Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/92

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

der müde Knabe in die Elternhütte wiederkehrt, nachdem er bei „dem Suchen nach den Himmelssäulen“ den rechten Weg verfehlt hatte. „Hinter dem Ural irrte ich umher und flehte zu Gott, daß unser Recht (prawda) nicht zugrunde gehe, daß unser Wort (slowo) nicht ersterbe … Wird die Gerechtigkeit unter den Menschen herrschen? Ganz sicherlich; die Strafe muß für die Zarensöhne kommen, sonst würde die Sonne stehn bleiben und die verunreinigte Erde versengen … Verleih, o Mutter Gottes, der armen Seele Kraft, auf daß ich mit Feuerzunge spreche, damit das Wort zu Flammen werde, die Herzen der Menschen erweiche und sich in der Ukraine verbreite und dort geheiligt werde.“

Das Wort „Ukraina“ ist fast auf jedem Blatt des „Kobsar“ geschrieben und es kann also nicht wundernehmen, daß dieses Buch die poetische Bibel der Ukrainer geworden ist; in dieser Beziehung ist der „Kobsar“ einzig in der Weltliteratur. Die Gedichte, die sich auf die Ukraine beziehen, zu zitieren, wäre fast gleichbedeutend mit einer Auseinandersetzung des ganzen stofflichen Inhaltes. Man wird auch konstatieren können, daß gerade diejenigen Werke des Dichters am schönsten sind, die nicht in der Ukraine geschrieben worden sind, sondern in der Ferne – sei es in Petersburg oder am Aralsee, was am besten beweist, wie groß das Heimweh des Dichters gewesen ist. Gerade infolge der räumlichen Entfernung wurde das Vaterland idealisiert und trat in verklärtem Glanze vor seinen innern Blick. Er wußte, daß seine Gedichte den Weg in die Ukraine finden würden, „wo sie aufrichtige Herzen treffen, die sie nicht umkommen lassen“.[1] „Vielleicht werden nach vielen Jahren – heißt es in einem Gedichte vom Jahre 1850 aus Orenburg – meine mit Tränen gestickten Lieder nach der Ukraine geflogen kommen und wie Tau über die Erde still auf junge, warme Herzen fallen. Vielleicht wird einer dann das Haupt neigen, mit mir weinen und meiner in seinen Gebeten gedenken.“


  1. Im Prolog zu den „Hajdamaken“.