Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/166

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Ich sah im Hain, im Vaterhaus,
im Paradies nur Höllengraus
nur Robot, Sklavenlos und Leid;
nicht ließ man uns zum Beten Zeit.
Mein Mütterchen, das mich gepflegt,
noch jung ward sie ins Grab gelegt
und so ward erst die Gute los
den Frondienst und die Erdenplag’.
Mein Vater weinte manchen Tag
mit uns (wir waren klein und bloß),
er konnt’ das Elend nicht ertragen
und mußt’ dem Erdenlicht entsagen.
Wir Kinder, kaum war dies geschehn,
verließen alle Hain und Häuschen,
wir kleinen, mutterlosen Mäuschen:
Ich mußte in die Schule gehn
und für die Schüler Wasser tragen;
die Brüder mußten hart sich plagen
im Joch der Arbeit, bis vom Haupte
die Schere ihre Locken raubte.
Die Schwestern, Schwestern! welch ein Los
muß euch, ihr armen Täubchen, werden?
Wem atmet ihr zulieb auf Erden?
Im Frone wurdet, ach, ihr groß,
im Fron wird euer Haar erbleichen,
im Frone euch der Tod erreichen! …“[1]

Schon vor der Verbannung fiel der Dichter diesem Pessimismus anheim, der deutlich in dem großartigen Gedichte „Kaukasus“ hervortritt, wo er gegen Gott selbst die sarkastische Klage erhebt:

„Nicht uns geziemts, mit dir zu rechten,
noch zu bemängeln dein Gebot!
Uns ziemt zu weinen nur, zu weinen,
zu kneten unser täglich Brot
mit blut’gem Schweiß, mit bittern Tränen.
Die Henker uns mißhandeln, höhnen,
berauscht liegt unser Recht – wie tot …“

Aus der tiefsten Verzweiflung aber rettet ihn seine Religiosität, sein fester Glaube an die göttliche Vorsehung und es dürfte kein bloßer Zufall sein, daß die umfangreichsten


  1. Übertragen von Arthur Bosch.