Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/164

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

weinte. Das Manifest betreffs der russischen Bauernbefreiung war in der Tat vom Kaiser Alexander II. schon unterzeichnet; in Anbetracht etwaiger Unruhen aber wurde seine Bekanntmachung ein wenig verschoben, und Schewtschenko starb eine Woche später – ein Moses, der allerdings das gelobte Land erblickt hatte, dem es aber nicht beschert war, sein Volk selbst dahin zu führen. Alexander Herzen schrieb auch mit Recht in seinem „Kolokol“ April 1861: „Am 26. Februar (10. März) verschied in Petersburg der kleinrussische Dichter T. Schewtschenko. Schade, daß der arme Dulder seine Augen so unmittelbar vor der versprochenen Befreiung schloß! Wer hatte mehr Recht, an diesem Tage zu singen als er? Aber jedenfalls gut, daß die Morgenröte jenes Tages schon während seiner Lebenszeit seine letzten Tage erleuchtet hat.“

Es gibt wohl kaum ein größeres Gedicht von Schewtschenko, wo die Leibeigenschaft nicht direkt oder indirekt behandelt wird: „Der Traum“, „Kaukasus“, „Die große Gruft“ usw. Der leibeigene Hausknecht Jarema in den „Hajdamaken“ mußte stillschweigend gehorchen und lachen, damit die Leute nicht erführen, was er im Herzen verborgen hielt, und in der „Kalten Schlucht“ klagt der Dichter die Besitzer der Leibeigenen heftig an: „Ihr, unersättliche Räuber, hungrige Raben! Mit welchem gesetzlichen Recht schachert ihr mit der allen gegebenen Erde und mit armen Menschen?“ Die russisch geschriebenen Novellen handeln fast ausnahmslos von den Schicksalen Leibeigener. „Der Musikant“ schildert einen ukrainischen Leibeigenen, der endlich losgekauft wird und glücklich heiratet, „Der Künstler“ – einen Maler. In der Erzählung „Matros“ bittet ein Marinesoldat, der sich im Krimkriege ausgezeichnet hat, daß seine Schwester, als Belohnung für seine Tapferkeit, der Leibeigenschaft ledig werde; „Warnak“ (ukrainische Bezeichnung eines aus Sibirien entlassenen Deportierten) ist die Leidensgeschichte eines nach Orenburg verwiesenen Ukrainers, und das mit einem ukrainischen Volkslied verwandte Gedicht „Petrusj“ bezieht sich auf einen ukrainischen Schweinehirten, der von