [XVII] konnte, daß „eine kleinrussische Sprache nie existiert hat, nicht existiert und überhaupt nicht existieren darf“. Diese Geringschätzung der Ukrainer seitens der Großrussen tritt in der Novelle „Rudin“ scharf hervor, in welcher Iwan Turgenjeff, der für die Ukraine eine gewisse Sympathie hatte und selbst Erzählungen von Marko Wowtschok ins Russische übertrug, den närrischen Witzkopf Pigasow das „Zopfland“[7]) (Chochlandija) bekritteln läßt, mit der Behauptung, „die ukrainische Sprache sei nur ein Mischmasch“ …

Das literarische Erwachen des ukrainischen Volkes ging vom linken Dnipróufer aus. Die Kunstdichtung war aber in der Tat nur die vertiefte und verfeinerte Volkspoesie; sie blieb naiv und hatte einen gar engen sozialen Horizont. Sie war jedoch durch und durch demokratisch und realistisch, obgleich die ersten Verfasser größtenteils adeliger Herkunft waren, aber nicht immer höhere Bildung genossen hatten.

Vom rechten Dnipróufer aber kam die große Offenbarung, der eigentliche Wiederbeleber der ukrainischen Literatur. In dem Lande, in dem die nationalen und geseilschaftlichen Gegensätze besonders scharf gekennzeichnet waren, ging aus der niedrigsten Schichte einer sittlich und wirtschaftlich geknechteten Bevölkerung unmittelbar ein Dichter hervor, dessen ganzes Leben ein flammender Protest war gegen jederlei Despotismus und Leibeigenschaft … Taras Schewtschenko. Er hat eine Sonderstellung in der Weltliteratur, schuf er sich doch allein eine Literatur und verkörperte in seinem Gesang ein ganzes Volk. „Er war“ – wie sein Landsmann Iwan Franko so schön und zutreffend sagt – „ein Bauernsohn und ist ein Fürst im Reiche der Geister geworden. Er war ein Leibeigener und ist eine Großmacht im Reiche der menschlichen Kultur geworden.“

[1]
DER DICHTER
[3]
I.
Kindheit und Wanderjahre.

„Ich billige völlig Ihren Wunsch, die Leser des ‚Narodnoje Tschtjenije‘ mit der Geschichte jener Personen bekannt zu machen, die durch ihre Fähigkeiten und Taten aus der dunkeln und stummen Masse gewöhnlicher Leute hervorgetreten sind. Derartige Aufklärungen können – so scheint es mir – einige zum Bewußtsein ihrer menschlichen Würde bringen, ohne welches ein Fortschritt der allgemeinen Entwicklung in den niederen Sphären Rußlands unmöglich wäre. Mein eigenes Los, im wahren Lichte dargestellt, könnte nicht nur gewöhnliche Menschen, sondern auch diejenigen, von denen das gemeine Volk abhängt, zum tiefen und für beide Parteien vorteilhaften Nachdenken veranlassen. Das ist, was ich durch die Beleuchtung einiger düsterer Tatsachen aus meinem Leben klarzulegen beabsichtige. Ich möchte dieselbe in ihrer Vollheit darstellen, wie es der selige S. T. Aksakoff in seinen Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend[8] getan hat, um so mehr, weil die Geschichte meines Lebens einen Teil der Geschichte meines Heimatlandes enthält. Aber ich habe nicht die Kühnheit, in alle Einzelheiten einzugehn. Das könnte nur derjenige tun, der sich innerlich beruhigt hat und sich mit den tatsächlichen Umständen abfinden läßt. Gegenwärtig kann ich Ihrem Wunsch nur durch eine Darstellung des tatsächlichen Lebenslaufes in kurzen Worten entsprechen. Wenn Sie diese Zeilen durchlesen, werden Sie vielleicht [4] dem Gefühl beipflichten, das mein Herz drückt und meinen Sinn beklemmt.“

Mit diesen schlichten Worten leitete Taras Schewtschenko die kurzgefaßte Selbstbiographie ein, die er am 18. Februar 1860 in der russischen Zeitschrift „Narodnoje Tschtjenije“[9] veröffentlichen ließ, als er aus der Verbannung zurückgekommen war. Und in der Tat – die Lebensgeschichte des ukrainischen Dichters ist ein endloses Martyrium, welches dem Leser das größte Mitleid und die wärmste Teilnahme einflößen muß, und sie ist dabei auch eine Illustration zur neuern Geschichte der Ukraine.

Taras Hrehorowytsch Hruschiwskyj=Schewtschenko stammt aus dem Swenyhoroder Bezirk des Gouvernements Kiew. Seine Wiege stand in einer idyllischen Gegend am Welykyj Tykytsch. Der Vater, Hryhorij (Gregor), war ein leibeigener Bauer, dem Gutsbesitzer Engelhardt, einem polonisierten Deutschen, gehörig. Weil für die zahlreiche Familie im Dorfe Kyryliwka zu wenig Raum war (Hryhorij hatte sechs Geschwister), übersiedelte er mit seinem Weibe Kateryna nach dem benachbarten Dorfe Moryntzi, wo er das Häuschen seines nach Kopij ausgewanderten Schwiegervaters, Jakym Bojko, übernahm. In der Familie waren schon zwei Kinder, Kateryna und Mykyta, und am 25. Februar (9. März) 1814 wurde das dritte Kind geboren, welches am 28. Februar den Taufnamen Taras erhielt. Später wurden die armen Eltern mit weiteren drei Kindern beglückt, Josyp, Iryna und Marija. Weil es dem Schwiegervater in Kopij schlecht ging, zog er bald wieder nach Moryntzi und Hryhorij mußte nach dem Dorfe Kyryliwka zurückkehren.

Die alte kümmerliche Hütte, wo Taras seine Kinderjahre verbrachte, hatte typisches ukrainisches Aussehen: weißgetüncht, mit Strohdach und hohem schwarzen Schornstein; rings um das Häuschen waren Apfelbäume gepflanzt. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren sehr dürftig. Der [5] Hausvater trieb Ackerbau, diente als Fuhrmann und Stellmacher, verdiente aber wenig, denn es war die ärgste Periode der Leibeigenschaft, und die Mutter mußte Feldarbeiten verrichten. Der kleine Taras wuchs also vereinsamt, ohne Pflege auf; seine um 8 Jahre ältere Schwester Kateryna war statt der Mutter um ihn herum. Noch schlimmer erging es ihm nach dem Tode der Mutter, 1823. Sie hinterließ fünf Kinder, darunter ein zweijähriges Knäblein. In dem gleichen Jahre war auch die unentbehrliche Kateryna verheiratet worden. Der Vater, der 1825 starb, hatte sich indessen wieder verehelicht mit einer Witwe, die drei Kinder als Mitgift ins Haus brachte und zanksüchtig war, so daß es oft zu heftigen Auftritten kam.

Im Alter von acht Jahren begann Taras’ dürftiger Unterricht in der einzigen Volksschule in Kyryliwka, deren alter Lehrer bald aus dem Dorfe zog und durch den Kirchensänger (djak) Buhorskyj ersetzt wurde, der ein notorischer Saufbold war. Über diese traurige Lehrzeit schrieb Schewtschenko in der schon erwähnten Selbstbiographie: Es stehn solche Schüler zum Kantor in dem gleichen Verhältnisse wie Kinder, die von den Eltern oder von der Behörde zu Handwerkern in die Lehre gegeben werden, zu ihren Meistern. Das Recht des Meisters über sie hat keine bestimmten Grenzen, – sie sind völlig seine Leibeigenen. Alle häuslichen Arbeiten und die Erfüllung aller möglichen Gelüste des Hausherrn selbst und seiner Hausleute lasten auf ihnen.“

Während der zwei Schuljahre brachte es Taras doch so weit, daß er mit der Fibel, dem Rechenbuch und dem Psalter fertig wurde. Ja es kam sogar dazu, daß er statt des „djak“ den Psalter für entschlafene Bauernseelen lesen durfte und dafür die zehnte Kopeke erhielt. Schließlich konnte er das alles nicht länger ertragen … er riß aus, jedoch nicht ohne an seinem strengen Lehrer für die ihm angetane Unbill Rache zu nehmen. „Als ich“, schrieb Schewtschenko, „ihn eines Tages in bewußtloser Trunkenheit traf, wandte ich gegen ihn seine eigene Waffe, die Rute, an und zahlte ihm, soweit meine kindlichen Kräfte es erlaubten, [6] alle mir angetanen Grausamkeiten heim.“ Von den Habseligkeiten seines Lehrers nahm er sogar als Erinnerung ein Büchlein mit Gravüren mit, „freilich von roher Ausführung“, wie er halb entschuldigend hinzufügt.

Von Kyryliwka floh der verwaiste Knabe des Nachts nach der nachbarlichen Ortschaft Lysjanka, wo er sich als Malerlehrling ausbilden wollte. Er bekam dort einen neuen Lehrer in der Person eines Küsters, der sich auch mit Pinselei befaßte. Recht bald sah aber Schewtschenko ein, daß er durch den Tausch wenig gewonnen hatte, denn der neue Erzieher unterschied sich in seinen Lebensregeln und Gewohnheiten fast gar nicht von dem früheren Meister. Die Arbeit des Lehrlings bestand hauptsächlich darin, Wasser in Eimern bergauf aus dem Flusse Tykytsch zu schleppen und Kupferfarbe auf einer Eisenplatte zu reiben. Nur drei Tage ertrug er diese Stellung und er begab sich dann in das Dorf Tarasiwka zu einem Küster, der ebenfalls als Künstler galt; dieser aber weigerte sich, den Jungen in die Lehre zu nehmen.

Schewtschenko sah sich nun genötigt, in das Heimatsdorf zurückzukehren. „Mir schwebte“ – schreibt er in seinen ‚Erinnerungen‘ – „nun ein bescheidner Schicksalsanteil vor, den meine Phantasie in ihrer Einfalt gleichwohl mit besonderem Reiz auszustatten half: es lockte mich, wie Homer sagt, der Hirte schuldloser Herden zu werden, indem ich, hinter ihnen einherwandelnd, mein liebes gestohlenes Bilderbüchlein in Muße zu lesen gedachte. Doch auch dies glückte mir nicht.“ Gegen einen Jahreslohn von drei Rubeln wurde Taras Schweinehirt bei einem Popen, bis er diese Stellung mit der eines Küchenjungen bei Dmytrenko, dem Gutsverwalter Engelhardts, vertauschte. Auch hier konnte er sich aber seine Lust zum Malen nicht aus dem Kopfe schlagen. Er kritzelte weiter und da die Umstände ihm nicht gestatteten, Gemälde oder Holzschnitte zu kaufen, konnte es wohl zuweilen passieren, daß er die verbotenen Früchte einfach unerlaubt pflückte. Mitunter geschah es auch, daß er den Dienst in der Küche versäumte, in welchem Falle die gewohnte Strafe, Schläge ins Gesicht, nicht ausblieb.

[7] Schewtschenkos Prüfungszeit in der Küche – Maksim Gorkij hat auch einen ähnlichen Beruf versucht und dieses Fegefeuer in seinen biographischen Erzählungen besungen! – dauerte indessen nicht lang. Durch einen glücklichen Zufall wurde er als Leibbursche bei dem Gutsherrn selbst angestellt; er zog einen Zwilchrock an und ebensolche Hosen und stieg somit eine Stufe höher auf der gesellschaftlichen Leiter. Es war nämlich eine allgemein verbreitete Sitte, daß die Herren hohen Standes einen kleinen Hof von Lakaien, Musikanten, Schauspielern etc. hielten. Dieses Gesinde von Leibeigenen nannte man in der Ukraine „kosatschky“ (Kosakenburschen). Über seine Stellung als Kammerdiener schreibt Schewtschenko in seiner Biographie folgendes:

„In diesem einst kosakischen Lande einen anständigen Lakaien aufzuziehen, will fast soviel bedeuten als die Zähmung des schnellfüßigen Renntiers in Lappland umwillen des Menschen. Die polnischen Gutsherren hielten diese sogenannten Kosatschky nicht nur als Lakaien, sondern sie verwendeten sie auch als Musikanten und Schautänzer. Diese Kosaken spielten zur Erheiterung ihrer Herren zweideutige Lieder lustigen Inhaltes, wie sie die Volksmuse im sorgenfreien Dusel schafft, und sie duckten sich auf den Wink des Herrn in die Knie … Mein Gutsherr wies mir ein Plätzchen in der Ecke des Vorzimmers an und machte mir regungsloses Schweigen zur Pflicht, damit ich auf seinen Ruf jederzeit zur Stelle wäre, wenn es galt, ihm die Pfeife zu reichen oder ein Glas Wasser vor seiner Nase zu füllen. Bei der mir angebornen Unzähmbarkeit des Charakters durchbrach ich bald das Gebot meines Herrn, indem ich mit vernehmbarer Stimme kopfhängerische Hajdamakenlieder sang oder verstohlenerweise Gemälde der susdalischen[10] Schule kopierte, mit denen die herrschaftlichen Zimmer geschmückt waren. Ich zeichnete mit einem Stift, den ich – es sei hier ohne Gewissensbisse eingestanden – im Kontor gestohlen hatte.“

[8] In dem Tagebuch, das Schewtschenko 1856/57 während der Rückreise aus der Verbannung verfaßte, notierte er am 29. Juni folgendes: „Als ich noch ein Kindlein war, sagte mir eine Greisin: Breit ist der Weg vom Paradies, aber zum Paradies führt ein enger Pfad, der mit stechenden Dornen bewachsen ist.“ Und fürwahr, Schewtschenko hatte reichlich Gelegenheit, die Wahrheit dieses Ausspruches zu bestätigen; für ihn wurde der Weg zum Gipfel der Ehre ein einziger Dornensteg und es wurde ihm sogar das kindliche Paradies verweigert. „Ich kann nicht sagen“ – so schrieb er später – „daß ich meine damalige Lebenslage als Last empfunden hätte; erst heute versetzt sie mich in Schrecken und berührt mich wie ein wilder, zusammenhangloser Traum … Ohne Liebe, ohne Freude verschwand meine Jugend; nein, sie schleppte sich in Armut, Finsternis und Erniedrigung hin.“

Häufig gedenkt der Dichter mit Wehmut der armseligen Kindheit. In dem Epilog zur poetischen Erzählung „Hajdamáky“ erinnert er sich, wie er „als Kind, elternlos, ohne Gewand und ohne Brot in jener Ukraine umherstrich, wo Honta und Salisnjak gebrandschatzt hatten, wo er auf kleinen Füßen trottelte, weinend und Menschen suchend, die ihm den rechten Weg zeigen könnten“. Er ruft sich wieder in Erinnerung die endlosen Steppen, seinen Vater, den Großvater; jener schon tot, dieser noch am Leben.[11] Er denkt daran, wie er sonntags nach dem Lesen der „Minei“ (alte Heiligenlegenden in kalendarischer Reihenfolge) den Großvater bat, ihm etwas von der „Kolijiwschtschyna“ zu erzählen, und wie er dann weinte …

Das im Jahre 1843 verfaßte Gedicht Trysna (Gedächtnisfeier), welches eine psychologische Selbstanalyse enthält, deutet auch die traurige Kindheit an:

„In unbekanntem armen Haus
wuchs er heran. Als Waisenkind
erfuhr er zeitig des Lebens Weh.“

[9] In einem Gedichte, welches er A. O. Kosatschkowskyj[12] gewidmet und in der Festung Orsk 1847 geschrieben hat, betrachtet er halb scherzend die Verbannung als eine Strafe des Himmels, weil er als Schulknabe einen „pjatak“ (ein 5 Kopeken-Stück) beim Küster gestohlen hatte, um Papier zu kaufen und den „Skoworoda“ abzuschreiben, und als er zwei Jahre später am Aralsee weilte, sagte er in einem Gedichte: „Wenn ich einen Dorfjungen ganz allein am Zaun sitzen sehe, in grobem Hanfhemd, wie ein vom Zweige abgerissenes Laub, scheint es mir, als ob ich es selbst wäre, als ob ich meine eigene Jugend erblickte.“

Er hatte aber doch nicht ausschließlich traurige Erinnerungen an seine Kinderjahre: er lernte in ihnen die Natur lieben; er wurde gar frühzeitig mit der ukrainischen Volkssprache vertraut und das fleißige Lesen des Psalters und der geistlichen Lieder Skoworodas förderte sein religiöses Empfinden und erweckte das dichterische Gefühl in ihm. Vor allem lernte er aber die Leiden des ukrainischen Volkes durch eigene bittere Erfahrungen kennen und er sog schon mit der Muttermilch den unversöhnlichen Haß gegen die Leibeigenschaft ein, der für seine dichterische Entwicklung ausschlaggebend ward. Je älter der Dichter wurde, desto mehr versank er in Nachdenken über die entschwundene Kindheit, die in zauberischem Glanz vor seinem inneren Blick wieder erstand. Am Aralsee gedenkt er (1848) seiner Mutter, wie sie zur heiligen Jungfrau um ein gutes Lebenslos für ihren Sohn betete …

Seine geliebte Schwester Kateryna stand in einem Schimmer der Verklärung vor ihm da und wir glauben auch in einer der schönsten Strophen aus der letzten Periode seines Schaffens ihr Bild zu erkennen. In dem Gedichte „Dolja“ (Lebensstern) vom Jahre 1858 heißt es: „Zu mir warst du niemals falsch, warst Bruder, Freund und Schwester dem Schwergeprüften. Du nahmest bei der Hand mich [10] Kleinen und führtest mich zu dem meist trunknen Kantor, meinem Lehrer.[13]

Besonders schön ist das am 20. Juli 1859 in Tscherkassy[14] geschriebene Gedicht an die Schwester Iryna: „Während ich an armseligen, düstern Dörfern am Dnipró vorbeifuhr, dachte ich: Wo kann ich ausruhn und wohin bin ich in der Welt geraten? Dann sehe ich, wie in einem Traum, ein Häuschen, hübsch wie eine Maid, am Feldrain, in einen Garten voll Blumen eingehüllt. Der Vater Dnipró streckt sich in der Ferne aus und glänzt und glüht. Und ich sehe: in dem dunkeln Gärtchen unter dem schattigen Kirschbaum sitzt meine einzige Schwester, die heilige, vielgeprüfte Dulderin, als ob sie im Paradies weilte; sie betrachtet mich. Und es kommt ihr vor, als ob ein Kahn aus den Wellen hervorglitte und wieder in die Tiefe untertauchte: Mein Bruder! mein Schicksal! So sind auch wir verloren gegangen: du im Frondienst, ich in der Verbannung.“[15]

Aus den Kinderjahren Schewtschenkos wird folgende reizende Episode erzählt: Der kleine Taras war eines Tages von einem Spaziergang ganz ermüdet nach Hause gekommen, denn er hatte „die Säulen entdecken wollen, auf welchen das Himmelsgewölbe ruht[16].“ Wie sein ganzes Streben denn auch war, seinen Landsleuten auf festen Säulen ein Himmelsgewölbe zu errichten, hat sein dichterisches Werk auch tatsächlich dieses edle Wollen verwirklicht. Auf die festen Säulen des nationalen Bewußtseins gestützt, erhebt es sich gegen den Himmel und unzählige seiner armen Landsleute haben unter diesem Gewölbe Schirm und Trost gefunden.

[11] In der ersten Lebensperiode beschäftigte sich Schewtschenko entschieden mehr mit dem Pinsel und dem Stift als mit der Feder und eben sein künstlerisches Talent machte ihn seinem Hausherrn so unentbehrlich, daß Pawel Engelhardt, ein Gardekapitän, der zumeist in Wilna lebte, jedoch oft auf Reisen ging, den jungen Kammerdiener immer mit sich nahm. Auf diese Weise kam Schewtschenko zuerst nach Wilna, dann nach Warschau und er hatte dort Gelegenheit, sich beim berühmten Lampi in der Malerei auszubilden. Infolge des polnischen Aufstandes (1831) mußte Engelhardt Warschau verlassen; er begab sich nach Petersburg, wo Schewtschenko beim Dekorationsmaler Schirjajew lernte und aus eigenem Fleiß Statuetten im Sommergarten kopierte. Hier machte er durch einen glücklichen Zufall die Bekanntschaft seines hervorragenden Landsmanns Iwan Ssoschenko, der gleichfalls Maler war und durch den Schewtschenko den russischen Meister Karl Pawlowitsch Brüllow kennen lernte. Das hatte für ihn eine epochemachende Bedeutung.

Seine Erfahrungen über die künstlerische Welt in Petersburg hat Schewtschenko selbst in einem autobiographischen Roman „Der Künstler“[17] niedergelegt. Der erste Entwurf dieser Schilderung eines Künstlerlebens datiert schon aus dem Jahre 1837, als der russische Dichter Zhukowskij ihm eine derartige Aufgabe vorschlug, um seine ästhetischen Fähigkeiten zu prüfen; aber erst 1856 wurde der Roman in der endgültigen Form geschrieben, und zwar in russischer Sprache. Diese interessanten Kulturbilder aus dem russischen Künstlerleben, die mit dem Hinsterben Brüllows (1852) plötzlich aufhören, liefern auch einen Beitrag zur künstlerischen Entwicklung Schewtschenkos und bezeugen, wie vertraut er in kurzer Zeit mit kunstgeschichtlichen Gegenständen wurde.

Im Einverständnis mit dem warmherzigen Zhukowskij beschloß Brüllow, das Porträt des russischen Hofpoeten zu malen, um durch dessen Verkauf Schewtschenko die Freiheit [12] zu verschaffen. Durch eine Lotterie, an der auch die kaiserliche Familie teilnahm, wurde die von Engelhardt geforderte Kaufsumme (2500 Rubel) aufgebracht; – solche Geschäfte mit lebendigen und toten Seelen wurden noch während der Nikolaischen Regierungszeit betrieben! Die Befreiung zog sich aber in die Länge und Schewtschenko erkrankte unterdessen schwer. Am 22. April 1838 wurde er endlich von der erniedrigenden Leibeigenschaft befreit. Über diese Metamorphose läßt Schewtschenko in seinem Künstlerroman seinen Lehrer Ssoschenko sagen:

„In der göttlichen Natur gibt es viel, unendlich viel Schönes, aber der Triumph und die Krone der unsterblichen Schönheit ist ein von Glück strahlendes Menschengesicht. Etwas Höheres, Schöneres kenne ich nicht in der Natur. An diesem Zauber konnte ich mich einmal im Leben voll und ganz ergötzen. Während einiger Tage war mein Schüler (Schewtschenko) so glücklich, so überaus schön, daß ich ihn nicht ohne tiefe Erschütterung ansehn konnte. Es strömte ein Teil seines grenzenlosen Glückes auf mich über. Einmal zerfloß er förmlich in höchster Entzückung, ein andermal strahlte er in stiller Wonne. Obwohl er während dieser Tage mehrmals den Versuch machte zu arbeiten, so brachte er dies doch nicht zuwege; oft steckte er seine Zeichnung in die Mappe, zog seine Freiheitsurkunde aus der Tasche, las sie immer wieder durch, Silbe für Silbe, bekreuzte sich, küßte sie und weinte. Um seine Aufmerksamkeit vom Gegenstand seiner Freude abzulenken, nahm ich ihm den Freibrief unter dem Vorwand, daß ich denselben bei Gericht einschreiben lassen müsse. Ihn selbst aber führte ich jeden Tag in die Galerien der Kunstakademie und als sein Anzug fertig war, kleidete ich ihn an wie eine Pflegemutter und führte ihn in das Gouvernementsgebäude. Nachdem dort die heilige Urkunde eingeschrieben wurde, führte ich ihn in die Galerie Stroganoff, zeigte ihm Velasquez im Original und wir beschlossen damit an diesem Tage unsere Wanderungen.“

Man kann sich ungefähr vorstellen, was der 22. April 1838 für Schewtschenko bedeutete. Er war frei und eine [13] vielversprechende Künstlerlaufbahn eröffnete sich ihm. Er wurde Stipendist der „Gesellschaft für Aufmunterung der Künste“ und Zögling der Kaiserlichen Kunstakademie. Dabei war er schon 1840 ein bekannter Dichter. Die Periode 1839–47 war ohne Zweifel der fruchtbarste und glücklichste Abschnitt seines Lebens. Zweimal (1843 und 1845) besuchte er seine heißgeliebte Ukraine, das letzte Mal als Mitglied einer archäographischen Kommission in Kiew, um Skizzen für das geplante Werk „Die malerische Ukraine“ zu machen. Er wurde hier als Nationaldichter gefeiert und war mit der Familie des ehemaligen Gouverneurs von Poltawa, Graf Nikolaus Uwaroff, befreundet. Mit seinem Landsmann Kulisch, dem bekannten ukrainischen Schriftsteller, welcher mit Fräulein Biloserska (als Schriftstellerin unter dem Namen Hanna Barwinok bekannt) verlobt war, stand er sogar im Begriff, eine Studienreise nach Italien zu unternehmen, dem zweiten Vaterland Gogols.

Aber Schewtschenko kam nicht nach Italien. Sein Schicksal wies ihn nach dem fernen kalten Osten, zu dem „Toten Hause“ Dostojewskijs und unzähliger anderer Freiheitsmärtyrer.

Unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf: Hat sich Schewtschenko nach der Befreiung von der Leibeigenschaft wirklich glücklich gefühlt? Ich wage dies zu bezweifeln. Kein einziges Gedicht aus der besten Schaffensperiode seines Lebens zeugt von unmittelbarer ungetrübter Lebenslust und Fröhlichkeit. Er konnte das beschämende Gefühl gewiß nicht los werden, daß man ihn, den Künstler und Dichter, nach einem gewissen Geldwert taxierte, und zwar so hoch wie etwa ein kaiserliches Vollblutpferd oder dergleichen! Vielleicht störte ihn auch das Empfinden, daß ihm, dem ehemaligen Leibeigenen, in der „Gesellschaft“ das Stigma eines Parias anhaften könnte und daß er in der neuen, verfeinerten Welt ein Fremder sei. Aber vor allem litt er ja doch an dem schmerzlichen Bewußtsein, daß seine Verwandten und sein ganzes Volk am Dnipró, ebenso wie das russische an der Wolga, noch immer in der Leibeigenschaft schmachteten.

[14] Dem ukrainischen Dichter winkte ein anderes Paradies als das der epikuräischen Künstlerschaft und der persönlichen Bequemlichkeit. Und zu diesem Paradies führte ihn ein enger Pfad, der mit spitzen Dornen bewachsen war. Schewtschenko selbst mußte auf diesem Pfad zugrunde gehen, um seinen Landsleuten das gelobte Land zeigen zu können. „Was unsterblich im Gesang soll leben, muß im Leben untergehn.“

[]
Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen. Bild 2.jpg
Schewtschenkos Geburtshaus,
vom Dichter selbst gezeichnet.
[15]
II.
In der Verbannung.

In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts war Kiew wieder ein Kulturherd geworden und das literarische Leben im Dnipróland gestaltete sich beinahe lebhafter als das in den russischen Zentren, wo der Druck des Nikolaischen Regiments sich fühlbarer machte. Im Jahre 1834 wurde in Kiew eine Universität als Ersatz für die geschlossene Universität von Wilna und für das aufgehobene Lyzeum zu Kremenetz gegründet. Bodjanskyj, der Professor an der Moskauer Universität, gab 1837 eine Magisterabhandlung „Über die Volkspoesie der slawischen Stämme“ mit Berücksichtigung der ukrainischen Volkslieder heraus und Kwitka (1834, 1837) begründete die ukrainische Novellistik.

Schon zu Beginn des XIX. Jahrhunderts hatte ein Hauch der modernen Reformbestrebungen durch die Ukraine geweht. Im Jahre 1818 entstand in Poltawa eine Freimaurerloge; im selben Jahre konstituierte sich eine „Gesellschaft der Vereinigten Slawen“ in Kiew, ein Geheimbund, welcher mit den revolutionären Dekabristen enge Beziehungen unterhielt und unter seine Mitglieder den Fürsten S. G. Wolkonskij, einen Bruder des Gouverneurs von Poltawa, zählte und Repnin, mit dessen Familie sich Schewtschenko befreundete. Das im Keim erstickte Werk der Dekabristen setzte jedoch der hervorragende Gelehrte Kostomarow weiter fort.

Der aus Woronesch gebürtige Nykolaj Iwanowytsch Kostomarow (1817–85) war der Sohn einer ukrainischen Mutter und er lernte dadurch die ukrainische Sprache und Natur frühzeitig kennen. Seine akademische Dissertation [16] galt der historischen Bedeutung der russischen Volkspoesie (einschließlich der ukrainischen); er verfaßte in ukrainischer Sprache die Dramen „Ssawa Tschalyj“ und „Perejaslawska Nitsch“ sowie die Gedichtsammlungen „Ukrainski Ballady“ und „Witka“ (1839–40). Kostomarow studierte auch die serbische Sprache, die polnische und die tschechische und er interessierte sich für die slawische Wechselseitigkeit auf Grundlage der nationalen Autonomie. Ernannt zum Professor der Geschichte an der Universität in Kiew 1846, stiftete er die St. Cyrill- und Methodus-Gesellschaft und machte so den ersten Versuch, die ukrainische Idee zu formulieren.

Dieser Verein, der ungefähr hundert Mitglieder zählte, bezweckte einen idealen Panslawismus und eine slawische Föderation auf Grund der Freiheit und des Selbstbestimmungsrechtes einzelner Slawenvölker. Kostomarow entwarf selbst die Satzungen des Vereines, denen folgende Forderungen und Ziele zugrunde lagen: die geistige und politische Vereinigung der Slawen als ihre ureigene Bestimmung und die Selbständigkeit jedes slawischen Stammes, d. h. der Ukrainer, Russen, Weißruthenen, Polen, Tschechen und Slowaken, der Lausitzer, der Illyro-Serben nebst den Kroaten und der Bulgaren. Jeder Stamm sollte eine nationale Regierung haben und der vollständigen Gleichheit in bezug auf Geburt, christliches Glaubensbekenntnis und Stand teilhaftig sein. Bildung und sittliche Reinheit sollten Voraussetzungen der Teilnahme an der Regierung sein. Den Mitgliedern wurde zur Pflicht gemacht, die Erziehung der Jugend zu fördern, notleidenden Familien der Genossen beizustehn, religiöse Eintracht und Duldsamkeit anzustreben und für die Aufhebung der Leibeigenschaft, der Standesprivilegien und körperlichen Strafen tätig zu sein; außerdem sollte jedes Mitglied ein heiliges Gelübde der Verschwiegenheit ablegen, der guten Sache nicht untreu zu werden und die Kameraden nicht zu verraten. Als Abzeichen für die Mitglieder wurde ein goldener Ring gewählt oder ein Heiligenbild mit der Inschrift: „Sw. Kyrylo i Metodyj“ (Die heiligen Cyrill und Methodus). Auf dem Siegel war die Devise [17] angebracht: „Lernet die Wahrheit kennen und sie wird euch befreien!“

Kostomarow erließ auch besondere Vorschriften für „die ukrainischen Brüder“ gleichwie für die „russischen und polnischen Brüder“. Den Zukunftsstaat stellte er sich folgendermaßen vor: Rußland sollte in nicht weniger als vierzehn Staaten geteilt werden: in einen nördlichen, einen nordwestlichen und einen südwestlichen; in einen obern und einen untern; in zwei Wolgastaaten und zwei ukrainische; in einen mittlern, zwei südliche, zwei sibirische und einen kaukasischen. Weißruthenien, Polen, Böhmen, Mähren, Serbien und Bulgarien sollten noch hinzugefügt werden. Kiew war als Zentrum dieser slawischen Macht gedacht, mit einer auf vier Jahre zu wählenden Zentralbehörde, die sich aus einem Präsidenten und zwei Ministern (des Innern und des Äußern) zusammenzusetzen hatte. Ein gesamtslawischer Reichstag (slavjanskyj sobor) sollte jedes vierte Jahr einberufen werden; die einzelnen Landtage (sejm) hingegen sollten jährlich zusammentreten. Zum Schutze der Bundesverfassung bedürfte es eines kleinern stehenden Heeres, doch sollte jeder Staat seine eigene Miliz haben. Grundsätzlich sollte jedoch jedes gewaltsame Mittel zur Erreichung der Ziele vermieden und der richtige Zeitpunkt in Ruhe abgewartet werden. Nach dem Vorbilde der „Bücher des polnischen Volkes“ von Mickiewicz verfaßte Kostomarow auch die ebenfalls in apokalyptischem Stil abgefaßten „Bücher des ukrainischen Volkes“ – ein interessantes Schriftstück, welches unter dem Titel „Das Gesetz Gottes“ (Sakon Bozhyj ) im Archiv des Polizeidepartements der „dritten Abteilung“ in Petersburg aufbewahrt ist. Wie Mickiewicz in prophetischen Worten sein Vaterland Polen verherrlicht, so idealisiert Kostomarow die Ukraine. Einige hiefür bezeichnende Auszüge[18] dürften hier am Platze sein:

„Und die Ukraine ging zugrunde, doch es sah nur so aus. Sie ging nicht verloren, sie wollte nur nichts von einem [18] Zaren oder Herrscher wissen. Allerdings hat sie ein Zar beherrscht, aber er war ein Fremder; dort gab es auch Edelleute, aber auch sie waren Fremdlinge und obgleich sie eine Abart ukrainischen Blutes waren, verunreinigten sie doch nicht mit ihren schlechten Lippen die ukrainische Sprache und nannten sich selbst nicht Ukrainer. Aber ein echter Ukrainer, sei er von adeliger oder nicht adeliger Geburt, kann nicht einen fremden Herrn lieben, sondern er liebt und ehrt nur Gott, Jesum Christum, den König und Herrscher des Himmels und der Erde. So war es vorher und es wird so immerdar bleiben.“

„Wenngleich das Slawentum Unfreiheit erlitten hat und ertragen, hat es doch diese nicht selbst geschaffen, denn Zar und Adel sind nicht Erfindung des slawischen Geistes, sondern die des deutschen und tatarischen. Der echte Slawe liebt keinen Herrscher, lediglich Gott, Jesum Christum.“

„Die Ukraine liegt im Grabe, aber sie ist nicht gestorben. Ihre Stimme, die das gesamte Slawentum zur Freiheit rief und Bruderschaft, hat in der ganzen Welt Widerhall gefunden. Diese Stimme der Ukraine erklang auch, als die Polen am 3. Mai (1791) bestätigten, daß es keine Herren unter ihnen geben dürfe und daß in der Republik (Rzeczpospolita) alle gleich sein würden. Das gleiche hatte die Ukraine schon vor 120 Jahren gewollt. Es wurde indessen auch den Polen nicht gestattet … Polen wurde, wie früher die Ukraine zerrissen. Das war für Polen auch eine gerechte Notwendigkeit, weil es doch damals der Ukraine nicht gehorchte und so seine Schwester ins Verderben stürzte. Polen wird aber nicht untergehn; es wird von der Ukraine wieder erweckt werden, die sich des Bösen nicht erinnern will und ihre Schwester liebt, als ob nie etwas sie beide getrennt hätte.“

„Die Ukraine wird sich einst aus ihrem Grabe erheben und wieder an die slawischen Brüder appellieren. Und dann wird kein Fürst und kein Herzog, keine Exzellenz, kein gnädiger Herr, bojarin oder Bauer (krestjanin oder chlop) mehr sein – sei es in Großrußland oder in Polen, in der Ukraine, in Böhmen, Kärnten, Serbien oder in Bulgarien. [19] Die Ukraine wird eine unabhängige Republik im slawischen Bunde sein. Dann werden die Völker auf die Stelle zeigen, wo die Ukraine auf der Karte bezeichnet ist: Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden.“

Kostomarow wurde mit Schewtschenko 1846 bekannt. „In dieser Zeit“ – schrieb ersterer – „war meine ganze Seele mit der Idee von der slawischen Wechselseitigkeit und von der Gemeinschaft der slawischen Stämme beschäftigt und sobald ich das Gespräch mit Schewtschenko auf diesen Gegenstand lenkte, erfuhr ich von seiner Seite die wärmste Sympathie und das näherte mich Taras Hryhorowytsch mehr als etwas andres.“

Durch Kundschafterei und Denunziation des Studenten Alexander Petrow wurde diese in der Tat recht harmlose „Verschwörung“ entdeckt und, gemäß einem Befehl des Generalgouverneurs Bibikoff, ließ der Gendarmeriechef Graf Orloff die Hauptteilnehmer an ihr verhaften: Kostomarow, Hulak,[19] Kulisch, Biloserskyj u. a. Schewtschenko spielte in dieser Angelegenheit tatsächlich eine unwesentliche Rolle. Kostomarow behauptete, Schewtschenko hätte sich sofort bereit erklärt, in den Verband einzutreten; Kulisch wiederum gab an, daß er dem Verein nicht angehört habe. Schewtschenko selbst erklärte beim gerichtlichen Verhör, der Gesellschaft nicht beigetreten zu sein, ja von ihr gar nichts zu wissen. Während der Festungszeit gab es sogar Augenblicke, wo er bereute, sich dem Geheimbunde überhaupt genähert zu haben; in einigen Gedichten verflucht er nicht nur „seinen törichten Verstand“, sondern auch „diejenigen, die ihn gelehrt hatten, gottlose Verse zu schreiben“. Solche zufällige Ausbrüche von Verzweiflung waren doch nur vorübergehend. Wie dem auch sei, – es lag den russischen Behörden daran, den ukrainischen Dichter „unschädlich“ zu machen, hatte er sich doch bereits durch einige „rebellische“ Gedichte die Mißgunst der Nikolaischen Regierung zugezogen und höchsten Ortes Verdacht erregt. Nichts Böses [20] ahnend, kehrte Schewtschenko am 5. April 1847 von einer Reise nach Kiew zurück; er wurde hier sofort verhaftet, nebst seinen „Mitschuldigen“ nach Petersburg gebracht und in der berüchtigten Peter-Paul-Festung eingesperrt. Die Untersuchungshaft dauerte bis 23. Juni 1847.

Unter den Fragen, die ihm in der „dritten Abteilung“ vorgelegt wurden, lautete eine: „Warum sind ihre Freunde für ihre Verse so eingenommen, wenngleich diese des wirklichen Geistes und der Schönheit entbehren? Vielleicht haben ihre Freunde ihnen wegen ihres Übermutes und ihrer aufrührerischen Gedanken gehuldigt?“ Worauf Schewtschenko erwiderte: „Vielleicht sind meine Gedichte beliebt, weil sie in ukrainischer Sprache geschrieben sind.“ Als er weiter gefragt wurde, wie er sich erdreisten könnte, freche Gedichte gegen den Gossudar-Imperator zu schreiben, meinte er freimütig: „Schon in Petersburg hörte ich immer Frechheiten und Lästerungen gegen den Kaiser und die Regierung und als ich nach Kleinrußland zurückkam, hörte ich unter jungen, ehrbaren Leuten noch Schlimmeres. Ich sah das Elend und die schreckliche Unterdrückung der Bauern seitens der adeligen Gutsbesitzer und dies geschah und geschieht noch immer im Namen des Gossudaren und der Regierung.“

Der Gendarmeriechef, Graf Orloff, schlug in einem Bericht vom 26. Mai 1847 dem Kaiser vor, daß Schewtschenko, der „mit kräftiger Körperanlage ausgerüstet sei, in das Orenburgsche Linienregiment eingereiht werden solle, mit dem Rechte entlassen zu werden, doch unter strenger Kontrolle, damit er keine aufrührerischen oder Schmähschriften in welcher Form immer schreiben könne. Er gehöre allerdings der ukrainisch-slawischen Gesellschaft nicht an, sondern handelte vielmehr eigenmächtig und verblendet durch persönliche Sittenverderbnis. Nichtsdestoweniger müsse er als einer der gefährlichsten Verbrecher hinsichtlich des aufrührerischen Geistes und Übermuts erachtet werden. Der kaiserlichen Familie gegenüber habe er sich undankbar erwiesen, denn sie war es, die zu seinem Loskaufen von der Leibeigenschaft beigetragen hatte. Unter seinen Freunden genieße er den Ruf eines bekannten kleinrussischen Schriftstellers [21] und seine Gedichte seien deshalb um so unheilvoller und gefährlicher. Durch seine in der Ukraine beliebten Gedichte könnten Gedanken gesäet werden von der vermeintlichen Glückseligkeit der Hetmanenzeit sowie die Hoffnung, diese Zeiten möchten zurückkehren und die Idee könnte allmählich Wurzel fassen, daß für die Ukraine die Möglichkeit bestehe, als selbständiges Reich sich zu erheben.“

Zu diesem Rapport fügte der Kaiser eigenhändig hinzu: „Unter strengster Aufsicht, mit Verbot zu schreiben und zu zeichnen.“[20]

Das Urteil wurde am 30. Mai 1847 gefällt. Hulak wurde zu dreijährigem Kerker verurteilt und zu späterer Verbannung in ein entferntes Gouvernement, Kulisch zu viermonatlichem Kerker und hernach zur Internierung in Tula, Biloserskij zur Verschickung nach dem Gouvernement Olonetz und Kostomarow zu einjährigem Kerker, dann zur Internierung in Ssaratow. Schewtschenko aber, den man seiner Teilnahme an einer vermeintlichen Verschwörung nicht hatte überführen können, wurde der strengsten Strafe unterworfen: er wurde zum gemeinen Soldaten in Halbasien degradiert, seine Entlassung aus dem Zwangsdienst wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, vor allem aber wurde ihm das Zeichnen und das Schreiben untersagt.

