Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/35

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In der ersten Lebensperiode beschäftigte sich Schewtschenko entschieden mehr mit dem Pinsel und dem Stift als mit der Feder und eben sein künstlerisches Talent machte ihn seinem Hausherrn so unentbehrlich, daß Pawel Engelhardt, ein Gardekapitän, der zumeist in Wilna lebte, jedoch oft auf Reisen ging, den jungen Kammerdiener immer mit sich nahm. Auf diese Weise kam Schewtschenko zuerst nach Wilna, dann nach Warschau und er hatte dort Gelegenheit, sich beim berühmten Lampi in der Malerei auszubilden. Infolge des polnischen Aufstandes (1831) mußte Engelhardt Warschau verlassen; er begab sich nach Petersburg, wo Schewtschenko beim Dekorationsmaler Schirjajew lernte und aus eigenem Fleiß Statuetten im Sommergarten kopierte. Hier machte er durch einen glücklichen Zufall die Bekanntschaft seines hervorragenden Landsmanns Iwan Ssoschenko, der gleichfalls Maler war und durch den Schewtschenko den russischen Meister Karl Pawlowitsch Brüllow kennen lernte. Das hatte für ihn eine epochemachende Bedeutung.

Seine Erfahrungen über die künstlerische Welt in Petersburg hat Schewtschenko selbst in einem autobiographischen Roman „Der Künstler“[1] niedergelegt. Der erste Entwurf dieser Schilderung eines Künstlerlebens datiert schon aus dem Jahre 1837, als der russische Dichter Zhukowskij ihm eine derartige Aufgabe vorschlug, um seine ästhetischen Fähigkeiten zu prüfen; aber erst 1856 wurde der Roman in der endgültigen Form geschrieben, und zwar in russischer Sprache. Diese interessanten Kulturbilder aus dem russischen Künstlerleben, die mit dem Hinsterben Brüllows (1852) plötzlich aufhören, liefern auch einen Beitrag zur künstlerischen Entwicklung Schewtschenkos und bezeugen, wie vertraut er in kurzer Zeit mit kunstgeschichtlichen Gegenständen wurde.

Im Einverständnis mit dem warmherzigen Zhukowskij beschloß Brüllow, das Porträt des russischen Hofpoeten zu malen, um durch dessen Verkauf Schewtschenko die Freiheit


  1. Deutsche Übersetzung von Arthur Seelieb.