Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/90

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braust, wie die Vöglein zwitschern, die Waldung saust und wie das schwarzäugige Mädchen im Haine summt. O lieber Gott, wie lustig ist es zu leben!“

Selbst in der Einsamkeit findet er, der Junggeselle, einen Trost, denn er fühlt sich nicht allein: er hat Kinder – seine Gedichte, wenngleich er sich auch mit bangem Kummer fragen muß, welches Los ihnen beschieden sein wird. Sogar in der Verbannung verläßt ihn die Hoffnung nicht. Auch in die dunkelste Höhle kann zuweilen ein Sonnenstrahl dringen, so daß ein grüner Halm aus ihr hervorsprießt.[1] Und in Orenburg (1849) beichtet er: „Lieber Gott! Wie gern möchte ich leben, deine Gerechtigkeit lieben und die ganze Welt umarmen.“

Aber ungeteilte Lebensfröhlichkeit ward ihm niemals zu teil. Das reine Glück lächelte ihm sehr selten. Schewtschenko war wohl zu wenig Egoist, um ungetrübtes Glück genießen zu können; wurde er doch nie das drückende Bewußtsein los, daß sein Volk noch immer in den Fesseln geistiger und sozialer Sklaverei schmachte und er selbst fürchtete sich vor geistigem Stumpfwerden. Lieber das Unglück mit Mitmenschen im Kampfe teilen als einsam im Glück erstarren! Als er 1845 die Ukraine besuchte, stand er ja im Zenith seines Schaffens, seines Ruhmes und schien einer glücklichen Zukunft entgegenzugehn. Seine damalige wirkliche Stimmung bezeugt aber das folgende ergreifende Gedicht:[2]

„Rasch fliehn die Tage und die Nächte,
schon schwand der Sommer … Welkes Grün
stirbt säuselnd ab; die Augen brechen
und traumlos siecht das Herz dahin.
Es schläft das All und ich weiß nicht,
ob ich noch lebe, ob ich vergehe,
ob nutzlos ich hienieden walle dann,
weil weder weinen noch lachen mehr ich kann …
Schicksal, wo bist du? Schicksal, wo bist du?
Ist umsonst mein Fragen?


  1. Siehe das Gedicht Seite 29 („Es kommt davon, weil er beschlossen“).
  2. Nach Ostap Hrycaj.