Schewtschenko vernahm das Urteil mit sichtlicher Gemütsruhe und gestand seine Schuld. Allein die Zumutung des Grafen Orloff, daß er dem Kaiser gegenüber des „Undankes“ überwiesen sei, veranlaßte ihn im Jahre 1857 zu folgender Aufzeichnung: „Ich begreife nicht, wieso man zu dieser Erfindung kommen konnte. Ich weiß nur, daß sie mir teuer zu stehn kam.“

Es ist von besonderm Interesse zu erfahren, wie man damals in den maßgebenden literarischen Kreisen Rußlands über dieses Urteil dachte. Bjelinskij, der anerkannte Führer der liberalen, „abendländischen“ Literaturkritik, schrieb an Annenkoff:[21] „Der Glaube macht Wunder und kann aus [22] Eseln und Tölpeln Menschen schaffen; vielleicht kann er sogar aus Schewtschenko einen Freiheitsmärtyrer machen. Aber der gesunde Verstand muß in Schewtschenko einen Esel, Tölpel und Narren sehn und außerdem einen herben Trunkenbold, der seinem zopfigen Patriotismus gemäß den Kornbranntwein liebt. Dieser zopfige Radikale hat zwei Pasquillen geschrieben. Als der Gossudar eine derselben las, lachte er aus voller Kehle und die Sache hätte damit erledigt sein können. Der „Durak“ (blöder Mensch) hätte nicht so viel leiden müssen, weil er dumm war. Aber beim Lesen der zweiten Pasquille geriet der Kaiser in heftigen Zorn … Schewtschenko wurde als Soldat nach dem Kaukasus geschickt. Es tut mir leid um ihn. Wenn ich jedoch sein Richter gewesen wäre, ich hätte immerhin mit gleicher Macht ausgeholt.“

Während der Untersuchungshaft in Petersburg verfaßte Schewtschenko 13 Gedichte, die deutlich zeigen, daß er geistig keineswegs darnieder war und daß er der ungewissen Zukunft ohne Verzagtheit entgegensah, wenngleich er mit Wehmut an die geliebte Ukraine dachte. Sein einziger Kummer bestand in dem Gedanken, daß er „in der Ukraine nicht leben dürfe, um Menschen und Gott zu lieben und daß er dort vielleicht nicht begraben werden würde.“

Mit ergreifender Rührung gedenkt er der verlornen Heimat in dem Gedichte „Bleib bei der Mutter“.

„Bleib bei der Mutter – sprach man immer,
doch du verließest sie, liefst weg,
sie suchte dich auf jedem Steg
und suchte bang und fand dich nimmer
und starb vor Weh. Seitdem jahraus,
jahrein steht leer dein Heim bis heute;
der Hund zog fernhin in die Weite
und ohne Fenster starrt dein Haus.
Der dunkle Garten ward den Schafen
bei Tag zur Weide – und bei Nacht
hält hier der Uhu schreiend Wacht
und läßt die Nachbarn rings nicht schlafen.
Und harrend Deiner, Unbekränzte,
wird von dem Unkraut stumm erdrückt

[23]

dein Immergrün – und in dem Haine
vertrocknet still der Teich, der kleine,
wo du gebadet – frisch und rein;
und trauernd steht und welkt der Hain.
Von seinen Vögeln hört man keine –
trugst du mit dir sie alle weg?
Den Brunnen siehst du niemals wieder
und jener Pfad, den du gegangen,
ist jetzt schon längst ein Dornenweg.
Wohin bist du entschwebt, entschwunden,
an wen denn hast du dich gebunden?
In fremdem Land, in fremdem Kreis –
wen, wen erfreust du? Wessen Hand
hält dich dort ferne also fest? …“[22]

Aber bis zum letzten Atemhauch will er nicht aufhören, für die Ukraine zu beten. Seine eigenen Qualen, sein künftiges Los verschwinden in Anbetracht der Leiden seines Volkes. Diese erhabene persönliche Entsagung findet in dem Gedichte „Mir ist es gleich“ beredten Ausdruck:

„Mir ist es gleich, ob mir noch Tage
in meiner Ukraine winken,
ob in der Fremde Schneegefilden
ich in Vergessenheit versinke –
ganz einerlei ists mir, fürwahr! –
Als Sklave wuchs ich manches Jahr,
als Fremdling auf, der Heimat fern;
der Heimat fern, den Lebenslauf
beschließ’ ich bald und unbeweint
dem Grabe mich der Tod vereint!
Die kleinste Spur wird kaum sich finden
von meinem Sein in kurzer Frist
in unserer schönen Ukraine,
die dennoch unser Land nicht ist.
Nicht wird der Sohn den Vater mahnen:
O bet’ für ihn, o wein’ ihm nach,
der für die Ukraine Ungemach
und Todesqualen hat erlitten!

Mir ist es gleich, ob solche Bitten
ertönen für mein Seelenheil!
Nicht aber kann es kalt mich lassen,

[24]

wenn Leute, die ich bitter hasse,
arglist’gen Sinns mein Heimatland
in Schlaf versenken, es beschleichen, …
das ahnungslose wecken in dem Brand …[23]

Das nächste Ziel Schewtschenkos war Orenburg, 2105 Werst von Petersburg entfernt, und schon acht Tage später, am 8. Juni 1847, befand er sich 265 Werst östlich von Orenburg in der Festung Orsk, die an der Mündung des Or in den Uralfluß gelegen ist. Hier begann seine mehr als zehnjährige Verbannung. In dem Urteilsformular war vorgemerkt, daß der Soldat T. Schewtschenko „des Lesens und Schreibens kundig“ sei. In einem Briefe an die Fürstin Repnin im Herbst des gleichen Jahres schreibt Schewtschenko: „Stellen Sie sich vor einen groben Garnisonssoldaten mit zerzausten Haaren, unrasiert und mit ungeheuerlichem Knebelbart, dann haben Sie mein jetziges Bild. Wohl ist es wahr, daß ich in meinem Leben nicht wenig gelitten habe, aber meine frühern Leiden waren im Vergleich mit den gegenwärtigen kindliche Tränen …“ Und drei Jahre später schrieb er an seine hochgestellte Freundin: „Heute würden Sie den naiv begeisterten Poeten nicht wieder erkennen. Ich habe nunmehr beinahe keinen Kummer, keine Freuden. Ich habe angefangen, gar zu vernünftig zu werden. Jetzt fühle ich eine seelische Ruhe, die an Fischblütigkeit gemahnt.“

Die 25 Gedichte, die Schewtschenko in Orsk niederschrieb, geben über seine damalige geistige Verfassung den besten Aufschluß. Besonders bezeichnend ist in dieser Hinsicht das poetische Schreiben, welches er seinem Freunde Kosatschkowskyj widmete: „Wie ein Dieb schleiche ich mich sonntags hinter die Festungswälle hinaus, suche die vom Schnee entblößten Stellen auf und wandre auf der Steppe längs des Uralflusses, als ob ich in die Freiheit zöge; allein es gibt hier nur rotgelbe, von der Sonne verbrannte Sanderde und die Sehnsucht nach den blauen und grünen Wiesen, den hohen Kurhanen und den warmen Wäldern der Ukraine wird also immer heftiger. O mein Schatz, [25] meine Ukraine! werde ich je von dieser Wüste heimkehren oder muß ich hier vergehn? Die Stunden fließen dumpf dahin, als wären sie Monate und Jahre und ich benetze gar oft mit blutigen Tränen mein Bett. Daß ich nicht hinsterbe in fremdem Lande als Verbannter, das walte Gott …“

Doch gerade der Gedanke an die Heimat hält ihn aufrecht und die Erinnerung an das alte freie Kosakentum wärmt sein Gemüt. „Wenn die Sonne untergeht und die Berge sich verdüstern, wenn die Vögel zu singen aufhören und das Feld verstummt, erfreuen sich andre Menschen der Ruhe; ich aber, ich spähe in die Ferne und fliege im Geiste nach dem dunkeln Gärtchen der Ukraine.“ Und in dem Gedichte „Ein Traum“ dünkt es ihn, als wäre er an den Dnipró versetzt und überblicke vom Bergeshügel bei Trachtemyr, der ehemaligen Hauptstadt der Saporoger, das Hetmanenland. „Ich liebe meine arme Ukraine so sehr, daß ich für sie sogar Gott selber lästern könnte und meine Seele so verlöre.“ „Allein einstweilen“ – heißt es in einem andern Gedicht – „liebet einander, ihr Brüder! Liebet die Ukraine, betet zu Gott für die Unglücklichen und gedenket auch mitunter meiner, wie grausam man mich als Sklaven behandelt!

Vor allem aber findet er in der Dichtung selbst den besten Trost. Schon in seinem ersten Gedicht aus Orsk heißt es wörtlich:

„Meine Lieder,[24] die ihr einzig
noch mit mir im Bunde,
laßt mich, laßt mich nicht allein sein
in der bösen Stunde!
Schwebt daher, ihr grauen Täubchen,
von der grünen Küste
des Dnipró daher, ihr Lieben,
in die ferne Wüste …
Mit Kirgisen euch zu tummeln!
Arm sind die, in Nöten,
doch sind noch frei und pflegen
noch zu Gott zu beten …
Also schwebt daher, ihr Lieben,

[26]

kost mein Herz mir milde,
und ich werde euch begrüßen,
trauernd im Gefilde …“[25]

Im Gefängnis will er geduldig warten, bis die Sonne der Freiheit ihm erstrahlt und wenn auch jene Wildnis ihn dem Tode nahe bringt, so hofft er doch noch, daß

„von meinem heil’gen Dnipróflusse
nur eine Handvoll Heimaterde
hierher die heil’gen Winde bringen“.

Ein glücklicher Zufall brachte indessen Abwechslung in das eintönige Dasein des Verbannten. Im Jahre 1848 wurde unter der Leitung des Marinekapitäns A. Butakoff eine Expedition an den Aralsee („Tingis Aral“, wie die Kirgisen ihn nennen) ausgerüstet, an der teilzunehmen Schewtschenko gestattet wurde (1848–1849), was körperlich und seelisch sehr vorteilhaft auf ihn einwirkte. Er gewann neue Eindrücke und sein Talent als Zeichner kam ihm sehr zu gute. Aus dieser Zeit stammen ungefähr 70 Gedichte, die zumeist auf der Insel Kos-Aral verfaßt wurden, gegenüber der Mündung des Sir Darja-Flusses und die erstaunen machen durch die Mannigfaltigkeit der Ideen. Zur Weihnachts- und Osterzeit gedenkt er der Sitten seiner Heimat.

In einer Epistel an seinen Freund Lasarewskyj schildert er den Gegensatz zwischen der ukrainischen Weihnachtsfeier und der am Aralsee.

„Wenn du mitternachts vom Haus des Gevatters heimkehrst
und dich schlafen legst, da brauchst du meiner nicht zu denken,
lieber Bruder! – Aber wenn die Trauer dir als Gast naht,
um auch nachts bei dir zu nisten, dann zu Rat, o Bruder,
zieh mich, der da weilt gefangen fern von dir am Meere.
Dann des Unglücksfreundes denke, der mit Elend ringend
muß die schmerzerzeugten Dumen[26] bergen und sein Herzweh;
der so hin und wieder wandelt und zum Himmel betet
eingedenk der Ukraina nur und, Freund, auch deiner;
den auch manchmal leider Gram, nicht schwerer, hält befangen;
der nur darum blaß ist, weil sich draußen naht die Feier.

[27]

Schwer, o Freund, ists, einsam einen Festtag zu begrüßen
in der Wildnis! Morgen früh, da wirds von allen Türmen
schallen in der Ukraine, morgen früh da scharen
zum Gebet sich all’ die guten Leute, … morgen früh
wird der Wolf, der hungergiere, heulen durch die Wüste.
Wehn wird und überwirbeln mir der kalte Sturmwind
Haus und Herd. So muß erleben ich das Fest, das frohe.“[27]

Er behandelt wieder mit jugendlicher Frische nationalepische Stoffe aus der alten Kosakenzeit, wobei des öftern das soziale Mitfühlen kraftvoll hervortritt. Als er einst an Bord des Schiffes stand und zusah, wie die „rosenwangige Diana ihr Antlitz aus dem Nebel des Meeres hob“, hörte er plötzlich, wie ein ukrainischer Matrose ganz leise ein Lied von dem Kosaken sang, der in die Fremde als zarischer Soldat ziehen mußte. Als Knabe hatte er schon dem gleichen Lied gelauscht, das von den Lippen eines Mädchens ertönte unter dem Weidenbaum und ebenso wie er, das Waisenkind, einst weinte, vergießt er, der Verbannte, jetzt heiße Tränen.

„Ists weil die Welt sich dir verschlossen hält,
weil selber du mit Zwang Soldatendienste tust
und weil dein Herz mißhandelt und zerfleischt
all seines köstlichen Gehalts beraubt, verschmachtet,
weil es auf deinen Lebenswegen ringsum nachtet? …“[28]

Ja, es kamen unter diesen Gedichten sogar einige vor, die dem echten Volksliede abgelauscht waren und die in ihrem schalkhaften Reize die noch nicht erloschene Lebenslust des Dichters bezeugten. Hieher gehört z. B. das neckische Lied von dem Mädchen, das mit mehreren Burschen zugleich liebäugelt, mit dem Müller, mit dem Sattler und auch mit dem Böttcher … aus reinstem Übermut.[29]

[28] Der scharfe Blick des Malers und Naturfreundes verleugnet sich auch nicht in diesen öden, düstern Gegenden:

„Der Sonne schwimmt ein Wölkchen nach,
spannt aus des Mantels rote Falten
und ruft zum Schlaf sie ins Gemach
des blauen Meers: mit Mutterwalten
     hüllt es sie in ros’ge Windel
     voll besorgter Eile.
     Holder Anblick! Und ein Stündchen,
          eine kleine Weile
     scheints als ob dein Herze ruhe,
          nur mit Gott noch spräche,
     bis der Nebelgeist bedeckt bald
          blauen Meeres Fläche.“[30]

Dieser melancholische Aralsee mußte aber schließlich die düstere Stimmung des Dichters steigern und diese resignierte Verzweiflung kommt in folgendem Gedichte zum Ausdruck:

„Ungewaschen der Himmel
und verschlafen die Wellen
und am Ufer, so weit man nur blickt,
Schilf und Schilf wie betrunken,
ohne Wind hingesunken
neigt sich, beugt sich und raschelt und nickt.

Mein Gott, soll ich noch lange
an dem elenden Tange,
in dem offenen Kerker zumal,
in den dumpfigen Mauern
meine Tage vertrauern
und versauern mir selber zur Qual?

Keine Antwort! Beständig
nickt das Gras wie lebendig,
will die Wahrheit mir nimmermehr sagen;
ach und sonst
hab’ ich niemand zu fragen.“[31]


[29] Aber Schewtschenko, der von Natur aus optimistisch war, konnte in dieser düsteren Stimmung nicht immer verharren. Er fühlte sich noch jung, gleichwie dem Greis zuweilen „ein Hoffnungsstrahl in der Brust erglänzt und der holde Stern der Jugend über ihm schwebt“. Und warum? Der Dichter hat in einem Gedicht vom Kos-Aral hierauf selber die Antwort gegeben:

„Es kommt davon, weil er beschlossen
für jemand gutes Werk zu tun.
Ja – mag er nur! Denn glücklich jener,
der tief in seinem Herz und Sinn
das Gute nur verstand zu lieben.
Wie oft beglückt die Freude ihn
erblühend wie das Immergrün.
So nimmt in eine dunkle Höhle
die Sonne manchmal ihren Lauf
und sieh! Es blüht darauf im Dunkel
ein grünes Gräslein dankbar auf.“[32]

Derartige Pflanzen sprossen in der Dichtung Schewtschenkos auch an den sandigen Ufern des Aralsees hervor und verschönerten die trockenen kirgisischen Steppen. Er hatte immer eine unbestimmte Ahnung, nicht vergeblich gelebt zu haben; er fühlte, wie unsichtbare Ketten ihn mit seinen Landsleuten verbanden und er wußte, daß seine Lieder den weiten Weg zur Heimat finden würden.

„Mir wird die Verbannung leichter,
wenn ich sie schreib nieder,
die vom weiten Dnipró mir
gleichsam zufliegenden Heimatslieder.
Worte reihn sich aneinander
weinend, lachend, helle,
ganz so wie Kinder; sie
erfreun meine arme Seele
die vereinsamt ist … Und ich hab so
Trost auch Freud im stillen,
wie an Reichtums Füll’ der Vater
um der Kinder willen.
Froh und glücklich bet ich dann
zum allmächtigen Herrn,

[30]

daß meine Kinder ja nicht bleiben
in weiter Fremde, von mir fern.
Mögen denn die zarten Kindlein
lieblich in die Heimat schweben
und erzählen, wie es ihnen
schwer ward, hier zu leben.
Und man wird sie dort im stillen
Heim begrüßen, o wie traut –
Doch der Vater wird dann schütteln
ernst das Haupt, das ganz ergraut.
Und die Mutter, sie wird sprechen:
„Wäret ihr, ach, nie geboren!“
Nur die Maid wird denken:
„Ich hab mein Herz an euch verloren!“[33]

Es ist demnach nur begreiflich, daß er sich vom Meer nicht ohne Weh trennen konnte. Dort in Orenburg – winkte ihm die Festungskaserne unheimlich zu; hier hatte er doch wenigstens relative Bewegungsmöglichkeit gehabt und Gelegenheit zum Zeichnen. Sein Abschied vom Aral lautet also:

„Frischauf! Im Wind die Segel schwellen.
Wir ziehn durchs Schilf auf blauen Wellen
in Booten zum Syr Darja-Fluß.
Dir, der du meine Qual halfst tragen,
zwei Jahre stilltest meine Klagen,
dir Kos-Aral, ein letzter Gruß!
Gott lohns dir, Freund, voll Stolz verkünde,
daß man dich fand, sei eingedenk,
daß klug die Menschen dies Geschenk
zu nutzen wußten und zu werten.
Leb wohl denn, armer Freund! Ich schenk’
der Wüste weder Lob noch Klagen;
und, in ein fremdes Land verschlagen,
vielleicht … vielleicht … all meiner Plagen,
der einstigen, ich einst noch denk …“[34]

Doch bis auf den letzten Tropfen sollte der verbannte ukrainische Dichter den Kelch des Leidens leeren … Dem Fegefeuer, durch das er am Aralsee gegangen war, folgte die wahrhaftige Hölle am Kaspischen Meer. Ein Leutnant [31] namens Issajew hatte nämlich den Behörden in Orenburg die Anzeige erstattet, daß Schewtschenko in Zivilkleidern zu gehen pflege und das Verbot des Schreibens außeracht lasse. Ein derartiges Vorgehen bedurfte der strengsten Sühne!

Nach Orenburg zurückgekehrt, wurde denn auch Schewtschenko nach der am östlichen Gestade des Kaspischen Meeres gelegenen Aleksandrowschen oder Nowo-Petrowschen Festung transportiert. Das Nowo-Aleksandrowsche Fort war ursprünglich (1834) vom General Perowskij, Statthalter von Orenburg, am nördlicheren Busen Kajdak angelegt worden; zufolge der sumpfigen Umgebung wurde es aber im Jahre 1846 nach der Halbinsel Mangyschlak verlegt und seit 1857 Aleksandrowsk oder Nowo-Petrowsk genannt. Hier mußte Schewtschenko noch sechs Jahre verbringen. Das Häuschen, wo er wohnte, soll heute als – Damentoilette benützt werden.[35]

Bis zum Jahre 1850 war es Schewtschenko erlaubt, Briefe zu schreiben; er hatte sich insgeheim Papier und Bleistift zu verschaffen gewußt und Gedichte verfaßt, die in den Stiefelröhren oder sonstwo aufbewahrt wurden. Dann wurde ihm das Schreiben gänzlich verboten; erst nach 1856 durfte er wieder zur Feder greifen, doch nur unter strengster Kontrolle. Am schwersten traf ihn jedoch das Verbot des Zeichnens, zumal er sich als Künstler und Eleve der Kunstakademie gar nichts hatte zu schulden kommen lassen, „Dieses Verbot“ – heißt es in seinem Tagebuch – „raubte mir den besten Teil meines Lebens“, und an den General Dubelt, Chef der „Dritten Abteilung“, schrieb er: „Die Erlaubnis zum Zeichnen würde meine getötete Seele wieder beleben.“ Umsonst wandte er sich an den gutherzigen Zhukowskij. Auch die Fürstin Repnin war um ihn bemüht und versuchte, beim Grafen Orloff Linderung seiner Strafe zu erwirken. Der Graf ermahnte sie aber, sich nicht in die ukrainischen Angelegenheiten einzumengen, wenn sie sich [32] selbst keine Unannehmlichkeiten zuziehen wolle. Was für ein Kinderspiel war es doch gewesen im Vergleich zum nunmehrigen Verbot, als er vom Kutscher Engelhardts wegen des Zeichnens gepeitscht wurde!

Ein Brief an Bodjanskyj gibt uns denn auch Einblick in Schewtschenkos Seelenzustand: „Es wäre besser zu schweigen, falls man nichts Gutes sagen kann, aber o weh! der Mensch muß sein Leid beichten, wenngleich es groß ist …“ Nicht umsonst sagte Mersljakow:[36] „Alle Freunde und Kameraden, … nur bis zur Stunde des Unglücks.“ Und der selige Dante sagt, daß es in unserm Leben keinen bittrern Schmerz gebe, als im Unglück vergangenen Glückes zu gedenken. Wie wahr der Florentiner sprach, erfahre ich jetzt jeden Tag an mir selbst. Allerdings gab es in meinem verflossenen Leben nicht so viel Freuden, aber es ähnelte doch ein wenig der Freiheit und schon der Schatten von Freiheit erhebt den Menschen. Früher konnte ich wenigstens der Freude andrer zusehen, jetzt aber bemerke ich nicht mal das Glück andrer. Ringsum nur Elend und Wüste – Kasernen, darin Soldaten. Und welche Freude in den Gesichtern der Soldaten! … Seit meiner Verbannung habe ich keinen einzigen Buchstaben von unserer armen Ukraine gelesen und was ich früher von ihrer Geschichte wußte – sogar das wenige verlerne ich jetzt schnell.“[37]

Nach dem Thronwechsel wurde von Alexander II. eine Amnestie für politische Verbrecher erlassen, aber Schewtschenkos Name war darin nicht erwähnt. Erst durch die Bemühungen des Grafen Fedor Petrowitsch Tolstoj[38] wurde er am 2. Mai 1857 begnadigt und freigelassen. Den Rückweg nahm er über das Meer nach Astrachan und auf der Wolga stromauf bis Nizhnij Nowgorod, wo er erst ein halbes Jahr bleiben mußte, weil er noch nicht die Erlaubnis [33] hatte, nach Moskau, Petersburg oder nach Kiew sich zu begeben. In einem Brief an seinen Freund, den berühmten Schauspieler Schtschepkin, verglich er sein Los mit dem eines Hundes an der Kette. An die Gräfin Anastasia Iwanowna Tolstoj schrieb er scherzend aus Nizhnij Nowgorod: „Es tut mir not, zwischen den kirgisischen Steppen und dem nördlichen Palmyra (Petersburg) zu rasten, damit ich nicht heimkehre als echter Kirgise.“

Vom 12. Juni 1856 bis zum 20. Mai 1857 schrieb er in russischer Sprache sein Tagebuch, das manche interessante Einzelheiten aus der Festungszeit enthält. Es beginnt mit folgenden Betrachtungen: „Gedenke ich des verflossenen so traurigen Jahrzehntes, dann dünkt es mich, als könnte ich mich herzlich freun, daß mir nicht damals schon der glückliche Gedanke kam, ein Heft für solche Aufzeichnungen anzulegen. Denn was hätte ich da wohl eingetragen? Ich genoß zwar im Laufe jenes Jahrzehntes unentgeltlich einen Anblick, der nicht jedem vergönnt ist, doch mit was für Augen sah ich das alles? Wie ein Häftling, der durch das Fenstergitter des Kerkers einen fröhlichen Hochzeitszug betrachtet. Die bloße Erinnerung daran, was an mir vorbeiging und was ich mit eigenen Augen sah, jagt mir schon heillosen Schrecken ein. Wozu jenen finstern Schauplatz aufzeichnen und die gemeinen Personen, in deren Gesellschaft ich ein düsteres, einförmiges Drama von zehn Jahren erleben mußte?“

Vom damaligen Militarismus in der Kaserne heißt es: „In unserm orthodoxen Kaiserreich sind die Soldaten die ärmste und unglücklichste Volksschicht. Ihnen ist alles genommen, was das menschliche Leben verschönert, Heimat, Familie, Freiheit. – Wenn der Soldat mitunter ,die Kehle befeuchtet' und seine düstre Seele erheitern will, mög es ihm verziehn sein. Den Offizieren aber werden alle menschlichen Rechte und Privilegien eingeräumt. Und sie unterscheiden sich vom gemeinen Soldaten doch nur durch die Uniform (ich rede hier von der Nowo-Petrowschen Garnison). Als Kind schon, soweit ich in meinem Gedächtnis zurückdenken kann, hatte ich für Soldaten nicht das Interesse, [34] das doch Kinder für sie zu haben pflegen. Und als ich mich dem Zeitpunkte näherte, wo man selbst nachzudenken beginnt, bekam ich einen überwältigenden Widerwillen gegen den christliebenden Militarismus. Mein Abscheu davor wuchs, je mehr ich mit Leuten dieses Standes zusammentraf. Ich weiß nicht, ob es Zufall war, doch nicht einmal in der Garde gelang es mir, einen ehrenhaften Mann in Uniform zu treffen. Wenn hier der Soldat zufälligerweise nüchtern war, war er finster oder prahlerisch … Selbst wenn ich ein blutdürstiger Mörder gewesen wäre, hätte man keine härtre Strafe für mich ersinnen können als die Einreihung als Soldat ins Orenburger Korps. Hier liegt die Ursache meiner unsäglichen Leiden. Ein Tribunal unter dem Vorsitz des leibhaftigen Satans hätte kaum ein so unmenschlich eisiges Urteil aussprechen können, als wie es herzlos an mir vollstreckt wurde. Der heidnische Augustus verbannte jenen Naso (Ovidius) zu den wilden Goten, doch ohne ihm das Schreiben oder Malen zu verbieten; der christliche Nikolai untersagte mir beides. Beide waren Henker nur mit dem Unterschiede, daß der eine, Nikolai, Christ war und noch dazu einer des XIX. Jahrhunderts, in dessen Licht das größte Reich der Welt erwuchs, das auf dem Christentum aufbaute … An dem ewig denkwürdigen Tage, an dem mein Urteil gefällt wurde, gelobte ich mir, niemals Soldat zu werden.“

Am 20. Juni schrieb er ins Tagebuch: „Es scheint mir, als ob ich noch jetzt ganz der gleiche wie vor 10 Jahren wäre und nicht ein einziger Tag in meinem Innern Bilde sich verändert hätte. Ist es gut so? Gewiß! Und ich danke Gott aus der Tiefe meiner Seele dafür, daß alle schreckliche Erfahrung nicht vermochte, an meine Überzeugung, an meinen jugendlichen Glauben mit ihren eisernen Krallen zu rühren. Viel in mir hat sich geklärt und natürliche Gestalt und Form bekommen, doch ist das nicht die Folge der bittern Erfahrung, sondern die Wirkung des unaufhaltsamen Fluges des alten Saturnus.“

In gewisser Beziehung hatte Schewtschenko mit dieser seiner Selbstprüfung recht. Sein freier, stolzer Geist war [35] noch immer der gleiche wie früher und er blieb bis zum letzten Atemzug seinen jugendlichen Idealen treu. Aber man verbringt nicht ungestraft und unangefochten das kräftigste Jahrzehnt seines Lebens in geistiger Absonderung, Untätigkeit und Gefangenschaft. … Die Töne seiner Harfe erklangen nach seiner Rückkehr immer schwächer, seltener und mehr gedämpft. Skorbut, Rheumatismus, Strapazen und Entbehrungen hatten das ihrige getan. Als gebrochener Greis kam der kaum 43jährige Schewtschenko vom „Toten Haus“ zurück und die vier Jahre, die ihm noch vergönnt waren, waren eigentlich nur ein langsames Hinscheiden.

„O weh! weh uns –
Gefangenen und Heimatlosen
an den Steppen jenseits des Urals!“

[36]
III.
Die letzten Lebensjahre.

Als Schewtschenko aus Nizhnij Nowgorod im Frühjahr 1858 nach Petersburg kam, schien ihm das Glück wieder zu lächeln. Er war ja nicht nur der allgemein anerkannte Nationaldichter der Ukraine, sondern er wurde auch – es war die Zeit der großen Reformbewegung in Rußland – als Freiheitsmärtyrer in den literarischen Kreisen gefeiert. Bei einem Bankett im Hause der Gräfin Anastasia Iwanowna Tolstoj im April 1858 äußerte sich M. D. Stradoff unter anderm folgenderweise: „Das Unglück Schewtschenkos ist beendigt und eine der größten Ungerechtigkeiten ist damit aus der Welt geschafft. Es ist uns eine Freude, Schewtschenko wiederzusehen, der unter schrecklichen, förmlich vernichtenden Verhältnissen, innerhalb der düstern Mauern einer übelriechenden Kaserne geistig nicht gelähmt wurde und nicht von Verzweiflung ergriffen, wohl aber die Liebe zu seinem harten Schicksal, das nur befruchtend auf ihn einwirkte, immer zu bewahren wußte. Er ist so ein hohes Vorbild für alle unsre zeitgenössischen Künstler und Dichter. Schon das genügt, um Schewtschenko unsterblich zu machen … In all seinem Leide hat er am heiligen Glauben festgehalten, daß die moralische Natur des Menschen den äußeren Verhältnissen nicht zu unterliegen brauche …“

Seine Pläne dürften zunächst auf das Künstlerische gerichtet gewesen sein. Schon 1840 hatte er die silberne Medaille und ein Ehrendiplom von der Kunstakademie erhalten, 1845 wurde er als Professor für Zeichnen und Malen an der Kiewer Universität vorgeschlagen und er hatte an den Arbeiten der archäologischen Kommission in Kiew teil [37] genommen. Er wollte sich jetzt dem Kupferstechen widmen und wurde tatsächlich im Jahre 1860 zum akademischen Graveur ernannt. Aber der schaffende Künstler in ihm war schon erstorben. „Vom Malen“ – bekannte er selbst – „lohnt es sich nicht mehr zu reden. Es wäre so, als glaubte man, Birnen könnten auf Weiden wachsen.“ Leider war aber auch das dichterische Vermögen in ihm bereits dem Erlöschen nahe; das dichterische Empfinden glühte freilich noch immer in ihm, wie die innigen Gedichte seiner beiden letzten Lebensjahre bezeugen, aber für größere Aufgaben fehlte es ihm eben schon an Kraft.

Es dürfte hier am Platze sein, den persönlichen Charakter Schewtschenkos näher zu untersuchen. Zweifellos war er eine edle, herzensgute Natur. Er liebte die Menschen, besonders die Kinder. Äußert er sich doch einmal: „Wer von Kindern geliebt wird, kann kein gottloser Mensch sein“, und in dem Gedicht „Fürstin“ heißt es: „Kinder, Kinder, Kinder, des Himmels herrlichstes Geschenk!“ Er liebte aber auch die Tiere und die Natur selbst; zu dieser Herzensgüte gesellte sich natürlich auch eine gewisse Freigebigkeit, eine an sich gutartige Schwäche, die ihm selbst die größten Unannehmlichkeiten eintrug. „Ich weiß wohl,“ sagte er gelegentlich, „daß ich dreimal betrogen werde und doch gebe ich zum viertenmal demjenigen, der vielleicht kein Stück Brot gesehn hat.“ Den Geschwistern gegenüber war er immer hilfsbereit und er fand es sogar sündhaft, ihnen Geld nur zu leihen. Mit solchen wirtschaftlichen Prinzipien legt man fürwahr keinen Grund für eigene materielle Güter. Während seines letzten Besuches in der Ukraine (1859) konnte denn auch Schewtschenko seiner Schwester nur einen Rubel geben und der Gesamtwert seiner Hinterlassenschaft betrug – 115 Rubel 15 Kopeken.

Einer besondern Schwäche seines Charakters muß hier flüchtig erwähnt werden, ich meine die ihm von verschiedenen Seiten zur Last gelegte Trunksucht. Diese Anschuldigung war sicher ungerecht, zumindest übertrieben. Kostomarow, der ihn gut kannte, behauptet, daß er den Dichter nur einmal betrunken gesehn habe. Gewiß war Schewtschenko [38] in seinen jüngeren Jahren eine gesellige, heitere Natur und er unterhielt sich gern mit seinen Künstlerfreunden und Landsleuten am Zechtisch. Das war für ihn fast unumgänglich notwendig, weil das russische Regime das Beisammensein mehrerer Personen nur beim Zechtisch duldete, was freilich zur Folge hatte, daß ukrainische Freiheitsschwärmer, um die Gendarmen Nikolaus' irrezuführen, sich in Vereinen zum Kultus des Bacchus organisierten.[39]

Kurz vor seinem Lebensende wurde Schewtschenko in der Kunstakademie, wo er seine Wohnung hatte, mit Iwan Turgenjeff bekannt, der ihn folgendermaßen beschrieb:[40] „Breitschultrig, untersetzt, von knorrigem Wuchs, hatte er ganz das Aussehn eines Kosaken mit deutlichen Spuren soldatischen Drills. Der kantige Schädel zeigte eine Glatze; die hohe Stirn war gefurcht, die Nase breit, ein dichter Schnurbart bedeckte die Lippen; die grauen Augen waren nicht groß; ihr zumeist finstrer und mißtrauischer Blick zeigte selten den freundlichen, fast zarten Ausdruck, dessen sie fähig waren, von einem schönen und gütigen Lächeln begleitet … Mit einer hohen Schaffellmütze auf dem Kopfe, in einem langen dunkelgrauen Pelzrock mit einem Kragen aus schwarzem Lammfell, sah er wie ein echter Kleinrusse, ein stattlicher Bauer aus …“

Von dem innern Wesen unsres Dichters schrieb Turgenjeff in der gleichen Charakteristik: „Für seine Person war er zurückhaltend, ließ nur wenig Äußerungen hören, vermied jede nähere Berührung und hielt sich zumeist abseits … das eigentliche poetische Element in ihm kam nur selten zum Vorschein; er machte vielmehr den Eindruck eines schwerfälligen, weltfernen Menschen, der seine Leidensgeschichte hinter sich hat und eine Fülle von Schmerz auf dem Grund seiner Seele birgt, die sich fremden Augen nur schwer erschließen mochte, mit einem Aufleuchten hie und [39] da von Güte und Heiterkeit … Seine Eigenliebe war ungemein stark und naiv zugleich. Ohne diese Eigenliebe, ohne den Glauben an seine Berufung wäre er in der kaspischen Verbannung unrettbar zugrunde gegangen. Die enthusiastische Bewunderung seitens seiner Landsleute, die ihn in Petersburg umgaben, hatte das Selbstvertrauen des aus eigner Kraft hervorgegangenen Dichters in ihm nur bestärkt … Die Eindrücke, die er in jungen Jahren empfangen hatte, waren ungemein tief. Bei all seiner Eigenliebe war ihm eine natürliche Bescheidenheit eigen. Im allgemeinen war er eine leidenschaftliche Natur, ungezügelt, vom Schicksal gedrückt, doch nicht gebrochen; ein Mann aus dem Volke, ein Dichter und Patriot.“

Der russische Dichter Polonskij, ein Freund Turgenjeffs, faßte seine Eindrücke von Schewtschenko in folgenden Worten zusammen: „Er schien nicht niedergedrückt zu sein, verkehrte mit den Leuten frei und einfach und prahlte nicht. Trotz der ,Eigenliebe‘, d. h. des Glaubens an seinen poetischen Beruf, war er schlicht und bescheiden. Sein Temperament war heftig, unbeherrscht. Er war kein lustiger Plauderer; in seinen Ansichten war er Demokrat von Natur aus, nicht auf Grund von Theorien. Die Leibeigenschaft haßte er mit allen Kräften; deshalb hatte er auch für Katherina II. nichts übrig und nichts für Puschkin, den Verfasser des Gedichtes ,Poltawa‘“.

Sowohl Turgenjeff wie Polonskij heben halb tadelnd Schewtschenkos Mangel an Bildung und Belesenheit hervor. Darin liegt ohne Zweifel eine große Ungerechtigkeit. Wenn man die Geschichte seiner traurigen Kindheit und Jugend in Betracht zieht, wie er ohne Pflege und wirklichen Unterricht aufwuchs, sollte man eher darüber staunen, daß er, der leibeigne Autodidakt, einen so respektablen Bildungsgrad besaß, wie es tatsächlich der Fall war. Schon in jugendlichen Jahren beherrschte er die Bibel fast vollständig und die ukrainische Geschichte ziemlich gut. Als er dann nach Petersburg kam, unterließ er es nicht, das Versäumte nachzuholen und er studierte recht fleißig Homer, Shakespeare und Schiller. Mit der neuern russischen und polnischen [40] Literatur war er ziemlich vertraut. Als er das Lobgedicht auf Jan Hus zu schreiben beabsichtigte, studierte er nach besten Kräften die Geschichte der hussitischen Revolution und im vorletzten Jahre seines Lebens übersetzte er das schöne Klagelied der Jaroslawna im Igorliede. Von seiner Vertrautheit mit der allgemeinen Kunstgeschichte zeugt vorteilhaft der autobiographische Roman „Der Künstler“. Das beste Zeugnis aber für seine allgemeine, und zwar mehr als durchschnittliche Bildung liefert sein Tagebuch, wo er nicht selten hochwichtige Probleme berührt. Außer der russischen Sprache beherrschte er geläufig die polnische; auch die französische war ihm nicht ganz fremd.

In der frostigen Stadt an der Newa war Schewtschenko nicht zu Hause. Der Ukraine galt sein Sehnen. Er sprach gern von der Heimat; von den Steppen und ihren hohen Gräbern, den Hütten in den Kirschgärten und den alten Weiden; von den steilen Ufern des Dnipró und den Klöstern: „Dort will ich leben und dort sterben.“ Dahin zu kommen war jedoch nicht leicht, denn er stand noch immer in Verdacht und seine Gönner hatten nicht wenig Mühe, ihm einen Reisepaß zu erwirken, damit er „sich pflegen könne und Gelegenheit zum Malen nach der Natur habe“. Anfangs Juni 1859 wurde die Reise angetreten und man kann sich die wehmütige Freude vorstellen, mit welcher er den heißgeliebten Dnipró und sein Heimatsdorf Kyryliwka wiedersah. Er traf seine Geschwister und Verwandten wieder an, aber die Freude des Wiedersehens war doch sehr getrübt: seine Angehörigen waren noch immer Leibeigne und die Lage der ukrainischen Bevölkerung war noch immer die gleiche. Aus dieser Periode seines dichterischen Schaffens sind uns nur sechs Gedichte bekannt [darunter das schöne schon erwähnte[41]) Gedicht an die Schwester Iryna]; sämtliche atmen stille Resignation und Wehmut.

Und der Fluch des ehemaligen Verbannten lastete noch immer auf Schewtschenko. Infolge Denunziation seitens einiger polnischer Herren wurde er wiederum verhaftet [41] und nur durch das persönliche Wohlwollen des Generalgouverneurs, des Fürsten J. J. Wassiltschikoff, gelang es ihm, auf freien Fuß gesetzt zu werden. Doch nach nur dreimonatlichem Aufenthalt in der Ukraine mußte er wieder nach Petersburg zurückkehren; das Tor des kindlichen Paradieses wurde ihm unwiderruflich geschlossen.

Dieses neue Mißgeschick traf den armen Dichter um so härter, als er beabsichtigt hatte, sich in der Ukraine auf immer niederzulassen. Er wollte sich hier einen Hof kaufen – den Platz dazu hatte er schon in der Nähe der Stadt Kaniw ausgesucht –, ein eigenes Haus bauen – und heiraten.

