Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/175

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eine junge Mutter mit ihrem Kindlein.“ Der Dichter des Lobgesanges von „Maria“ wußte doch zu gut, daß die Freuden der Mutterschaft vielen, wohl der Mehrzahl der Frauen teuer zu stehen kommen und daß die Folgen der Leibeigenschaft auch hier in schrecklicher Weise sichtbar werden. Diesen hohen Gedanken vom Weibe teilt Schewtschenko mit der ukrainischen Volkspoesie und er könnte in dieser Hinsicht mit Nekrasoff verglichen werden. Seine eignen Lebenserfahrungen waren auch in hohem Grade geeignet, ihn in seinen sittlichen Anschauungen zu bekräftigen.

Vor allem dachte er mit Entrüstung an alle diejenigen Mädchen und Mütter, die verlassen worden waren und nach ihrer Niederkunft verstoßen wurden. Derartige bedauernswerte Geschöpfe nennt man in der Ukraine „pokrytky“ (Bedeckte), weil sie die gleiche Kopfhülle tragen wie die Frauen. „In das Loch (Kerker) sperrt der Herr den jungen Kosaken ein und läßt das Mädchen als ‚pokrytka‘ in die Welt ziehn.“ In dem Gedichte „An die kleine Marianne“ (1844) vergleicht er diese mit einer Mohnblume, die knospt und blüht, bevor sie gepflückt wird und gebrochen verwelkt. Oder – fügt er hinzu – „blühe gar nicht, mein Blümchen, meine unentwickelte Blüte! Verwelke still, bevor dein Herz gebrochen wird!“

Schon aus dem Erstlingsgedicht „Die Besessene“ haben wir ersehn, daß seine volkstümlichen Balladen des ethischen Elementes nicht entbehren konnten: die Verführte mußte zugrunde gehn als Sühnopfer der menschlichen Bosheit, und im „Rusalka“-Motiv spielen die „bajstrjuky“ (die unehelichen Kinder) eine große Rolle. Diese sittliche Tendenz verleiht auch dem Märchen einen ethischen Wert und einen gewissen realistischen Charakter. Schon in dem zweiten Gedichte „Kateryna“, dem Dichter Zhukowskij gewidmet, zur Erinnerung an die Befreiung aus der Leibeigenschaft, tritt Schewtschenko als der ukrainische Frauendichter deutlich hervor. „Seine sozialen Dichtungen – sagt Waldemar Kawerau in seiner kleinen Schewtschenko-Studie[1] – haben


  1. Magazin für die Literatur des Auslandes, 1878, Nr. 12.