Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/144

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Witwe“, wo „die Nachtigall im dunkeln Haine die Sonne begrüßt, wo Weiden am Teiche grünen und Pappeln als Wächter um die Gärten stehn“. Die schöne Landschaft erregt jedoch wehmütige Gefühle in ihm, denn er hört menschliches Weinen und deshalb will er noch weiter hinter die Wolken schweben, wo es weder Gewalt noch Strafe gibt.

„Blick hin! In dem Eden, das jetzt dir entschwand,
vom Leibe man reißt das geflickte Gewand
dem Krüppel mitsamt seiner Haut, um den Kleinen
der ’Herren‘ sie eng um die Füße zu legen,
man kreuzigt die Witwe der Kopfsteuer wegen,
die einzige Hoffnung, den einzigen Sohn,
verstößt in das Heer man … Dort ringt mit dem Tod
ein Kindlein verhungernd, indessen im Fron
die Mutter mäht Korn nach des Zwingherrn Gebot.
     Dorten – siehst du? Weshalb wurdet
     Augen ihr mein eigen?
     Trocknet aus, rinnt aus den Höhlen
     solchen Jammers Zeugen!
     Die Verführte mit dem Bastard
     irret auf den Gassen,
     von den Eltern ausgestoßen,
     von der Welt verlassen;
     ihrer Bettler selbst sich schämen,
     längst hat sie vergessen
     der Verführer und die Zehnte
     lockt er unterdessen.“[1]

Er fliegt weiter und sieht unten weiße Schneefelder, Wälder, Sümpfe, Nebel und Wildnis, doch kaum eine Spur von Menschenleben. Unter der Erde aber rasseln Ketten. „Was suchst du unter der Erde?“ Es sind lebendige Menschen, in Bande geschlagen, die aus den Schächten Gold holen, um es in den Schlund des Unersättlichen zu werfen; es sind die zur Zwangsarbeit Verurteilten! Und warum? Das weiß nur er, der Allherrscher, vielleicht auch er nicht … Dann erblickt der Träumer eine Stadt mit hundert Kirchen, auf Sümpfen gebaut und von schwarzen Wolken bedeckt. Es wimmelt in ihr von uniformierten Leuten, die Hurra


  1. Übertragen von Arthur Bosch.