Es war allerdings nicht das erstemal, daß er sich mit Heiratsgedanken befaßte. Die Liebe spielte überhaupt eine gewisse Rolle in seinem Leben, obgleich persönliche Erotik in seinen Gedichten verhältnismäßig wenig Raum einnimmt. „Heirate weder eine Reiche, noch eine Arme“ – heißt es in einem seiner Lieder – „heirate aus freiem Willen, zum kosakischen Wohl!“[42]) Aber das ersehnte Glück des ehelichen Standes wurde dem liebeskranken Dichter niemals beschert; auch in dieser Hinsicht war er vom Mißgeschick verfolgt, wenngleich er wegen einer gewissen Unbeständigkeit von eigener Schuld nicht gänzlich freigesprochen werden kann.

Die zarteste und in dichterischer Hinsicht fruchtbarste Liebesepoche ist mit seiner Kindheit verknüpft. Als er 1847 in der Festung Orsk schmachtete, erinnerte er sich, wie er als dreizehnjähriger Knabe die Schafe hütete.

„Wars nun der Sonnenglanz, wars sonst ein Schein?
Ich weiß nicht, was mich so berückte,
mir war so selig wohl zu Mut,
wie einem, der zum Himmel eingegangen.
Der Ruf zum Vesperbrot war schon erklungen,

[42]

ich aber, kniend im Gebüsch,
im Zwiegespräch mit Gott befangen,
ich überhörte ihn. So selig leicht
floß von dem Herzen mir inbrünstiges Gebet
und Gottes schien der Himmel,
schien auch das Dorf zur Seite.
Das Lämmlein sprang vor lauter Lust
und mild, nicht sengend, floß der Sonne Strahl.“[43])

Plötzlich aber schwindet ihm der schöne Anblick, denn es kommt ihm zum Bewußtsein, daß er auf dieser Welt nichts – weder Häuschen noch Lämmchen – sein Eigentum nennen kann und er fängt zu weinen an. Dann wurde er aber von einem Mädchen getröstet; es trocknete ihm die Tränen, küßte ihn und die beiden gingen froh scherzend, um die Lämmer zur Tränke zu treiben.

„Torheit! Doch denk ich daran, in Trauer
weint heute noch mein Herz und stöhnt:
Warum hat Gott mir nicht vergönnt,
in diesem Eden zu ergrauen?
Unwissend war ich und beim Pflügen
erwartet' ruhig ich den Tod.
Ich würde nicht die Welt betrügen,
der Menschheit fluchen nicht und Gott.“

Das Bild der kleinen Trösterin prägte sich tief in die Phantasie des Dichters ein. Später spiegelt es sich besonders deutlich ab in seinem russisch geschriebenen Gedicht „Die Blinde“. Als er 1849 auf der Insel Kos-Aral lebte, widmete er seiner Oksana ein neues Gedicht.

„Wir wuchsen einst zusammen auf
und liebten uns mit stiller Freude,
und unsre Mütter sahn uns beide
und meinten, daß des Schicksals Lauf
uns einst vereint … Doch wards verdorben!
Die Eltern sind uns früh gestorben
und wir – wir trennten uns hierauf
so recht aufs Nimmerwiedersehen.“

[43] Der Dichter stellt sich dann als Greis vor, der in sein Heimatdorf zurückkommt. Er erkennt alles – das Feld, die Pappeln am Brunnen und den Garten, wo Vater und Mutter unter den Kreuzen schlafen. Nichts hat sich in dem armen Dorf verändert, nur daß es alt und verwüstet ist wie er selbst. Und Oksana ist weg. Als er sich nach ihrem Schicksal erkundigt, erfährt er, daß sie „mit den Soldaten“ fortgegangen wäre! Sie sei zwar nach einem Jahre mit einem Kindlein zurückgekommen, jedoch gemütskrank.

„Und saß sodann oft nächtelang
so unterm Zaun und schrie und rief
als wie ein Kuckuck, lang und bang …
Und sang, als möcht es in den Nächten
die einst’gen schönen Zöpfe flechten …“

Nachher sei jede Spur von ihr verschwunden!

Der Name Oksana kommt in den Gedichten Schewtschenkos mehrmals vor. Oksana heißt das schwarzäugige Mädchen in den „Hajdamaken“; so heißt auch die unglückliche Tochter in dem bereits erwähnten Gedichte „Die Blinde“, und in „Drei Jahre“ (1845) gedenkt er Oksanas als seiner „Morgenröte“ und seines „Herzchens“. Das schönste Denkmal hat er seiner Oksana in einem in Orenburg 1850 geschriebnen Gedicht errichtet, in dem er das idyllische Glück des häuslichen Lebens ausmalt:

„Zu Gott um wenig einst ich flehte,
um herzlich wenig: nur um ein Häuschen,
ein Häuschen in dem grünen Haine
und um zwei Pappeln, die daneben sich erheben,
auf daß[WS 1] ich mit meiner unglücklichen
Oksana vom Berge aus
den breiten Dnipró sehn könnte,
die Schluchten, die von goldnen Ähren
strotzenden Felder; die hohen Gräber
und all das schauend sinnend fragen:
Wann wurden sie, die Hügel, aufgeschüttet?
Und wer ists, der hier ruht?
Dann wollten wir zu zweien singen
das alte traurige Lied
vom Ritter, von dem Hetman,

[44]

der von den Ljachen ward verbrannt.[44])
Dann wollten wir hinunter
im dunklen Hain am Dnipró wandern,
bevor die Welt in Schlaf versinket,
bevor der Mond mit seinen Strahlen
durch Nebelschleier ist gedrungen …
und nach Gebet und Zwiegesprächen
das Abendbrot im Häuschen essen.“[45])

Des öftern suchte Schewtschenko im wirklichen Leben seine Oksana, doch immer vergeblich. Schon als Jüngling soll er an einer gewissen Dunja Hoschowska Gefallen gefunden haben, aber die Leibeigenschaft verhinderte seine freie Wahl. Als er nach der Befreiung aus der Leibeigenschaft zum erstenmal die Ukraine besuchte, verliebte er sich in die Tochter eines Popen, die ihn auch lieb gewann, deren Vater aber von einer Ehe der beiden nichts wissen wollte. Auf diese Episode bezieht sich wohl eine Andeutung in einem Briefe, den Schewtschenko 1850 an O. M. Bodjanskij schrieb: „Ich fuhr damals von Petersburg nach Kiew, wollte eben heiraten, um wie andre rechtschaffne Leute zu leben, und hatte schon eine Lebensgefährtin gefunden. Gott segnete aber meinen guten Willen nicht. Möchte ich nur mein kurzes Leben in unsrer geliebten Ukraine beschließen! Die Tränen fließen, wenn ich daran denke …“

Als Schewtschenko 1857 in Nizhnij Nowgorod weilte, fand er Gefallen an der hervorragenden Schauspielerin Katenka Piunowaja, die er auf der Bühne in ukrainischer Nationaltracht bewundert hatte. Sie konnte – was übrigens recht verzeihlich war – keine besondere Sympathie für den „glatzköpfigen Kirgisen“ hegen und als er förmlich um ihre Hand warb, bekam er natürlich „die schwarze Suppe“ (wie die Ukrainer sagen für einen Korb).

Als er aber 1859 in der Ukraine war und sein eignes Haus bauen lassen wollte, war er gewiß von ernsten Eheplänen beseelt und er seufzt denn auch in einem Gedicht aus jener Zeit:

[45]

„Gib mir, o Gott, auf dieser Erde
nur Lieb, das Paradies des Herzens,
nur das, nichts andres wünsche ich.“

Leider kam es dem Dichter nicht in den Sinn, daß es jetzt doch etwas zu spät wäre, seine Oksana zu finden und er war sich wohl kaum bewußt, daß er schon ein bejahrter, physisch gebrochener Mann war, dessen Aussehen den jungen schwarzäugigen Ukrainerinnen wenig Reiz einflößen konnte. Er hielt um Charyta an, das sechzehnjährige Dienstmädchen seines Schwagers Warfolomej Hryhorowytsch Schewtschenko; aber gerade Charyta, die für einen jungen, schönen Dorfschreiber schwärmte, fand ihn „zu alt und glatzköpfig“ und sie zog den Schreiber vor.

Schließlich machte der alte Junggeselle 1860 in Petersburg einen letzten Versuch, seinen schiffbrüchigen Kahn in den Hafen des Ehestandes zu retten. In dem Dorfe Strjelna, in der Nähe von Petersburg, hatte eine Schwester der Frau von Kulisch über den Sommer ein ukrainisches Dienstmädchen, die zwanzigjährige Lukerja Polusmakiwna. Der Ansicht Turgenjeffs gemäß war sie gesund und robust, nicht schön, aber in ihrer Art anziehend, „mit wunderschönen blonden Haaren und mit der zugleich stolzen und ruhigen Haltung, die für ihre Rasse bezeichnend ist“. Sie war ein wenig leichtfertig und eitel, dabei dumm und ungebildet und Schewtschenko glaubte wohl ihre Wißbegierde zu wecken, indem er ihr ein Lesebuch verehrte. Er freite um Lukerja und sie gab ihm leichtsinnig das Jawort. Nun hatte Schewtschenko endlich sein Ziel erreicht, aber nur um die allergrößte und schmählichste Enttäuschung zu erleben. Lukerja zeigte bald ihren wahren Charakter. Es kam zu unerquicklichen, groben Auftritten und nach einigen Wochen war diese tragikomische Verlobung schon wieder aufgehoben. Der arme Dichter war um eine bittre Lebenserfahrung reicher und die Einwirkung dieser Demütigung auf seine schon zerrüttete Gesundheit dürfte ohne Zweifel die unvermeidliche Katastrophe beschleunigt haben. Nicht ohne Erschütterung liest man die Gedichte der allerletzten Monate seines Lebens. Man merkt, wie die [46] körperlichen Kräfte abnehmen und wie ihn die Isolierung bedrückt. „Die Jugendjahre sind verronnen“ – seufzt er – „und kühle Winde wehn. Ich sitze allein in der kalten Stube und habe niemand, mit dem ich plaudern könnte und mich unterhalten, während die eitle Hoffnung den Toren betört, ihn belacht und mit Frost seine Augen fesselt und die stolzen Gedanken zerstreut wie die Schneeflocken auf der Steppe. Wart' nicht auf den Frühling, die heilige Jahreszeit, denn er wird nie kommen, um diesen Garten grün zu machen und deine Hoffnung zu erneuern! Harre aus und erwarte nichts! …“

Aber noch im letzten Augenblick lodert eine Flamme der dichterischen Inspiration empor. Er ist überzeugt, daß das Recht auf Erden regieren werde, wenngleich die Gegenwart so trübe ist.

„Der Tag vergeht, die Nacht vergeht,
du beugst das Haupt, kannst nicht ergründen,
warum kein Jünger noch ersteht,
um Recht und Wahrheit zu verkünden.“

Und kaum drei Monate vor dem Hinscheiden schrieb dieser Verkünder des Rechtes und der Wahrheit ein volkstümliches Lied, das seinen besten Erzeugnissen beizuzählen ist:

„Fließt das Wasser unterm Ahorn,
fließt zum Tal hinunter,
längs der Schlucht und rot am Wasser
prangt der Hirschholunder,
prangt der traute Hirschholunder,
Ahorn – er treibt Sprossen
und es grünen Lorbeerweiden
rings um Weidenschossen.

Fließt das Wasser aus dem Haine
längs des Berges Fuße;
zwischen Espenlaub die Entlein
plätschern in dem Flusse.
Ente samt dem Entrich folgen
ihnen ohne Säumen,
haschen nach den Wasseralgen,
schnattern mit den Kleinen.

[47]

Fließt das Wasser um den Garten,
Wasser wird zum Teiche.
Kam ein Mägdlein Wasser holen,
sang durch die Gesträuche.
Aus dem Haus die Eltern treten,
sich im Frei'n erholen
und beraten, wen zum Eidam
sie sich nehmen sollen.“[46]

Taras Schewtschenko starb am 26. Februar 1861, eine Woche nach der kaiserlichen Bestätigung des Manifestes bezüglich der Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland. Die Todesursache war Wasser in der Lunge. Er hatte gerade sein siebenundvierzigstes Lebensjahr erreicht. Zwei Tage später fand das Begräbnis am Smolenskschen Friedhof statt. An dem Trauergeleit nahm auch Pypin, der große russische Literaturforscher, teil. Am Grabe hielt Kulisch die erste Rede: „Sei gewiß, Taras, daß wir dein Vermächtnis bewahren und niemals von dem Wege abweichen werden, den du uns gezeigt hast. Du wirst ruhen, Taras, in der heimatlichen Ukraine, am Fuße des rühmvollen Dniprós, denn seinen Namen hast du mit dem deinigen für immer verbunden.“ Nach Kulisch hielten noch Kostomarow, Biloserskyj und ein Pole Abschiedsreden.

Er hatte als seinen letzten Willen den Wunsch ausgesprochen, am Dnipró in der Nähe der Stadt Kaniw begraben zu werden. Nach seinem Tode aber drangen einige seiner Freunde darauf, Kiew als Begräbnisplatz zu wählen. Infolgedessen schrieb Kulisch an Warfolomej Schewtschenko, den Schwager des Verstorbenen, ein Strafgedicht „Aus jener Welt“ gegen die „herrschaftlichen Kinder“ (pansjki dity), die des Dichters letzten Willen nicht respektierten. Und bei Kaniw, wo Schewtschenko sich seine Hütte hatte bauen wollen, wurde ihm eine bleibende Ruhestätte gegeben. Sie ist auf einem Flügel gelegen, von wo man eine schöne Fernsicht über das Dnipróland genießt, mit einem Kreuz gekrönt und trägt die einzige Inschrift

T. SCHEWTSCHENKO.

[48] Dieser Berghügel ist für die Ukrainer ein Ziel nationaler Pilgerfahrten geworden.

Bei der feierlichen Beisetzung am 10. Mai 1861 hielt der Protopop Matzkewytsch die Gedächtnisrede und er äußerte unter anderm: „Und du, uralter Dnipró, der du auf deine blauen Wellen so stolz bist! Dir wurde es vergönnt, auf dem Rücken deiner Wogen die irdischen Reste Schewtschenkos zu tragen. Erzähle du uns von dem für jeden Ukrainer teuren Menschen – dem Kobsaren! Es gab eine Zeit, wo man von unsrer Ukraine glaubte, sie wäre ein Land, das für höhere Gefühle und Gedanken unempfindlich sei; Schewtschenko aber bewies, daß dieses Land, wo die nationale Aufklärung vernachlässigt wurde, doch eine Seele und ein Herz besitzt, die für alles Erhabene und Schöne zugänglich sind. Ja, toter Bruder, dein Name wird eine Leuchte der Menschen sein; sie haben dein gutes Werk gesehn und den Vater, der im Himmel ist, gepriesen. Jahrhunderte vergehn; aber entfernte Geschlechter von Söhnen der Ukraine werden sehn und erkennen, wer Taras Schewtschenko war. Du wünschtest in Kaniw zu leben, Bruder. Gut, lebe dort bis zu Ende der Welt! Und du, Ukraine! Hüte andächtig unsre teure Heimaterde, denn in ihr ruhen die Gebeine von Taras Schewtschenko. Hier, auf einem der höchsten Hügel des Dnipró, ruht seine irdische Hülle und wie auf dem Berge von Golgatha das Kreuz des Heilands, so steht hier ein Kreuz, das sowohl auf dem dies- wie auf dem jenseitigen Ufer unsrer ruhmreichen Ukraine weithin sichtbar sein wird …“

Unablässig tritt in den Gedichten Schewtschenkos, seien sie aus Petersburg oder aus dem halbasiatischen Osten, sein Herzenswunsch hervor, in seiner geliebten Ukraine begraben zu werden und dieser einzige Wunsch ging ihm wirklich in Erfüllung. Schon 1845, als er in Perejaslaw an Typhus erkrankte, gab er diesem Wunsch einen innigen Ausdruck in dem Gedichte „Das Vermächtnis“.

„In ein Hügelgrab der Steppe,
     wenn ich sterben werde,
senkt mich, Brüder, daß mich decke
     Ukrainererde,

[49]

daß ich kann des Dnipr's Schnellen,
     seine Ufer schauen,
daß ich höre, wie er rauschend
     strömt durch weite Auen!

Wenn er aus der Ukraine
     Feindesblut wird tragen
in das Meer, will ich den Fluren
     und den Höhn entsagen;
will auf Flügeln des Gebetes
     auf zu Gott mich schwingen –
ehe dies geschieht, – mag nimmer
     ich den Herrn lobsingen!

Senkt ins Grab mich und erhebt euch,
     werft die Ketten nieder,
tränkt mit bösem Feindesblute
     eure Freiheit wieder!
Dann im freien Bruderkreise
     mögt ihr meiner denken,
mögt ein liebes, stilles Wörtlein
     mir, o Freunde, schenken!“

[47]

Das Volk wollte aber kaum glauben, daß sein heißgeliebter Taras wirklich gestorben sei. Es entstanden Legenden, daß vielleicht ein andrer statt seiner begraben worden wäre, wie etwa Alexander I., und daß Schewtschenko sich irgendwo versteckt halte, bis die Stunde gekommen sei, wo er wieder hervortreten könnte …

Und das Volk hatte recht: Taras Schewtschenko lebt noch immer und zwar durch seine Dichtungen.

[51]
DIE DICHTUNG
[53]
I.
Der künftige Kobsar.

Im Jahre 1838 wurde Taras Schewtschenko aus der Leibeigenschaft losgekauft und es scheint, als ob diese soziale Befreiung ihm erst die Zunge gelöst hätte. Tatsächliсh hatte er vor diesem Zeitpunkte nichts veröffentlicht. Die ersten Früchte seines dichterischen Schaffens, die möglicherweise noch nicht druckfähig waren, reiften erst am Ende der dreißiger Jahre.

Um den geistigen Gärungsprozeß Schewtschenkos analysieren zu können, sind wir auf seine eigenen spärlichen Andeutungen angewiesen. In dem selbstbiographischen Fragmente, das er 1860 für das „Narodnoje Tschtjenje“ schrieb, heißt es kurz: „Über meine ersten literarischen Versuche will ich nur so viel sagen, daß sie im Sommergarten der russischen Hauptstadt in sternhellen Nächten ihren Anfang nahmen. Die spröde ukrainische Muse widerstand lang meinem in der Dorfschule, dem Vorzimmer des Gutshofes, in den Einkehrhäusern und städtischen Quartieren auf Abwegen gelangten Sinn. Als aber der Odem der Freiheit meinen Gefühlen die Reinheit der ersten Kinderjahre wiedergab, die mir unter dem väterlichen Strohdach dahingeschwunden waren, schloß sie mich in der Fremde in ihre Arme. Von den ersten schwachen Schriftproben, die ich im Sommergarten machte, wurde nur die Ballade ,Die Besessene‘ gedruckt.“[48])

Dieses Bekenntnis ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert. Der Dichter gibt selbst unumwunden zu, daß er [54] freie Luft einatmen mußte, um singen zu können, um den vielen Gefühlen, die er unbewußt während der jugendlichen Jahre in der Ukraine empfangen hatte, Ausdruck und volkstümliche Töne zu geben. Er gesteht weiter, daß die ukrainische Muse längere Zeit Widerstand leistete, d. h. daß er die poetische Form nur allmählich beherrschen konnte. Schließlich geht aus seinen Worten hervor, daß er nur spärliche Versuche gemacht hatte vor seinem öffentlichen Hervortreten.

Bekanntlich war er anfangs für den künstlerischen Beruf bestimmt, weshalb er auch in die Lehrschule der kaiserlichen Kunstakademie aufgenommen wurde. Hier vollzog sich aber in seinem Innern eine sonderbare Wandlung, von der er in seinem Tagebuch 1856 schreibt:

„Was tat ich und womit befaßte ich mich in der heiligen Werkstatt Brüllows? Seltsam klingt es, – ich beschäftigte mich mit dem Schreiben ukrainischer Verse, die späterhin mit einem so schrecklichen Gewicht auf meine arme Seele fallen sollten. Vor den Meisterwerken Brüllows verfiel ich in Nachdenken und hegte im Herzen den ‚blinden Kobsar‘ und meine grimmigen ‚Hajdamaken‘. Im Schatten seines wundervollen Ateliers schwankten vor meinem Blick, wie an einem glühend heißen Tage in der Steppe am Dnipró, die bleichen Märtyrerschatten unsrer armen Hetmane. Vor mir breitete sich die mit Grabeshügeln besäte Steppe aus. Meine wunderliebe, meine arme Ukraine prangte in ihrer ganzen unberührten melancholischen Schönheit. Ich kam nicht aus dem Sinnen heraus; ich fand nicht die Kraft, mein geistiges Auge vor dem Zauberbild heimatlicher Reize abzuwenden. Es war Berufung und nichts andres … Ein seltsam Ding, diese allmächtige Berufung! Ich wußte nur zu gut, daß die Malerei meine künftige Profession, mein tägliches Brot bedeuten werde. Und statt aus ihren tiefen Geheimnissen zu schöpfen, noch dazu unter Anleitung eines Lehrers, wie der unsterbliche Brüllow es war, verfaßte ich Verse, für die man mir nicht nur keine Kopeke gab, sondern derentwegen man mich sogar der Freiheit beraubte und an denen insgeheim weiter zu schreiben [55] ich nicht aufgehört habe, ungeachtet des unmenschlichen Gebotes. Ja, ich denke zuweilen sogar an die Drucklegung dieser meiner schmächtigen Sprößlinge. Fürwahr, ich muß dieses unwiderstehliche Verhängnis Berufung nennen! …“

Schewtschenko hatte recht: er war zum Dichter berufen, wenngleich er vielleicht auch als Künstler mit dem Pinsel vieles von bleibendem Werte hätte leisten können und tatsächlich leistete. Noch eines möchte ich hervorheben: Es gibt in der Geschichte der Weltliteratur gewiß nicht viele Beispiele, wo ein Dichter von 26 Jahren so reif gleich zu allererst vor die Öffentlichkeit trat, wie es bei Schewtschenko der Fall war.

Seine Lehrjahre in Petersburg waren auch in literarischer Hinsicht ersprießlich gewesen. In der Bibliothek Brüllows hatte er viel Gelegenheit gehabt zu studieren und er machte sich auch mit der russischen und polnischen Romantik vertraut, ohne freilich die Geschichte und die Literatur der Ukraine zu vernachlässigen. Er kannte bereits die „Ukrainischen Melodien“ von N. A. Markewytsch, die dem Erzbischof Georgij Konisskij fälschlich zugeschriebene „Istorija Russow“ und die „dumky“ (Romanzen) von A. Metlynskyj, die Dichtungen von Kotljarewskyj, Hulak-Artemowskyj, Kwitka und die Werke aller andern Bahnbrecher der modernen ukrainischen Literatur.

Sehr beachtenswert ist es immerhin, daß Schewtschenko von Anfang an in seiner Muttersprache schrieb, obgleich er seine literarische Erziehung in einem großrussischen Milieu erhalten hatte. Im Jahre 1839 schrieb er aus Petersburg an seinen Bruder: „Bitte schreib mir, so wie ich Dir schreibe, das heißt nicht in der moskowitischen Sprache, sondern in der unsrigen, damit ich wenigstens auf dem Papier der Muttersprache mich erfreuen kann, um noch einmal Tränen der Freude vergießen zu können, denn hier ist es mir so traurig, daß ich jede Nacht im Traume nur Dich sehe, Kyryliwka, die Verwandten und das Steppengras.“ Und er meint in einem Briefe an Hrycjko Tarnowskyj, dem reichen Gutsbesitzer und Verwandten des Gründers des berühmten ukrainischen Museums in Tschernihiw, in welchem eine besondere [56] Schewtschenko-Abteilung eingerichtet wurde: „Ich will bäuerlicher Dichter werden; mehr verlange ich nicht.“

Schewtschenko verfaßte allerdings schon in Petersburg einige Gedichte in russischer Sprache, damit die „Moskowiter nicht sagen könnten, daß ich ihre Sprache nicht beherrsche“. In Prosa bediente er sich sogar vorwiegend der russischen Sprache (einige Novellen, der Roman „Künstler“ und das „Tagebuch“). Während der Verbannung, in welcher er seine ukrainischen Manuskripte vor den Spähern verstecken mußte, war er meistens genötigt, russisch zu schreiben, und er gewöhnte sich so gewissermaßen daran. „Gerne möchte ich“ – heißt es in einem Brief aus der Festungszeit – „auf Dein Schreiben in der gleichen, meinem Herzen so lieben (ukrainischen) Sprache antworten, aber ich bin so verworren, daß ich mich vor der Muttersprache beinah fürchte.“

Andrerseits aber hat man in Rußland die literarische Anleihe bedeutend übertrieben, die Schewtschenko in der großrussischen Literatur machte. In seinem Tagebuch vom Jahre 1857 erwähnte er, daß er den Entwurf zu einem morgenländischen Gedicht „Satrap und Derwisch“ nach dem Muster von Puschkins „Andzhelo“ gemacht habe. „Aber ich bedaure“, fügt er hinzu, „daß ich die russische Sprache nicht so gut beherrsche, um es russisch schreiben zu können.“ Ebenso hat man den Einfluß der russischen Literatur auf seine Dichtungen überschätzt; und wenn Kulisch behauptet, Schewtschenko habe „Puschkin auswendig gewußt“, so muß dies mit Vorbehalt aufgenommen werden. Dem Dichter des „Poltawa“ und des „Kupfernen Reiters“ gegenüber verhielt sich Schewtschenko kühl und er stand dem russischen Byronismus gänzlich fern. Weit mehr fühlte er sich zu Mickiewicz und zur polnischen Ukrainerschule hingezogen. Mit der Balladendichtung Zhukowskijs und Kosloffs haben die Erstlinge seiner lyrischen Epik Berührungspunkte und der Dichter der „Swjetlana“, Schewtschenkos edler Befreier aus der Leibeigenschaft, dürfte wohl anregend auf ihn gewirkt haben. Von einer direkten Nachahmung kann aber gar nicht die Rede sein. Beide Dichter lebten gleichzeitig in [57] jener literarischen Zeit, in der die romantische Balladenstimmung von Bürgers „Lenore“ vorherrschend war und die sich nicht zuletzt in slawischen Kreisen fühlbar machte.

Mit Gogol, dem größten russischen Schriftsteller, den die Ukraine hervorgebracht hat, kam Schewtschenko niemals in persönliche Berührung. Die ukrainischen Verfasser schienen die ukrainischen Erzählungen Gogols etwas skeptisch betrachtet zu haben, besonders Kulisch, der dem Verfasser des „Taras Buljba“ sachliche Unkenntnis zur Last legte (eine Beschuldigung, die übrigens nicht ganz grundlos war). Schewtschenko urteilte richtiger, indem er bemerkte, daß Gogol in Nizhyn und nicht in der eigentlichen Ukraine aufgewachsen war und deshalb die ukrainische Muttersprache nicht hinreichend beherrschte. Im übrigen hatte er immerhin von Gogol eine hohe Meinung und „Die toten Seelen“, die er während der Verbannung von der Fürstin Repnin erhielt, wurden seine Lieblingslektüre. Und er schrieb 1850 an die Fürstin Repnin: „Unsern Gogol muß man als einen Mann hochschätzen, der mit hohem Verstand und größter Liebe ausgerüstet ist. Der weiseste Philosoph, der beste Poet, sie sollten ihn als Menschenfreund würdigen. Ich kann nicht umhin zu bedauern, niemals Gelegenheit gehabt zu haben, seine persönliche Bekanntschaft zu machen.“ In der Festung am Kaspischen Meer schrieb er an Bodjanskyj: „Wenn Du müßig bist, geh nach dem Simonowschen Kloster [in Moskau[49])] und bete um meinetwillen am Grabe Gogols für sein Seelenheil!“ Und während der Dampferreise auf der Wolga, als in der Kabine des Kapitäns russische Literatur vorgetragen wurde, notierte er ins Tagebuch: „Gogol, unser unsterblicher Gogol! Wie würde sich deine edle Seele gefreut haben, wenn du geistreiche Schüler gleich Saltykoff um dich hättest sehen können!“ In seinem Huldigungsgedicht („An Gogol“) aus dem Jahre 1844 gibt Schewtschenko zu verstehn, daß zwischen seinem Schaffen und dem von Gogol Verschiedenheit [58] nur in der Anwendung der künstlerischen Mittel bestehe: „Du lachst und ich weine.“

Auch Gogol zollte seinerseits Schewtschenko eine gewisse Anerkennung: „Sein Los verdient Sympathie und Mitleid. Ich kenne und liebe ihn als talentierten Landsmann und Künstler und ich habe selbst zur Besserung seiner Lage beigetragen (wahrscheinlich beim Loskauf aus der Leibeigenschaft); doch unsre ,Intelligenz' hat ihn verdorben, indem sie ihn zu dichterischem Schaffen antrieb, das seinem Talent fremd war.“ Auch hier macht sich wieder die Abneigung bemerkbar, die viele russische Kreise dem ukrainischen Freiheitssänger gegenüber empfanden. Sollte sich Gogol vielleicht hiebei durch die Ahnung haben leiten lassen, daß durch Schewtschenkos dichterisches Auftreten, er, Gogol, der „seelisch Entzweite“ seiner schwärmerisch geliebten Heimat entrückt werden mußte?[50])

Die dichterische Begabung Schewtschenkos wurde durch einen glücklichen Zufall ans Licht gebracht. Im Winter 1839–1840 weilte in Petersburg ein Gutsbesitzer aus Poltawa, namens Petro Martos, der durch Vermittlung des ukrainischen Dichters E. P. Hrebinka sich von Schewtschenko malen ließ. Während einer Sitzung erblickte Martos ein Stück Papier mit geschriebnen Versen in ukrainischer Sprache und als er erfuhr, daß das Manuskript von Schewtschenko herrühre, ließ er eine kleine Sammlung der Gedichte Schewtschenkos auf eigne Kosten drucken. So entstand in Petersburg im Jahre 1840 die erste Ausgabe des berühmten „Kobsar“, ein epochemachendes Ereignis in der ukrainischen Literatur. Kobsa (Laute), das nationale Instrument in der Ukraine, ist mit höchstens 12 Saiten versehen und wird ohne Bogen gehandhabt. Das Wort „Kobsa“ ist wahrscheinlich von den krimschen Tataren [59] zu den saporogischen Kosaken gekommen und der Sänger, der das Instrument handhabt, heißt Kobsar.[51])

Die erste gefällige Auflage des „Kobsar“,[52]) die nur 8 Gedichte enthält, war jedoch ein Samenkorn, das zum fruchtbaren Baume emporwuchs. Schon 1844 folgte eine neue Ausgabe, betitelt „Kobsar von Tschyhryn“, und 1860, 1867, 1869 die erweiterte. Nach der Bibliographie von Komarow waren schon bis 1886 im ganzen 14 Ausgaben vom „Kobsar“ herausgegeben, einzelne längere Gedichte in Separatdruck nicht inbegriffen. Aber erst 1906 erschien die vollständige Ausgabe, die, in 10.000 Exemplaren gedruckt, im Laufe eines halben Jahres vergriffen wurde; 1908 redigierte Iwan Franko eine textkritische Edition, der eine wertvolle Ausgabe (in mehreren Auflagen) von Julian Romantschuk im Auftrage des ukrainischen Volksbildungsvereines „Proswita“ in Lemberg folgte. Der letzte „Kobsar“ erschien in Wien 1915.

Schon in der ersten kleinen Ausgabe vom Jahre 1840 tritt Schewtschenko als reifer Dichter hervor und die acht Gedichte spiegeln die wesentlichen Seiten seiner lyrischen Poesie wieder: den Patriotismus, die Balladenstimmung, den kosakischen Geist und die sittlich-religiöse Idealität. Schewtschenko ist selbst der alte blinde[53]) Perebendja, von dem es in dem gleichnamigen Gedichte heißt, daß er die Kobsa spiele; und wer spielt, wird von den Leuten gekannt und von ihnen mit Dank belohnt.

Der dieses literarische Debüt einleitende Vorgesang („Dumy moji, dumy moji“) gibt schon den Schlüssel zu der dichterischen Persönlichkeit Schewtschenkos.

[60]

„Meine Lieder, meine Lieder,
ach, ihr schafft mir Leiden!
Wozu steht ihr am Papiere,
traurig ohne Freuden?
Warum seid ihr nicht zerstoben
mit dem Steppenwinde,
warum nicht erstickt im Schlafe
gleich dem Unglückskinde? …“[54]

Das ganze Gedicht atmet die Sehnsucht des Verwaisten nach der Heimaterde, die Liebe des Freiheitsfreundes zur verflossenen Zeit, als der schwarze Adler (das moskowitische Wappen) noch nicht über dem Dnipróland schwebte – und die Betrübnis des Einsamen, der sein Leid unter Fremden verbergen mußte.

„Mögen die Gedanken fliegen,
kreischen gleich den Krähen,
doch das Herz wie Philomele
mög’ im stillen flehen.“

Der arme Dichter will sich damit zufrieden geben, ein schwarzäugiges Mädchen zu Tränen zu rühren und wenngleich er selbst in fremdem Lande zugrunde gehen muß, so mögen doch seine Lieder in der Ukraine offene Herzen finden, Gerechtigkeit, Liebe und vielleicht sogar auch Ruhm.

„Nimm dann hin, Ukraine, Mutter,
     meine teure, liebe,
wie die eignen Kinder diese
     töricht jungen Triebe!“

Als Kostomarow dem Verlesen der Manuskripte Schewtschenkos beiwohnte, rief er aus: „Ich fand, daß seine Muse den Vorhang des volkstümlichen Lebens zerrissen hatte. Es war schauderhaft süß, schmerzhaft und berauschend, dahin zu blicken. Seine Muse durchbrach einen unterirdischen, geschlossenen Raum, der in vielen Jahrhunderten mit mehreren Schlössern versperrt war, mit vielen Siegeln versiegelt. Er öffnete den Weg für Sonnenstrahlen, für frische Luft, für menschliche Wißbegierde.“ – Und Kwitka schrieb nach [61] dem Erscheinen des „Kobsar“ an den Verfasser: „Beim Lesen sträubte sich mir das Haar. Mein Herz wurde wie zerrissen und es schwindelte mir vor den Augen. Ich drücke Ihr Buch an mein Herz.“

Ja, mit nur acht Gedichten hatte Schewtschenko fürwahr Wunder gewirkt. Es gelang ihm in der Tat, „zum alten Pflug eine neue Schar, ein neues Sech zu schmieden“ und das Brachfeld der ukrainischen Literatur aufzupflügen, indem er „in die Furchen seine Tränen, sein inniges Herzeleid säte“. Er steckte sich ein hohes Ziel: er[WS 2] wollte die armen Gefesselten, die zum Schweigen Verurteilten verherrlichen und als Wacht bei ihnen das „Wort“ aufstellen, d. h. die ukrainische nationale Idee, die poetischen Überlieferungen der alten freien Zeit:

„… Woswelytschú
malých otých rabíw i nimých;
ta na sstórozhi kólo ných
posstáulju slówo …“

Und das Wort ward Fleisch.
[62]
II.
Der Dichter der Ukraine.

Das Schicksal Schewtschenkos ist für die Ukraine typisch und symbolisch zugleich. Er gab seinem Volk ein erhabenes Beispiel von Gerechtigkeit und Entsagung und er verkörperte in mehrfacher Gestalt die humanitären Prinzipien der alten Bruderschaften. Erst mit ihm wurde die ukrainische Literatur wirklich national und dabei sozial. Er kannte die Leiden seines Volkes, denn er hatte sie an sich selbst erfahren und wenngleich er für seinen eignen Teil die Hoffnung auf Glück aufgab, so verzweifelte er doch niemals an der bessern Zukunft seiner Landsleute.

„Lernet, meine Brüder!
Denket und lernet,
lernet das Fremde kennen,
aber entfremdet euch nicht dem Eignen.“

Er verlor niemals die Zusammengehörigkeit mit dem Volke und in dieser Hinsicht steht er ethisch höher als zum Beispiel die russischen Volks- und Proletariatsdichter Kolzoff und Nekrasoff, die freilich ihr Mitgefühl für die Bauern nie verleugneten, aber durch ihre soziale Erhöhung immerhin die unmittelbare Fühlung mit der Volksseele allmählich verloren. Schewtschenko, der freigelassene Sohn der Leibeigenschaft, konnte niemals vergessen, daß er als Leibeigner geboren war und daß seine Angehörigen noch immer in sozialer und moralischer Erniedrigung schmachteten. Dadurch blieb seine Lyrik so echt volkstümlich.

„Schewtschenko als Dichter“ – so schrieb Kostomarow – „war das Volk selbst, indem er an dessen dichterische [63] Schöpfung anknüpfte. Seine Dichtung war an sich Volkslied, aber ein neues, ein derartiges, daß es nunmehr vom ganzen Volk gesungen werden konnte und aus der Volksseele als fortgesetzte Geschichte des Volkes sich ergießen mußte. Schewtschenko war ein Auserwählter des Volkes im wahren Sinne des Wortes. Er sagte, was jeder Volksfreund sagen würde, falls seine Zugehörigkeit zum Volke zu jenen Höhen der Vollkommenheit sich erheben könnte, die ihn befähigt auszudrücken, was auf dem Grunde seiner Seele liegt. Er sprach, weil das Volk noch nicht gesprochen hatte, aber schon bereit war zu sprechen und nur darauf wartete, daß aus seiner Mitte der Schöpfer hervortrete, welcher seine Sprache, seinen Ton beherrsche. Und in den Spuren eines solchen Schöpfers wandelnd, sprach auch das Volk ganz einstimmig: er ist unser! Seine Poesie ist eine mittelbare Fortsetzung der Volkspoesie. Er war der letzte Kobsar und der erste große Dichter der Ukraine.“

Von Natur aus war Schewtschenko, nach meiner Auffassung, eher Optimist als Pessimist und von kindlich-fröhlicher Gemütsart. Ohne diese ursprüngliche Lebenslust wäre ihm die schwere Last des Lebens gewiß gar unerträglich geworden. Wer Menschen, Tiere und die Natur selbst liebt, ist gewiß gewillt, die Welt von ihrer hellen Seite zu betrachten. „Gehn wir“ – heißt es in einem Gedicht – „in das Dörfchen: Hier gibt es Menschen, gute Menschen. Hier wollen wir leben, die Menschen lieben und den heiligen Gott preisen.“

Der wehmütige Schleier, der meistenteils über seiner Lyrik liegt, wird hie und da durch den sonnigen Strahl dieser naiven, auf religiöser Grundlage ruhenden Weltweisheit zerstreut, und Schewtschenko hätte wohl selbst am liebsten der Aufforderung Folge geleistet, die der Sänger an die „Hajdamaken“ richtet: „Meine Söhne, die Welt ist weit, die Freiheit winkt. Geht und streifet umher und suchet das Glück!“ Schewtschenko ist Halajda selbst, der junge Held des Gedichtes, der wehklagt: „Schwer ist es, in der Welt zu leben, und man will doch leben; man möchte zuschauen, wie die Sonne scheint, zuhören, wie das Meer [64] braust, wie die Vöglein zwitschern, die Waldung saust und wie das schwarzäugige Mädchen im Haine summt. O lieber Gott, wie lustig ist es zu leben!“

Selbst in der Einsamkeit findet er, der Junggeselle, einen Trost, denn er fühlt sich nicht allein: er hat Kinder – seine Gedichte, wenngleich er sich auch mit bangem Kummer fragen muß, welches Los ihnen beschieden sein wird. Sogar in der Verbannung verläßt ihn die Hoffnung nicht. Auch in die dunkelste Höhle kann zuweilen ein Sonnenstrahl dringen, so daß ein grüner Halm aus ihr hervorsprießt.[55] Und in Orenburg (1849) beichtet er: „Lieber Gott! Wie gern möchte ich leben, deine Gerechtigkeit lieben und die ganze Welt umarmen.“

Aber ungeteilte Lebensfröhlichkeit ward ihm niemals zu teil. Das reine Glück lächelte ihm sehr selten. Schewtschenko war wohl zu wenig Egoist, um ungetrübtes Glück genießen zu können; wurde er doch nie das drückende Bewußtsein los, daß sein Volk noch immer in den Fesseln geistiger und sozialer Sklaverei schmachte und er selbst fürchtete sich vor geistigem Stumpfwerden. Lieber das Unglück mit Mitmenschen im Kampfe teilen als einsam im Glück erstarren! Als er 1845 die Ukraine besuchte, stand er ja im Zenith seines Schaffens, seines Ruhmes und schien einer glücklichen Zukunft entgegenzugehn. Seine damalige wirkliche Stimmung bezeugt aber das folgende ergreifende Gedicht:[56]

„Rasch fliehn die Tage und die Nächte,
schon schwand der Sommer … Welkes Grün
stirbt säuselnd ab; die Augen brechen
und traumlos siecht das Herz dahin.
Es schläft das All und ich weiß nicht,
ob ich noch lebe, ob ich vergehe,
ob nutzlos ich hienieden walle dann,
weil weder weinen noch lachen mehr ich kann …
Schicksal, wo bist du? Schicksal, wo bist du?
Ist umsonst mein Fragen?

