Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/68

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ich aber, kniend im Gebüsch,
im Zwiegespräch mit Gott befangen,
ich überhörte ihn. So selig leicht
floß von dem Herzen mir inbrünstiges Gebet
und Gottes schien der Himmel,
schien auch das Dorf zur Seite.
Das Lämmlein sprang vor lauter Lust
und mild, nicht sengend, floß der Sonne Strahl.“[1])

Plötzlich aber schwindet ihm der schöne Anblick, denn es kommt ihm zum Bewußtsein, daß er auf dieser Welt nichts – weder Häuschen noch Lämmchen – sein Eigentum nennen kann und er fängt zu weinen an. Dann wurde er aber von einem Mädchen getröstet; es trocknete ihm die Tränen, küßte ihn und die beiden gingen froh scherzend, um die Lämmer zur Tränke zu treiben.

„Torheit! Doch denk ich daran, in Trauer
weint heute noch mein Herz und stöhnt:
Warum hat Gott mir nicht vergönnt,
in diesem Eden zu ergrauen?
Unwissend war ich und beim Pflügen
erwartet' ruhig ich den Tod.
Ich würde nicht die Welt betrügen,
der Menschheit fluchen nicht und Gott.“

Das Bild der kleinen Trösterin prägte sich tief in die Phantasie des Dichters ein. Später spiegelt es sich besonders deutlich ab in seinem russisch geschriebenen Gedicht „Die Blinde“. Als er 1849 auf der Insel Kos-Aral lebte, widmete er seiner Oksana ein neues Gedicht.

„Wir wuchsen einst zusammen auf
und liebten uns mit stiller Freude,
und unsre Mütter sahn uns beide
und meinten, daß des Schicksals Lauf
uns einst vereint … Doch wards verdorben!
Die Eltern sind uns früh gestorben
und wir – wir trennten uns hierauf
so recht aufs Nimmerwiedersehen.“


  1. Übersetzt von A. Popowicz. Das reizende Gedicht ist auch von Julia Virginia und O. Hrycaj übertragen.