Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/34

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Kleinen und führtest mich zu dem meist trunknen Kantor, meinem Lehrer.[1]

Besonders schön ist das am 20. Juli 1859 in Tscherkassy[2] geschriebene Gedicht an die Schwester Iryna: „Während ich an armseligen, düstern Dörfern am Dnipró vorbeifuhr, dachte ich: Wo kann ich ausruhn und wohin bin ich in der Welt geraten? Dann sehe ich, wie in einem Traum, ein Häuschen, hübsch wie eine Maid, am Feldrain, in einen Garten voll Blumen eingehüllt. Der Vater Dnipró streckt sich in der Ferne aus und glänzt und glüht. Und ich sehe: in dem dunkeln Gärtchen unter dem schattigen Kirschbaum sitzt meine einzige Schwester, die heilige, vielgeprüfte Dulderin, als ob sie im Paradies weilte; sie betrachtet mich. Und es kommt ihr vor, als ob ein Kahn aus den Wellen hervorglitte und wieder in die Tiefe untertauchte: Mein Bruder! mein Schicksal! So sind auch wir verloren gegangen: du im Frondienst, ich in der Verbannung.“[3]

Aus den Kinderjahren Schewtschenkos wird folgende reizende Episode erzählt: Der kleine Taras war eines Tages von einem Spaziergang ganz ermüdet nach Hause gekommen, denn er hatte „die Säulen entdecken wollen, auf welchen das Himmelsgewölbe ruht[4].“ Wie sein ganzes Streben denn auch war, seinen Landsleuten auf festen Säulen ein Himmelsgewölbe zu errichten, hat sein dichterisches Werk auch tatsächlich dieses edle Wollen verwirklicht. Auf die festen Säulen des nationalen Bewußtseins gestützt, erhebt es sich gegen den Himmel und unzählige seiner armen Landsleute haben unter diesem Gewölbe Schirm und Trost gefunden.


  1. Das Gedicht ist auch von G. Obrist übertragen.
  2. Stadt in dem Kiew-Gouvernement am Dnipró.
  3. Das Gedicht ist von Julia Virginia und A. Popowicz metrisch übersetzt.
  4. In dem Gedichte „Trysna“ ist vielleicht auch eine Andeutung auf diese Episode: „Der Junge richtet seinen traurigen Blick auf den dunkeln Wald: Wo ist das Ende der Welt und des Himmels, wo sind die Endpunkte der Erde? Und er seufzt tief, als ob er in seinem Herzen die Hoffnung begraben hätte.“