[65]

Gott – wenn du mir kein gutes schenkst,
laß mich denn ein schlechtes tragen!

Laß mich, Lebenden, nicht schlafen,
nicht den Tod mir werden,
laß mich nicht gleich morschem Klotze
faulen hier auf Erden.
Laß mich mit den Menschen leben
liebevoll, beisammen.
Oder ich will fluchend stecken
diese Welt in Flammen.

Gräßlich ist, als Sklav’ die Freiheit
lebenslang zu missen,
noch weit gräßlicher als Freier
nur zu schlafen wissen,
nur zu schlafen und im Grabe
spurlos zu verwesen!
Einerlei – ob man hier lebte,
ob man nicht gewesen!
Schicksal, wo bist du? Schicksal, wo bist du?
Ist umsonst mein Fragen …
Gott, wenn du mir kein gutes schenkst,
laß mich denn ein schlechtes tragen.“

Das Gefühl der Verlassenheit, der Isolierung konnte der Dichter fast nie unterdrücken; immer bleibt er der Verwaiste, der in fremdem Lande herumirrt, und einsame Menschen sind nicht selten in seinen Gedichten, – bald ist es das Mädchen, das vergeblich den Geliebten erwartet, bald ist es der Kosak, der in die Ferne zieht und in der Einsamkeit vergeht. „Wohl gibt es in der Welt Glück, aber wer kennt es? Wohl gibt es in der Welt Freiheit – heißt es in der Erzählung ‚Kateryna‘ – aber wer besitzt sie? Es gibt Menschen, die mit Gold und Silber glänzen und scheinbar glücklich sind. Das wahre Glück wird ihnen aber nie zu teil und auch nicht die Freiheit.“

Zwei Kräfte hielten indeß den unglücklichen Dichter sogar in den verzweifeltsten Stunden aufrecht: sein Idealismus, der Glaube an Gott und seine heiße Vaterlandsliebe. Die Ukraine ist ihm eine zweite Mutter und der verirrte Wanderer sehnt sich immer wieder nach ihr zurück, gleichwie [66] der müde Knabe in die Elternhütte wiederkehrt, nachdem er bei „dem Suchen nach den Himmelssäulen“ den rechten Weg verfehlt hatte. „Hinter dem Ural irrte ich umher und flehte zu Gott, daß unser Recht (prawda) nicht zugrunde gehe, daß unser Wort (slowo) nicht ersterbe … Wird die Gerechtigkeit unter den Menschen herrschen? Ganz sicherlich; die Strafe muß für die Zarensöhne kommen, sonst würde die Sonne stehn bleiben und die verunreinigte Erde versengen … Verleih, o Mutter Gottes, der armen Seele Kraft, auf daß ich mit Feuerzunge spreche, damit das Wort zu Flammen werde, die Herzen der Menschen erweiche und sich in der Ukraine verbreite und dort geheiligt werde.“

Das Wort „Ukraina“ ist fast auf jedem Blatt des „Kobsar“ geschrieben und es kann also nicht wundernehmen, daß dieses Buch die poetische Bibel der Ukrainer geworden ist; in dieser Beziehung ist der „Kobsar“ einzig in der Weltliteratur. Die Gedichte, die sich auf die Ukraine beziehen, zu zitieren, wäre fast gleichbedeutend mit einer Auseinandersetzung des ganzen stofflichen Inhaltes. Man wird auch konstatieren können, daß gerade diejenigen Werke des Dichters am schönsten sind, die nicht in der Ukraine geschrieben worden sind, sondern in der Ferne – sei es in Petersburg oder am Aralsee, was am besten beweist, wie groß das Heimweh des Dichters gewesen ist. Gerade infolge der räumlichen Entfernung wurde das Vaterland idealisiert und trat in verklärtem Glanze vor seinen innern Blick. Er wußte, daß seine Gedichte den Weg in die Ukraine finden würden, „wo sie aufrichtige Herzen treffen, die sie nicht umkommen lassen“.[57] „Vielleicht werden nach vielen Jahren – heißt es in einem Gedichte vom Jahre 1850 aus Orenburg – meine mit Tränen gestickten Lieder nach der Ukraine geflogen kommen und wie Tau über die Erde still auf junge, warme Herzen fallen. Vielleicht wird einer dann das Haupt neigen, mit mir weinen und meiner in seinen Gebeten gedenken.“

[67] Eine der schönsten Huldigungen für die Ukraine hat Schewtschenko in dem Gedicht „Die Muse[58] niedergelegt, das er 1858 in Niznij Nowgorod verfaßte:

„O Muse du, im Glorienscheine,
Du Schwester des Apoll, du Reine,
nahmst mich in Windeln in den Schoß
und trugst ins Feld mich, frei und groß.
Und dort auf einem Grabeshügel
gleich Freiheit, köstlich – ohne Zügel –
hast mich umhüllt mit Nebelflor
     und gabest singend mir den Segen.
     Fern in menschenleerer Steppe
 dort im Sklaventume
     prangtest du noch selbst in Ketten,
 eine stolze Blume.
     Aus dem schmutz’gen Kerker flogest
 du auf Vogelschwingen
     rein und heilig und du schwebtest
 über mir mit Singen.
     Und du sangest, Goldbeschwingte,
 sangst mit süßer Kehle,
     wie wenn Wunderwasser dringen
 in die kranke Seele.
 – – – – – – – – –
Und wenn ich sterbe, meine Hehre,
o, meine Mutter, hör’ den Schwur:
Leg’ deinen Sohn ins Grab und weihe
aus deines ew’gen Auges Bläue
mir eine einz’ge Träne nur!“

Als die Verkörperung des ukrainischen Hügel- und Steppenlandes erstrahlte vor den Augen Schewtschenkos immer wieder der Dnipró. Dieser große Fluß, Borysthenes in der Antike, spielt in der Ukraine die gleiche Rolle wie Vater Rhein in der deutschen, matuschka Wolga in der russischen und Dunaj (die Donau) in der slawischen Literatur überhaupt. Wurde doch der Dnipró auch von Gogol warm besungen,[59] dessen Phantasie in Augenblicken seines besten [68] dichterischen Schaffens gern an den Ufern des Stromes weilte und der in der Lobpreisung des Heimatlandes sich zu dem charakteristischen Ausrufe hinreißen ließ: „O Steppen, wie herrlich seid ihr! Hol’ euch der Teufel!“[60]

Für Schewtschenko aber war der Dnipró etwas mehr als ein naturschöner Fluß; er war ein Teil seiner selbst; ein heiliger, die Personifizierung des freien Kosakentums, der Spiegel der unermeßlichen Steppen. Als er in Orsk weilte (1847), war es sein sehnlichster Wunsch, daß die Winde ihm wenigstens eine Handvoll Erde von den Ufern seines heiligen Dniprós senden möchten. Es ist auch ein sonderbarer Zufall, daß der Dnipró sowohl in seinem allerersten Gedicht („Die Besessene“) wie auch in dem allerletzten an seine Muse erwähnt ist. In der ersten Ballade, die sich am Ufer abspielt, wird der Dnipró fünfmal genannt, schon in der ersten Zeile heißt es: „Rewe ta stohne Dnipr schyrokyj“ (Der breite Dnipró brüllt und stöhnt). In dem Abschiedsgedichte, das er am Vorabend seines Todes in Petersburg schrieb, lauten die Schlußzeilen wörtlich:

„Am Phlegeton selbst oder am Styx im Paradies wie am breiten Dnipró im Haine werde ich eine Hütte bauen und ringsum ein Gärtchen pflanzen. Du wirst in den schattigen Raum hinschweben, ich werde dich wie eine Königin setzen heißen. Wir werden den Dnipró und die Ukraine uns ins Gedächtnis rufen, die heitern Dörfer in den Hainen, die Gräber wie Berge auf den Steppen und wir werden fröhlich singen.“[61]

Der Dnipró nimmt in der Dichtung Schewtschenkos wie in der Volksphantasie unendlich große Dimensionen an und verwandelt sich schließlich in einen greisen Sagenhelden. Er ist „mein Bruder“ (im Gedicht „Der aufgewühlte Grabhügel“) und „die Welt kennt nur einen Dnipró und keine zweite Ukraine“. Die Freiheit der Kosaken ist weit wie der Dnipró. Er ist wie ein blinder Greis, der am Zaun singt. Er ist breit und lang und unermeßlich wie das Meer. [69] Er nimmt alle andern Flüsse auf und trägt ihr Wasser ins Meer, wo er von den kosakischen Schicksalen erfährt. Er nimmt an den Freuden und Schmerzen der Menschen teil und „wenn er zürnt, weint die Ukraine“ (‚Die Hajdamaken‘). Er gräbt die Ufer aus und wäscht die Wurzeln des Ahorns. „Alt steht er da, niedergebeugt wie ein düstrer Kosak.“ In den „Hajdamaken“ singt Jarema: „Mein Dnipró, du breiter und langer! Viel des kosakischen Bluts hast du ins Meer getragen, Vater, doch noch mehr wirst dahin du tragen, Freund. Und der Dnipró erhob die Wellen gleich Bergen inmitten der Schilfrohre, als ob er gelauscht hätte.“ Und in der Verbannung seufzt der Dichter selbst:

„O würd’ vom Dnipró mir ein Winken,
ein einzig Lächeln meinem Sehnen!“




Wenn Schewtschenko vor dem Jahre 1847 – dem Wendepunkt seines Lebens – als epischer Dichter gelten mochte, scheint er mir nach diesem Jahre eher ein lyrischer zu sein. Je mehr er sich von der Heimat entfernt, um so mehr steigert sich sein Heimweh, und je mächtiger die religiösen Gefühle und die einsamen Selbstbetrachtungen überhand nehmen, um so mehr trauert er über den sittlichen und politischen Verfall der ländlichen Bevölkerung. Er sieht sein Vaterland am Dnipró nicht mit den gleichen Augen an wie früher, wo ihn die Überlieferung des freien Kosakentums zu lebensfrohen epischen Lobgedichten begeisterte. In einem Gedicht vom Aralsee (1848) entschlüpft ihm sogar das trostlose Bekenntnis: „Zuletzt fand ich, daß es nur dort gut ist, wo wir nicht sind.“[62] Ein tiefer Pessimismus weht aus dem folgenden Gedichte (1848):

[70]

Wovon bist du schwarz geworden,
     breites Feld? Vom Blute
ward ich für die freie Freiheit
     also schwarz. – Vier gute
Meilen rings um Berestetschko[63]
     mich mit Leichen haben
überdeckt die Saporoger,
     reich an Ruhm. – Auch Raben
deckten mich, geschwärmt von Norden
     her. Kosakenaugen
schlürfen sie, die besser ihnen
     als die Leichen taugen.
Schwarz ich ward für eure Freiheit,
     werde wieder grünen, –
ihr doch werdet euch zur Freiheit
     nimmermehr erkühnen.
Werdet ackern mich und ruhig
     meinen Boden pflügen
und in euer herbes Schicksal
     fluchend nur euch fügen.[64]

In dem Gedichte „Die Pest“ (Tschuma) gedenkt er am Aralsee des schönen Frühlings am Dnipró. „Frühling; die Gärtchen blühn; wie mit Leinwand bedeckt leuchten sie, vom göttlichen Tau gewaschen. Die Erde prangt in ihrer Blütenpracht, prangt mit dunkeln Gärten, mit bunten Wiesen; die Leute im Dorfe dagegen, gleich verschüchterten Lämmern, haben sich in die Hütten verkrochen und sterben hin. Auf den Straßen brüllen die hungrigen Ochsen. Die Pferde weiden im Garten. Es kommt niemand daher, sie in den Stall zu führen … zu füttern; es ist, als schliefen alle. Seit langem wird kein Glockenklang vernommen; die Schornsteine trauern düster – ohne Rauch. – Und der schwarzen Grabhügel werden immer mehr hinter den Gärten. Tage vergehn, Wochen, – nur Nesseln wachsen im Dorfe; wie eine Oase grünt es auf weitem Feld. – Doch niemand sucht es auf. Nur der Wind haust hier und verstreut die gelben Blätter auf das goldne Feld …“

[71] Sogar das Kosakenleben ist nicht mehr so wie früher. Der Saporoger will nicht heiraten, noch weniger an den Pflug gehn, sondern er vermählt sich mit dem Vater Luh und der Mutter Chortytzja,[65] seine eigene Mutter verlassend. Als er aber zurückkommt, ist seine Jugend vorbei. Niemand erwärmt sein Herz, niemand gibt dem armen Krüppel einen Schluck Wasser.

Derartige wehmütige Töne erzittern auf der Harfe Schewtschenkos schon vor der Verbannung. Das Gedicht „Das aufgewühlte Grab“ (Rosryta mohyla) 1843 – ein in seinen Dichtungen recht oft wiederholtes Motiv – beginnt mit den Worten:

„Stilles Licht, geliebtes Land, du meine Ukraine! Warum hat man dich ausgeplündert? Weshalb nur gehst du unter? Hast du denn nicht gegen Sonnenaufgang innig zu Gott gebetet?“

Und noch mehr verstimmt klingt die Kobsa in dem im folgenden Jahre geschriebenen Liede von Tschyhyryn, der ehemaligen Residenz Chmelnytzkyjs:

„O Tschyhyryn, o Tschyhyryn! Alles ist vergänglich in der Welt. Dein Ruhm, so heilig, verfliegt wie Staub …“

„Ich Narr vergieße meine Tränen vergeblich auf deinen Trümmern. Die Ukraine ist eingeschlafen, mit Steppengras bedeckt und von Unkraut überwachsen. In Schmutz und Schlamm hat sie ihr Herz verkommen lassen, im hohlen Baumstamm giftige Schlangen geborgen und ihrer Kinder Hoffnung auf der Steppe gelassen. Diese Hoffnung haben die Winde zerstreut … Schlafe, Tschyhyryn. Mögen die Kinder der Ukraine bei dem Feinde zugrunde gehen. Schlafe, Hetman, bis Gerechtigkeit in dieser Welt aufsteht!“

Den kräftigsten Ausdruck findet seine Vaterlandsliebe in dem großartigen, beinahe an das Alte Testament gemahnenden „Sendschreiben an meine toten, lebenden und noch nicht geborenen Landsleute in- und außerhalb der Ukraine“ (Poslanije), geschrieben [72] in der Ukraine 1845. Der Dichter wacht und weint, während alles im tiefen Schlafe ruht und seine Landsleute in Ketten verschmachten. Er will sie aufwecken: „Besinnet euch, mißratne Kinder! Schaut dies stille Paradies, eure Ukraine, und liebet mit reinem Herzen die große Ruine! Schüttelt ab die Fesseln und verbrüdert euch! Suchet nicht in fremdem Lande, was nicht einmal im Himmel zu finden ist … nur im eignen Hause ist eigne Rechtlichkeit und Kraft und Freiheit! – Ihr brüstet euch damit, daß wir einst Polen zertrümmert haben! Ja, ihr habt recht … Polen ist gefallen, aber es hat auch euch erdrückt. Für Moskau und Warschau haben eure Väter das Blut vergossen, aber uns, ihren Söhnen, die Ketten, ihren Ruhm, übergeben …“

Das strenge Urteil, welches der Dichter über seine Landsleute spricht, rührt nur von seiner flammenden Vaterlandsliebe her. „Wer seine Mutter vergißt, wird von Gott bestraft.“ Das feinfühlige Gemüt des Dichters verleugnet sich aber auch hier nicht und das warme Mitleid mit dem Unglück entlockt ihm Tränen der Barmherzigkeit. „Ich weine, wenn ich an die unvergeßlichen Taten unsrer Vorfahren denke. Es waren schwere Taten. Gern wollte ich auf die Hälfte eines fröhlichen Lebens verzichten, wenn ich jene vergessen könnte.“ Zuletzt wendet er sich an seine Landsleute im Namen der Nächstenliebe und im Vertrauen auf eine bessere Zukunft: „Umarmet, meine Brüder, den kleinsten Bruder, damit das Gesicht der verweinten Mutter vor Freude sich aufhelle! Segnet eure Kinder mit derben Händen und küsset sie mit freien Lippen! Und die verfloss’nen schändlichen Zeiten werden vergessen sein und der gute Ruf, der Ruhm der Ukraine, wird neu erstehn.“

Und wenngleich das Volk noch immer unglücklich bleibt, betet er in der Verbannung, daß er es wiedersehn möchte und daß es nicht im fremden Land umkomme. Bis zum letzten Atemzug hält er fest an der gleichen Demut und Ergebung, aber auch an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für das Volk, obgleich er immer wieder enttäuscht wird. Diese seine Stimmung äußert sich besonders schön in einem der allerletzten Gedichte.

[73] „Ich rechte nicht mit Gott und klage über niemand. Ich, Tor, betör’ mich selbst und obendrein noch singend. Ich pflüge mein Brachfeld, den dürftigen Boden und säe das Wort … Gute Ernte wird einst daraus ersprießen … So betör’ ich allein mich und sonst wohl keinen …“

„Pflüge dich, mein Feld, von Berg zu Tal! Sei befruchtet, schwarzes Feld, von leuchtender Freiheit!“

„Betöre ich mich nicht neuerdings,“ wiederholt er noch einmal, „durch trügerische Worte?“ Schön! Immerhin besser, als mit den Feinden friedlich zu leben und mit Gott vergeblich zu rechten.

[74]
III.
Der Landschaftsmaler.

Schewtschenko, der Maler, gehört der Kunstgeschichte[66] an. Ohne ihr Gebiet betreten zu wollen, kann ich nicht umhin, Schewtschenko, den mit dem Pinsel schaffenden Künstler, wenigstens zu skizzieren um darzutun, wie der Dichter von dem Maler beeinflußt wurde. Denn Schewtschenko, der die Natur liebte, besaß auch die Fähigkeit, die Natur in Worten zu schildern, und er hatte den scharfen Blick des Künstlers für die Erscheinungen der Natur.

In dieser Hinsicht bot ihm das gesegnete Dnipróland fürwahr eine Fülle der malerischsten Stoffe. Da waren Hügel, Schluchten und Felder, Haine und Flüsse, pittoresk gelegene Dörfer und vor allem die endlosen Steppen, eintönig und unübersehbar, wehmütig und träumend, doch auch sonnig und glühend-heiße Gefühle erregend und zu ungestümer Freiheit lockend. Und diese Großartigkeit der Natur macht den Menschen um so mehr vertraut mit der Sprache der Vögel, der Winde und der Pflanzen.

In seinem Tagebuch vom 14. Juli 1857 hat Schewtschenko selbst den Unterschied zwischen der russischen und der ukrainischen Natur angedeutet. „Die Großrussen [75] haben eine angeborne Abneigung gegen das Grün, gegen diesen lebendig-funkelnden Lichtblick der lächelnden Mutter Natur. Das großrussische Dorf ist, wie Gogol sich ausdrückt, ein unordentlicher Haufen grauer Balken mit schwarzen Öffnungen statt der Fenster, mit ewigem Schmutz und ewigem Winter; du erblickst dort kaum ein grünes Reis. Hinter dem Dorfe grünen undurchdringliche Wälder und das Dorf selbst scheint gleichsam mit Absicht aus dem Schatten dieses unbetretnen Gartens bis auf die große Straße herangekrochen zu sein, um sich in zwei Reihen an ihr zu lagern … Wie ganz anders sieht es in der Ukraine aus: dort hat jedes Dorf, ja selbst jede Stadt weiße freundliche Häuser, die im Schatten der Kirsch- und Weichselgärten liegen. Dort hat der arme Bauer seine Wohnstätte durch eine üppige, ewig lächende Natur verschönert und er singt sein wehmütiges, trautes Lied in der Hoffnung auf ein bessres Leben. O mein armes, mein wunderschönes und geliebtes Land! Werd’ ich wohl bald deine lebenspendende, süße Luft einatmen? Barmherziger Gott – das ist meine unauslöschliche Zuversicht …“

Für Schewtschenko lagen Dorf und Hütte immer in einem zauberischen Glanz, durch die Entfernung noch idealisiert. Das weiße Häuschen schimmert vor seinen Augen wie „ein Kind in weißem Hemdchen“, wie „eine Maid auf dem Hügel“. In russischer Sprache schrieb Schewtschenko (in Prosa) mehrere Erzählungen, in welchen die ukrainischen Dörfer gepriesen werden, wie z. B. die in der Nowopetrowschen Festung (1853) verfaßte Novelle „Die Prinzessin[67] (Knjazhna), deren Anfang lautet:

„Dorf! O was für ein lieber, bezaubernder Anblick wird in meinem alten Herzen bei diesem lieblichen Wort erweckt! Dorf … vor mir steht unser altes, armes weißes Häuschen mit verfinstertem Strohdach und schwarzem Schornstein; neben dem Häuschen ein Apfelbaum mit rotwangigen Äpfeln und ein Blumenbeet, der Liebling meiner unvergeßlichen Schwester, meiner geduldigen, zarten Pflegerin. [76] An der Schwelle steht die alte Weide mit nach allen Seiten herabhängenden Zweigen und mit verdorrtem Gipfel; hintenan eine Dreschtenne mit Schobern von Gerste, Weizen und andern Getreidearten; noch weiter, am Abhang des Bugs, tritt der Garten hervor. Und was für ein Garten! Ich habe in meinem Leben gar wohlgepflegte Gärten gesehn, wie jene im Umanj[68] und Peterhof, aber was bedeuten sie im Vergleich zu unsern prächtigen Gärten: dicht, dunkel, still – kurzum solche Gärten gibt es nicht wieder in der ganzen Welt. Hinter dem Garten die Wiese, dann ein Tal und schließlich ein stiller, kaum hörbar rieselnder Bach, von Weiden und Schneeballen umgeben, von breitblättrigen, dunkelgrünen Kletten eingehüllt. In diesem Bach unter den hängenden Kletten badet sich ein vierschrötiger weißhaariger Knabe; er läuft dann über Tal und Wiese in den dicht belaubten Garten, wirft sich auf die Erde unter den ersten Birn- oder Apfelbaum und sinkt in einen ungetrübten Schlaf. Wie er erwacht, schaut er auf den gerade gegenüber sich erhebenden Berg und fragt sich selber: „Was kann da hinter dem Berge sein? Am Ende sind es gar die eisernen Pfähle, die den Himmel aufrecht halten …“

Hier haben wir das Elternhaus Schewtschenkos in Kyryliwka vor uns und die reizende Episode aus seinen Kinderjahren ist nicht vergessen.

Wenn Schewtschenko aber an die Bewohner dieser „bezaubernden“ Dörfer denkt, büßt das Bild viel von seinem idyllischen Reiz ein, denn er weiß, daß Not und Elend in diesen Hütten wohnen. Seine altruistische Natur konnte sich keiner ungeteilten Freude hingeben, weil er seine Mitmenschen leiden wußte; die reine Dorfidylle hat so wenig Raum gefunden in seiner Dichtung. Hie und da bricht doch die ungetrübte Lebensfreude durch, wenn auch nur vereinzelt in der Dorfschilderung. Als Schewtschenko 1847 in der Peter-Pawel-Festung saß, vergegenwärtigte er sich einen Abend in der Ukraine und schrieb also:

[77]

„Beim Häuschen steht ein Weichselgarten,
drin schwärmen Käfer um die Bäum’.
Die Pflüger kehr’n mit Pflügen heim,
die Mädchen singend. Die Mütter warten
schon mit dem Abendmahl daheim.

Man sitzt beim Abendbrote eben;
da glänzt des Abendsternes Strahl.
Die Tochter reicht das Abendmahl,
die Mutter will ihr Lehren geben;
nicht läßt es zu die Nachtigall.

Die Mutter legt die Kindlein nieder,
hat sie im Freien eingewiegt,
ist selbst bei ihnen eingenickt.
Hörst Nachtigall und Mädchenlieder;
sonst Stille überm Dörfchen liegt.“[69]

Ist das nicht ein reizendes Bild einer Dorfidylle, idealisiert und doch auf realem Boden ruhend? Man fühlt den Duft der blühenden Weichselbäume, man hört die Nachtigall im lauen, stillen Vorsommerabend und man sieht die Tafelrunde vor der kleinen weißen, strohbedeckten Hütte in der Ukraine. Es ist ein Bild des Familienglückes, von dem Schewtschenko träumte, das aber dem Gefangenen versagt blieb. Allein dem Dichter kann der bloße Traum gar reichliche Entschädigung bieten, und die Dorfidylle erfüllt ihn gänzlich, auch jenseits des Kaspischen Meeres. In Orenburg (1850) träumt er:

„… Es steht am Hügel
an eines Teiches Wasserspiegel
ein Häuschen baumbekränzt und weiß
und vor dem Häuschen steht ein Greis.
Mir scheint, ich seh ihn noch – er scherzet
mit seinem Enkelkind und herzet
den kleinen, holden Lockenkopf.
Mir träumt es noch: daß auf die Schwelle
die Mutter tritt und daß sie schnelle
froh lächelnd küßt so Greis wie Kind –
und dreimal küssend an sich schmieget
sie’s Kindlein, stillt es dann und wieget

[78]

es ein und bringts zur Ruh. Der Greis
indeß noch sinnt in stillen Freuden
und murmelt leis: „Wo seid ihr, Leiden,
wo bleibt ihr, Sorgen, Feindlichkeiten?“
Das Vaterunser brummt der Alte,
bekreuzend sich. Der Sonne Licht
lacht durch der Weiden grüne Spalte,
bis es erbleicht. Der Tag entweicht
und alles ruht. Und auch der Greis
zur Ruh sich nun ins Häuschen schleicht.“[70]

Diese Naturschwärmerei gibt dem Dichter Kraft und Lebensmut und sie macht ihm selbst die Einsamkeit lieb. In seinem Tagebuch vom 17. Juni 1857 schrieb er einige diesbezügliche Notizen, die in den „Aufzeichnungen eines Jägers“ von Iwan Turgenjeff ihren Platz hätten finden können: „Ein stiller schöner Morgen. Nur Pirole (Golddrosseln) und Schwalben stören zu verschiedenen Malen die frühe, süße Ruhe. Seitdem es mir gestattet wurde, allein zu sein, hab ich an der Einsamkeit außerordentlich Gefallen gefunden. Nichts kann anmutiger, mehr verführerisch im Leben sein als die Einsamkeit, besonders angesichts des schönen Antlitzes der lächelnden, blühenden Mutter – Natur. Durch ihren bezaubernden Einfluß versinkt der Mensch unfreiwillig in sich selbst und ‚sieht Gott auf Erden‘, wie der Dichter sagt. Auch früher habe ich lärmende Tätigkeit oder, richtiger gesagt, lärmende Untätigkeit nicht geliebt. Doch nach dem zehnjährigen Aufenthalt hier dünkt mich die Einsamkeit ein wahrhaftiges Paradies. Ich sitze oder liege still gar viele Stunden unter meinem lieben Weidenbaum.“

Diese feierliche Ruhe der Morgendämmerung hat Schewtschenko mehrmals in Worten ausgemalt. Schon in der Erstlingsballade „Die Besessene“ (Prytschynna) schildert er das Erwachen des Tages:

„Die Lerche trillert,
sich zum Himmel schwingend;
der Kuckuck ruft,
auf der Eiche sitzend.

[79]

Die Nachtigall flötet.
Es widerhallt davon der Hain.
Hinterm Berg beginnt es sich zu röten;
Lieder stimmen an die Pflüger.
An dem Dnipró
blauen hohe Gräber;
durch den Wald ein Rauschen geht,
dichte Weiden flüstern.“[71]

In der Elegie auf den Tod Kotljarewskyjs (1841) kommt ein ähnliches Stimmungsbild vor:

„Es schläft das Tal, in Schneeballs Zweigen
ist auch verstummt die Nachtigall.
Ihr Schweigen löset ab das Sausen
des Morgenwinds, der zieht durchs Tal.
Geweckt vom Schall der Gottessprache
stehn auf die Leut’ zur Tagesmüh;
ums Wasser Mädchen gehn zum Bache
und auf die Weide zieht das Vieh.
Die Sonne beleuchtet ein Paradies,
die Weide lacht …“[72]

In den „Hajdamaken“ heißt es: „Die Morgenröte glüht, die Himmelsfeste glänzt mit weißen Wangen, der Weidenbaum lauscht der Nachtigall, indem er sich im Brunnen spiegelt.“ In dem großen Gedichte „Der Traum“ (Sson) findet sich folgende prachtvolle Naturmalerei:

„Sieh, der Morgen graut … Den Himmel
     Purpurflammen säumen,
froh die junge Sonne grüßen
     Vöglein in den Bäumen.
Steppen schimmern, über Fluren
     regt der Wind die Flügel,
grüne Weiden über Teichen
     nicken auf dem Hügel.
Sachte ihre dunklen Kronen
     frische Gärten neigen;
hohe Pappeln, Wächtern gleichend,
     stehn im Feld und schweigen.
Und das ganze Land, in Schönheit
     strahlend und in Wonne,

[80]

grünt im Morgentaue badend
     und begrüßt die Sonne …“

Ebenso wird die Abenddämmerung in Worten ausgemalt:

„Mein Abendstern, o tauche du
am Berg empor und sei geneigt
zum Zwiegespräche mir Gefangnem!
Erzähl, wie hinter Bergeshöhen
die Sonne niedersinkt,
wie aus des Dniprós Flut
der Regenbogen Wasser saugt,
wie da die Espe ihre Zweige spreizt
und dicht am Fluß die Weide steht,
ins Wasser ihre Äste tauchend,
auf denen Kinder schaukeln,
ungetauft dahingeschiedene …“[73]

In einem gleichbetitelten Gedichte (Orsk 1847) sieht er, wie „die Abendsonne den Hain vergoldet, den Dnipró und das Feld mit Gold bedeckt; Masepas Domkirche[74] glänzt in dem weißen Gewand; das Grab des Vaters Bohdan schimmert; auf dem Weg nach Kiew beugen sich die Weiden über die Grabhügel, in denen drei Brüder ruhn; die Alta vereinigt inmitten des Riedgrases ihre Wellen mit dem Trubajlo, gleich Bruder und Schwester. Alles dies, alles erfreut das Auge, während das Herz weint und sich scheu in sich zurückzieht.“

Anders schildert ein Gedicht aus der Verbannung die Abendstimmung. „Die Sonne geht unter, die Berge verfinstern sich. Das Vöglein wird still, das Feld verstummt. Die Menschen freuen sich auf die Ruhe. Die ganze Natur ist in Dunkel gehüllt. Auf dem tiefblauen Himmel erscheinen die Sterne …“ Und der Dichter fragt unter Tränen den Abendstern, ob er zur gleichen Zeit auch in der Ukraine glänzt, ob dunkle Augen nach ihm ausschauen.[75]

[81] „Nachts“ – heißt es dagegen in der poetischen Erzählung ‚Kateryna‘ – „schreien die Eulen, der Eichwald schläft, die Sterne glänzen; längs des Weges laufen die Zieselmäuse unter den Amaranthen. Die guten Leute schlafen ermüdet, die einen vom Glück, die andern von Tränen; alles wird von der Nacht verhüllt. Alle bedeckt die Nacht mit ihrem dunkeln Schleier wie eine Mutter ihre Kinder.“ – Hier aber spürt man vielleicht noch die Einwirkung der romantischen Balladenstimmung, die noch deutlicher in den ersten Zeilen des Gedichtes „Die Besessene“ hervortritt:

„Es braust und stöhnt der Dnipró, der breite,
der Sturmwind heult im grimmen Lauf,
beugt hohe Weiden in der Weite
und peitscht die Wellen berghoch auf.

Nur selten schien in dieser Stunde
der blasse Mond durchs Sturmgewirr
und wie ein Kahn im Meeresschlunde,
so kam und sank es für und für.

Noch kündete kein Hahnenruf den Morgen,
man hörte keines Menschen Wort;
der Uhu schrie, allüberall im Wald verborgen,
die Esche knarrte fort und fort.“[76]

In diesem Naturgemälde spürt man noch etwas vom literarischen Einfluß der deutschen Romantik, gleichwie bei Zhukowskij und Mickiewicz. Hier offenbart sich noch nicht der naive volkstümliche Realismus, der sonst für Schewtschenko kennzeichnend ist. Wenn er eine Landschaft poetisch schildert, sieht der Leser nicht ein generalisiertes Landschaftsbild, wie z. B. die stilisierte Naturmalerei in Djerzhawins „Wasserfall“, sondern eben die Ukraine, mit deren Flora der Dichter vertraut ist. Da stehen die Eichen, Espen und Pappeln; da blühen die Weichselbäume und der Schneeball; da sind die Felder mit Lilien, Löwenzahn, Schlüsselblumen, Königsblumen und Immergrün[77] geziert. [82] Im Frühling enthüllt diese Blumenwelt ihre bunte Farbenpracht und begeistert den Dichter zur Lobpreisung der sich immer neu verjüngenden Natur, „Der Frühling“ – heißt es in den „Hajdamaken“ – „ist wieder erwacht und[WS 3] hat die schläfrige, schwarze Erde geweckt; er ziert sie mit Himmelsschlüsseln und bedeckt sie mit Immergrün; die Lerche über dem Feld und die Nachtigall im Haine, sie heißen frühmorgens die vom Frühling geschmückte Erde willkommen.“ Oder in dem erzählenden Gedicht „Der Gefangene“ (Newoljnyk): „Mit Immergrün, Rauten und Himmelsschlüsseln schmückt der Frühling die Erde wie eine Maid im grünen Hain; die Sonne verzögert ihren Lauf und sieht die junge Erde an wie der Bräutigam die Braut.“

Und diese Landschaft mit den auf dem Horizont sich spiegelnden Steppen bekommt ihre charakteristische melancholische Staffage durch die Karawanen von mit Ochsen bespannten Lastwagen, die im Frühjahr nach dem Süden ziehn, um ukrainische Rohwaren gegen Salz, Fische etc. einzutauschen. Diese „Tschumaken“ spielen in der ukrainischen Volkspoesie ungefähr dieselbe Rolle wie die Prahmschlepper an der Wolga in der russischen. Mehrmals erwähnt Schewtschenko den „Tschumak“, der vom Lyman (der Mündung des Dniprós) „unglücklich mit fremder Ware die fremden (d. h. ihm nicht zugehörigen) Ochsen antreibt“. Weil eine Karawanenreise sehr langwierig war und fast ein halbes Jahr dauerte, verglich Schewtschenko seine trägen Jahre in der Verbannung mit einer Tschumakenfahrt.

Der Ausdruck Tschumak soll von dem Wort „tschuma“ (Pest) herrühren, weil jene Leute ihre Kleider mit Teer tränkten, um sich vor Pestansteckung zu schützen. In einem Gedicht[78] hat Schewtschenko geschildert, wie ein junger, von der Seuche angesteckter Tschumak auf der Steppe stirbt. Die Ochsen umstehn ihn düster und die Raben fliegen herbei, um den Leichnam zu zerfleischen. Der Tschumak bittet in der Todesstunde die Raubvögel, sie mögen zu seinem Vater fliegen, damit eine Seelenmesse für ihn gelesen [83] werde. Die junge Braut aber mögen sie grüßen, auf daß sie seiner nicht mehr harre … Das Gedicht ist eine musterhafte Bearbeitung eines wohlbekannten Volksliedes.

Wie im alten Igorlied, dessen Fragmente von Schewtschenko 1860 übersetzt wurden, wird auch hier die Natur lebendig. Die Sonne übernachtet hinter dem Meere; der weißwangige Mond wandert am Himmel und betrachtet die endlose See, und Eichen aus der Hetmanenzeit stehn wie hochwüchsige Greise. Der Wind wird für Schewtschenko, sowie für die Volksphantasie überhaupt, ein lebendiges Wesen, das in menschliche Ereignisse eingreift und an den Schicksalen der Ukraine teilnimmt; bald flüstert er nachts mit den Schilfen, bald schreitet er über die Steppe und knüpft mit den Kurhanen (Grabhügeln) Gespräche an. Bald donnert seine Stimme gegen das Meer – alles wie mit einigen Pinselstrichen veranschaulicht, wie z. B. in der Einleitung zu den „Hajdamaken“: „Das Meer spielt, der Wind weht, die Steppe verfinstert sich und der Grabhügel spricht mit dem Winde.“

Ebenso rufen die Menschen die Winde, die Blumen oder das Meer an, wenn sie in Not sind oder die ungewisse Zukunft erraten wollen. Das Mädchen, vergeblich des Geliebten harrend, fleht den Sturmwind an, daß er zum Meere fliege und erspähe, wo der Teure bleibt:

„Wind, du wilder, Wind, du wilder!
     der du sprichst zum Meere:
Weck es auf, durchstürm es, frag es,
     wo mein Liebster wäre!
Frag, wo mein Geliebter weilet,
     hast ihn doch getragen
und allwo es ihn gelassen,
     muß das Meer dir sagen.“[79]

[84]
IV.
Volkspoetische Elemente in Schewtschenkos Dichtung.

Wenn von der ukrainischen Kunstdichtung insgesamt behauptet wird, sie sei verfeinerte Volkspoesie, dürfte dies zumindest in bezug auf Schewtschenko zutreffend sein. Seine Gedichte sind teilweise dem echten Volksliede abgelauscht und sein ureignes künstlerisches Empfinden verstand es, aus diesen Goldbarren zierliche Kleinodien zu schmieden. In der poetischen Kleinmalerei hat Schewtschenko kaum seinesgleichen in der slawischen Literatur, und die wortkarge Naivität seiner schlichten Lieder bedeutet in der Tat eine hoch entwickelte Künstlerschaft.

Es dürfte wohl nicht viele größere Dichter geben, die so wenig mannigfaltige Versmaße wie Schewtschenko gebraucht haben. Mit Reimen ist er verhältnismäßig sehr sparsam und mit künstlerischen und künstlichen Versbildungen, gleich Stanzen, Terzinen oder Sonetten, befaßte er sich gar nicht. Und doch liegt in Schewtschenkos Dichtungen eine niemals ermüdende oder einförmige rhythmische Bewegung, und der Mangel an Reimen wird reichlich durch Assonanzen, Alliterationen und abwechselndes Metrum ersetzt. Bald klingt es wie ein Flötenton, bald wie ein flehendes Singen; bald hallt die weiche Melodie in wehmütigen Schlußakkorden, bald glaubt man dumpfen Donner zu hören. Schewtschenkos Kobsa verfügt über eine Fülle von Tönen, obgleich der Saiten wenige sind. Seine Lieder erscheinen so einfach; sie sind jedoch durchaus nicht leicht in andere Sprachen zu übertragen, gleichwie das Volkslied sich nur [85] schwer durch fremde Zunge wiedergeben läßt. Von den vielen deutschen Schewtschenko-Übersetzungen glaube ich immerhin behaupten zu können, daß die meisten mit gewissenhafter Treue ausgeführt wurden. Die melodische Schönheit der ukrainischen Originale können diese Gedichtsproben den ausländischen Leser freilich nur ahnen lassen. Keine Übertragung kommt im Deutschen dem Urtexte gleich. Und ich glaube immerhin, daß keine der nichtslawischen Sprachen mehr geeignet ist als die deutsche, die weiche volkstümliche Lyrik Schewtschenkos in sich aufzunehmen.

