Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/118

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Puschkin dichtete bekanntlich 1832 ein märchenartiges Drama „Russalka“, das auf einem gleichartigen Motiv aufgebaut ist. Es ist da ebenfalls die Rede von einem verführten Mädchen, der Tochter eines Müllers, die ihre „russalotschka“ sendet, um den treulosen Fürsten zu holen. Der Schluß des Puschkinschen Melodramas weicht aber von dem Gedichte Schewtschenkos ab, denn in dem russischen Gesangspiel wird der reumütige Fürst von dem Töchterlein zu der Russalka hinuntergelockt. – Die beiden Dichter haben jedoch aus der gleichen Quelle geschöpft, denn es ist wohl kein bloßer Zufall, daß Puschkin, der die Ukraine fast gar nicht kannte, den Schauplatz für sein Drama an die Ufer des Dniprós verlegt hat.

Übrigens kommt das Wort „Russalka“ in dem „Kobsar“ hie und da vor. In dem Gedicht „Die Nonne Marjana“ (Tschernytzja M.) irrt die Heldin umher wie eine „Russalka, des Mondes harrend“; in der dialogisierten Erzählung „Der Hauptmann“ (Ssotnyk) heißt es: „Sie hatte zerzauste Haare wie eine Russalka“ und in der Ballade „Die Besessene“ ähnelt das arme Mädchen einer „russálonjka“, die aufgetaucht ist, um ihre Mutter zu suchen.

In der ukrainischen Volkspoesie, wie in der südslawischen,[1] kommt es oft vor, daß Bäume auf Gräber gepflanzt werden und eine symbolische Bedeutung haben. Im „Kobsar“ gibt es viele Beispiele dieser Sitte. In dem oberwähnten Gedichte[2] von dem bei dem Winde klagenden Mädchen wünscht die Verlassene, wenn der Geliebte gestorben sei, daß ihre Seele wie ein roter Schneeball auf seinen Grabhügel gepflanzt werde, damit er vor fremden Fußtritten bewahrt werde und vor den heißen Sonnenstrahlen geschützt. Mit dem Tau der Tränen möchte sie den heiligen Raum bewässern, bis die Morgensonne jene trocknet.


  1. Ich führe als Beispiel die Skizze „Am Friedhof“ in den „Idyllen“ des bulgarischen Dichters Petka Todorow an. Ein Pate und eine Patin, die einander lieben, wurden in ungeweihter Erde begraben. Auf seinem Grab wächst eine grüne Ulme (brjast, masc. generis), auf dem ihrigen eine schlanke Pappel, und die beiden Bäume flochten ihre Zweige ineinander.
  2. Vgl. S. 83.