Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/22

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

ja es gab hier im XVIII. Jahrhundert eine volkstümliche Literatur: geistliche Dramen in den Schulen nebst realistisch-komischen Interludien, Krippenspiele (wertep), religiöse Lieder, Bearbeitungen belletristischer Stoffe etc., wenngleich dieses reiche Material meist ungedruckt blieb und teilweise verloren ging. Der Philosoph und religiöse Dichter Skoworoda (1732–1794) erhöhte das literarische Interesse im nationalen Sinne; im Jahre 1818 schrieb Pawlowskij die erste ukrainische Sprachlehre mit einer Chrestomathie und 1819 gab Fürst Certeljew eine Sammlung ukrainischer Volkslieder heraus, welcher 1827 eine reichere von Maksymowytsch folgte. Die schöne Literatur war oft anonym; man weiß aber, daß viele, wie z. B. Gogol d. Ä. (Vater des Verfassers der „Toten Seelen“), Theaterstücke usw. in ukrainischer Sprache schrieben. Schließlich versuchte man sich auch in Parodien im pseudoklassischen Stil und es ist kein bloßer Zufall, wenn die moderne ukrainische Literatur 1798 mit Kotljarewskyjs traversierter „Aeneis“ ihren Anfang nahm.

Für die Russen war diese ukrainische Neubelebung anfangs eine harmlose Erscheinung, die für sie höchstens den Reiz der Neuheit hatte und das Interesse für die Merkwürdigkeit. Durch Gogols „Abende auf dem Gutshofe nächst Dykanjka“ kam ein frischer Hauch vom Dnipró in die russische Literatur selbst und man begann in Petersburg und Moskau sich für die kleinrussische Folklore zu interessieren [Sresnjewskij u. a.[1])]. In der lakonischen Besprechung einer ukrainischen Druckschrift[2]) mußte Bjelinskij, der berühmte russische Kritiker, sogar gestehen, daß „die kleinrussische Sprache für uns Moskowiter völlig unzugänglich ist und uns deshalb der Möglichkeit, sie nach ihrem Werte zu schätzen, beraubt“. In dieser Unkenntnis liegt immerhin etwas Entschuldigendes, und die Zeit war auch damals noch nicht gekommen, in der ein russischer Minister des Innern (Walujew, 1863) kurz und bündig dekretieren

  1. Er gab 1831 den „Ukrainskij Almanach“ und 1833-1838 die „Zaporozskaja Starina“ heraus.
  2. Nasky Ukrainsky Kazky Saporoschtzja Isjka Materynky. Moskau 1835.