Worin liegt nun die formelle Zauberkraft des „Kobsar“? Erstens liegt sie in der musikalischen slawischen Sprache selbst und zweitens in der wunderschönen ukrainischen Volkspoesie, aus welcher Quelle Schewtschenko so reichlich geschöpft hat. „In keinem andern Lande hat der Baum der Volkspoesie so herrliche Früchte getragen“, sagt Bodenstedt, und K. E. Franzos bestätigt dieses Urteil mit den Worten: „Das Volkslied der Kleinrussen ist das Beste und Schönste, was der Volksgeist geschaffen.“ Über die Verschiedenheit der russischen Volksdichtung und der ukrainischen schreibt Kostomarow: „Die historische Erinnerung geht bei den Moskowitern gleich ins Epos über und verwandelt sich in eine Dichtung, während sie dagegen in den Liedern des ukrainischen Stammes mehr Wirklichkeit enthält und es oft nicht nötig hat, diese Wirklichkeit zur Dichtung zu machen, um im Schmucke kräftiger Poesie zu glänzen.“

Da die volkspoetischen Elemente im „Kobsar“ unablässig fühlbar sind, dürfte es hier angemessen sein zu erfahren, wie der große Gogol (1833) über die ukrainischen Lieder dachte:

„Diese Volkslieder sind ein Grabdenkmal für das Verflossene, aber noch etwas mehr: ein Stein mit beredtem Relief, mit historischer Inschrift. Nichts ist mit dieser lebendigen, redenden und klingenden Chronik zu vergleichen. In dieser Beziehung ist das Volkslied für die Ukraine alles – Poesie und Geschichte und ein Grabhügel der Väter. Die ukrainischen Lieder können mit vollem Recht historisch genannt werden, weil sie sich keinen Augenblick von dem [86] Leben losreißen, sondern immer dem jeweiligen Momente und Gefühlszustand treu bleiben. Überall sind sie von der weiten Freiheit des kosakischen Lebens durchhaucht. Überall spürt man die Kraft und die Freude, womit der Kosak das ruhige Dasein und die Sicherheit des häuslichen Lebens verwirft, um sich ganz der Poesie der Schlachten, der Gefahren und des ausgelassenen Schmauses mit Genossen zu widmen. Weder die ganz von Liebe erfüllte und von Lebensfrische strahlende Gefährtin mit den schwarzen Augen und Augenbrauen und mit der blendenden Weiße der Zähne, den Steigbügel des Pferdes haltend, noch die hochbejahrte Mutter, Tränen wie Bäche vergießend, deren ganzes Wesen nur von mütterlichen Gefühlen beherrscht ist – nichts ist imstande, ihn zurückzuhalten … Vor seinen Augen schimmert das Schwarze Meer von Tamanj bis zur Donau – ein wilder Ozean von Blumen bewegt sich bei einem einzigen Windhauch; in die grenzenlose Tiefe des Himmels tauchen Schwäne und Kraniche; der sterbende Krieger liegt mitten in dieser frischen, jungfräulichen Natur und sammelt seine letzten Kräfte, damit er nicht sterbe, bevor er seinen Kameraden noch einen Blick geschenkt hat … Nichts kann stärker als diese nationale Musik sein, wenn das Volk poetische Empfänglichkeit, Mannigfaltigkeit und Lebenstätigkeit besitzt, wenn der Druck der Gewalt und stetiger Hindernisse ihm keinen Augenblick gestattet einzuschlafen, sondern es zum Klagen nötigt und wenn diese Beschwerden nirgendwo und nirgendwie Ausdruck finden können – ausgenommen in den Liedern.“

Schewtschenkos volkstümliche Sprache offenbart sich schon negativ in dem fast ausnahmslosen Mangel an klassischem Überbleibsel. Von „Gelehrtheit“ ist keine Spur in seinen Gedichten. Es ist allerdings wahr, daß Schewtschenko ein relativ wenig gebildeter Autodidakt war, aber bei solchen Leuten findet man erst recht einen gewissen Hang, mit oberflächlicher Belesenheit zu prahlen. Und gerade die Gründer einer modernen Literatur – man denke an Lomonosoff und Djerzhawin in Rußland oder an Muschitzki und Miljutinowitsch in Serbien! – sind oft geneigt gewesen, [87] ihre nationalen Stoffe mit mythologischen und klassischen Bildern auszuschmücken. Obgleich Schewtschenko recht viel gelesen hatte, hielt er sich doch von derartigen Kunstkniffen gänzlich frei. Wenn ihm z. B. in den „Hajdamaken“ der klassische Vergleich entschlüpft, daß es „so wie in Troja war“, ist das nur die Wiederholung eines Zitates aus einem frühern Gedichte [„Zum Andenken an Kotljarewskyj[80]], in welchem Troja in leicht erklärlichem Zusammenhang mit der „Aeneis“ steht.

Übrigens sind diese klassischen Fälle leicht gezählt. In einem Gedicht vom Aralsee besingt er „die rotwangige Diana“; in einigen Strophen aus derselben Periode ruft er „die Schwester des Apoll am heiligen Parnaß“ an und in dem Schwanengesang erwähnt er die mythologischen Flüsse Lethe, Phlegeton und Styx. Zweimal wird die Nymphe Egeria genannt, die schirmende Fee des römischen Königs Numa. Sogar der alte Saturn, der alles verschlingende Gott der Zeit, wird nicht gänzlich vergessen. Sonst kommen aus der antiken Welt nur vereinzelte Namen vor. In dem Gedichte „Die kühle Schlucht“ fordert er seine Landsleute auf, den grausamen Nero[81] nicht „prepodobnyj“ (heilig) zu heißen und in dem „Sendschreiben an die Toten und Lebenden in der Ukraine“ spricht er von denen, die sich rühmen, daß es auch bei ihnen mehrere Brutus und Cocles gegeben hat. Im „Irzhawetzj“ vergleicht er das Los der Ukraine mit der Hölle „des alten Dante“ und die Prinzessin in der gleichnamigen Erzählung erscheint dem Dichter wie Beatrice Cenci, die „ihren Vater, den Kardinal“, tötete, als er sie notzüchtigen wollte.

Die volkspoetische Sprache Schewtschenkos zeigt sich aber positiv in der häufigen Verwendung von epitetha ornantia: „das blaue Meer“ (ssynje more), „der graublaue Adler“ (ssysyj orel), „das reine Feld“ (tschysste pole) etc. Das Pferd des Kosaken ist „rabenschwarz“ (woronenjkyj), die [88] Eiche „buschig“ (kutscherjawyj dub). Die Donau (Dunaj in der alten Bedeutung des Flusses) ist „schnell“ (bysstryj) usw. „Tschornobrywyj“ (mit schwarzen Augenbrauen) ist eine oft vorkommende Bezeichnung für Schönheit, sowohl männliche als weibliche, und der Kosak ist „tschornjawyj“ (schwarzhaarig). In den „Hajdamaken“ nennt Oksana ihren Jarema „ssysokrylyj sokil“ oder „holub“ (graubeflügelter Falke oder Täuber) und er nennt sie „rybka“ (Fischlein). Menschen werden oft mit Bäumen verglichen. In dem Gedichte „Der Gefangene“ beugt sich Stephan über Jaryna wie ein Ahorn über das Wasser, ihr Vater neigt sich über sie wie eine Eiche und Jaryna selbst beim Abschiede „wie eine Kalyna“. In mehreren poetischen Erzählungen, z. B. in den „Hajdamaken“ sind echte Volkslieder eingelegt. Ja, die ganze Dichtung Schewtschenkos ist eine einzig dastehende Verherrlichung des Volksliedes. „Unsre Dume, unser Lied wird nicht sterben oder verderben, darin liegt unsre Ehre, die Ehre der Ukraine.“[82]

Die Volkstümlichkeit Schewtschenkos liegt schließlich nicht zum mindesten in der Wahl von poetischen Stoffen und in der Bearbeitung von Volksmärchen und poetischen Überlieferungen. Schon sein erstes bekanntes Gedicht, „Die Besessene“,[83] basiert auf einer Volkstradition. Ein geistesverwirrtes Mädchen, dessen Bräutigam ins Feld gezogen ist, nachtwandelt am Ufer des Dniprós, um wenigstens im Traume den Geliebten zu erblicken oder um zu erfahren, ob Adler ihm die Augen zerhackt haben oder Wölfe seinen Körper zerfleischt. Um Mitternacht tauchen ungetaufte kleine Kinder, rusalonjky, d. h. Wassernymphen aus der Tiefe auf und kitzeln die Arme zu Tode. Am nächsten Morgen kommt der Kosak wohlerhalten zurück und sobald er den Leichnam der Geliebten entdeckt, zerschmettert er seinen Kopf an einem Eichenstamm. Die beiden Leichen werden vom Popen begraben, und auf ihrem Grabhügel [89] werden ein Ahorn gepflanzt und ein Schneeball.[84] Des Nachts singt auf den Grabstätten eine Nachtigall und ein Kuckuck ruft, während die Rusalonjky aus dem Dnipró heraufschwimmen, um sich zu wärmen.

Verwandt mit dieser Erzählung ist die volkstümliche Ballade „Die Pappel“ (Topolja)[85] (1840). Ein Mädchen liebt einen Kosaken, der es im Stiche läßt. Es welkt dahin wie eine Blume. Die Mutter will es an einen reichen alten Mann verheiraten, aber die Tochter will lieber im Sarge ruhn, als seine Ehefrau werden. Aus Verzweiflung sucht sie so eine Zauberin auf, um das Schicksal des Geliebten zu erfahren und sie bekommt von der Hexe folgenden Rat: Vor Hahnenruf solle sie zur Quelle gehn, sich in deren Wasser waschen und einen Trunk von einem heilenden Zaubertrank nehmen; dann solle sie, ohne sich umzudrehn, zu dem Platze eilen, wo sie sich von dem Geliebten verabschiedete. Sobald der Mond ganz hoch am Himmel steht, solle sie noch einen Trunk nehmen und wenn der Geliebte doch nicht kommt, also zum drittenmal trinken. Sie dürfe jedoch kein Kreuz schlagen.

Das Mädchen tat, wie ihm geheißen wurde. Es nahm die Kräuter, trank an der Quelle und fühlte sich wie neugeboren. Nach dem dritten Trank sang es ganz unbewußt:

„Schwimm, ach schwimme, du mein Schwänlein,
     auf dem Meer, dem blauen!
Wachs, ach wachse, Pappelbäumchen,
     hoch in Himmelsauen!
Wachse schlank und hoch nach aufwärts,
     wo die Wolken schweben,
frage Gott selbst, werd ich jemals
     Eheglück erleben? …“

[90] Und nun geschah das große Wunder. Das Mädchen wurde in eine Pappel verwandelt, die zu den Wolken emporragte, als wollte sie auf der Steppe ewig nach dem Geliebten spähn.

Der volkstümliche Ton ist in dieser Ballade vielleicht noch besser getroffen als in der vorigen, wo ein Schimmer von Romantik deutlich bemerkt werden kann. Besonders stimmungsvoll ist der Anfang der „Pappel“:

„Durch den Eichwald braust der Sturmwind,
     jagt durch Steppenlande,
beugt die Pappel schier zur Erde
     hart am Wegesrande.
Hoch gewachsen, breit an Blättern,[86]
     wozu mag sie grünen doch,
blau umwogen wie vom Meere
     in der Steppe Weite noch?
Der Tschmumake geht und sieht sie,
     neigt sein Haupt vor ihr;
Früh der Hirt sitzt mit der Flöte
     auf dem Grabeshügel hier;
schaut nach ihr – das Herz bräch ihm:
     Kein Strauch ist in der Runde!
Einsam, einsam, eine Waise,
     geht sie fern zugrunde!“[87]

Daß Schewtschenko in seiner Balladendichtung von Zhukowskij und besonders von Mickiewicz beeinflußt worden ist, kann nicht bestritten werden und ist schon von der literarischen Forschung genügend konstatiert.

Auf sehr realistischem Boden steht die Ballade „Die Ertränkte“ (Utóplena) (1841). Eine junge Witwe hat eine einzige Tochter, Hanna, die „wie ein Mohn am Zaun, wie eine Kalyna im Tale“ aufwächst. Die Mutter haßt sie, weil die Schönheit der Hanna ihren eignen Liebreiz verdunkelt und sie schickt sie aus dem Hause, um sich um so freier mit Männern vergnügen zu können. Ja, sie verschafft sich sogar [91] von einer Hexe Gift für die Tochter … Allein es hat keine Wirkung. Einmal begleitet sie die Hannussja zum Baden. Eifersüchtig auf ihre körperliche Schönheit, zieht sie die Tochter in den Teich, wo sie ertrinkt. Ein junger Fischer, der das Mädchen liebte, kam zufällig hinzu, er sprang ins Wasser und rettete den Leichnam des Mädchens. Er ertränkte sich aber aus Verzweiflung. Nun durften die Mädchen dort nicht mehr baden; der Teich ward mit Schilf überwachsen und wenn jemand da vorüberging, bekreuzte er sich. Nachts tauchen Tochter wie Mutter, die ebenfalls ertrank, aus der Tiefe empor und setzen sich an das sandige Ufer, um die langen Haare zu kämmen, während der junge Fischer um sie schwimmt, grünen Seetang auf dem Hemde tragend. Der Wind aber schleicht leise in der Nacht durch den Hain, biegt sich über die Riedgräser und fragt, wer da sei …[88]

In diesem Motiv von der bösen Stiefmutter liegt wahrscheinlich auch eine Andeutung auf die Kindheit Schewtschenkos, die durch die zanksüchtige Stiefmutter getrübt wurde.

Das Russalka-Motiv ist ausführlich in einem Gedicht[89] aus dem Jahre 1846, als Schewtschenko in Kiew war, behandelt. Eine Mutter hat ihr außereheliches Kindchen (bajstrjuk) im Dnipró ertränkt; es wird in eine kleine Wassernymphe verwandelt, die von der Mutter an die Wasserfläche geschickt wird, um den treulosen Vater zu Tode zu kitzeln, damit sie gerächt werde. Die Kleine leistet dem Befehl Folge, sucht aber sechs Tage vergeblich den Vater. Einmal kommt nun die verlassene Mutter selbst ans Flußufer; sie merkt nicht, wie die Dniprótöchter aus den Wellen emportauchen. Sie wird von ihnen erhascht, gekitzelt und in die Tiefe gezogen.

„Und des Fanges froh, dann schrien sie
     auf in tollem Lachen.
Eine Nymphe konnte nur nicht
     mit den Schwestern lachen.“

[92] Puschkin dichtete bekanntlich 1832 ein märchenartiges Drama „Russalka“, das auf einem gleichartigen Motiv aufgebaut ist. Es ist da ebenfalls die Rede von einem verführten Mädchen, der Tochter eines Müllers, die ihre „russalotschka“ sendet, um den treulosen Fürsten zu holen. Der Schluß des Puschkinschen Melodramas weicht aber von dem Gedichte Schewtschenkos ab, denn in dem russischen Gesangspiel wird der reumütige Fürst von dem Töchterlein zu der Russalka hinuntergelockt. – Die beiden Dichter haben jedoch aus der gleichen Quelle geschöpft, denn es ist wohl kein bloßer Zufall, daß Puschkin, der die Ukraine fast gar nicht kannte, den Schauplatz für sein Drama an die Ufer des Dniprós verlegt hat.

Übrigens kommt das Wort „Russalka“ in dem „Kobsar“ hie und da vor. In dem Gedicht „Die Nonne Marjana“ (Tschernytzja M.) irrt die Heldin umher wie eine „Russalka, des Mondes harrend“; in der dialogisierten Erzählung „Der Hauptmann“ (Ssotnyk) heißt es: „Sie hatte zerzauste Haare wie eine Russalka“ und in der Ballade „Die Besessene“ ähnelt das arme Mädchen einer „russálonjka“, die aufgetaucht ist, um ihre Mutter zu suchen.

In der ukrainischen Volkspoesie, wie in der südslawischen,[90] kommt es oft vor, daß Bäume auf Gräber gepflanzt werden und eine symbolische Bedeutung haben. Im „Kobsar“ gibt es viele Beispiele dieser Sitte. In dem oberwähnten Gedichte[91] von dem bei dem Winde klagenden Mädchen wünscht die Verlassene, wenn der Geliebte gestorben sei, daß ihre Seele wie ein roter Schneeball auf seinen Grabhügel gepflanzt werde, damit er vor fremden Fußtritten bewahrt werde und vor den heißen Sonnenstrahlen geschützt. Mit dem Tau der Tränen möchte sie den heiligen Raum bewässern, bis die Morgensonne jene trocknet.

[93] In der poetischen Erzählung „Die Hexe“ (Widjma), 1847, kehrt ein verrücktes Weib mit einer Zigeunerbande von Bender nach der Ukraine zurück, nachdem sie ihre außerehelichen Zwillinge, die ihr gestohlen worden sind, vergeblich gesucht hat. Sie war durch Heilkunde vermittels Zauberkräuter berüchtigt; allein sie war fromm und suchte das Sterbebett ihres Verführers auf. Wegen Zauberei wurde sie jedoch von bösen Geistern in einem sumpfigen Teich ertränkt und ohne Priester begraben. Aber in den Grabhügel wurde ein Pflock aus Espenholz gesteckt,[92] den die Mädchen so lange mit ihren Tränen benetzten, bis ein Baum aus ihm emporwuchs. In der Ballade „Kalyna“ (Schneeball), 1847, pflanzt ein Mädchen auf einen Grabhügel einen Schneeball, der mit Tränen befeuchtet wird. Es betet, daß Gott ihn nachts mit Tau benetze, damit ihr Liebling aus der andern Welt in der Gestalt eines Vogels dahin fliege. Dann wolle sie selbst als Vogel mit ihm nach der andern Welt schweben. So vergingen drei Jahre. Im vierten Jahre wünscht sie, er möchte sie nur mit seinen Zweigen vor der Sonne schützen und sie mit seinem Taue waschen. Am frühen nächsten Morgen sang ein Vogel auf dem Hügel. Das Mädchen war jedoch bereits entschlafen.

Noch zwei Beispiele seien angeführt! In dem Gedichte „Drei Wege“ (Try schljachy), 1847, wird erzählt, wie drei Brüder aus der Ukraine zogen, die Mutter, eine Schwester und eine Braut verlassend. Die Mutter pflanzte drei Eschen, die Schwester drei Ahornbäume und die Braut eine Kalyna. Sämtliche Bäume verwelkten und die Brüder kehrten nicht zurück.[93] „Dornbewachsen sind die Wege zu der Heimat. Niemals sollte man die fröhliche Elternhütte verlassen und fremden Boden betreten, sondern die eigene Erde bebauen.“ [94] – Am Aralsee (1848) entstand das volkstümliche Lied von zwei Schwestern, die in einen gewissen Iwan verliebt waren. Da Iwan mit ihnen nur scherzte, zwangen die Brüder die beiden Schwestern, Giftkraut zu suchen, womit der leichtsinnige Geselle vergiftet wurde. Reumütig gingen die Schwestern nun täglich zum Grabe, weinend, bis sie sich selbst vergifteten.

„Und zur Warnung stellte Gott sie
     auf des Hügels Gipfel
dort im freien Feld als Pappeln.
     Und ihr grüner Wipfel
über Iwans Grab am Haine
     fort und fort sich bieget.“[94]

Aus diesem Beispiele wie aus der Ballade von der Pappel ersehn wir, daß die ukrainische Volksphantasie so weit ging, sogar Menschen in leblose Gegenstände zu verwandeln. In dieser Zusammengehörigkeit der lebenden Wesen mit der unbeseelten Natur zeigt die slawische Volkspoesie eine gewisse Verwandtschaft oder wenigstens eine unverkennbare Ähnlichkeit mit der Antike.[95] Wunderbar hat Schewtschenko dieses Motiv in der Ballade von dem unglücklichen Mädchen verwertet, das im Schlosse des Gutsherrn von Mordbrennern getötet wurde, aber als eine schneeweiße Lilie wieder auferstand. Dieses Gedicht „Lilie“ (Lileja), in Kiew 1846 geschrieben, lautet:[96]

„Weshalb mochten mich die Menschen,
     als ich wuchs, nicht leiden?
Weshalb mußt’ ich, kaum erwachsen,
     aus dem Leben scheiden?
Und wie kommt es, daß sie heut mich
     Königstochter nennen,
daß von mir sie ihre Blicke
     nimmer wenden können,
mich bestaunen und voll Sorgfalt
     an das Licht mich tragen?
Blumenkönig, lieber Bruder,
     kannst du mir es sagen? –

[95]

‚Keine Antwort weiß ich, Schwester‘,
     so der Blumenkönig
sprach und neigt’ das rosenfarbne,
     schöne Haupt ein wenig,
es der Lilie weißem, zartem
     Angesicht vermählend.
Über beiden schwebt die Gottheit,
     sie zu Wundern wählend
dieser sündenreichen Erde …
     Und die Lilie weinte
tauige Tränen und erzählte:
     ‚Lange schon vereinte
Liebe uns, doch klagt’ ich niemals,
     wie ich einst gelitten.
Meine Mutter grämte stets sich
     und die Tränen glitten
ihr vom Aug’ bei meinem Anblick.
     Nie konnt’ ich erfahren,
wer ihr Gram bereitet hatte,
     war zu jung an Jahren.
Und indeß ich nur nach Spielen,
     nach Vergnügen suchte,
flucht’ sie unserm Herrn und welkte,
     welkte hin und fluchte.
Und sie starb. – Als dies geschehn war,
     ließ der Herr mich bringen
auf sein Schloß, wo mir der Kindheit
     Tage schnell vergingen.
Daß ich seiner Liebe Kind war,
     wie sollt’ ich das wissen?
Eines Tags – der Gutsherr weilte
     in der Fremde – rissen
meuternd aus dem weißen Schloß mich
     seine eignen Leute,
steckten es in Brand und gaben
     mich dem Tod zur Beute,
denn sie raubten mir die Zöpfe,
     schnitten weg die schönen,
deckten dann den kahlen Scheitel,
     um mich zu verhöhnen,
mir mit Lumpen. Selbst die Juden
     durften auf mich speien.
Also ging es mir, mein Bruder,
     in der Welt, der freien!

[96]

Also ward mein junges Leben
     Spiel nur ihrer Laune,
und ich starb im harten Winter
     unter einem Zaune.
Doch im Lenz erwacht’ als Blume
     ich in schneeiger Reine
und Entzücken meine Blüten
     schufen rings dem Haine.
Winters ward ich von den Leuten
     nicht ins Haus gelassen
und im Frühling konnten kaum sie
     meine Schönheit fassen.
Und im Jugendkranz die Mädchen
     ’Schneeblüt‘ nur mich hießen
und im Hause wie im Garten
     sah man froh mich sprießen.
Weshalb hat es Gott gefallen,
     daß ich hier auf Erden,
lieber Bruder Blumenkönig,
     eine Blume werde?
Daß die Leute ich erfreue,
     die geraubt das Leben
mir und meiner armen Mutter?
     Kannst du Antwort geben? …
Gott, du heiliger, Gott, du lieber!’ –
     Doch der Blumenkönig
neigte stumm das rosenfarbne,
     schöne Haupt ein wenig,
an der Lilie blasse Wangen
     liebevoll es schmiegend …“

Diese Ballade wurzelt zweifellos in der echten Volkspoesie. Das gleiche Grundmotiv ist von dem tschechischen Dichter Erben in seiner volkstümlichen Sammlung „Kytice“ verwertet worden, wenngleich mit anderm Inhalt … Ein Mädchen, das im Sterben liegt, bittet, nicht auf dem Friedhof begraben zu werden, denn dort werde es von dem Schluchzen der Witwen und Waisen gestört. Nein, im grünen Wald will es vielmehr ruhn, wo Blumen wachsen, Vögel singen und das Herz sich freut.[97] Aus dem Grabe [97] konnte, daß „eine kleinrussische Sprache nie existiert hat, nicht existiert und überhaupt nicht existieren darf“. Diese Geringschätzung der Ukrainer seitens der Großrussen tritt in der Novelle „Rudin“ scharf hervor, in welcher Iwan Turgenjeff, der für die Ukraine eine gewisse Sympathie hatte und selbst Erzählungen von Marko Wowtschok ins Russische übertrug, den närrischen Witzkopf Pigasow das „Zopfland“[98]) (Chochlandija) bekritteln läßt, mit der Behauptung, „die ukrainische Sprache sei nur ein Mischmasch“ …

Das literarische Erwachen des ukrainischen Volkes ging vom linken Dnipróufer aus. Die Kunstdichtung war aber in der Tat nur die vertiefte und verfeinerte Volkspoesie; sie blieb naiv und hatte einen gar engen sozialen Horizont. Sie war jedoch durch und durch demokratisch und realistisch, obgleich die ersten Verfasser größtenteils adeliger Herkunft waren, aber nicht immer höhere Bildung genossen hatten.

Vom rechten Dnipróufer aber kam die große Offenbarung, der eigentliche Wiederbeleber der ukrainischen Literatur. In dem Lande, in dem die nationalen und geseilschaftlichen Gegensätze besonders scharf gekennzeichnet waren, ging aus der niedrigsten Schichte einer sittlich und wirtschaftlich geknechteten Bevölkerung unmittelbar ein Dichter hervor, dessen ganzes Leben ein flammender Protest war gegen jederlei Despotismus und Leibeigenschaft … Taras Schewtschenko. Er hat eine Sonderstellung in der Weltliteratur, schuf er sich doch allein eine Literatur und verkörperte in seinem Gesang ein ganzes Volk. „Er war“ – wie sein Landsmann Iwan Franko so schön und zutreffend sagt – „ein Bauernsohn und ist ein Fürst im Reiche der Geister geworden. Er war ein Leibeigener und ist eine Großmacht im Reiche der menschlichen Kultur geworden.“

[98]
V.
Der nationale Epiker.

„Den ganzen kosakischen Ruhm hast du mit deinen bloßen Worten in die ärmliche Hütte der Waisen eingeführt.“ So sagte Schewtschenko in dem Huldigungsgedichte an Kotljarewskyj, den populären Dichter der ukrainischen „Aeneis“, und dieses Lob kann mit noch größerm Recht auf Schewtschenko selbst bezogen werden.

Man kann wohl in Frage stellen, ob es europäischen Boden gibt, der für volksepisches Schaffen mehr geeignet ist als die Ukraine, es wären denn die südslawischen Länder, besonders Montenegro und die Herzegowina. Das ungeheure Steppenland von der Donau bis zum Don wurde der Schauplatz einer der interessantesten sozialpolitischen Erscheinungen im östlichen Europa, denn hier bildete sich im Laufe der Zeit eine Kosakenrepublik, die ihr Zentrum an den Schnellen oder Katarakten (porohy) des Dniprós südöstlich von Kiew hatte. Diese kriegerische Gesellschaft war sozusagen ein Militärorden, ein Gegenstück zu dem Bunde der deutschen Ritter in Marienburg. Um in diese kriegerische Gesellschaft aufgenommen zu werden, bedurfte es nur, daß man sich zum orthodoxen Glauben bekenne, daß man frei (d. h. kein Kriegs- oder Bauernsklave) sei und außerdem unverheiratet, denn Frauen waren auf diesem kriegerischen Athos nicht geduldet. Die Saporoger hatten ihr befestigtes Hauptlager (Ssitsch) auf einer der Dnipróinseln, weitere wichtige Lager waren die auf der Insel Chortytzja an der Mündung des Tschertomlyk. Noch im XVIII. Jahrhundert spielen die Saporoger eine hervorragende Rolle in der osteuropäischen Geschichte; ihre Streifzüge zu Wasser und zu [99] Land reichen bis zu den kleinasiatischen Küstenstädten am Schwarzen Meer.

Es ist leicht erklärlich, daß diese kriegerischen Überlieferungen einen besonderen Reiz darboten für ein politisch geknechtetes Volk, das mit poetischer Phantasie begabt war und in welchem der alte Freiheitsdrang noch immer lebte. Die Geschichte der Ukraine ist mit dem Kosakentum verknüpft und das „Kosatztwo“ war somit lange Zeit der Gipfel und der Hauptgegenstand der ukrainischen Epik.

Schewtschenkos dichterischer Instinkt fand hiefür alsbald den rechten Ton, indem er schon bei seinem ersten öffentlichen Hervortreten die alte Kosakenzeit in der Gestalt des blinden Sängers Perebendja verherrlichte.

„Wer kennt nicht den alten blinden Perebendja? Er hat kein eigenes Heim. Der sonderbare Greis verbringt Tage und Nächte am Zaun der armen Leute und es ist ihm gleichgültig, wie das Mißgeschick mit ihm scherzt. Er singt und spielt auf seiner Kobsa nationale Lieder von Tschalyj,[99] von dem „Turteltäubchen“, von der „Schenkwirtin“, die serbische Tanzmelodie etc. in den Wirtshäusern und bei den Gastmählern; in den Bazaren aber singt er von „Lazarus“ oder wie die Ssitsch ruiniert wurde, Lächeln und Tränen hervorlockend. Gern spielt er aber auch auf Grabhügeln, von gleich dem Meer blauenden Steppen umgeben, und der Wind, der seinen grauen Knebelbart und seine grauen Haarsträhnen bewegt, legt sich und lauscht, wie der Kobsar singt, wie sein Herz lächelt und die blinden Augen weinen. Der Alte hält sich auf dem Grabhügel der Steppe versteckt, damit niemand die Worte erfahre, die der Wind über das Feld verbreitet. Denn es sind göttliche Worte; sein Herz spricht unbefangen mit Gott und

„der Gedanke schwingt sich bis ans Ende der Welt.
Als graubeflügelter Adler fliegt er weit hinter die Wolken,
bis er in großen Kreisen den blauen Himmel berührt“.

Ja, der Kobsar weiß alles; er hört, was das Meer braust, und er erfährt, wo die Sonne übernachtet. Selbst aber wandelt [100] er einsam unter den Menschen, erhaben wie die Sonne; er verrät nicht seine innersten Gedanken, damit die Leute das göttliche Wort nicht belächeln …“

Hier sind vielleicht Spuren der polnischen Romantik zu finden. Iwan Franko will darin Einflüsse von Mickiewicz’ erhabener „Improvisation“ (in der „Totenfeier“) konstatieren. Ich kann mich dieser Hypothese kaum anschließen, denn der rebellische „Konrad“ der Muse von Mickiewicz tritt in den Gedichten Schewtschenkos erst später (etwa 1845) deutlich hervor. Eher bin ich schon mit der Auffassung von Professor Tretiak einverstanden, der den Perebendja mit dem „Leierspieler“ (Dudarz) Mickiewicz’ und mit dem mythischen Sänger Bojan im „Igorliede“ vergleicht, welcher „wie ein blauer Adler unter den Wolken schwebt.“

Dem literarischen Europa dürfte Schewtschenko bis heute wohl hauptsächlich als Verfasser der „Hajdamaken[100] bekannt sein. Diese oberflächliche Beurteilung ist gewiß nicht zutreffend, denn „Die Hajdamaken“ sind bei weitem nicht sein bestes Werk. Weil es aber immerhin eine umfangreiche Schöpfung ist und der ersten Periode seiner literarischen Tätigkeit angehört, mag diese historische Erzählung auch hier zuerst erörtert werden.

Der Schauplatz der schrecklichen Hajdamakenrevolte im Jahre 1768 war die Stadt Umanj im Kiewschen Gouvernement, wo am 18. Juni des gleichen Jahres mehrere tausend Polen und Juden von aufständischen Bauern ermordet wurden.[101] Das rechte Gebiet vom Dniprólande war bekanntlich nach dem Tode Chmelnytzkyjs in die Gewalt der Polen gekommen und der wirtschaftliche und religiöse Druck, der auf der armen Bevölkerung lastete, wurde schließlich so schwer, daß ein heftiger, aber ziemlich bald vorübergehender Bauernaufruhr unter Führung der berüchtigten Häuptlinge Honta und Salisnjak ausbrach und besonders heftig in den Bezirken Umanj, Tschyhyryn und Swenyhorod entflammte. [101] Das ist die historische Grundlage der „Hajdamaken“.

Der Dichter stimmt nun im Prolog, der mit einer lyrischen Betrachtung über die Vergänglichkeit beginnt, einen Lobgesang auf die Ukraine an und auf die Freiheit des alten Lebens. Die dann folgende Einleitung gibt eine kurze, allerdings sehr einseitige und tendenziöse Übersicht des wilden Verfahrens des polnischen Adels, seines Eigensinns dem König gegenüber durch einheimische Zänkereien und des willkürlichen liberum-veto-Systems. Poniatowski, der letzte König, habe wohl gute Absichten gehabt, sei aber ohnmächtig gewesen. Polen verfiel so und auf Anraten von Pulawski und Pac bildeten sich „Hunderte“ von Konfederationen, deren Teilnehmer sich nach verschiedenen Ländern verbreiteten, verheerend und mordend allüberall. Sie steckten die Kirchen in Brand und machten mit den Juden gemeinsame Sache, während die Hajdamaken ihre Messer weihten …[102]

Hierauf folgt die eigentliche Erzählung in zehn Gesängen.

Der lyrische Held ist Jarema, der als Hausknecht bei dem jüdischen Schankwirt Lejba dient. In seinem Los widerspiegelt sich das traurige Schicksal der leibeigenen Bevölkerung. Jarema aber ist weniger bedauernswert als andre Leibeigene, denn er liebt die schöne Oksana, die Tochter des Küsters von Wilschana; „er war doch reich, der Arme, denn er hatte jemanden, mit dem er weinen und singen konnte“, … gleichwie Schewtschenko in seinen Kinderjahren von seiner kleinen Oksana getröstet wurde. „Konfederaty“, d. h. Teilnehmer einer polnischen Konfederation, kommen ins Wirtshaus Lejbas, singen „Jeszcze Polska nie zginęła“ (Noch ist Polen nicht verloren) und zwingen den Juden Zimbal zu spielen und sich zu bekreuzigen. Als die polnischen Herren Geld von dem Schankwirt fordern, jammert er und beteuert, daß er keines habe und er gibt [102] ihnen eine Anweisung an den Küster und seine Tochter in Wilschana.

Mittlerweile hat Jarema sich von Oksana verabschiedet, denn er ist entschlossen, sich den Aufrührern beizugesellen. Lejba führt zugleich die Konfederierten nach Wilschana, wo sie den Küster töten und dessen Tochter fortschleppen. Nun folgen die kriegerischen Ereignisse einander schnell. Am 1. August, in der Nacht vor dem Makkabäustag (der Bartholomäusnacht in Paris entsprechend) haben die Verschwörer eine Zusammenkunft in einem Hain am Fluß Tjasmyn und sie schwören da den Polen Rache. Lose Lieder werden gesungen und sie verstummen erst, bis der Priester zum Gebet auffordert für die Befreiung der Ukraine von ihren Bedrückern.

„Weinet nicht, Brüder, denn für uns
und für rechtgläubige, fromme Seelen
die Kraft des Erzengels Michael!“

Im VII. Gesang („Beim dritten Hahnenruf“) wird um 2 Uhr morgens die Metzelei begonnen:

„In der Ukraine widerhallt es,
lang schon widerhallt es hier
und schon lange sind die Steppen
ganz gerötet von dem Blut.“

In der düstern Landschaft, die ausgestorben scheint und wo die Wölfe auf der Heide heulen, wandert Jarema nach der Stadt Tscherkassy traurigen Sinns, denn er kann des Gedankens an Oksana nicht entraten. Da läuten die Sturmglocken in allen Kirchen der Ukraine und es wird überall gefordert: „Nieder mit der Szlachta!“ Städte werden verbrannt, bis nach Wolhynien und Polissje; Honta „bankettiert“ und Saliznjak „härtet seine Damaskenerklinge“ und ruft: „Morde! morde! Entweder kommst du ins Paradies oder du wirst ein Osaul!“[103] Jarema erzählt, daß Oksana von den „Ljachen“ geraubt worden ist, er wird in das Register der Bande eingeschrieben und bekommt von nun an [103] den Namen Halajda. Er sendet im Geiste seiner Oksana einen Abschiedsgruß, wischt die Tränen ab und folgt der Truppe Salisnjaks. Nun wird das Land gänzlich verwüstet; in den Dörfern stehn Galgen mit Leichen; Hunde und Raben zerfleischen die toten Körper; nur Kinder bleiben verschont. Nach dem Hinschlachten all der Polen und Juden wird ein Festmahl veranstaltet, bei dem ein Kobsar für die betrunkenen Sieger singen muß.

Jarema-Halajda sitzt jedoch düster am Ende des Tisches und kann an der Orgie nicht teilnehmen. Er denkt nur an Oksana und möchte ihretwegen gern alles Gold dahingeben. Unbemerkt entfernt er sich von dem Gelage mit dem plötzlich erscheinenden Juden Lejba, der ihm das Versteck der Oksana zeigt, um sein eigenes Leben zu retten. Halajda trifft sie im Nonnenkloster Lebedyn (zwischen Tschyhyryn und Swenyhorodka), wohin sie ohnmächtig gebracht worden ist. Bei den Tönen des Chorals „Isaija lykuj“ werden sie getraut, aber unmittelbar nach der Trauung muß er seine Braut verlassen, weil er von Salisnjak zu einer andern Hochzeit eingeladen ist und zwar in Umanj, wo die schrecklichsten Exzesse verübt wurden. In dem letzten Gesang „Honta in Umanj“ erreicht die epische Erzählung mit scheußlichen Szenen ihren Höhepunkt:

„In Dörfern weinen nackte Kinder,
verwaiste. – Gelbe Blätter rauschen
im dunkeln Wald, vom Wind zerrissen;
die Wolken ziehn, die Sonne schläft
und nirgends wird ein Wort vernommen.
Nur wilde Tiere heulen, streichen
umher und schleichen in die Dörfer,
wo sie Leichen wittern.“

Der Frühling ist wiedergekommen, doch die Metzeleien werden noch immer fortgesetzt. Die milde Jahreszeit kann weder das Blutvergießen hemmen, noch die Bosheit der Menschen. Jarema-Halajda[WS 4] rächt sich an den Ljachen für den Tod des Küsters und wird von Salisnjak als Sohn aufgenommen. Die belagerte Stadt Umanj wird von den Hajdamaken erobert. Aus dem Bazar, wo Honta tobt, wird [104] ein Jesuit nebst zwei Knäblein hervorgeschleppt. Honta erkennt in ihnen seine eigenen Söhne, von einer katholischen Mutter geboren. Entsetzen erfaßt ihn … und er tötet seine Kinder. Dann zerstört er die basilianische Schule, wo sie von Jesuiten erzogen worden sind. Die Leichen werden in einen Brunnen geworfen. Während die Hajdamaken sich wiederum an den Zechtisch setzen, geht Honta, von Gewissensqualen gemartert, einsam weg: „Ihr gerechten Sterne, verhüllt euch in Wolken! Ich Elender, wohin soll ich mich aber flüchten …“ Unter Haufen von Leichen findet er die Körper der beiden Söhne heraus und trägt sie weg, damit sie nicht die Beute von Hunden werden. Beim Scheine der brennenden Stadt gräbt er auf der Heide ein Grab; er hört nicht den Lärm und das Geheul, er hört nur die letzten Worte der Kinder: „Tatu! Wir sind nicht Ljachen!“ Er küßt die Augen der Toten, bekreuzigt sich und hüllt ihre Köpfe in ein rotes Leichentuch aus Nanking (Kytajka):[104]

„Meine Söhne, meine Söhne!
An die Ukraine
noch einen Abschiedsblick! Wir alle
ihretwegen sterben.
Wer wird aber mich begraben
auf dem fremden Felde?
Wer auf meinem Hügel weinen?
Ohne Raute oder Thymian
ruhet, meine Kinder!“

Ein grauenhaftes Lächeln huscht über seine Lippen, als er auf der Steppe zurückkehrt, um sich wieder zu den Hajdamaken zu gesellen …

In dem nun folgenden Epilog gibt der Dichter ein Bild von der allgemeinen Lage in der Ukraine nach dem Aufstande. Die Spuren der Hajdamaken sind verwischt. Das Grab Hontas kennzeichnet weder Kreuz noch Hügel! Salisnjak war von den Hajdamaken in einem Hügel begraben, an dem Jarema[WS 5] noch lange zurückblieb. Die andern [105] aber zerstreuten sich nach allen Richtungen, nach Kubanj und an die Donau; die Sitsch wurde zerstört.

„Seitdem in der Ukraine
grünet das Getreide.
Weder Tränen noch Geschütze!
Nur die Winde wehen,
Weiden in dem Haine biegend,
Pfriemengras am Felde.
Alles stumm. Ja, mag es schweigen –
das ist Gottes Wille.
Nur mitunter abends wandern
längs des Dniprós Ufer
noch die alten Hajdamaken,
ihre Lieder singend.“

Im großen Ganzen entspricht die poetische Erzählung den Tatsachen, gewisse Einzelheiten ausgenommen. Die Revolte z. B. dauerte nicht ein volles Jahr, sondern kaum zwei Monate. Auch einige literarische Reminiszenzen könnten nachgewiesen werden: Czajkowskis polnischer Roman „Wernyhora“ war Schewtschenko nicht unbekannt, und sein Gedicht hat an einigen Stellen eine gewisse Ähnlichkeit mit Goszczynskis schreckensvoller Erzählung „Das Schloß in Kaniów“. Hauptsächlich hatte Schewtschenko jedoch aus der mündlichen Überlieferung geschöpft und nicht aus Büchern. Gedenkt er doch dankbar im Epilog seines Großvaters, der „in seinem hundertjährigen Kopfe den kosakischen Ruhm aufbewahrt hatte“.

