Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/63

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genommen. Er wollte sich jetzt dem Kupferstechen widmen und wurde tatsächlich im Jahre 1860 zum akademischen Graveur ernannt. Aber der schaffende Künstler in ihm war schon erstorben. „Vom Malen“ – bekannte er selbst – „lohnt es sich nicht mehr zu reden. Es wäre so, als glaubte man, Birnen könnten auf Weiden wachsen.“ Leider war aber auch das dichterische Vermögen in ihm bereits dem Erlöschen nahe; das dichterische Empfinden glühte freilich noch immer in ihm, wie die innigen Gedichte seiner beiden letzten Lebensjahre bezeugen, aber für größere Aufgaben fehlte es ihm eben schon an Kraft.

Es dürfte hier am Platze sein, den persönlichen Charakter Schewtschenkos näher zu untersuchen. Zweifellos war er eine edle, herzensgute Natur. Er liebte die Menschen, besonders die Kinder. Äußert er sich doch einmal: „Wer von Kindern geliebt wird, kann kein gottloser Mensch sein“, und in dem Gedicht „Fürstin“ heißt es: „Kinder, Kinder, Kinder, des Himmels herrlichstes Geschenk!“ Er liebte aber auch die Tiere und die Natur selbst; zu dieser Herzensgüte gesellte sich natürlich auch eine gewisse Freigebigkeit, eine an sich gutartige Schwäche, die ihm selbst die größten Unannehmlichkeiten eintrug. „Ich weiß wohl,“ sagte er gelegentlich, „daß ich dreimal betrogen werde und doch gebe ich zum viertenmal demjenigen, der vielleicht kein Stück Brot gesehn hat.“ Den Geschwistern gegenüber war er immer hilfsbereit und er fand es sogar sündhaft, ihnen Geld nur zu leihen. Mit solchen wirtschaftlichen Prinzipien legt man fürwahr keinen Grund für eigene materielle Güter. Während seines letzten Besuches in der Ukraine (1859) konnte denn auch Schewtschenko seiner Schwester nur einen Rubel geben und der Gesamtwert seiner Hinterlassenschaft betrug – 115 Rubel 15 Kopeken.

Einer besondern Schwäche seines Charakters muß hier flüchtig erwähnt werden, ich meine die ihm von verschiedenen Seiten zur Last gelegte Trunksucht. Diese Anschuldigung war sicher ungerecht, zumindest übertrieben. Kostomarow, der ihn gut kannte, behauptet, daß er den Dichter nur einmal betrunken gesehn habe. Gewiß war Schewtschenko