Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/86

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„Meine Lieder, meine Lieder,
ach, ihr schafft mir Leiden!
Wozu steht ihr am Papiere,
traurig ohne Freuden?
Warum seid ihr nicht zerstoben
mit dem Steppenwinde,
warum nicht erstickt im Schlafe
gleich dem Unglückskinde? …“[1]

Das ganze Gedicht atmet die Sehnsucht des Verwaisten nach der Heimaterde, die Liebe des Freiheitsfreundes zur verflossenen Zeit, als der schwarze Adler (das moskowitische Wappen) noch nicht über dem Dnipróland schwebte – und die Betrübnis des Einsamen, der sein Leid unter Fremden verbergen mußte.

„Mögen die Gedanken fliegen,
kreischen gleich den Krähen,
doch das Herz wie Philomele
mög’ im stillen flehen.“

Der arme Dichter will sich damit zufrieden geben, ein schwarzäugiges Mädchen zu Tränen zu rühren und wenngleich er selbst in fremdem Lande zugrunde gehen muß, so mögen doch seine Lieder in der Ukraine offene Herzen finden, Gerechtigkeit, Liebe und vielleicht sogar auch Ruhm.

„Nimm dann hin, Ukraine, Mutter,
     meine teure, liebe,
wie die eignen Kinder diese
     töricht jungen Triebe!“

Als Kostomarow dem Verlesen der Manuskripte Schewtschenkos beiwohnte, rief er aus: „Ich fand, daß seine Muse den Vorhang des volkstümlichen Lebens zerrissen hatte. Es war schauderhaft süß, schmerzhaft und berauschend, dahin zu blicken. Seine Muse durchbrach einen unterirdischen, geschlossenen Raum, der in vielen Jahrhunderten mit mehreren Schlössern versperrt war, mit vielen Siegeln versiegelt. Er öffnete den Weg für Sonnenstrahlen, für frische Luft, für menschliche Wißbegierde.“ – Und Kwitka schrieb nach


  1. Übersetzt von Szpoynarowskyj. Desgleichen von Julia Virginia.