Nachdem die „Hajdamaken“, dem Schriftsteller J. W. Hryhorowytsch gewidmet, zur Erinnerung an die Freilassung des Dichters 1841 zum erstenmal in Petersburg gedruckt wurden, hatte dieses Epos schon bis 1885 zwölf Auflagen erlebt und es ist in mehrere slawische Sprachen[105] übersetzt worden. Es enthält auch schöne Episoden, z. B. die Liebesszenen zwischen Jarema und Oksana, der Schluß etc. und die Szene, wo Honta seine Kinder auf der öden Heide beerdigt, ist von erschütternder Wirkung. Der Dichter [106] ist nicht blind für die Schattenseiten des grauenhaften Kulturbildes und es heißt nicht umsonst im Gedichte:

„Uns allen auf Erden gib’
Gesinnungsgleichheit, lieber Gott,
und send uns Nächstenliebe! …“

Aber ein Meisterwerk sind die „Hajdamaken“ nicht und sie halten keinen Vergleich aus z. B. mit dem kroatischen „Smail-agas Tod“.[106] Die Charakteristik und die Komposition sind zu schwach. Die Farben sind allzu grell und die Schilderungen der Metzeleien eintönig, auch einseitig. Der epische Teil wird mitunter durch lyrische Einschläge getrübt. Überhaupt war Schewtschenko, meiner Ansicht nach, eine viel zu lyrische Natur, um als echter Epiker gelten zu können (was übrigens in bezug auf slawische Dichter im allgemeinen bestätigt wird) und es fehlte ihm vielleicht auch die Fähigkeit, einen umfangreichern Stoff künstlerisch zu beherrschen. In der Skizzierung, in der Kleinmalerei war er Meister; aber wenn es sich um die ruhige harmonische Komposition eines breiten epischen Stoffes handelte, versagte er. Schließlich bleibt noch zu erwägen, ob der Hajdamakenstoff sich überhaupt zur dichterischen Behandlung eignet. Die innerste Ursache der Revolte war allerdings ethisch, ein flammender Protest gegen Ungerechtigkeit; die Mittel aber, die zum Erreichen der guten Ziele verwendet wurden, waren nichts weniger als ethisch.

Will man den wahren ukrainischen Nationalepiker in Schewtschenko kennen lernen, dann soll man seine epischen Fragmente lesen, in welchen die alte echte Kosakenzeit besungen wird. Niemals klingt seine Kobsa klarer und fröhlicher, als wenn er von den volkstümlichen Helden des XVI. und XVII. Jahrhunderts singt. Eine lebensprudelnde Melodie quillt hell hervor aus dem im Jahre 1840 verfaßten „Iwan Pidkowa“.

Pidkowa (Hufeisen, wegen seiner Stärke so benannt) war ein aus der Moldau gebürtiger Kosak, der von dem [107] Wojwoden von Siebenbürgen dem polnischen König Stephan ausgeliefert wurde und 1578 in Lemberg enthauptet ward. Dem überlieferten Volksglauben gemäß soll er eine kriegerische Seefahrt gegen Konstantinopel unternommen haben, was jedoch nicht von der Geschichte bestätigt worden ist.[107] Der Beginn des kriegerischen Liedes ist für Schewtschenko sehr kennzeichnend.

„Einstens in der Ukraine
     brüllten die Kanonen.
Einstens wußten Saporoger
     herrschend dort zu wohnen!
Ja, sie herrschten! Ruhm und Freiheit
     wars, was sie erwarben;
’s ist vorbei, nur Gräber melden,
     daß sie längst schon starben.
Hochgetürmte Grabeshügel,
     wo zur Ruhe nieder,
eingehüllt in rote Seide,
     sangen Heldenlieder.
Und die bergeshohen Gräber
     raunen mit den Winden,
daß die Freiheit rings im Lande
     nimmer sei zu finden.
Zeugen sind sie Ahnenruhmes
     und mit ihnen singend
steht im Morgentau der Enkel,
     seine Sense schwingend.
Einstens mochte selbst die Trübsal
     nur an Tänze denken;
Met und Branntwein ließ die Sorge
     kreisen in den Schenken.
Einstens in der Ukraine
     gab es frohes Leben.
Denket dran und eurem Herzen
wird es Tröstung geben.“[108]

Im zweiten Abschnitt des fragmentarischen Gedichtes wird in jauchzenden Versen erzählt, wie der Otaman (Kosakenhäuptling) [108] seine Fahrzeuge von dem Lyman (der breiten Mündung des Dniprós) ins Meer steuert, seine Pfeife rauchend. Die Kosaken glauben, die Fahrt gehe nach Sinope; Pidkowa aber teilt ihnen mit, daß sie nach Zaryhrad (Konstantinopel) selbst gehn werden, um beim Sultan zu Gast zu sein.

Den besten Ausdruck dieses lebensfrohen, unbändigen Kosakengeistes hat Schewtschenko dem fingierten Otamanen „Hamalija[109] (1843) gegeben, der Skutari, die asiatische Vorstadt von Byzanz, eroberte. Das Gedicht, wo die Mannigfaltigkeit im Versbau die wechselnde Stimmung vorzüglich abspiegelt, ist meiner Ansicht nach das Höchste, was Schewtschenko in diesem Genre geleistet hat. Zuerst hört man, wie die gefesselten Kosaken innerhalb der Mauern von Skutari den Wind anflehn, daß er ihnen Grüße aus der Ukraine und dem Welykyj Luh[110] bringe. „Trockne unsre Tränen, mach unsre Ketten verstummen und zerstreu unsern Herzenskummer!“. Und der Bosporus, der nie vorher das Weinen der Kosaken gehört hatte, brüllte wie ein Stier und trieb mit den Winden und Wellen das Klagelied der Kosaken zum Dnipró, der wiederum den Bruder Luh und die Schwester Chortytzja mit seinem Brausen weckte. Die saporogischen Fahrzeuge (bajdaky) werden sofort bemannt und an der Spitze steht Hamalija. Byzanz schläft in seinem Harem, der Bosporus plätschert leise in der Nacht und das Meer fragt ihn, ob er nicht wisse, welche Gäste er zum Sultan bringe. Der Bosporus kommt wieder zur Besinnung, die Türken und der Sultan schlafen aber noch immer. In Skutari erwachen die gefangenen Kosaken und harren ungeduldig der ersehnten Hilfe. Skutari wird genommen und jetzt erst erwacht Byzanz, seine Augen reibend und mit den Zähnen knirschend. Die Stadt wird geplündert und die siegreichen Kosaken kehren jauchzend heim.

[109]

„Brüder! Nun heißts leben,
nun heißts trinken Saft von Reben,
Janitscharen Schläge geben,
unser Heim mit Decken schmücken,
wie sie Türken weben!“

Byzanz darf jedoch nicht folgen, obgleich der Wind von den Dardanellen günstig weht, denn es fürchtet, daß der Mönch[111] oder Pidkowa noch einmal Galata heimsuchen werden. Die Kosaken fühlten sich aber auf dem Schwarzen Meere wie zu Hause und „verschwanden hinter Wogen in dem Meergebrause“.

Mehr subjektiv und elegisch im Tone ist das schöne „An Ossnowjanenko[112] 1840 gerichtete Gedicht, dessen Inhalt dem ersten Teile von „Iwan Pidkowa“ etwas ähnelt. In meiner schwedischen Schewtschenko-Übersetzung kommt auch dieses Gedicht[113] vor und ich kann nicht umhin, hier eine Probe von Schewtschenko in schwedischem Gewand zu geben.

„Forsar brusa, månen glänser
som i forna tider.
Sitsch är borta, och dess kämpar
hädan gått i strider.
Hvar är Sitsch? Så spörjer säfven
invid Dnieprs stränder.

[110]

Hvart ha vara söner skingrats
ut i fjäran länder?
Måsen skriar och med suckar
ungars död beklagar.
Solen skiner, vinden hviner
och på steppen jagar.
Kullar, som på steppen trona
uti stel begrundan,
spörja strömmens starke ande,
om han sopat undan,
steppens barn, som fordom gästat
dessa rika nejder.
Vänden åter till er forntids
dryckeslag och fejder!
Axen vaja an, där fädrens
hästar fingo föda,
där tatarer och polacker
färgat stränder röda.
Vänden åter!

     Aldrig åter!
susar det från hafvet.
Aldrig det står upp som fordom
vardt i jord begrafvet.
Sanning talar blåa hafvet.
Sådant är vårt öde.
Friheten ej vänder åter
från de evigt döde.
Ej kosacker vända åter
ej stå upp hetmaner
I Ukraina mer ej prunka
purprade zjupaner …“[114]

Schewtschenkos warme Vaterlandsliebe konnte sich jedoch nicht damit begnügen, in poetischen Träumereien in verblaßtem Ruhm zu schwelgen. Er sah den politischen und geistigen Verfall der Heimat und litt unter der traurigen Erkenntnis der Schuld seiner Landsleute. Dieses Gerechtigkeitsgefühl tritt schon 1840 in dem Strafgedicht „Die Nacht des Taras“ scharf hervor. Taras Trjasylo war ein berühmter Kosakenhäuptling, der in der sogenannten perejaslawischen Schlacht 1628 an den Flüssen Trubesch und [111] Alta den polnischen Kronhetman Koniecpolski besiegte. Die Schilderung dieser Großtat wird einem Kobsar in den Mund gelegt.[115] Charakteristisch ist das pessimistische Motiv am Anfang und Schluß der Erzählung: Es gab einmal die Hetmanschaft, Freiheit und Ruhm; sie kommen niemals wieder. Der Ruhm glänzt wohl noch, aber die Freiheit wurde vom bösen Schicksal ereilt.

Den Urheber des politischen Unterganges der Ukraine sah Schewtschenko in Bohdan Chmelnytzkyj, der in seiner Trunkenheit[116] durch den Vertrag von Perejaslaw (1654) die Ukraine an Moskau kettete. In dem Gedicht „Das aufgewühlte Grab“ (1843) ruft er aus: „Bohdan, törichter Sohn! Betrachte mich jetzt, deine Mutter, deine Ukraine! Hätt ich das gewußt, ich hätte dich in der Wiege erwürgt! … Meine Steppen sind verkauft … und meine Söhne in der Ferne arbeiten für Fremde … Die Moskowiter wühlen meine lieben Hügel auf.“

In dem Gedichte „Subotiw“ (1845) hält Schewtschenko eine neue Strafpredigt auf Chmelnytzkyj.[117] Der Dichter erzählt, wie die Moskowiter die Kirche und die Gräber durchwühlen und wie sie nach Schätzen suchen und den Hetman schelten. „Die Ukraine, die gleiche, welche mit dir Polen vernichtet hat, wird nun von den Bastarden Katharina II. wie von Heuschrecken heimgesucht und verhöhnt. – Doch lachet nicht, ihr Eindringlinge! Die Kirche, der Sarg der Ukraine wird zerfallen, allein aus den Trümmern wird das Land sich neu erheben und die Finsternis der Knechtschaft aufhellen durch das Licht der Wahrheit.“

Ja, als Schewtschenko zum letztenmal in der Ukraine war und im August 1859 Perejaslaw besuchte, konnte er nicht umhin, dem Verhaßten einen bittern Abschiedsgruß [112] zu senden: „Wenn du, besoffener Bohdan, jetzt dein Perejaslaw sehn könntest und die Schloßruine, würdest du dich gewiß tüchtig berauschen und in der stinkenden Judenschenke umkommen oder im Schweinesumpf ertrinken …“

Die Poltawaschlacht (1709) hat in der Dichtung Schewtschenkos fast gar keine direkten Spuren hinterlassen, und Masepa wird nur ausnahmsweise mit Namen erwähnt. Auch für Polubotok, den Obersten von Nizhyn, hatte Schewtschenko Sympathie, weil jener wegen seiner ukrainischen Standfestigkeit nach Sibirien deportiert wurde. Die Folgen der Niederlage bei Poltawa sind in dem Gedicht „Irzhawetzj“ (1847) flüchtig angedeutet. „Die Schweden, die einst großen Ruhm errungen hatten, flüchteten mit Masepa nach Bender, und Hordijenko, der Koschowyj[118] der Ssitsch, führte nach ihm weinend seine Heerestrümmer dorthin … Als die Saporoger Tag und Nacht wanderten und den Welykyj Luh und Mutter Ssitsch verließen, nahmen sie nichts mit als das Muttergottesbild und sie brachten es nach der Krim zum Chan in das neue unglückliche Saporoschja.“ Sie durften jedoch keine Kirche bauen und mußten zum Heiligenbilde im geheimen beten. Die Kosaken, die nicht geflüchtet waren, wurden nach dem schneeigen Finnland verschlagen und genötigt, die neue russische Hauptstadt in den Sümpfen aufzubauen. Die Kosaken weinten und die Muttergottes weinte mit ihnen. Ihre Tränen flössen nicht vergeblich … Gott vernichtete den Zaren Peter. Die Saporoger kehrten in die Heimat zurück[119] und sie stellten das Bild in der Kirche von Irzhawetzj auf. „Dort weint Maria, weint bis heute um die Kosaken.“

Die Nachklänge des alten Kosakentums fanden auf der Kobsa Schewtschenkos ergreifenden Ausdruck in dem erzählenden Gedicht „Der Gefangene“ (1845). Ein alter [113] Kosak, der in der ehemaligen Hetmanschaft gedient hatte, sitzt im weißen Hemd mit der Bandura in den Händen und spielt für die tanzenden Kinder, Stepan und Jaryna. Der Greis will seinen Stepan in die Welt hinausschicken und er verrät ihm das Geheimnis, daß Jaryna nicht seine rechte Schwester sei, da Stepan frühzeitig als Adoptivsohn ins Haus genommen ward. Sie könnten also einander heiraten, sobald Stepan zurückkommen werde. Diese Mitteilung verwirrt die natürliche Geschwisterliebe. Stepan und Jaryna verabschieden sich voneinander in wehmütiger Zärtlichkeit … Schon hat die Neigung zu sprechen begonnen. Früh am Morgen holt der Vater seine saporogischen Waffen hervor: den Säbel, „scharf wie eine Natter“, die Lanze und die Flinte, „sieben Spannen lang“ und er wünscht, daß diese dem Pflegesohn ebenso gut dienen mögen, wie sie ihm selbst in seinen jugendlichen Jahren dienten.[120]

Fünf Jahre bleibt Stepan vom Hause weg. Jaryna gesellt sich zu Pilgern und besucht Mezhyhorskyj Spas[121] und das Potschajiwsche Kloster in Wolhynien, um für den Geliebten zu beten und von seiner Rückkehr zu träumen. Sie wendet sich an eine Weissagerin, die in Wachs den nach Hause reitenden Kosaken hervorzaubert. Einmal hören der Vater und seine Tochter das Lied eines herumziehenden Kobsars: „Möwen“ (tschajky, d. h. saporogische Fahrzeuge) segeln von der Mündung des Dnipró aus, wobei viele an der Insel Tender ertrinken. Ihrer drei kommen aber auf das blaue Meer hinaus, und Stepan steuert gegen die türkische, die agarjanische[122] Erde. Dort wird er gefangen, in [114] Ketten geschmiedet und in den Turm Zaryhrads eingesperrt. Er entflieht aus dem Gefängnis, wird von Janitscharen ergriffen und an einen Pfahl gebunden, wo ihm die Augen ausgestochen werden …

In dem jungen Kobsar entdeckt Jaryna zu ihrem Entsetzen den verschollenen Stepan, der geblendet zurückgekommen ist. Der Vater will ihm doch Jaryna zur Frau geben; Stepan zögert aber, denn er will sie nicht an einen Krüppel binden, den die Leute verlachen würden; lieber will er zu den Saporogern gehn! Sie beschwört ihn zu bleiben, wenigstens als ihr Bruder, als Sohn des alten Vaters. Nun erzählt er seine Leidensgeschichte. Die Bruderschaft in der Ssitsch habe ihn als Mitglied aufgenommen und über den Balkan nach der Ukraine führen wollen. An der Donau habe er erfahren, daß die Ssitsch von den Moskowitern gänzlich vernichtet worden sei,[123] daß die russische Kaiserin mit dem Netschos[124] in Kiew sich erginge und Mezhyhorskyj Spas verbrennen ließ. Die Steppen seien an die Herren, die Magnaten, verteilt, Kyrylo (Rasumowskyj) nebst der Generalität (starschyna) mit Puder beschmiert und alle „lecken wie Hunde die Pantoffel der Kaiserin“. Jetzt sei er froh, daß er das Licht der Augen nicht mehr habe und so verschont bleibe, das Elend mitanzusehn.

Die traurige Geschichte endet damit, daß der blinde Stepan Jaryna heiratet; der alte Großvater sitzt wie früher vor der Hütte und lehrt den dickbäuchigen Enkel soldatisch grüßen. In dieser wehmütigen Idylle hat Schewtschenko ein rührendes Spiegelbild des dahinsiechenden Kosakentums gegeben.

Wenn er sonst in den lyrischen Gedichten von den Kosaken spricht, hebt er meistenteils ihre Isolierung hervor, ihr unstetiges Wandern und ihre Heimatlosigkeit.

„Fließt ins blaue Meer das Wasser,
     hört nicht auf zu fließen;

[115]

jagt dem Glück nach der Kosake,
     will kein Glück ihm sprießen.
In die Welt zog der Kosake,
     wogt das Meer, das blaue,
wogt sein Herze, warnt’s Gewissen:
     ‚Nicht zu sehr vertraue!

Wohin ziehst du sonder Fragen?
     In der Obhut wessen
lässest Vater du und Mutter,
     Liebchen unterdessen?
Fremde Lande – fremde Leute –
     fremd bist ihrem Herzen!
Keiner wird dein Freuen teilen,
     keiner deine Schmerzen.‘

Fern am Strand sitzt ein Kosake,
     wogt das Meer, das blaue,
dacht sein Glück zu finden, findet
     Elend nur, das graue …
Weinend sieht er Kranichscharen
     ziehn zum Heimgestade.
Dicht von Dornen überwachsen
     sind die Heimatspfade.“[125]

Schewtschenko, der geschworene Feind des zarischen Militarismus, der nie russischer Soldat werden wollte, er war selbst ein Schatten des verlorenen Kosakentums, ein Einsiedler, dem der Heimatpfad durch Dornen verwehrt war, und er könnte wohl auf sich selbst seine eigenen Worte beziehn:

„In die Welt hinaus zog traurig
     der Kosak als Waise,
suchte Glück und ging zugrunde
     dort im fremden Kreise;
schaute hin bei seinem Tode
     nach dem Sonnenscheine …
Schwer, ach schwer ist es zu sterben
     in der Fremd’ alleine.“

Aber in der Erinnerung an die alte ungezügelte Kosakenzeit hatte Schewtschenkos dichterische Phantasie ihre [116] glücklichsten Stunden. Sie lag vor ihm in verklärtem Schimmer, denn sie war ihm doch – wie es in dem Gedichte an Ossnowjanenko heißt – „unser Ruhm, die Ehre der Ukraine, ohne Gold und Stein, ohne gekünstelte Worte, ein weithin schallendes gerechtes Wort, gleich der Stimme Gottes.“

[117]
VI.
Der politische Kampfdichter.

Erst im Jahre 1844 bekam die Dichtung Schewtschenkos ein direkt politisches Gepräge; richtete sie früher, in der poetischen Darstellung des absterbenden Kosakentums, ihre Spitze gegen die Polen und die Jesuiten, so zielte sie nunmehr nach jenem Staate, der sowohl Polen wie die Ukraine verschlungen hatte, nach dem russischen Zarentum. Das beweist besonders das phantastische Gedicht „Der Traum“, das erst 1865 gedruckt wurde,[126] aber – immerhin teilweise – schon um die Mitte von 1840 durch Abschriften bekannt gewesen sein dürfte. Ja es ist höchst wahrscheinlich, daß gerade dieses Gedicht, sowie die im folgenden Jahre verfaßten, „Die große Gruft“ und „Kaukasus“, den ukrainischen Dichter allerhöchsten Ortes so verdächtig machten und mißliebig, daß er unmenschlich streng bestraft wurde, wenngleich er keiner revolutionären Umtriebe überführt werden konnte.

Der Traum“ (Sson) ist eine bizarre Satire, eine von Dante und Mickiewicz beeinflußte Schilderung einer phantastischen Reise durch die irdische Hölle – eine im Traum gemachte Fahrt von der Ukraine nach Petersburg. Der Dichter glaubt über die Erde emporgehoben zu werden und verabschiedet sich von der Welt. „Meine grimmigen Qualen will ich in die Wolken hüllen.“ Er schwebt über die Ukraine, „die unglückliche [118] Witwe“, wo „die Nachtigall im dunkeln Haine die Sonne begrüßt, wo Weiden am Teiche grünen und Pappeln als Wächter um die Gärten stehn“. Die schöne Landschaft erregt jedoch wehmütige Gefühle in ihm, denn er hört menschliches Weinen und deshalb will er noch weiter hinter die Wolken schweben, wo es weder Gewalt noch Strafe gibt.

„Blick hin! In dem Eden, das jetzt dir entschwand,
vom Leibe man reißt das geflickte Gewand
dem Krüppel mitsamt seiner Haut, um den Kleinen
der ’Herren‘ sie eng um die Füße zu legen,
man kreuzigt die Witwe der Kopfsteuer wegen,
die einzige Hoffnung, den einzigen Sohn,
verstößt in das Heer man … Dort ringt mit dem Tod
ein Kindlein verhungernd, indessen im Fron
die Mutter mäht Korn nach des Zwingherrn Gebot.
     Dorten – siehst du? Weshalb wurdet
     Augen ihr mein eigen?
     Trocknet aus, rinnt aus den Höhlen
     solchen Jammers Zeugen!
     Die Verführte mit dem Bastard
     irret auf den Gassen,
     von den Eltern ausgestoßen,
     von der Welt verlassen;
     ihrer Bettler selbst sich schämen,
     längst hat sie vergessen
     der Verführer und die Zehnte
     lockt er unterdessen.“[127]

Er fliegt weiter und sieht unten weiße Schneefelder, Wälder, Sümpfe, Nebel und Wildnis, doch kaum eine Spur von Menschenleben. Unter der Erde aber rasseln Ketten. „Was suchst du unter der Erde?“ Es sind lebendige Menschen, in Bande geschlagen, die aus den Schächten Gold holen, um es in den Schlund des Unersättlichen zu werfen; es sind die zur Zwangsarbeit Verurteilten! Und warum? Das weiß nur er, der Allherrscher, vielleicht auch er nicht … Dann erblickt der Träumer eine Stadt mit hundert Kirchen, auf Sümpfen gebaut und von schwarzen Wolken bedeckt. Es wimmelt in ihr von uniformierten Leuten, die Hurra [119] rufen, und er erfährt, daß Parade abgehalten wird. Er wird in den Palast eingeführt und gewahrt Ihn selbst „hoch, böse“ und an seiner Seite das Weib, „wie ein vertrockneter Schwamm, dünn und langbeinig …“[128] An der Newa staunt der Dichter über die Paläste und das Denkmal Peter des Großen und er bricht in Entrüstung aus:

„Sieh, Paläste auf Paläste
     überm Flusse ragen
an den steingefaßten Ufern.
     Muß ich mich nicht fragen,
wie es kommt, daß man die Sümpfe
     konnte so entwässern?!
Ach, hier floß das Blut von Menschen
     nicht entlockt mit Messern!
Jenseits ragt empor die Festung,
     und die Glockenschläge
künden von den blanken Türmen
     ihre Stunde träge.
Dort ein Roß, als wollt es fliegend
     durch die Lüfte reisen,
es zerstampft die harten Felsen
     mit den Hufeisen;
und ein Mann im Prunkgewande
     hält die Hand am Zaume,
um sein Haupt ein Zweig sich windet
     von dem Lorbeerbaume.
So, als gälte es, aufs andre
     Ufer gleich zu springen,
bäumt das Roß sich; so als wollte
     er die Welt erringen,
streckt die Hand der kühne Reiter.
     Wer mag’s sein? Ich sehe
auf die Schrift: ‚Dem Ersten die Zweite.‘
     Wahrlich, ich verstehe:
Jener Erste, Ukraine,
     schlug ans Kreuz dich, Arme,
und den Rest gab dir die Zweite,[129]
     wütend ohn’ Erbarmen!
Henker, Henker! Diebstahl brachte
     Reichtum wohl euch beiden,

[120]

Doch was nahmt ihr mit ins Jenseits,
     als ihr mußtet scheiden?
Ukraine, die Geschichte
     les’ ich deiner Schmerzen
deutlich hier, und tiefe Trauer
     regt sich mir im Herzen.“

Dann versetzt sich die Phantasie des Dichters in die Zeit Peter des Großen und beschwört den Schatten des schon erwähnten Hetmans Pawlo Polubotok. Der Dichter glaubt also dessen Stimme zu vernehmen:

„Ganze Regimenter schickte
     Hluchiw[130] auf die Reise,
nur mit Spaten ausgerüstet
     an die große Pfütze,
und ich zog als Titel-Hetman
     mit an ihrer Spitze.
– Weh mir, gütiger Erbarmer! –
     Zar, du gottverfluchter,
rede, nimmersatter Satan!
     Sage, du Verruchter,
was geschah mit den Kosaken?
     Sümpfe auszugleichen
nahmst du ihr Gebein und bautest
     über ihren Leichen
deine Residenz. Im Kerker
     bis zum Tod gepeinigt
hast du mich, den freien Hetman.
     Ewiglich vereinigt
bleiben wir durch scharfe Fesseln;
     diese zu zerstücken
könnt es Gott, dem Mächtigen, selber
     nie und nimmer glücken …!“

Nachdem diese Stimme verklungen ist, wird der Himmel von einer Wolke weißer Vögel bedeckt; es sind die Seelen der Kosaken, die an der Trockenlegung der Sümpfe an der Newa arbeiten mußten und umkamen, als Peter der Große die neue Hauptstadt bauen ließ. Sie schreien wehklagend und verfluchen ihren Unterdrücker:

[121]

„Auch mit uns bist du verkettet,
     grimmer Mordgeselle!
Dir einst wollen, kommt der Richttag,
     wir den Weg verstellen
zu dem Thron des Herrn. Du triebst uns
     in den Schnee der Fremde,
Henker, aus der Ukraine,
     hungernd und im Hemde,
schnittest dir aus unsern Häuten
     Stoff zu deinem Kleide,
nähtest ihn mit unsern Sehnen
     (daß wirs mußten leiden!),
bautest deine stolzen Schlösser,
     starbst als Kirchengründer!
Nun frohlocke denn, ein rechter
     Henker, Menschenschinder!“

Hat Schewtschenko das äußere Motiv dieser phantastischen Reise durch ein irdisches Fegefeuer von Dante entlehnt, wenn auch das Gedicht sonst gar nichts mit dem gigantischen Werke des Italieners gemeinsam hat, so ist es um so mehr von Mickiewicz beeinflußt, dessen Epilog zu dem bizarren Liebesdrama „Dziady“ (Totenfeier) dem Ukrainer offenbar als Vorbild diente. Die beiden Dichter haben von der öden Landschaft auf dem Weg nach Rußland den gleichen Eindruck. Bei Mickiewicz heißt es:

„Kein Berg, kein Städtchen auf der weißen Flur,
kein Denkmal der Natur und Kreatur;
das weite Land so öd’, so menschenleer,
als ob es gestern nachts geschaffen war.“[131]

In den beiden Gedichten wird eine Parade geschildert (von Mickiewicz sehr ausführlich), und in beiden wird sarkastisch hervorgehoben, wie der Zar die Hauptstadt aus den Sümpfen durch seinen Machtspruch hervorzauberte. Mickiewicz schrieb:

 „Dem Zaren hat
der Sumpf behagt: da baut’ er – eine Stadt
dem Volke? – nein, sich eine Residenz …
In Sand und Sümpfe, nach des Herrn Befehle,
trieb man gehorsam hunderttausend Pfähle.“

[122] Interessant ist die Tatsache, daß die drei größten Dichter der polnischen, russischen und ukrainischen Literatur von dem herrlichen Standbild inspiriert worden sind, das Katharina II. den französischen Künstler Falconet aufführen ließ, um Peter den Großen zu verherrlichen. Puschkin erblickte in dem „kupfernen Reiter“ ein Symbol des siegreichen, unbezwinglichen Zarentums und er flößte dem erzharten Rosse Leben ein, um mit den Hufen die Feinde Rußlands niederzutreten. Der Pole und der Ukrainer aber betrachteten, jeder von seinem nationalen Standpunkt, den mächtigen Zaren als den verkörperten Nationalfeind, und Mickiewicz, der das Monument am Newakai der Reiterstatue des friedsamen Kaisers Mark Aurel in Rom gegenüberstellte, schrieb:

„Der erste Zar tat Wunder, hochgepriesen,
die zweite Zarin ließ sein Standbild gießen.“

Schewtschenko hatte um so mehr Veranlassung, auf die Urheberin des Monumentes ausdrücklich hinzuweisen, weil Katharina das ukrainische Vernichtungswerk Peters vollendete. Doch Schewtschenkos Darstellung kann sich mit der von Mickiewicz künstlerisch keineswegs messen. Jedenfalls bestätigen die Tatsachen, in was für einem hohen Grade die Persönlichkeit des russischen „Baumeisters“ die osteuropäische Phantasie beschäftigen mußte. Schewtschenko konnte nicht umhin, während seines Aufenthaltes in Petersburg den „kupfernen Reiter“ anzustaunen und Mich. Mikeschin schrieb von ihm 1876: „Die gigantische Statue Peter des Großen schien gleich einer Vision auf ihm zu lasten, so daß er, in Pathos verfallend und der tönernen Statue des Kaisers zugewandt, oft mit poetischen Deklamationen schloß.“

Wenn ich dem „Traum“ höheren künstlerischen Wert absprechen muß, finde ich dafür eine tiefe Originalität in dem mystisch angehauchten politischen Gedichte „Die große Gruft“ (Welykyj Ljoch), 1845, besonders da es mit volkstümlichen Vorstellungen verknüpft ist. Das seltsame Werk, das Schewtschenko als Mysterium bezeichnete, hat in seinem prophetischen Ton und in der gespensterhaften Stimmung gewisse [123] Anklänge an Micklewicz’ „Dziady“ und die polnische Ukrainerschule. Es ist aber von unwiderruflicher Originalität und geht aus von dem alten ukrainischen Volksglauben, daß die Ukraine gänzlich zertrümmert werden müsse, falls die Moskowiten sich bis in den Grabhügel eingraben können, wo die Schätze Chmelnytzkyjs verwahrt sind.

In der ersten Abteilung schweben drei schneeweiße Vögel über Ssubotiw und setzen sich auf den Turm der alten Kirche. Es sind die Geister unseliger Jungfrauen, die verurteilt sind, herumzufliegen und die nicht eher in das Paradies kommen können, bis die große Gruft ausgegraben worden ist. Und was haben sie eigentlich verschuldet? Die erste, wie sie ihren Gefährtinnen erzählt, wurde bestraft, weil sie dem Hetman Bohdan Chmelnytzkyj mit vollen Eimern entgegengetreten[132] war, ahnungslos, daß er sich nach Perejaslaw begab, um den Moskowitern das Gelübde der Treue abzulegen. Hätte sie das gewußt, sie würde vorgezogen haben, die Eimer zu zerschlagen oder durch vergiftetes Wasser mit all den ihren den Tod zu finden. Die zweite mußte im Fegefeuer verweilen, weil sie in Baturyn das Roß des Zaren Peter getränkt hatte. Als die Moskowiter das berühmte Baturyn[133] eingeäschert hatten und Tschetschel[134] töteten, desgleichen die ganze Bevölkerung mit Ausnahme eines alten Weibes und der Jungfrau, die nach dem Siege von Poltawa vom Zaren gezwungen wird, sein Pferd zu tränken. Sie tut es und fällt tot um. Die dritte schließlich hatte der vergoldeten Galeere der Kaiserin Katharina zugelächelt, als diese ihren Triumphzug am Dnipró machte. Die Jungfrau ahnte nicht, war sie doch noch ein Kind, welch grimmigen Feind der Ukraine sie begrüßte. Die Vögel fliegen weiter und übernachten in Tschuta, dem Walde an der alten Ssitsch.

Dann kommen drei Krähen zum Vorschein; allegorische Anspielungen auf die Ukraine, Polen und Moskau. Die [124] erste Krähe (die Ukraine) erzählt, wie der Hetman mit der kosakischen Freiheit Geschäfte machte und sie den moskowitischen Bojaren verkaufte. Sie sei bis nach Sibirien geflogen, wo sie von einem Dekabristen ein bißchen Galle gestohlen hatte. Sie macht weiter eine Andeutung auf das Schicksal der Ukraine während der schwedischen Invasion, wie Romny und Baturyn zerstört wurden, wie Polubotok im Gefängnis erwürgt wurde und wie Kosaken sich in Finnland ansiedeln mußten, um Kanalbau am Ladogasee zu verrichten. Schließlich klagt sie darüber, daß die Moskowiter Altertümer in den Grabhügeln suchen, nachdem nichts mehr in den Hütten zu rauben sei und sie sagt die Zeit voraus, in der ein Honta auftreten wird, um alles zu plündern und zu vernichten.

Die zweite Krähe (Polen) flunkert damit, daß sie in Paris gewesen sei und mit Radziwill und Potocki drei Dukaten verpraßt habe. Die dritte aber (Moskau) teilt mit, wie sie unter einer Decke mit den Tataren getobt hat, mit dem Peiniger (Iwan Grosnyj) gewirtschaftet und mit Petrucha (Peter I.) getrunken. Drei russische Staatsmänner werden gegeißelt: der Minister Kleinmichel, der während des Baues der Nikolajewschen Eisenbahn (zwischen Petersburg und Moskau) die Staatskasse betrogen haben soll; Baron Korf, Chef der „dritten Abteilung“, und der berühmte Geschichtschreiber Karamsin, der durch sein Memorial vom „alten und neuen Rußland“ Alexander I. zur nationalen Politik aufforderte.

In dem dritten Abschnitt treten drei „lirnyky“ (Leierspieler) auf. Sie beabsichtigen, nach Ssubotiw zu pilgern, um bei der Seelenmesse für Bohdan Chmelnytzkyj zu singen. Sie halten die wegfliegenden Krähen für schlechte Vorboten und der eine will von Zhowti wody[135] singen. Sie gehn dann schlafen unter eine Ulme an der großen Gruft. Am folgenden Tage fangen sie an, die Gruft auszugraben; am dritten Tage waren sie bis zur Mauer vorgedrungen, ruhten aus und hielten Wache, damit keine Anzeige an die Behörde [125] in Tschyhyryn gemacht werde. Der russische Kreishauptmann (isprawnik) erfuhr davon und kam herbei, um die Gewölbe des unterirdischen Grabkellers niederzureißen. Er fand aber statt Schätze nur einige Gerippe. Enttäuscht und erzürnt ließ der Kreisrichter die drei Sänger verhaften und durchprügeln.

In solcher Weise wühlten die Moskowiter die kleine Gruft in Ssubotiw auf. Aber die große Gruft haben sie noch nicht gefunden … Die Ukraine – das ist der verschleierte Sinn des allegorischen Gedichtes – ist noch nicht gänzlich zugrunde gegangen.

Den Höhepunkt seiner dichterischen Tätigkeit erreichte Schewtschenko, meiner Ansicht nach, durch das erhabene Reflexionsgedicht „Kaukasus[136] (1845)[,] wovon er dem in Paris weilenden Verfasser der „Dziady“ (Mickiewicz) eine Abschrift sandte. Es wurde dem Andenken eines ukrainisierten Franzosen, Graf Jakow de Balmain, gewidmet, der mit der russischen Armee nach Kaukasien als Offizier geschickt wurde und in einem Gefecht mit den Tscherkessen fiel. Hier zeigt sich am besten die Grundverschiedenheit, die zwischen Schewtschenko und den russischen Byronisten herrscht. Schewtschenko preist nicht die herrliche Landschaft, die er selbst ja nicht gesehn hatte, während das bei Puschkin und Lermontoff der Fall war; noch weniger kümmert er sich um Kämpfe und romantische Episoden, er vertieft sich auch nicht in eigenen echten oder eingebildeten „Weltschmerz“. Für Schewtschenko wird Kaukasus, wo

„der Aar schafft
dem Prometheus Schmerzen,
hackt ihm täglich an den Rippen,
hackt an seinem Herzen“,

ein Symbol des menschlichen Elends und des menschlichen Freiheitsstrebens, wobei so viele Helden ihr Blut vergossen haben, wie jener französische Freund, der nicht für die Ukraine stritt, sondern als „ein Opfer der zarischen Wut den moskowitischen Giftbecher leeren mußte“.

[126]

„Allüberall Berge, von Wolken umflossen,
mit Jammer besäte, mit Blut übergossen!“

Die sittliche Entrüstung des Dichters richtet sich zunächst gegen das Nikolaische System, welches „von der Moldau bis zu den Finnen“ mit seinen Eroberungsgelüsten den freien Geist knechtet und „ein ganzes Meer von Blut und Tränen vergießen läßt“. Er geißelt die Herzlosigkeit jener Staatskunst, die nur bezweckt, „Kerker zu mauern und Fesseln zu schüren“. Der Dichter bleibt aber dabei nicht stehn. Seine Betrachtungen umfassen die ganze Zivilisation mit ihrer Frömmelei, Heuchelei und Gewinnsucht; er verhöhnt das falsche Christentum und die Unkultur, die von Sibirien bis nach Kaukasien verbreitet wird und „im Namen Christi das stille Paradies in Brand gesteckt hat“.

„Wem zum Heil wardst du gekreuzigt,
Jesus Christ, Sohn Gottes? …“

Aber der Dichter verzweifelt nicht ganz. Denn „die Seele ist unsterblich und frei trotz Machtgeboten und das Wort läßt sich nicht knebeln“. Er glaubt, daß Recht und Freiheit überall auferstehn werden, wenngleich noch Ströme roten Blutes fließen müssen. Und deshalb:

„Euch auch Ehre, blaue Berge,
     Gletscher unermessen!
Ehre euch, ihr großen Helden,
     nicht von Gott vergessen,
Kämpft nur, kämpfet und ihr werdet
     Sieger des Gefechtes!
Euch hilft Gott, die Kraft, die Freiheit
     und die Macht des Rechtes.“

Es gibt Naturen, die nach heftigem Auflodern des jugendlichen Freiheitsdranges mit den Jahren gemäßigt werden, erschlaffen, resignieren und sich mit den tatsächlichen Verhältnissen abfinden, sei es aus Feigheit oder aus altersgebrechlicher Bequemlichkeit. So beschaffen war nun Schewtschenko nicht. Er blieb seinen Jugendidealen treu. Aus der Verbannung kam der gleiche Kampfdichter zurück, der dahin deportiert worden war. Mit dem „zarstwo“ (dem [127] Moskowitertum) konnte er nie Kompromisse schließen, wenngleich er machtlos war und, wie Krasinski im „Irydion“, hätte er sagen können: „Die Macht ist da geboren, wo eine Laute nie klang, wo – anstatt Lorbeerkränzen – harte Kupferbänder um die Stirn gespannt wurden und wo es in der Brust der Männer weder Poesie noch Ungebundenheit gab, sondern nur einen einzigen Willen.“ Schon in Nizhnij Nowgorod verfaßte Schewtschenko ein Spottgedicht „Der Verrückte“ (Jurodywyj), das vielleicht das Bruchstück der geplanten allegorischen Satire „Satrap und Derwisch“ ausmachte. Hier stellt er an den Pranger die Handlanger des „Feldwebel-Zaren“, den Korporal Gawrilowitsch-Besrukij[137] und den besoffenen Gefreiten Dolgorukij.[138] „Nicht euch, nicht euch in zierlichen Uniformen, Denunzianten und Pharisäern, geziemt es, für die heilige Gerechtigkeit und für die Freiheit einzustehn. Ihr lehrtet die Brüder das Martern, nicht die Liebe! Wann werden wir einen Washington mit neuen gerechten Gesetzen erwarten können? … O, meine helle Morgenröte![139] Du führtest mich aus dem Kerker, aus der Gefangenschaft wiederum zum Kehrichthaufen des Nikolaus (= die russische Hauptstadt)! Du leuchtest und glänzest darüber wie eine unsichtbare heilige Flamme, aber aus dem Miste treten vor meine Augen seine Schandtaten hervor gleich einer Säule. Gottloser Zar, Schöpfer des Bösen, herzloser Bedrücker der Gerechtigkeit, was hast du auf Erden angerichtet?“ …

Einmal im Leben wurde der feste Glaube des Mickiewicz an die göttliche Vorsehung tief erschüttert, und zwar im Klostergefängnis zu Wilno, wo er, der Leiden des polnischen Volkes gedenkend, seine eigenen erbärmlichen Herzensqualen vergißt und in der erhabenen „Improvisation“ den Weltschöpfer selbst im Namen von Millionen Seelen zum [128] Kampfe herausfordert, um Gerechtigkeit zu üben. Der fromme Schewtschenko wurde auch beim Anblick der Zustände in Rußland, als er nach Nizhnij Nowgorod kam, so aufgeregt und verzweifelt, daß er in dem obigen Gedicht sich direkt an Gott wendet und fragt: „Du, allsehendes Auge! Du schaust von der Höhe herab, wie Hunderte von Heiligen in Fesseln nach Sibirien vertrieben werden, wie die Henker morden, foltern und hängen! Weißt du nichts davon? Hast du das ansehn können, ohne geblendet zu werden? Auge, Auge, du kannst wahrhaftig nicht tief blicken, du schläfst in dem gläsernen Heiligenschrein …“

Noch größer wurde die Verstimmung und die dunkle Verzweiflung des kranken Dichters in Petersburg.

