Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/122

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Also ward mein junges Leben
     Spiel nur ihrer Laune,
und ich starb im harten Winter
     unter einem Zaune.
Doch im Lenz erwacht’ als Blume
     ich in schneeiger Reine
und Entzücken meine Blüten
     schufen rings dem Haine.
Winters ward ich von den Leuten
     nicht ins Haus gelassen
und im Frühling konnten kaum sie
     meine Schönheit fassen.
Und im Jugendkranz die Mädchen
     ’Schneeblüt‘ nur mich hießen
und im Hause wie im Garten
     sah man froh mich sprießen.
Weshalb hat es Gott gefallen,
     daß ich hier auf Erden,
lieber Bruder Blumenkönig,
     eine Blume werde?
Daß die Leute ich erfreue,
     die geraubt das Leben
mir und meiner armen Mutter?
     Kannst du Antwort geben? …
Gott, du heiliger, Gott, du lieber!’ –
     Doch der Blumenkönig
neigte stumm das rosenfarbne,
     schöne Haupt ein wenig,
an der Lilie blasse Wangen
     liebevoll es schmiegend …“

Diese Ballade wurzelt zweifellos in der echten Volkspoesie. Das gleiche Grundmotiv ist von dem tschechischen Dichter Erben in seiner volkstümlichen Sammlung „Kytice“ verwertet worden, wenngleich mit anderm Inhalt … Ein Mädchen, das im Sterben liegt, bittet, nicht auf dem Friedhof begraben zu werden, denn dort werde es von dem Schluchzen der Witwen und Waisen gestört. Nein, im grünen Wald will es vielmehr ruhn, wo Blumen wachsen, Vögel singen und das Herz sich freut.[1] Aus dem Grabe


  1. Das gleiche Motiv kommt auch in einem bulgarischen Volkslied vor, das von dem bulgarischen Dichter Pentscho Slawejkow in seinem rührenden Abschiedsgesang künstlerisch bearbeitet worden ist.