Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/151

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in Tschyhyryn gemacht werde. Der russische Kreishauptmann (isprawnik) erfuhr davon und kam herbei, um die Gewölbe des unterirdischen Grabkellers niederzureißen. Er fand aber statt Schätze nur einige Gerippe. Enttäuscht und erzürnt ließ der Kreisrichter die drei Sänger verhaften und durchprügeln.

In solcher Weise wühlten die Moskowiter die kleine Gruft in Ssubotiw auf. Aber die große Gruft haben sie noch nicht gefunden … Die Ukraine – das ist der verschleierte Sinn des allegorischen Gedichtes – ist noch nicht gänzlich zugrunde gegangen.

Den Höhepunkt seiner dichterischen Tätigkeit erreichte Schewtschenko, meiner Ansicht nach, durch das erhabene Reflexionsgedicht „Kaukasus[1] (1845)[,] wovon er dem in Paris weilenden Verfasser der „Dziady“ (Mickiewicz) eine Abschrift sandte. Es wurde dem Andenken eines ukrainisierten Franzosen, Graf Jakow de Balmain, gewidmet, der mit der russischen Armee nach Kaukasien als Offizier geschickt wurde und in einem Gefecht mit den Tscherkessen fiel. Hier zeigt sich am besten die Grundverschiedenheit, die zwischen Schewtschenko und den russischen Byronisten herrscht. Schewtschenko preist nicht die herrliche Landschaft, die er selbst ja nicht gesehn hatte, während das bei Puschkin und Lermontoff der Fall war; noch weniger kümmert er sich um Kämpfe und romantische Episoden, er vertieft sich auch nicht in eigenen echten oder eingebildeten „Weltschmerz“. Für Schewtschenko wird Kaukasus, wo

„der Aar schafft
dem Prometheus Schmerzen,
hackt ihm täglich an den Rippen,
hackt an seinem Herzen“,

ein Symbol des menschlichen Elends und des menschlichen Freiheitsstrebens, wobei so viele Helden ihr Blut vergossen haben, wie jener französische Freund, der nicht für die Ukraine stritt, sondern als „ein Opfer der zarischen Wut den moskowitischen Giftbecher leeren mußte“.


  1. Übersetzt von Julia Virginia, O. Hrycaj und Szpoynarowskyj[.]