„Krank bin ich nicht“, seufzt er, „ich wills gestehn;
doch Tolles seh’ ich rings geschehn
und etwas stets erhofft mein Herz
und klagt mir schlaflos, voller Schmerz,
wie ungestillte Kinder klagen.
Was denn erhoffst du? Unheil, Plagen?
Denn Gutes kommt, mein Herz, dir nicht
Der Freiheit sollst du nicht mehr harren,
sie schläft – dank Nikolaus, dem Zaren!
Und um die sieche wach zu sehn,
so muß das Volk in aller Eile
die Äxte schleifen und die Beile
und gleich an ihr Erwecken gehn.
Sonst schläft sie uns – o Weltgeschichte! –
hübsch bis zum jüngsten Strafgerichte …
Die Großen werden sie betraun
und Kirchen und Palais erbaun,
sich um berauschte Zaren drehn
und preisend auf zur Knechtschaft schaun
und sonst wird nichts, rein nichts geschehn.“[140]

Und als er im letzten Lebensjahre an der Newa wanderte, wo er so viele hoffnungsreiche, tatendurstige Tage als Künstler und Dichter verbracht hatte, konnte er noch immer die quälenden Gedanken nicht los werden. „Hätten [129] wir uns nicht als Sklaven gedemütigt, ständen jetzt nicht die besudelten Paläste an der Newa. Dann wären alle Brüder und Schwestern gewesen. Nun aber gibt es gar nichts – weder Gott noch einen Halbgott. Jetzt herrschen die Hundevorsteher mit ihren Hundeställen, und wir, die arbeitstüchtigen Fremdlinge, müssen die Windhunde füttern.“ …

[130]
VII.
Der Apostel der Gerechtigkeit.

Wenn Schewtschenko nur die Balladen, die politischen Satiren und die volkstümlichen Lieder gedichtet hätte, wäre er schon unbedingt der erste Sänger der Ukraine gewesen. Aber durch seine erhabene Idealität, seine wahrhaft menschliche Gesinnung hat seine literarische Bedeutung weit außerhalb der national-sprachlichen Grenzen Fuß gefaßt und ihm einen bleibenden Platz in der Weltliteratur gesichert. Denn Taras Schewtschenko war nicht nur ein Nationaldichter, sondern auch ein universeller Geist, eine Leuchte der Menschheit.

Der Freiheitsmärtyrer, dem die Bibel von der Kindheit an die beliebteste Lektüre blieb – nicht zuletzt in der Verbannung – war vor allem eine religiöse Natur. Er wußte, daß die Liebe stärker ist als die Rache; er konnte also verzeihen – auch seinen Feinden, denn alle Menschen, besonders aber alle Leidenden, Unglücklichen sind Brüder, und auch die gefesselten Märtyrer hatten dem sterbenden Kaiser Nero verzeihen können.[141] „In den Gesprächen Schewtschenkos“ – sagt Kostomarow in seinen Memoiren vom Jahre 1876 – „spürte ich nicht dieses Übelwollen den Bedrückern gegenüber, das mitunter in seinen dichterischen Schöpfungen hervorbricht; im Gegenteil, er atmete Liebe und die Sehnsucht, alle nationalen und die sozialen Mißverständnisse auszugleichen, und er träumte von der allgemeinen Freiheit und der Verbrüderung sämtlicher Völker.“

Diese warme Religiosität hat tiefe Spuren in seinen Dichtungen hinterlassen. „Ewig lebendig“ – schreibt er – [131] „ist des Dichters heilige Seele, ewig lebendig sein heiliges Schöpferwort; und so wir ihn lesen, erwachen wir selbst zu neuem Leben – Gott und seinen Himmel ahnend.“ Von Schewtschenkos Vertrautheit mit dem göttlichen Worte zeugen nicht nur die vielen Zitate aus der Bibel, die als Motto seiner Gedichte angeführt sind, sondern auch mehrere poetische Paraphrasen der Psalmen Davids und Kapitel aus den Büchern der Propheten. Wie die polnischen Poeten von Kochanowski an in der Leidensgeschichte der Israeliten ein Spiegelbild für ihre eigene Nation erblickten, konnte Schewtschenko nicht umhin, die Worte des großen Psalmisten auf die Ukraine zu beziehen: „An den Flüssen Babylons saßen wir auf dem Felde unter den Weiden, beweinten unsre Gefangenschaft in der Fremde und hingen die Harfen auf die Weidenzweige.“ Oder wenn er die Sünden seiner Landsleute brandmarken will, wiederholt er in poetischer Umschreibung die Worte Oseas: „Kehre um, o Israel, zu Jahwe, deinem Gott! Denn durch deine Verschuldung kommst du zu Fall.“

Den Schlüssel zu Schewtschenkos innerm Leben glaube ich in dem mystischen Gedichte „Totenfeier“ (Trysna) zu finden. Es wurde im Herbst 1843 geschrieben und der Fürstin Warwara Nikolajewna Repnin gewidmet. Es ist ein wunderbares Selbstbekenntnis und da es in russischer Sprache verfaßt ist, möchte es wohl einen Ehrenplatz in der russischen Literatur verdienen. Der düstre Inhalt ist die Analyse eines Dichterschicksals, das unter dem Streben nach einem unerreichbaren Ideale leidet. Meiner Ansicht nach unterliegt es keinem Zweifel, daß Schewtschenko unter dem hingeschiedenen Freunde sich selbst versteht und so seine geistige Isolierung, seinen Idealismus und seine Seelenkämpfe angedeutet hat.

Zwölf junge Leute versammeln sich jährlich an einem bestimmten Tag zu feierlichem Gelage, um das Andenken des Entschlafenen zu begehn. Zuerst werden die traurigen Jugendjahre des unvergeßlichen Freundes skizziert, ebenso düster wie die Kindheit Schewtschenkos. „Der kindliche Traum verschwand wie eine scheue Taube, und Beklemmung [132] schlich sich wie ein Dieb in sein zerrissenes Herz und sog mit gierigen Lippen sein unschuldiges Blut. O, wenn er nur mit zorniger Hand den Erdball nebst allen irdischen Reptilien hätte fassen können, zermalmen und in die Hölle schleudern! …[142] Wer nicht glaubt, kann auch nicht hoffen …“ Daß der Dichter hier von sich selbst redet, geht auch daraus hervor, daß er im Gedichte fragt: „Wo ist das Ende der Welt und wo das des Himmels?“[143]

Der Heimaterde eingedenk betet der Jüngling zu Gott um Gerechtigkeit und Freiheit und er weint bitterlich bei dem Gedanken an die Geschichte seines Vaterlandes. Er lehrt, daß das öffentliche Wohl durch Liebe zu erwerben sei, daß man mit hochherziger Entschlossenheit für das Volk einstehn solle und das Leben, das schöne Geschenk Gottes, seinen Landsleuten opfern … Aber in persönlichem Verkehr bleibt der Jüngling allein und unverstanden unter den Fremden. Er fühlt schwer seine Einsamkeit und welkt dahin auf dem fremden Boden wie eine herbstliche Blume: „O weh mir – seufzt er – warum hab ich das Glück der Unschuld verlassen, mein Heimatland? Warum bin ich herumgeirrt? Was habe ich in der Fremde erreicht? Hier finde ich meinesgleichen nicht; ich bin ein Bettler da, ein armer Taglöhner, ein einfacher Arbeiter. Der einsame Mensch leidet fern von der Heimat und wird verzehrt von dem heißen Verlangen, ihr nützlich zu sein, bis er hinstirbt …“

Haben wir nicht hier vor uns das Bild Schewtschenkos in Petersburg, wo er von der Gesellschaft doch immer als „Chochol“ (Ukrainer) betrachtet wurde, wo er als Lehrling der Akademie seine künstlerischen Talente nie zur vollen Blüte entwickeln konnte und wo die Sehnsucht nach der Ukraine niemals erstickte?

In dem Gedichte hat Schewtschenko auch interessante Andeutungen über das literarische Leben in der russischen [133] Hauptstadt gemacht und in dunkeln Ausdrücken dargetan, wie weit seine dichterische Individualität sich von Puschkin und den russischen Byronisten trennte. Es heißt nämlich wörtlich: „Er setzte nicht seine alltäglichen Ereignisse in der Form erbaulicher Romane auseinander; er enthüllte nicht die Wunden des Gemüts oder die Finsternis verschiedener Träume, er huldigte nicht dem byronistischen Nebel, verleumdete nicht die nichtige Masse seiner Freunde und er war nicht wie jener kosmopolitische Philosoph, der unabänderlich über die Ideen von Kant und Galilei grübelte …“ Diese Anspielungen beziehn sich gewiß auf Lermontoff und auf Puschkin, den Verfasser des Gedichtes „Tschernj“ (Pöbel). Auf wen mit dem „kosmopolitischen Philosophen“ hingezielt wird, ist schwer zu erraten. Sollte Bjelinskij hierunter verstanden sein?

Die Grundverschiedenheit der Charaktere von Puschkin, Lermontoff und Schewtschenko könnte durch ein literarisches Beispiel klargelegt werden. Alle drei haben ein Gedicht, betitelt der „Prophet“, geschrieben und alle drei haben verschiedene Auffassungen von dem Wesen und der Aufgabe des Dichters. Puschkin sieht in dem Propheten vor allem den gottbegnadeten Dichter und Weissager, der dazu berufen ist, den göttlichen Willen zu erfüllen und durch das göttliche Wort die Herzen der Menschen zu entflammen. Lermontoff hebt (1841) in seinem Gedichte vorzugsweise das verkannte Dichterlos des Propheten hervor, wie er zerlumpt und obdachlos von den Menschen verhöhnt wird, wenn er seine Wüste verläßt. Schewtschenko aber betont in dem am Aralsee 1848 verfaßten „Prophet“ (Prorok) den prophetischen Beruf des Dichters als das Streben, Liebe zu erwecken und Licht zu verbreiten.

Von Vaterliebe tief beseelt
beglückte einmal Gott die Welt
mit einem himmlischen Propheten,
daß sie von Gottes Liebe hört
und weisen Lehrers nicht entbehrt.
Und wie Dniprós erbrauste Wellen,
so strömte seiner Worte Flut
gar tief in alle Menschenseelen,

[134]

erwärmend mit geheimer Glut
manch kaltes Herz. Und es gewann
die Welt gar lieb den hehren Mann
und betete ihn weinend an.
Und bald – o Menschenarg! – bald war
verbrannt von Menschen sein Altar.
Und in dem fremden Götzenreich
verschlangen sie das Opferbrot
und der Prophet – o wehe euch! –
fiel unter ihren Steinen tot.
Und wahrlich ging nun Gott nicht irre,
als er, als wie für wilde Tiere,
für sie die Ketten schmieden ließ
und sie in tiefste Kerker stieß.
Und – o Geschlecht voll Falsch und Tücke! –
Daß kein Prophet dich mehr beglücke,
dich einen Zaren wählen hieß![144]

Wie wir bereits wissen, waren die panslawistischen Tendenzen der revolutionären St. Cyrill- und Methodus-Gesellschaft religiöser Art. Eben deshalb konnte Schewtschenko nicht umhin, mit diesem Vereine zu sympathisieren, sowohl aus rein humanitären Gründen, wie aus speziell slawischen. Denn Schewtschenko fühlte sich immer als Slawe im Geiste Kollárs und er hegte deshalb keinen Haß gegen die Russen und die Polen als solche. Er hatte ja unter den Russen einige seiner besten Freunde und Gönner und er wußte zu gut, wie schwer das russische Bauernvolk unter dem Nikolaischen Joche schmachtete.

Schon in den bluttriefenden „Hajdamaken“ trauert der Dichter darüber, daß „das Blut von den Kindern der alten Slawen vergossen worden ist“. Die slawischen Sympathien ließen aber Schewtschenko nie die nationalpolitische und soziale Lage des eigenen, gerade von slawischen Stammesbrüdern unterdrückten Volkes vergessen. Er weiß auch seine Landsleute wegen ihres Slawophilismus zu rügen. In dem ergreifenden „Sendschreiben an die Toten und die Lebendigen in der Ukraine“ geißelt er die Ukrainer wegen ihrer Fremdlingsmanie: sie brüsten sich [135] damit, daß sie Kollár, Šafařík und Manka lesen, drängen sich den Slawophilen auf und kennen alle Sprachen der slawischen Völkerfamilie, ihre eigene aber ist ihnen unbekannt.

Den stärksten Ausdruck fand sein humanitärer Panslawismus in dem dem tschechischen Slawisten P. J. Šafařík[145] gewidmeten Gedichte „Der Ketzer oder Jan Hus“ (Jeretyk abo Iwan Hus, 1845). In der Einleitung preist Schewtschenko den berühmten slawistischen Literaturforscher, weil er „tief unter der Asche mit kühnem Falkenauge späht und eine Leuchte der Wahrheit und Freiheit entfacht …“.

Zuletzt betet der Dichter zu Gott, daß „alle Slawen gute Brüder, Söhne der Sonne der Gerechtigkeit und Ketzer wie der große Märtyrer von Konstanz werden mögen“.

Die poetische Erzählung vom Martyrium des Jan Hus ist künstlerisch wenig bedeutend, aber sie ist höchst bemerkenswert als begeisterte Huldigung eines Protestanten seitens eines Orthodoxen und als flammender osteuropäischer Protest gegen den Gewissenszwang. Die schlichte Erzählung stellt die reformatorischen Bestrebungen von Hus und seinen mutigen Kampf gegen das Papsttum in kurzer Übersicht dar und kulminiert in der Apotheose auf dem Scheiterhaufen.

Auch den Polen gegenüber war Schewtschenko, im Grunde genommen, nicht feindselig. Mit mehrern Häuptlingen der polnischen revolutionären Verschwörer hat er sich aufs innigste befreundet, als er mit ihnen das Los der Verbannung teilte. Den besten Einblick in dieses Freundschaftsverhältnis gibt uns der Briefwechsel, welchen der Dichter mit dem polnischen Schriftsteller Bronislaw Zaleski (1853–1857) führte.[146] Eine ganze Reihe von polnischen Freunden Schewtschenkos wird da genannt. Zaleski erscheint als sein Busenfreund. Aber nicht minder lieb sind ihm einerseits die radikalen Dichter Edward Żeligowski (Antoni [136] Sowa), andrerseits der lateinische Pfarrer in Orenburg, Zielonka. Beide werden von dem ukrainischen Dichter verehrt. Mangelhafte historische Bildung des Dichters war die Ursache, daß er den geschichtlichen Kampf zwischen den Ukrainern und den Polen einseitig beurteilte und grundsätzlich auf den kirchlichen Konflikt zurückführte. Seinem besten Freund Zaleski widmet Schewtschenko ein Gedicht, in welchem die Zeit gepriesen wird, wo es noch keinen Zwang zur kirchlichen Union der Ukrainer mit Rom gab und wo sich die Ukrainer mit Polen aus freien Stücken brüderlich vertrugen. Und in einem Gedichte vom Jahre 1850 klagt Schewtschenko: „Wir verbrüderten uns mit den Ljachen, bis Sigismund III. durch seine Ksondzy (katholische Priester) uns trennte. Seitdem ist es uns schlecht gegangen. Im Namen Christi und der heiligen Mutter zogen die Ljachen ins Feld gegen uns. Die Jesuiten verunreinigten heilige Plätze; Blut wurde vergossen und auf unsrer Erde wuchsen Grabhügel wie Berge auf.“

Infolge der Annäherung an die Polen wurde Schewtschenko bei seiner Rückkehr nach Petersburg von Żeligowski[WS 6] vor der Gründung einer politischen Zeitschrift zu Rate gezogen und von andern Polen herzlich empfangen, was um so natürlicher war, als er dort bereits zurzeit seines künstlerischen und literarischen Auftretens, anfangs 1840, mit vielen Polen verkehrt hatte und von ihnen am frühesten gefeiert wurde.

Man rühmt dem russischen Verfasser der „Aufzeichnungen eines Jägers“ nach, daß er durch seine Bauernerzählungen die literarische Fehde gegen die Leibeigenschaft führte. „Ich konnte nicht“ – schrieb Iwan Turgenjeff – „die gleiche Luft atmen mit denjenigen, die ich haßte. Es war notwendig, mich von meinen Feinden zu entfernen, um von meiner Ferne aus sie nur desto kräftiger anzugreifen. Vor meinen Augen hatte dieser Feind eine bestimmte Form und trug einen bekannten Namen: Leibeigenschaft. Unter diesem Namen sammelte und konzentrierte ich alles, gegen das ich beschlossen hatte, bis zu Ende zu kämpfen, und mit welchem ich mich nie versöhnen würde. Es war mein Hannibalschwur.“

[137] Mit noch größerm Recht kann von Schewtschenko behauptet werden, daß er einen Hannibalschwur nicht nur ablegte, sondern daß er ihm auch bis zum letzten Atemzug treu blieb. Sein ganzes Leben war ein ununterbrochener Kampf gegen jenes soziale Krebsgeschwür und gerade weil er selbst aus den Krallen der Leibeigenschaft losgelassen wurde, fühlte er um so tiefer die Erniedrigung des Volkes, das unter diesem Joche sich noch sklavisch plagen mußte. Und für Schewtschenko war die wirtschaftlich-soziale Leibeigenschaft nicht das Schlimmste: gerade aus sittlichen Gründen mußte er diesen Feind auf Leben und Tod bekämpfen.

„Die kurze Geschichte meines Lebens, die ich in dem vorliegenden schmucklosen Bericht Ihnen zu Gefallen skizziert habe, – schreibt er am Ende seiner kurzen Selbstbiographie im „Narodnoje Tschtjenije“ 1860 – kam, wie ich gestehn muß, mir teurer zu stehn als ich erwartet hätte. Welch dunkle Reihe verlorner Jahre! Und was hab ich letzten Endes durch meine Bemühungen dem Schicksal abgerungen? Das nackte Leben … Die Einsicht in meine Vergangenheit. Sie ist schrecklich, um so schrecklicher für mich, weil meine leiblichen Brüder und Schwestern, die in meiner Biographie zu erwähnen ich nicht übers Herz bringen konnte, bis zum heutigen Tage Leibeigene sind.[147] Ja, mein Herr, Leibeigene bis zum heutigen Tage!“

Als Beweis seiner Entrüstung über die Leibeigenschaft mag eine Episode aus seinem Aufenthalte in der Ukraine um 1840 hier erwähnt werden. Schewtschenko war zu einem Gutsbesitzer eingeladen; als dieser seinen Diener schlug, wurde der Gast so aufgeregt, daß er seinen Hut ergriff und sich entfernte – ohne Abschied zu nehmen. – Am 19. Februar 1861 besuchte ein Bekannter den kranken Dichter. Schewtschenko, indem er sich an den Fensterpfosten lehnte, fragte unruhig: „Wie gehts? Gibt es Freiheit? Ist das kaiserliche Manifest veröffentlicht?“ In dem stummen Blick des Freundes las Schewtschenko die verneinende Antwort; er verbarg das Gesicht in die Hände, fiel auf das Sofa und [138] weinte. Das Manifest betreffs der russischen Bauernbefreiung war in der Tat vom Kaiser Alexander II. schon unterzeichnet; in Anbetracht etwaiger Unruhen aber wurde seine Bekanntmachung ein wenig verschoben, und Schewtschenko starb eine Woche später – ein Moses, der allerdings das gelobte Land erblickt hatte, dem es aber nicht beschert war, sein Volk selbst dahin zu führen. Alexander Herzen schrieb auch mit Recht in seinem „Kolokol“ April 1861: „Am 26. Februar (10. März) verschied in Petersburg der kleinrussische Dichter T. Schewtschenko. Schade, daß der arme Dulder seine Augen so unmittelbar vor der versprochenen Befreiung schloß! Wer hatte mehr Recht, an diesem Tage zu singen als er? Aber jedenfalls gut, daß die Morgenröte jenes Tages schon während seiner Lebenszeit seine letzten Tage erleuchtet hat.“

Es gibt wohl kaum ein größeres Gedicht von Schewtschenko, wo die Leibeigenschaft nicht direkt oder indirekt behandelt wird: „Der Traum“, „Kaukasus“, „Die große Gruft“ usw. Der leibeigene Hausknecht Jarema in den „Hajdamaken“ mußte stillschweigend gehorchen und lachen, damit die Leute nicht erführen, was er im Herzen verborgen hielt, und in der „Kalten Schlucht“ klagt der Dichter die Besitzer der Leibeigenen heftig an: „Ihr, unersättliche Räuber, hungrige Raben! Mit welchem gesetzlichen Recht schachert ihr mit der allen gegebenen Erde und mit armen Menschen?“ Die russisch geschriebenen Novellen handeln fast ausnahmslos von den Schicksalen Leibeigener. „Der Musikant“ schildert einen ukrainischen Leibeigenen, der endlich losgekauft wird und glücklich heiratet, „Der Künstler“ – einen Maler. In der Erzählung „Matros“ bittet ein Marinesoldat, der sich im Krimkriege ausgezeichnet hat, daß seine Schwester, als Belohnung für seine Tapferkeit, der Leibeigenschaft ledig werde; „Warnak“ (ukrainische Bezeichnung eines aus Sibirien entlassenen Deportierten) ist die Leidensgeschichte eines nach Orenburg verwiesenen Ukrainers, und das mit einem ukrainischen Volkslied verwandte Gedicht „Petrusj“ bezieht sich auf einen ukrainischen Schweinehirten, der von [139] der jugendlichen Generalin geliebt und von ihr verleitet wird, den Gemahl zu vergiften. Petrusj gibt sich jedoch selbst bei Gericht als Mörder an und wird nach Sibirien deportiert.

In allen diesen Stoffen widerspiegelt sich Schewtschenkos eigenes Schicksal mehr oder weniger. Man merkt auch hier, wie fremd er dem russischen Byronismus gegenüberstand. Für ihn war der „Gefangene vom Kaukasus“ wahrhaftig kein romantischer Held à la Petschorin und es konnte ihm nicht in den Sinn kommen, derartige romantische Gestalten ästhetisch zu verwerten.

Je älter und vereinsamter Schewtschenko wurde, desto mehr quälte ihn das unglückliche Los seines Vaterlandes. „Nicht nur in einem einzelnen Dorfe – dichtete er am Aralsee (1848) – sondern in der ganzen ruhmreichen Ukraine haben die hinterlistigen Herren Menschen unter das Joch gespannt. Ritterliche Söhne verderben und gottlose Herren verkaufen ihre letzte Hose den Juden, ihren guten Brüdern.“ Bei dem Gedanken an die sittlichen Folgen der Leibeigenschaft wird sogar seine helle Auffassung des idyllischen Dorflebens verdunkelt. Es schneidet ihm ins Herz und während der Verbannung (1850) wehklagt er in Orenburg:

„Ihr würdet nicht Idyllen schreiben,
ihr, feine Herrscher, ließt es bleiben,
mit Gottes Lob uns zu erbauen,
wenn ihr die Tränen würdet schauen,
die viele eurer Nächsten weinen.
Wie kommts, daß wir das Haus im Haine
ein Paradies auf Erden nennen?
Dort lernt’ ich erste Qualen kennen,
dort floß auch meine erste Zähre!
Ob Gott ein grimmig Übel kennt,
das nicht im Haus zu finden wäre,
das doch ein Paradies man nennt?
Ein Paradies kann mir nicht sein
das Haus am klaren Teich im Hain:
in diesem Haus am Dorfesrand
die Mutter mich in Windeln wand;
indes ihr Lied dazu sie sang,
ihr Lied in meinen Busen drang.

[140]

Ich sah im Hain, im Vaterhaus,
im Paradies nur Höllengraus
nur Robot, Sklavenlos und Leid;
nicht ließ man uns zum Beten Zeit.
Mein Mütterchen, das mich gepflegt,
noch jung ward sie ins Grab gelegt
und so ward erst die Gute los
den Frondienst und die Erdenplag’.
Mein Vater weinte manchen Tag
mit uns (wir waren klein und bloß),
er konnt’ das Elend nicht ertragen
und mußt’ dem Erdenlicht entsagen.
Wir Kinder, kaum war dies geschehn,
verließen alle Hain und Häuschen,
wir kleinen, mutterlosen Mäuschen:
Ich mußte in die Schule gehn
und für die Schüler Wasser tragen;
die Brüder mußten hart sich plagen
im Joch der Arbeit, bis vom Haupte
die Schere ihre Locken raubte.
Die Schwestern, Schwestern! welch ein Los
muß euch, ihr armen Täubchen, werden?
Wem atmet ihr zulieb auf Erden?
Im Frone wurdet, ach, ihr groß,
im Fron wird euer Haar erbleichen,
im Frone euch der Tod erreichen! …“[148]

Schon vor der Verbannung fiel der Dichter diesem Pessimismus anheim, der deutlich in dem großartigen Gedichte „Kaukasus“ hervortritt, wo er gegen Gott selbst die sarkastische Klage erhebt:

„Nicht uns geziemts, mit dir zu rechten,
noch zu bemängeln dein Gebot!
Uns ziemt zu weinen nur, zu weinen,
zu kneten unser täglich Brot
mit blut’gem Schweiß, mit bittern Tränen.
Die Henker uns mißhandeln, höhnen,
berauscht liegt unser Recht – wie tot …“

Aus der tiefsten Verzweiflung aber rettet ihn seine Religiosität, sein fester Glaube an die göttliche Vorsehung und es dürfte kein bloßer Zufall sein, daß die umfangreichsten [141] Erzeugnisse seiner letzten Periode religiös angehaucht waren, und zwar die legendarischen Erzählungen „Neofity“ und „Maria“ (1857–1858).

Neofity“ (Die Neugetauften) ist ein Kulturgemälde aus der ersten Zeit des Christentums während der Regierung Neros; es stellt das Martyrium der ersten Christen dar. Der junge Alkid, der Sohn einer heidnischen Mutter wird von dem Apostel Petrus zum Christentum bekehrt und nebst andern Neophyten von Rom in Fesseln gebracht. Seine Mutter sucht ihn lang umsonst, findet ihn endlich in Syrakus, darf ihn aber nicht im Kerker aufsuchen. Sie kehrt nach Rom zurück, um beim Kaiser selbst seine Begnadigung zu erwirken. Natürlich vergeblich. Anläßlich einer großen Feier in der römischen Hauptstadt werden die gefangenen Christen von Syrakus zurückgebracht, um im Kolosseum den Raubtieren geopfert zu werden. Die verzweifelte Mutter schlägt ihren Kopf gegen die Gefängnismauern blutig und muß zusehn, wie Alkid in die Arena geführt wird … wie die Henker nachher seinen zerfleischten Leichnam in den Tiber werfen, um die Fische damit zu füttern. Die arme Mutter, die bis jetzt der Göttin Venus geopfert hat, sie fleht nun zum erstenmal den ans Kreuz Geschlagenen an und der Heiland tut das große Wunder: die Seele der schwergeprüften Mutter wird gerettet und fühlt in sich die Kraft des göttlichen Wortes.

Iwan Franko behauptet, keinen Dichter in der Weltliteratur zu kennen, der ein höheres Ideal von der Mutter dargestellt hat. Die ethische Bedeutung des Gedichtes ist in der Tat erhaben. Künstlerisch aber steht es nicht auf der gleichen Höhe und des Verfassers Mangel an klassischer Bildung macht sich hier immerhin bemerkbar.

Wie Krasiński im „Irydion“ hat Schewtschenko hier das russische Kaisertum vor Augen gehabt. Wenn er von dem Reiche Neros spricht, sagt er ausdrücklich, daß „Rußland damals noch nicht existierte“; die Irrfahrt der suchenden Mutter nach Sizilien vergleicht er mit einer Wanderung nach Sibirien. In dem Prolog deutet er auch unverkennbar auf die patriotische Tendenz mit den Worten hin: „Gib [142] mir, o Gott, Kraft, damit ich mit Feuerzunge rede, um die Herzen der Menschen zu erwärmen und mein Wort wie ein Brand die Ukraine erreiche und sie erleuchte – das göttliche Wort, Weihrauch der Wahrheit, Amen!“

Im Gegensatz zu diesem schauderhaften Kulturbild der Geschichte der christlichen Kirche steht die idyllische volkstümliche und naive Zartheit der biblischen Erzählung „Maria“, die reine Mutterseligkeit der heiligen Jungfrau und die Geburt des Erlösers in innigen melodischen Versen wiedergebend. Aus dem Inhalte genügt es, hier einige Übersetzungsproben anzuführen:

„All meine Hoffnung, mein Vertrauen
in dir, o köstlich Himmelsgut,
in dir, Erbarmerin, nur ruht …
Auf dich allein nur will ich bauen,
du Gnadenhort der Heiligen, Reinen!
Hör mein Gebet und brünstig Weinen,
senk, Himmelsmutter, deinen Blick
auf dieser Elenden, Bedrückten
und Lichtberaubten Mißgeschick!
Versag des Sohnes Marterkraft
zu Kreuzesleiden bis ans Ende,
versag sie ihnen nicht und wende
zu einem gnadenreichen Schluß,
preiswürdige Himmelskönigin,
ihr Stöhnen, ihrer Zähren Guß!
Und wenn das Elend einstens flieht –
und Frühling durch die Dörfer zieht,
dann soll im Psalm dein Lob erklingen
aus stiller, hochgestimmter Brust.
Wenn heut aus jammervollem Dust
zu deinen Himmelshöhn nichts dringen
als bittrer Wehruf mag ohn’ Ende:
vergib es mir, nimm huldvoll auf
der ärmsten Seele letzte Spende!
– – – – – – – – – – –
… Es glimmt der Funke,
urmächtigen Brand erzeugend, auf und läßt
die Lohe ahnen, die dein Blut verzehrt
und dein Gebein. Ach, tot mehr denn lebendig
wirst treten du in deines Sohnes Stapfen.
Schon naht die Zukunft dir und kündet sich

[]
Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen. Bild 3.jpg
Selbstbildnis aus 1858.
[143]

dem Herzen an. O, wende deinen Blick
hinweg, die seherische Träne trockne,
die von der reinsten Wimper quillt, dein Haupt
mit Lilien kränze und des Mohnes Blüte
und eh’ sich dein Geschick erfüllen will,
such Schlummer in des Ahornbaumes Schatten!“[149]

Die felsenfeste Gottesfurcht versüßte die letzten dichterischen Stunden des gebrochenen Kobsaren und hielt ihn noch in den bittersten Augenblicken aufrecht. Sein eigenes Leben war schon zertrümmert, die Hoffnung auf häusliches Glück vereitelt und keine Zukunft lächelte dem müden Wanderer vom Aralsee. Aber an dem menschlichen Fortschritt, an der glücklichen Zukunft seiner Ukraine verzweifelte er nicht:

„Gib mir, o Gott, auf Erden Liebe, das Paradies des Herzens, Liebe zur Gerechtigkeit – mehr wünsch ich nicht … Auch die noch nicht empfangenen Zarensöhne werden hinsterben und auf der erneuten Erde wird es keine Feinde und Widersacher geben; da wird Liebe zwischen Mutter und Sohn herrschen und alle werden Menschen sein …

Die Sonne geht auf und bringt den Tag.“

Taras Schewtschenko ward reicher als er je hätte wünschen können … Die Liebe des Volkes wird sein schönster Lohn und in der Geschichte der Weltliteratur hat er sich ein Monument errichtet … dauerhafter als Erz.

[144]
VIII.
Der Frauendichter.

Das Bild, das ich von Schewtschenkos literarischer Persönlichkeit geben wollte, wäre nur unvollständig,[150] sollte ich seine erotische Dichtung nicht berücksichtigen. Ja, der echte Kobsar ist vielleicht an den Frauenliedern ebenso leicht erkennbar wie an den kosakischen „Dumen“. Ich möchte sogar behaupten, die künstlerische Stärke Schewtschenkos liegt weit mehr in der konzentrierten Idylle als in der eigentlichen Epik, Seine Dichtung ist mehr weiblich – im besten Sinne des Wortes – als männlich.

Schewtschenkos persönliche Erfahrungen in der Liebe widerspiegeln sich in seiner Dichtung deutlich. Eine wahre, ungetrübte Liebe kannte er fast gar nicht; für seine persönlichen Erlebnisse auf diesem Gebiete gibt es beinahe keinen Platz in seinen Liedern. Das Bild der Oksana, der kleinen Hirtin, folgte allerdings dem Dichter durch das ganze Leben, ist aber eher ein Produkt der idealisierenden Phantasie als die konkrete Erinnerung eines genossenen Liebesglückes. Ja das einzige Mädchen, für welches Schewtschenko „geschwärmt“ hat und mit dem er offiziell verlobt war, war das ukrainische Dienstmädchen Lukerija und sie – die Unwürdige – sie allein hat er im Gesang verewigt. Das geschah im August 1860, als er ihr in Strjelna ein kleines Gedicht widmete, in welchem er in sehr resigniertem Ton der Hoffnung Ausdruck gibt, sie möge ihm dazu verhelfen, die schwere Last des Lebens zu tragen und ihn aus der [145] Tiefe emporheben. Der Dichter wurde bekanntlich in dieser Hinsicht sehr enttäuscht, denn Likerija war nichts weniger als geeignet, die tröstende und rettende Lebensgefährtin des kranken, empfindsamen Dichters zu sein. Und seine bittre Enttäuschung bezieht sich wahrscheinlich auf sie in einem kleinen Gedicht drei Monate später, in welchem er von seinen Zukunftsplänen spricht. Er will eine Hütte mit einem Garten bauen, wo er ausruhn könne; aber auch hier „wirst du im Traum erscheinen und mein einsames Paradies verbrennen“.

Von seinem eignen Herzensleid spricht Schewtschenko überhaupt sehr wenig und es ist für seine Bescheidenheit und seinen demütigen Altruismus sehr charakteristisch, daß er die eigne Person immer in den Hintergrund treten läßt. Hier zeigt es sich wiederum, wie weit entfernt er von „dem byronistischen Nebel“ war. Niemals spürt man in seinen Liebesliedern die frohlockende Leidenschaft oder den Triumph des Liebesgenusses. Die Stimmung ist immer melancholisch und elegisch. Aber die einzelnen Qualen verbirgt der Dichter in der Tiefe seines Herzens und fast immer ist es das alleinstehende Mädchen – nicht der einsame Jüngling – das über das verlorene oder niemals errungene Liebesglück klagt.

„Ach ich bin so allein
wie ein Halm auf der Heide
und es gab mir mein Gott
hier kein Glück, keine Freude.

Schwarze Augen nur hat
mir der Herrgott gegeben,
doch ich weinte sie aus
in dem einsamen Leben.

Ich erwuchs ohne Heim,
ohne Schwestern und Brüder
und ich welke dahin
und erblühe nicht wieder.

Ach! wo bleibt denn mein Lieb?
Hört ihr, Menschen, mein Klagen?

[146]

Nein … Ihr hört nicht … und nie
wird ein Mann nach mir fragen …“[151]

In zwei gleichnamigen Gedichten „Das Tuch“ (Chustyna) aus den Jahren 1844 und 1847 wird das gleiche Motiv, dem bekannten russischen „Roter Sarafan“ von Mersljakoff etwas ähnelnd, behandelt. Das Mädchen näht singend ein Tuch und erwartet umsonst den geliebten Tschumaken, respektive Kosaken. Nur sein Leichnam kommt zurück. Das Tuch, das eine Rolle bei der Sitte des Brautwerbens spielen sollte, wird nun an das Kreuz auf dem Grabhügel gehängt, wo die Winde mit ihm ihr Spiel treiben. Und die Beständigkeit, die Treue, sie bleiben zumeist Sache des Weibes. Die reiche, schöne Kateryna (in einem Gedichte vom Jahre 1848) empfängt in ihrem Hause drei Saporoger, die von ihrem Reiz entzückt sind und sie versprechen alles zu tun, um sich ihrer Gunst zu erfreun. Kateryna teilt dann mit, daß ihr einziger Bruder als Gefangener in der Krim weile, und sie erklärt sich geneigt, seinen Retter als Gemahl willkommen zu heißen. Die drei Saporoger eilen nach der Krim, um den Rettungspreis zu gewinnen. Der erste wird vom Strudel des Dnipró verschlungen, der zweite in Koslow (Eupatoria) an den Pfahl gespießt; der dritte aber erreicht das Ziel und führt den Gefangenen heim. Nun aber enthüllt Kateryna ihren Betrug: der Gerettete ist nicht ihr Bruder, sondern ihr Geliebter. Sie wird sofort getötet.

„… Die Schollen deckten
Katerynens Glieder.
Doch die tapferen Saporoger
wurden Waffenbrüder.“[152]

Im Weibe sah Schewtschenko weniger die geliebte Braut als die Mutter und das durch ethische und soziale Mißverhältnisse erniedrigte Wesen, das sein Gerechtigkeitsgefühl erregte und sein tiefstes Mitfühlen. „In unserm irdischen Paradies – sagte er – gibt es nichts Schönres als [147] eine junge Mutter mit ihrem Kindlein.“ Der Dichter des Lobgesanges von „Maria“ wußte doch zu gut, daß die Freuden der Mutterschaft vielen, wohl der Mehrzahl der Frauen teuer zu stehen kommen und daß die Folgen der Leibeigenschaft auch hier in schrecklicher Weise sichtbar werden. Diesen hohen Gedanken vom Weibe teilt Schewtschenko mit der ukrainischen Volkspoesie und er könnte in dieser Hinsicht mit Nekrasoff verglichen werden. Seine eignen Lebenserfahrungen waren auch in hohem Grade geeignet, ihn in seinen sittlichen Anschauungen zu bekräftigen.

Vor allem dachte er mit Entrüstung an alle diejenigen Mädchen und Mütter, die verlassen worden waren und nach ihrer Niederkunft verstoßen wurden. Derartige bedauernswerte Geschöpfe nennt man in der Ukraine „pokrytky“ (Bedeckte), weil sie die gleiche Kopfhülle tragen wie die Frauen. „In das Loch (Kerker) sperrt der Herr den jungen Kosaken ein und läßt das Mädchen als ‚pokrytka‘ in die Welt ziehn.“ In dem Gedichte „An die kleine Marianne“ (1844) vergleicht er diese mit einer Mohnblume, die knospt und blüht, bevor sie gepflückt wird und gebrochen verwelkt. Oder – fügt er hinzu – „blühe gar nicht, mein Blümchen, meine unentwickelte Blüte! Verwelke still, bevor dein Herz gebrochen wird!“

Schon aus dem Erstlingsgedicht „Die Besessene“ haben wir ersehn, daß seine volkstümlichen Balladen des ethischen Elementes nicht entbehren konnten: die Verführte mußte zugrunde gehn als Sühnopfer der menschlichen Bosheit, und im „Rusalka“-Motiv spielen die „bajstrjuky“ (die unehelichen Kinder) eine große Rolle. Diese sittliche Tendenz verleiht auch dem Märchen einen ethischen Wert und einen gewissen realistischen Charakter. Schon in dem zweiten Gedichte „Kateryna“, dem Dichter Zhukowskij gewidmet, zur Erinnerung an die Befreiung aus der Leibeigenschaft, tritt Schewtschenko als der ukrainische Frauendichter deutlich hervor. „Seine sozialen Dichtungen – sagt Waldemar Kawerau in seiner kleinen Schewtschenko-Studie[153] – haben [148] keine tendenziöse Rhetorik, aber gerade in der Schlichtheit der Darstellung liegt die erschütternde Wirkung dieser dunkeln Nachtbilder.“

Kateryna war trotz der Warnung ihrer Eltern in einen Moskowiten verliebt, der gegen die Türken ziehn mußte. Sie wartete vergeblich auf ihn, gebar ein Kind und wurde als „pokrytka“ verhöhnt. Die Mutter schilt sie aus und rät ihr, nach Moskau zu gehn, um ihren Schwiegervater ausfindig zu machen. „Wer aber wird auf meinem Grabhügel die erste Kalyna pflanzen und wer ohne dich für meine sündige Seele beten?“ Kateryna bittet warm um Verzeihung und verläßt das Elternhaus, eine Handvoll Erde von der Wurzel des Weichselbaums mitnehmend. „Wie eine Pappel stand sie auf dem Felde an der Landstraße. Wie Tau vor dem Sonnenaufgang flossen Tränen aus ihren Augen.“ Sie küßt das nichts ahnende, unschuldige Kind und macht sich auf den Weg von Kiew nach Moskau, den die Tschumaken wandern. In Winterkälte und Schneesturm, angetan mit einem Bauernrock, den Sack auf dem Rücken, den Stock in der einen Hand und das Knäblein an der andern, so schleppt sie sich von Dorf zu Dorf, bis sie dem Geliebten zufälligerweise begegnet. Sie will sich in seine Arme werfen; der vornehme Reiter aber stellt sich, als erkenne er sie nicht und jagt sie herzlos fort. Ihr Sinn wird allmählich verwirrt; sie fleht den Reitenden an, er möchte wenigstens das Kind in seine Obhut nehmen, wenn sich schon niemand um sie selbst kümmere. Schließlich ertränkt sie sich in einem Teich. „Kateryna mit den schwarzen Brauen fand endlich, was sie suchte; der Wind wehte über den Teich und fegte jede Spur von ihr hinweg.“ In dem Epilog wandert ein Kobsar nach Kiew, von einem Knaben begleitet – es ist der verwaiste Sohn der unglücklichen Kateryna. Da fährt ein „Berlinerwagen“ vorüber, mit sechs Pferden bespannt und mit einem feinen Herrn und seiner Gemahlin als Insassen. Der Herr wirft ein Geldstück den Bettlern zu, merkt aber sofort die auffallende Ähnlichkeit des Knaben mit sich selbst und beschleunigt beschämt die Fahrt …

[149] In einigen dieser poetischen Erzählungen macht sich mitunter doch ein sentimentales romantisches Element bemerkbar, das freilich Schewtschenko fremd ist. Die in russischer Sprache geschriebene Erzählung „Die Blinde“ schildert, wie Oksana, die Tochter einer blinden, von einem Herrn verführten Mutter in das Haus ihres Vaters aufgenommen wird. Dieser läßt den Kosaken erschießen, der Oksana liebt. Sie wird verrückt und gibt sich selbst den Flammentod.

