Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/167

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Erzeugnisse seiner letzten Periode religiös angehaucht waren, und zwar die legendarischen Erzählungen „Neofity“ und „Maria“ (1857–1858).

Neofity“ (Die Neugetauften) ist ein Kulturgemälde aus der ersten Zeit des Christentums während der Regierung Neros; es stellt das Martyrium der ersten Christen dar. Der junge Alkid, der Sohn einer heidnischen Mutter wird von dem Apostel Petrus zum Christentum bekehrt und nebst andern Neophyten von Rom in Fesseln gebracht. Seine Mutter sucht ihn lang umsonst, findet ihn endlich in Syrakus, darf ihn aber nicht im Kerker aufsuchen. Sie kehrt nach Rom zurück, um beim Kaiser selbst seine Begnadigung zu erwirken. Natürlich vergeblich. Anläßlich einer großen Feier in der römischen Hauptstadt werden die gefangenen Christen von Syrakus zurückgebracht, um im Kolosseum den Raubtieren geopfert zu werden. Die verzweifelte Mutter schlägt ihren Kopf gegen die Gefängnismauern blutig und muß zusehn, wie Alkid in die Arena geführt wird … wie die Henker nachher seinen zerfleischten Leichnam in den Tiber werfen, um die Fische damit zu füttern. Die arme Mutter, die bis jetzt der Göttin Venus geopfert hat, sie fleht nun zum erstenmal den ans Kreuz Geschlagenen an und der Heiland tut das große Wunder: die Seele der schwergeprüften Mutter wird gerettet und fühlt in sich die Kraft des göttlichen Wortes.

Iwan Franko behauptet, keinen Dichter in der Weltliteratur zu kennen, der ein höheres Ideal von der Mutter dargestellt hat. Die ethische Bedeutung des Gedichtes ist in der Tat erhaben. Künstlerisch aber steht es nicht auf der gleichen Höhe und des Verfassers Mangel an klassischer Bildung macht sich hier immerhin bemerkbar.

Wie Krasiński im „Irydion“ hat Schewtschenko hier das russische Kaisertum vor Augen gehabt. Wenn er von dem Reiche Neros spricht, sagt er ausdrücklich, daß „Rußland damals noch nicht existierte“; die Irrfahrt der suchenden Mutter nach Sizilien vergleicht er mit einer Wanderung nach Sibirien. In dem Prolog deutet er auch unverkennbar auf die patriotische Tendenz mit den Worten hin: „Gib