Die Eule“ (Ssowa) handelt von einer Mutter und ihrem Sohn, dem der Kuckuck ein langes, glückliches Leben vorhergesagt hat. Als die Mutter verwitwet ward, mußte sie Tag und Nacht dienen, sammelte aber Geld, um dem Kinde einen Rock zu kaufen, damit es zur Schule gehn könne. Es wächst auf und wird Soldat. Niemals bekommt die Mutter von ihm Nachricht; sie harrt vergeblich seiner Heimkehr und verliert schließlich den Verstand … den Dorfkindern zum Gelächter, als „Eule“ bespöttelt.

Den nationalen Boden verläßt Schewtschenko jedoch auch in diesen romantischen Erzeugnissen nicht. In der „Prinzessin“ (Knjazhna) (1847) findet die von ihrem leichtsinnigen Gemahl vernachlässigte Fürstin einen Trost in der Mutterschaft. Ihre kleine Tochter gedeiht „wie ein Äpfelchen im Garten“. Die Mutter kauft ihr in der Stadt Romny eine Fibel mit Holzschnitten und wacht „wie eine Taube“ über sie. Nach dem Tode der Mutter wird die Prinzessin von guten Leuten in Schutz genommen und in eine Lehranstalt zu Kiew gebracht. Der Fürst aber setzt sein ausschweifendes Leben fort, obgleich Hungersnot im Dorfe wütet. Um den Notleidenden zu helfen, kehrt die Tochter zurück. Eines Nachts, als sie traurig in ihrem Zimmer wacht, dringt der betrunkene Vater herein, um sie zu schänden. Man hört Geschrei, Feuer bricht aus und man hält die Prinzessin für verloren. Sie ist aber geflohn und wird Nonne in Kiew, um die Sünden des Vaters zu sühnen. Erschöpft stirbt sie im Kloster zu Tschyhyryn, wo sie ihr Geheimnis enthüllt.

[150] Den Höhepunkt dieses Genres hat Schewtschenko, meiner Ansicht nach in der Idylle „Das Dienstmädchen“ (Nájmytschka)[154] (1845) erreicht. In einem seiner ersten poetischen Versuche (1814) hatte Alexander Puschkin eine Romanze verfaßt, wie ein Mädchen in herbstlicher Abendstunde an einen öden Ort schleicht, die heimliche Frucht einer unglücklichen Liebe in ihren Armen tragend und wie es das Knäblein auf fremder Schwelle niederlegt. So beginnt auch die idyllische Fahrt Schewtschenkos. Am frühen Morgen, als das Land noch in Nebel gehüllt ist, geht ein verlassenes Weib, um sein neugeborenes Kind fremden Leuten zu übergeben unter rührendem Abschied. Ein glücklicher Zufall fügt es, daß das Knäblein von einem alten kinderlosen Ehepaar, Trochym und Nastja, als Pflegesohn angenommen wird. Ein Jahr nachher kommt die Mutter als Dienstmädchen in das Haus, um in der Nähe des kleinen Marko zu sein und insgeheim all ihre mütterliche Zärtlichkeit ihm zu schenken. Als Marko erwachsen ist und verheiratet wird, soll Hanna, das verkleidete Dienstmädchen, an Stelle der verstorbenen Nastja die Mutter vertreten. Sie kann das nicht übers Herz bringen, sondern zieht vor, nach Kiew zu pilgern, um für ihren Sohn und seine Braut zu beten. Sie kehrt mit vielen Geschenken aus dem Kloster zurück und pflegt dann ihre Enkel. Erst am Sterbebett, als Marko von einer längern Reise als Tschumak zurückkommt, offenbart sie ihm das Geheimnis und entschläft ruhig.

Es liegt über dieser Erzählung ein eigentümlicher Schimmer (z. B. in der Schilderung der Vorbereitung zur Heirat), der bei Wiedergabe in einer andern Sprache entgleitet. Das rührende Element ist hier frei von jeder falschen Sentimentalität und der naive Ton erinnert beinahe an eine alttestamentarische Idylle. Und es ist wohl in Betracht zu ziehn, ob Schewtschenko nicht gerade in diesem [151] Genre seine größte dichterische Originalität offenbart. Als Darsteller unglücklicher, doch willenstarker, heroischer Frauengestalten ist er zweifellos dem russischen Meister Iwan Turgenjeff an die Seite zu stellen.

[153]
Nachruf.

In einem Gedichte „Die ukrainische Sprache“ (1885) von dem ukrainischen Dichter Wolodymyr Samijlenko (geboren 1864) wird Schewtschenko mit einem Edelstein verglichen, der „auf einer großen Landstraße liegt, wo allerlei Leute herumgehn, ohne den Wert des Steines zu erkennen“.

Dieser Vergleich dünkt mich in hohem Grade zutreffend. Es dauerte in der Tat recht lang, bevor unser kleiner Weltteil von Taras Schewtschenko etwas mehr als den bloßen Namen erfuhr.

In der Literatur, die der ukrainischen am nächsten steht, d. h. in der russischen, blieb Schewtschenko recht lang unbekannt und verkannt, obgleich es gerade Schewtschenko war, der zwischen den beiden Literaturen eine nicht mehr verwischbare Grenze gezogen hat. Wir wissen schon, wie schroff ablehnend der maßgebende Literaturkritiker Bjelinskij sich dem Kobsaren gegenüber verhielt. Nach dem Erscheinen der „Hajdamaken“ schrieb Bjelinskij in den „Otetschestvennyja Sapiski“ 1842: „Derartige Erzeugnisse erscheinen ausschließlich zur Erquickung und Erbauung der Verfasser selbst; ein andres Publikum haben sie wahrscheinlich nicht. Wenn die Herren ‚Kobsaren‘ glauben, durch ihre Gedichte den niedrigsten Klassen ihrer Landsleute irgend welchen Vorteil zu bringen, täuschen sie sich. Diese Gedichte – abgesehn von dem Überfluß an gemeinsten Ausdrücken – entbehren jeder Schlichtheit in bezug auf Erfindung und Fabel und sind voll geschmackloser Verzierung und Kunstgriffe, allen schlechten Poeten angeboren. Sie sind oft nicht im geringsten volkstümlich, wenngleich sie sich auf [154] Hinweisungen auf die Geschichte, die Volksideen und Überlieferungen gründen und allen diesen Ursachen zufolge sind sie dem einfachen Volke unverständlich und haben nichts, womit man sympathisieren kann.“

Man könnte es gewissermaßen begreiflich finden, wenn Bjelinskij, der für die Volkspoesie überhaupt wenig Verständnis hatte, den „Hajdamaken“ gegenüber sich skeptisch und kühl verhielt. Die Literaturgeschichte kann ihm aber schwerlich verzeihn, daß er den „Kobsar“ vom Jahre 1844 totschwieg und die großartigen Kampfgedichte vom Jahre 1845 als „Pasquillen“ abfertigte.

Eine gerechte Würdigung erhielt Schewtschenko von der russischen Literaturkritik erst nach dem sozialen Durchbruch in Rußland um 1860. Apollon Grigorjeff schrieb in der Zeitschrift der Brüder Dostojewskij, „Wremja“ u. a.: „Durch die Schönheit und die Kraft seiner Dichtung kann Schewtschenko Puschkin und Mickiewicz gleichgestellt werden. Ja, wir gehn noch weiter: Schewtschenko besaß die nackte Schönheit der volkstümlichen Poesie, wovon bei Puschkin und Mickiewicz nur einzelne Funken hervorglänzten. Die Natur Schewtschenkos war klarer, einfacher und aufrichtiger als diejenige Gogols, des großen Dichters der Ukraine, welcher sich auf einen falschen Standpunkt stellte, indem er der Dichter des seinem Wesen fremden großrussischen Volkes wurde. Er war der letzte Kobsar und der erste große Dichter der neuen großen Literatur.“

Wahre Genugtuung wurde Schewtschenko in der russischen Literatur durch die prachtvoll ausgestattete und pietätvolle, wenn auch nicht einwandfreie Übersetzung – mit Paralleltexten – der „Hajdamaken“ von Gerbel (1886). Der fleißige Literaturhistoriker Skabitschewskij nennt Schewtschenko „einen Giganten der südrussischen Poesie“, und der hervorragende Forscher Pypin schrieb im „Wjestnik Jewropy“ 1888: „Schewtschenko war und bleibt in der Tat bis jetzt der stärkste und begabteste Dichter der kleinrussischen Sprache, so originell, daß etwas seiner Dichtung Ebenbürtiges in der slawischen Poesie kaum zu finden ist.“ Auch viele der größten russischen Zeitschriften („Russkaja [155] Starina“, „Wjestnik Jewropy“, „Istoritscheskij Wjestnik“, „Russkoje Bogatstwo“ etc.) haben in den letzten Jahrzehnten eine Menge von anerkennenden Aufsätzen dem ukrainischen Dichter gewidmet.[155] Es gibt sogar ein „Auf den Tod Schewtschenkos“ betiteltes russisches Gedicht, das von Iwan Franko ins Deutsche übertragen ist[156] und von Nekrasoff auf dem Sterbebett verfaßt sein soll. Der Ton des Gedichtes stimmt mit der Nekrasoffschen Muse gut überein. Es wundert mich nur, daß das der Schwester des Todkranken diktierte Gedicht nicht in die gesammelten Werke Nekrasoffs[157] aufgenommen worden ist, und es scheint mir immerhin fraglich, ob der erschöpfte proletarische Dichter im Kriegsjahre 1877, wo seine Gedanken um das unvollendete Bauernepos „Wer lebt glücklich in Rußland?“ kreisten, dem sechzehn Jahre zuvor gestorbenen Schewtschenko noch einen Nachruf widmen konnte. Schließlich muß das Sammelwerk erwähnt werden, das anläßlich der großen Gedenkfeier in Moskau am 26. Februar 1911 publiziert wurde, mit Beiträgen von dem kürzlich verstorbenen Prof. A. Korsch u. a.

Was Schewtschenko für die ukrainische Literatur bedeutet, kann hier nur angedeutet werden und das literaturkritische Material, das ukrainischerseits schon herausgegeben worden ist, überschreitet den engen Rahmen dieser Literaturstudie, könnte ich es auch bewältigen. Es genügt hier zu konstatieren, daß Schewtschenko seit seinem ersten Hervortreten von seinen urteilsfähigen Landsleuten als das literarische Oberhaupt betrachtet wurde und man braucht nur die moderne ukrainische Literatur zu überblicken, um zu sehn, was für tiefe Spuren Schewtschenko in ihr hinterlassen hat. Weiters genügt die Tatsache, daß der erste und angesehenste [156] wissenschaftliche, akademieartige ukrainische Verein in Lemberg mit dem Namen Taras Schewtschenko (Naukowe Towarystwo im. Schewtschenka) – Schewtschenko-Gesellschaft der Wissenschaften – untrennbar verknüpft ist.

Schon nach dem Erscheinen der ersten Auflage des „Kobsar“ (1840) schrieb der bekannte ukrainische Dichter Hryhorij Kwitka an Schewtschenko: „Sobald ich Ihr Buch öffnete, war ich erstaunt und ich habe den „Kobsar“ schon gelesen. Ich drücke ihn an mein Herz; ich schätze Sie und Ihre Lieder dringen tief in meine Seele“. Panteleimon Kulisch (1819–1897), welcher der Ansicht war, daß Schewtschenko Puschkin hätte ebenbürtig werden können, wenn die Verbannung ihn nicht ereilt hätte, widmete dem Freunde mehrere Gedichte.

„Wohl gab es Dichter, wie Ovid so reich
an Trennungsschmerz. Doch wo ist Höllenqual
der deinen gleich, wie tierische Grausamkeit
sie schuf auf Leichenfeldern am Aral.“[158]

Und in einem andern Huldigungsgedicht imitiert Kulisch Mickiewicz’ Lied des Wajdelota im „Konrad Wallenrod“: „O Muttersprache! du stehst auf ewig Wache als Heiligtum der Erinnerungen an Vorfahren, im hellen, blitzenden Gewande des Cherubs, wie ein feuriges Schwert in unserer Ukraine.“

Der bereits erwähnte Samijlenko feierte den Sterbetag des Dichters durch mehrere Gedächtnisverse; noch immer wiederholen sich diese am 25. und 26. Februar und im Jubiläumsjahre 1914 schwollen sie zu mächtigen Volkshymnen an, die von dem Geräusch der Waffen nicht übertönt werden konnten. „Nein, tot ist er nicht! Der Dichter lebt im Herzen seines Volkes; seine Seele lebt in seinen heiligen Worten und in glückseligen Tränen fort … In den Liedern, die du uns gelassen hast, gabst du das Bild einer heiligen Seele – es wurde ein majestätischer Tempel für die ganze Menschheit …“ (Samijlenko 1888 und 1906).

[157] Dem Dichter Osyp Fedjkowytsch (1834–1888) möchte ich beistimmen, wenn er in seiner poetischen Huldigung 1866 den Pilgern zum Grabhügel am Dnipró zuruft: „Weshalb seid ihr zu dem Heiligtum gekommen, was habt ihr in dem Tempel zu suchen, ihr, Kämpfer der neuen Ukraine? Nicht um an unsre Toten zurückzudenken, nicht um Tränen des Kummers zu vergießen, sondern um den heiligen Propheten zu preisen und um in diesem Heiligtum zu schwören, gemeinschaftlich für das lebendige Ruthenenland, für die lebendige Gerechtigkeit einzustehn.“

Der gleiche Fedjkowytsch schrieb auch 1865 in der „Nationalpoesie der Ruthenen“ ein deutsches Originalgedicht, mit dem meine Studie ihren Abschluß findet:

In Kiew an der Lawra,[159]
da saß ein Sängergreis,
sein Bart war weiß wie Silber,
die Locken silberweiß.

Der sang viel alte Lieder,
sang manchen Seherspruch
und manchem Teufel Segen
und manchem Engel Fluch.

Und manchem Helden Schande
und manchem Weisen Hohn
und manches Schwert in Stücke,
in Stücke manchen Thron.

Da riß sich eine Quader
vom alten Dome los
und stürzt zu seinen Füßen
und sprang in seinen Schoß.

„O Sänger, du furchtbarer Sänger,
laß solch ein Singen sein,
sonst stürzt zu deinen Füßen
das ganze Rußland ein!“

[158]
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  1. Im selben Jahre publizierte Sylvester Jarytschewskyj in Sereth seinen in deutscher Sprache gehaltenen Vortrag: „Ein Dichter der Liebe und des Protestes“.
  2. In Buchform sind folgende Übersetzungen der Gedichte Schewtschenkos ins Deutsche erschienen:
    1. Obrist, J. Georg: Taras Grigoriewicz Szewczenko, ein klein-russischer Dichter, dessen Lebensskizze samt Anhang (mit besonderem Titel: Dumen und Dumken des T. G. Szewczenko in freier Nachdichtung), bestehend aus Proben seiner Poesien, in freier Nachdichtung. (Sechster Jahresbericht der gr.-or. Oberrealschule in Czernowitz für das Jahr 1870.) Czernowitz 1870. Druck von Rudolf Eckhardt. XL, 64 S., 8°.
    2. Szpoynarowskyj, Sergius. Schewtschenkos ausgewählte Gedichte. Aus dem Ruthenischen mit Beibehaltung des Versmaßes und des Reimes übersetzt und mit den nötigen Erklärungen versehen. Zwei Hefte. Czernowitz 1904 und 1906. H. Pardini. 1-36, 37-84 S. 8°.
    3. Virginia, Julia. Ausgewählte Gedichte von Taras Schewstschenko. Aus dem Ukrainischen. Leipzig 1911. Im Xenien-Verlag. 108 S. mit 7 Tafeln.
    4. Kuschnir, Wladimir und Alexander Popowicz. Taras Schewtschenko, der größte Dichter der Ukraine. Zur Jahrhundertfeier seiner Geburt herausgegeben. Wien 1914. Verlag Ukrainische Rundschau. 118 S. mit 4 Tafeln. Gr. 8°. Preis K 2-50. Enthält: Gedichtproben aus T. Schewtschenko in der Übersetzung von Al. Popowicz, Arthur Bosch, Iwan Franko u. a.
    5. In Vorbereitung: Hrycaj, Ostap. Ausgewählte Gedichte von Taras Schewtschenko. Wien 1916. Bund zur Befreiung der Ukraine.
    Außerdem sind Übersetzungen einzelner Gedichte in verschiedenen Zeitungen (Magazin für die Literatur des Auslandes 1878, Leipziger Theater- und Intelligentes Blatt 1876, Zeit, Ruthenische Revue, 1903, 1904, Ukrainische Rundschau 1910, 1912, Slawisches Tagblatt 1911, Ukrainische Nachrichten 1914–1916, u. a.) erschienen.
    Von den prosaischen Werken Schewtschenkos ist in der deutschen Übersetzung nur ein autobiographischer Roman erschienen: „Der Künstler“. Autobiographischer Roman von Taras Schewtschenko. Übersetzt von Arthur Seelieb. Herausgegeben und eingeleitet von Julia Virginia. Im Xenien-Verlag zu Leipzig 1912. VI, 152 S. mit 8 Bildern.
  3. Das linke Dniprógebiet (Poltawa und Tschernihiw).
  4. Ssitsch, urbargemachte Waldstelle, Verhau. Bodenstedt bringt das Wort in Zusammenhang mit dem deutschen „Sitz“. Dieses Lager wurde je nach den Umständen an verschiedene sichere Plätze am Dnipró verlegt.
  5. Er gab 1831 den „Ukrainskij Almanach“ und 1833-1838 die „Zaporozskaja Starina“ heraus.
  6. Nasky Ukrainsky Kazky Saporoschtzja Isjka Materynky. Moskau 1835.
  7. Die Russen geben dem Ukrainer den Spottnamen „Chochol“ wegen des Haarbüschels, das die saporogischen Kosaken trugen. Die Ukrainer wiederum nennen den Moskowiter „Katzap“ (wahrscheinlich vom türk.-arab. katsab, Schlächter).
  8. Die berühmte Familienchronik des Vaters der beiden Panslawisten Aksakoff. Er starb 1859.
  9. Eine Revue, die 1858–1862 von dem aus Poltawa gebürtigen Fürsten Alexander Obolonskij redigiert wurde.
  10. Eine altrussische Stadt, wo kirchliche Malerei gepflegt wurde.
  11. Das Gedicht wurde 1841 geschrieben. Der Großvater Schewtschenkos starb um dieselbe Zeit; er soll ein Alter von 115 Jahren erreicht haben.
  12. Andrej Kosatschkowskyj, Arzt in Perejaslaw, war einer von Schewtschenkos besten Freunden[.]
  13. Das Gedicht ist auch von G. Obrist übertragen.
  14. Stadt in dem Kiew-Gouvernement am Dnipró.
  15. Das Gedicht ist von Julia Virginia und A. Popowicz metrisch übersetzt.
  16. In dem Gedichte „Trysna“ ist vielleicht auch eine Andeutung auf diese Episode: „Der Junge richtet seinen traurigen Blick auf den dunkeln Wald: Wo ist das Ende der Welt und des Himmels, wo sind die Endpunkte der Erde? Und er seufzt tief, als ob er in seinem Herzen die Hoffnung begraben hätte.“
  17. Deutsche Übersetzung von Arthur Seelieb.
  18. Aus einem Referat von W. Semewskij in der Zeitschrift: „Russkoje bogatstwo“ 1911.
  19. Nykolaj Iwanowytsch Hulak – nicht zu verwechseln mit dem zeitgenössischen ukrainischen Dichter P. P. Hulak-Artemowskyj.
  20. „Russkij archiv“ 1892.
  21. Barsukow: M. P. Pogodin, IX 230.
  22. Übersetzt von Ostap Hrycaj; auch von J. Virginia.
  23. Übersetzt von A. Popowicz.
  24. Richtiger: Gedanken.
  25. Übersetzt von O. Hrycaj.
  26. d. h. Gedicht.
  27. Übersetzt von J. G. Obrist; auch von O. Hrycaj.
  28. Übersetzt von A. Popowicz.
  29. Um dem ausländischen Leser eine Vorstellung von der lächelnden Anmut dieses schwer zu übersetzenden Liedes zu geben, kann ich nicht umhin, die erste Strophe in der Originalsprache anzuführen:

    „U peretyku chodyla
    po horichy
    miroschnyka poljubyla [28]

    dlja potichy.
    Melnyk mele, scheretuje
    obernetj sja, pociluje-
    dlja potichy.“

  30. Übersetzt von Julia Virginia.
  31. Übersetzt von Iwan Franko.
  32. Übersetzt von Ostap Hrycaj.
  33. Nach der Übersetzung von S. Szpoynarowskyj.
  34. Übersetzt von Julia Virginia.
  35. Die sehr bescheidene Baumpflanzung, die einen Stadtpark vorstellen soll, trägt noch immer den Namen „Schewtschenko-Garten“.
  36. Ein dichterisch begabter Gelehrter der alexandrinischen Periode (gestorben 1830).
  37. Während der Verbannungszeit las er hauptsächlich die Bibel und „Russkij Invalid“ (eine offiziöse, 1813 gegründete Militärzeitung).
  38. Professor und Vizepräsident der Kunstakademie (gestorben 1873), einer der größten Gönner Schewtschenkos in Petersburg.
  39. Näheres darüber: Dr. Wassyl Szczurat: „Ein Toast auf die ukrainische Republik im Jahre 1848.“ Aus dem Leben und Schaffen Schewtschenkos, Lemberg 1914, ukr.
  40. In der Einleitung zur Prager Ausgabe des „Kobsar“ vom Jahre 1876.
  41. Siehe S.10.
  42. Um jedes Mißverständnis im vorhinein zu beseitigen, sei hier hervorgehoben, daß die in den Gedichten Schwetschenkos vorkommenden „Kosaken“ nichts gemeinsam mit der russischen Kavallerie von heute haben, sondern sich ausschließlich auf die Saporoger der Ukraine beziehen.
  43. Übersetzt von A. Popowicz. Das reizende Gedicht ist auch von Julia Virginia und O. Hrycaj übertragen.
  44. Nalywajko, der angeblich von den Polen lebendig verbrannt wurde.
  45. Metrische Übertragung von O. Hrycaj.
  46. Übersetzt von Julia Virginia; auch von G. Obrist.
  47. Übersetzt von Arthur Bosch. Deutsch auch von Julia Virginia, Iwan Franko und Ostap Hrycaj. Die erste Strophe lautet in englischer Sprache (siehe Athenaeum 1903, Anzeige von Mik: the Century a collection of Malo-Russian poetry and prose published from 1798 to 1898):

    „When I die, the steppe around me
         shall enfold my grave;
    lay me in my own loved Ukraine,
         that is all I crave.
    Let me dee the Dnieper rushing
         where broad grasses wave!
    let his beetting banks be near me,
         let me hear him rave!“

  48. Erst 1841 in dem von Hrebinka herausgegebenen poetischen Almanach „Lastiwka“ (Die Schwalbe) gedruckt.
  49. Ein Irrtum: Gogol wurde bekanntlich im Danilowschen Kloster begraben.
  50. Gogol dichtete bekanntlich, bei all seinem national-ukrainischen Empfinden und Ehrgeiz, nur in russischer Sprache, was eine beinahe tragische psychische Entzweiung im Leben dieses eigenartigen Genies bedeutete. Den Ruhm, der erste Dichter der Ukraine zu sein, hat er unwiderruflich an Schewtschenko verloren.
  51. Vergleiche bei den Südslawen: gusle – guslar.
  52. Ein phototypischer Abdruck der ersten Ausgabe erschien im Jahre 1914 in Lemberg.
  53. Wie die Guslaren in den südslawischen Ländern, waren die Kobsaren der Ukraine öfters blinde Greise. Es war ja natürlich, daß die Unfähigkeit zur körperlichen Arbeit dem Blinden Gelegenheit gab, sich durchs Singen das Brot zu verdienen. Aber darin lag auch ein höherer Sinn: das Volk glaubte, der Blinde könne eben, dank des Verlusts der physischen Sehkraft, um so tiefer in sich selbst, in das Wesen der Dinge Einblick nehmen.
  54. Übersetzt von Szpoynarowskyj. Desgleichen von Julia Virginia.
  55. Siehe das Gedicht Seite 29 („Es kommt davon, weil er beschlossen“).
  56. Nach Ostap Hrycaj.
  57. Im Prolog zu den „Hajdamaken“.
  58. Übersetzt von Julia Virginia.
  59. Im XII. Kapitel der phantastischen Erzählung „Die schreckliche Rache“.
  60. In „Taras Buljba“.
  61. Der Schluß des Gedichtes ist auch dem zur Erinnerung an Oksana 1850 geschriebenen Gedichte (s. Seite 43) etwas ähnlich.
  62. Diese Zeile mutet mich an wie eine literarische Reminiszenz aus Gribojedows berühmter Charakterkomödie „Gore ot uma“. Als die flatterhafte Sofija (1. Akt, VII. Szene) fragt: „Wo ist es besser als in Moskau?“ gibt der sarkastische Tschatskij die beißende Antwort: „Gdje nas njet (wo wir nicht sind)“.
  63. In Wolhynien, wo Chmelnytzkyj 1651 eine Niederlage erlitt.
  64. Übersetzt von J. G. Obrist; auch von J. Virginia.
  65. Chortytzja heißt die Insel in den Dnipróschnellen, wo die Saporoger ihr Hauptquartier (Ssitsch) hatten. Ihr gegenüber am linken Ufer des Flusses war eine große Waldung, Welykyj Luh genannt.
  66. Einen glänzenden Versuch, Schewtschenko als Maler darzustellen, hat im Jubiläumsjahr Professor Nowyckyj gemacht. Seine prächtig mit Reproduktionen malerischer Schöpfungen Schewtschenkos ausgestattete Studie „Schewtschenko jak maljar“ (Lemberg–Moskau 1914), gedruckt auf Kosten der „Ševčenko-Gesellschaft der Wissenschaften in Lemberg“, blieb uns leider bis jetzt unzugänglich. – Im ganzen kennt man von Schewtschenkos Hand mehr als 600 Bilder (Gemälde), darunter 313 Landschfften, 124 Porträts und 70 Genrebilder.
  67. Derselbe Stoff wurde schon 1847 in Orsk in gebundener Rede behandelt.
  68. Der berühmte Schloßpark „Zofiówka“, der Familie Potocki gehörig, im Kiewschen Gouvernement, des öftern gepriesen von polnischen Dichtern.
  69. Übersetzt von Szpoynarwskyj; auch von J. Virginia.
  70. Übersetzt von Julia Virginia.
  71. Das Gedicht wurde von O. Hrycaj übersetzt.
  72. Nach der Übersetzung von Szpoynarowskyj.
  73. Übersetzt von A. Popowicz.
  74. Wahrscheinlich ist die von Masepa gebaute Kathedrale des heiligen Eremiten Nikolai in Kiew hier gemeint.
  75. Das Gedicht ist auch von J. Virginia übersetzt.
  76. Nach der Übersetzung von Ostap Hrycaj.
  77. „Barwinok“, bei Hochzeiten, Leichenbegängnissen und sonstigen Feierlichkeiten in der Ukraine sehr gebräuchlich.
  78. Sowohl von Szpoynarwskyj wie von Julia Virginia übersetzt.
  79. Übersetzt von Julia Virginia; auch von Szpoynarowskyj.
  80. „Kotljarewskyj“, „Taras Trjasylo“ und „An K. Markewytsch“.
  81. Hier ist es natürlich auf den moskowitischen Zaren abgesehn. In die Zeit Neros ist auch die Handlung des epischen Gedichtes „Neofity“ verlegt.
  82. In dem Gedicht an Ossnowjanenko. Siehe nächstes Kapitel.
  83. Eigentlich diejenige, die durch Zaubereien einer Hexe mondsüchtig wird.
  84. Der Schneeball (Viburnum opulus) ist im Ukrainischen das Symbol der Jungfräulichkeit (wie der Ahorn das der Männlichkeit); der deutsche Name läßt sich aber poetisch kaum gut verwerten, deshalb behalten wir oft den ukrainischen Wortlaut „kalyna“. Viele Übersetzer Schewtschenkos ins Deutsche geben diesen Begriff durch „Wacholder“, „Holler“, „Holunder“, „Hirschholunder“ wieder – alles unrichtig.
  85. Das gleiche Motiv ist auch von andern ukrainischen Dichtern (Tschubynskyj, Holowatskyj, Kostomarow) behandelt worden.
  86. Indem Schewtschenko die Pappel als „breitblättrig“ kennzeichnet, deutet das darauf hin, daß er noch an literarische Vorbilder gebunden war.
  87. Nach der Übersetzung von Szpoynarowskyj.
  88. Übersetzung von Obrist.
  89. Deutsche Übertragung von Julia Virginia („Die Wassernymphe“).
  90. Ich führe als Beispiel die Skizze „Am Friedhof“ in den „Idyllen“ des bulgarischen Dichters Petka Todorow an. Ein Pate und eine Patin, die einander lieben, wurden in ungeweihter Erde begraben. Auf seinem Grab wächst eine grüne Ulme (brjast, masc. generis), auf dem ihrigen eine schlanke Pappel, und die beiden Bäume flochten ihre Zweige ineinander.
  91. Vgl. S. 83.
  92. Das Volk glaubt durch einen solchen Pflock die Hexe unschädlich gemacht zu haben.
  93. Wenn Prof. Tretiak in diesem Gedichte eine Reminiszenz von Mickiewicz’ Ballade „Budrys und seine drei Söhne“ erblickt, ist es ein großer Irrtum. Mit solchen Vergleichen wird die komparative Literaturforschung wahrhaftig nicht gefördert. Eher bietet es eine innere Verwandtschaft mit einer patriotischen Ballade „Die drei Brüder“ von dem slowenischen Dichter Aškerc dar.
  94. Beide Gedichte von Julia Virginia übersetzt.
  95. Z. B. die griechischen Mythen von Daphne, Philemon und Baucis u. a.
  96. Übersetzt von Arthur Bosch; auch von G. Obrist.
  97. Das gleiche Motiv kommt auch in einem bulgarischen Volkslied vor, das von dem bulgarischen Dichter Pentscho Slawejkow in seinem rührenden Abschiedsgesang künstlerisch bearbeitet worden ist.
  98. Die Russen geben dem Ukrainer den Spottnamen „Chochol“ wegen des Haarbüschels, das die saporogischen Kosaken trugen. Die Ukrainer wiederum nennen den Moskowiter „Katzap“ (wahrscheinlich vom türk.-arab. katsab, Schlächter).
  99. Ein Saporoger, der an der Seite Stanislaw Leszczynskis gegen den König August II. kämpfte.
  100. Hajdamaka, Rebelle, Straßenräuber (etwa wie der türkisch-südslawische Hajduk) ist ein tatarisches Wort, aus hajda (vorwärts) und mak (treiben) gebildet.
  101. Polnisch Rzeź Humańska, das Blutbad in Humań.
  102. Ebenso die Darstellung seitens der polnischen demokratischen Partei zur Zeit Schewtschenkos.
  103. Offizier bei den Kosaken.
  104. Sterbegewand aus chinesischem Seidenstoff.
  105. Bruchstücke deutsch von Obrist (1870), allerdings sehr schlecht übersetzt und heutzutage ungenießbar.
  106. Deutsche Übersetzung von C. Seeberger (1864) und W. Kienberger (1874).
  107. Tatsächlich verheerten die Saporoger Sinope 1614 und drangen in den Bosporus 1624 ein, jedenfalls später als zu Lebzeiten Pidkowas.
  108. Übersetzt von Arthur Bosch, auch von G. Obrist, Szpoynarowskyj und Julia Virginia.
  109. Übersetzt von Arthur Bosch, auch Szpoynarowskyj und Julia Virginia. – Drei ukrainische Krieger dieses Namens haben allerdings existiert, aber erst in den 1660er Jahren.
  110. Siehe Note S. 71.
  111. Peter Konaschewytsch Ssahajdatschnyj („der Köcherträger“), der in der Schlacht bei Chotyn 1621 den Polen zum Siege über die Türken verhalf. Schwer verwundet, soll er im folgenden Jahre gestorben sein, und das Volk glaubte, er sei Mönch in Kiew geworden.
  112. Hryhoryj Fedorowytsch Kwitka, nach dem Geburtsdorf Ossnowa „Ossnowjanenko“ genannt (1778–1843), Verfasser von Komödien und Erzählungen. Schon 1827 schrieb er ein Lustspiel: „Der Reisende aus der Hauptstadt oder der Wirrwarr in der Kreisstadt“ mit dem gleichen Sujet wie Gogols weltberühmte Komödie „Revisor“. Gogol soll die Idee von Puschkin bekommen haben, der wieder die drollige Geschichte von dem falschen Beamten in Bessarabien gehört hatte. Gogol hat selbst dem alten S. T. Aksakoff erklärt, daß er von Kwitkas Lustspiel Kenntnis gehabt hatte, ohne es gelesen zu haben. Daß Gogols Meisterwerk immerhin Originalwert besitzt und dem Lustspiel von Kwitka weit überlegen ist, braucht kaum hervorgehoben zu werden.
  113. Deutsch von O. Hrycaj.
  114. Kaftan.
  115. Übersetzt von G. Obrist.
  116. Ein Wortspiel Chmelj, Hopfen, Rauschgetränk. Daß Chmelnytzkyj trunksüchtig war, ist genügend bekannt. Wer war aber im östlichen Europa nüchtern?
  117. In der Kirche des Dorfes Subotiw (im Bezirke Tschyhyryn) wurde der gewaltige Hetman begraben, 1664 ließ aber der polnische Feldherr Czarniecki dessen Sarg plündern.
  118. Chef der kosakischen Republik Ssitsch. Kosch (kisch) hieß das Lager, aus ca. 38 kureni (Kasernen, Baracken) bestehend.
  119. Während der Regierung der Kaiserin Anna wurde den Saporogern gestattet, aus der Krim zurückzukehren und sie legten dann eine neue Ssitsch am Flusse Pidpoljna im Poltawschen Gouvernement an.
  120. Diese Szene hat eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit dem Anfang von Gogols „Taras Buljba“, wo der Vater mit den beiden Söhnen das Haus verläßt.
  121. Ein Kloster bei Kiew, von dem letzten saporogischen Koschowyj Kalnyschewskyj, der ins Solowetzsche Kloster (1776) deportiert wurde, gegründet. Nach dem Volksglauben soll Polubotok als Mönch dort begraben sein.
  122. Türkisch, muhammedanisch, von dem biblischen Namen Hagar hergeleitet. Speziell bezeichnet das Wort christliche Renegaten, die zum Islam übertraten.
  123. Es geschah im Jahre 1775.
  124. Der „Ungekämmte“, so nannten die Ukrainer Potemkin, weil er eine Perücke trug.
  125. Übersetzt von Julia Virginia, Szpoynarowskyj und Georg Obrist.
  126. Politische Gedichte Schewtschenkos aus den 1840er Jahren, darunter auch „Der Traum“, wurden zwar in einem Heft der Leipziger „Russkaja Biblioteka“ 1859 neben den in Rußland verbotenen Gedichten Puschkins veröffentlicht, aber in so verstümmelter Form, daß selbst die Herausgeber nicht ihre Verbreitung wagten.
  127. Übertragen von Arthur Bosch.
  128. Der Kaiser Nikolaus und die Kaiserin. Diese Zeilen sollen am meisten den russischen Kaiser gekränkt haben.
  129. Am Granitfelsen steht: „Petro Primo – Catharina Secunda“[.]
  130. Eine wichtige ukrainische Stadt während der Hetmanenzeit.
  131. In der Übersetzung von Siegfried Lipiner (1887).
  132. Nach dem ukrainischen Volksglauben heißt es einem Glück bringen.
  133. Die Residenzstadt von Masepa.
  134. Masepas Oberst.
  135. Wo die Polen von Chmelnytzkyj 1648 geschlagen wurden.
  136. Übersetzt von Julia Virginia, O. Hrycaj und Szpoynarowskyj[.]
  137. Der einarmige D. G. Bibikoff, Generalgouverneur in Kiew, 1835–1856.
  138. Der Fürst Dimitrij D. Dolgorukij, Gendarmeriechef in Kiew zur selben Zeit.
  139. d. h. die Befreiung aus der Verbannung und die Rückkehr nach Rußland.
  140. Übersetzt von Ostap Hrycaj.
  141. In dem Gedicht „Neofity“.
  142. Hier, dünkt mich, hat Schewtschenko an die bekannte „Ode an die Jugend“ von Mickiewicz gedacht, wo der Jüngling mit einem Schlangen würgenden Herkules in der Wiege verglichen wird.
  143. Vergleiche hiemit die schon erwähnte Episode aus seiner Kindheit.
  144. Übersetzt von Ostap Hrycaj.
  145. Schewtschenkos Vorliebe für den gelehrten Šafařík rührt wahrscheinlich davon her, daß sein Freund Bodjanskyj gerade damals damit beschäftigt war, die „Slawischen Altertümer“ von Šafařík zu übertragen und schon 1843 seine „Slawische Orthographie“ übersetzt hatte.
  146. Siehe die Zeitschrift „Kiewskaja Starina“ 1883.
  147. Die Geschwister wurden doch unmittelbar vor seinem Tode freigelassen.
  148. Übertragen von Arthur Bosch.
  149. Übertragen von A. Popowicz.
  150. Er versuchte sich auch als Dramatiker mit dem volkstümlichen Schauspiel „Nasar Stodolja“.
  151. Übertragen von Oskar Hrycaj; auch von J. Virginia.
  152. Deutsch von A. Bosch.
  153. Magazin für die Literatur des Auslandes, 1878, Nr. 12.
  154. Übertragen von Szpoynaronskyj. Dieser poetischen Erzählung hat Iwan Franko eine ausführliche Studie in den „Mitteilungen des Schewtschenko-Vereines“ 1895 gewidmet.
  155. Gute russische Schewtschenko-Übersetzungen von A. Koltonskij und M. Slawinskij im „Wjestnik Jewropy“ 1911. – Polnische Übertragungen von L. Sowinski (1861), W. Syrokomla und A. Gorzalczynski (1862). Tschechische von Ružena Jesenska (Prag 1900) und kroatische von August Harambašić (Agram 1887). Auch in der serbischen Zeitschrift „Vila“ kommen Gedichtproben vor (1868).
  156. Seite 28 in der Ukrainischen Rundschau 1914 (Schewtschenko-Heft).
  157. Es findet sich keine Spur davon in der Auflage vom Jahre 1899.
  158. Das ganze Gedicht ist von Alexander Popowicz in dem Schewtschenko-Heft der Ukrainischen Rundschau 1914 übertragen.
  159. Das berühmte Höhlenkloster.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: das
  2. Vorlage: es
  3. Vorlage: nnd
  4. Vorlage: Jerema-Halajda
  5. Vorlage: Jerema
  6. Vorlage: Želigowski