Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/184

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wissenschaftliche, akademieartige ukrainische Verein in Lemberg mit dem Namen Taras Schewtschenko (Naukowe Towarystwo im. Schewtschenka) – Schewtschenko-Gesellschaft der Wissenschaften – untrennbar verknüpft ist.

Schon nach dem Erscheinen der ersten Auflage des „Kobsar“ (1840) schrieb der bekannte ukrainische Dichter Hryhorij Kwitka an Schewtschenko: „Sobald ich Ihr Buch öffnete, war ich erstaunt und ich habe den „Kobsar“ schon gelesen. Ich drücke ihn an mein Herz; ich schätze Sie und Ihre Lieder dringen tief in meine Seele“. Panteleimon Kulisch (1819–1897), welcher der Ansicht war, daß Schewtschenko Puschkin hätte ebenbürtig werden können, wenn die Verbannung ihn nicht ereilt hätte, widmete dem Freunde mehrere Gedichte.

„Wohl gab es Dichter, wie Ovid so reich
an Trennungsschmerz. Doch wo ist Höllenqual
der deinen gleich, wie tierische Grausamkeit
sie schuf auf Leichenfeldern am Aral.“[1]

Und in einem andern Huldigungsgedicht imitiert Kulisch Mickiewicz’ Lied des Wajdelota im „Konrad Wallenrod“: „O Muttersprache! du stehst auf ewig Wache als Heiligtum der Erinnerungen an Vorfahren, im hellen, blitzenden Gewande des Cherubs, wie ein feuriges Schwert in unserer Ukraine.“

Der bereits erwähnte Samijlenko feierte den Sterbetag des Dichters durch mehrere Gedächtnisverse; noch immer wiederholen sich diese am 25. und 26. Februar und im Jubiläumsjahre 1914 schwollen sie zu mächtigen Volkshymnen an, die von dem Geräusch der Waffen nicht übertönt werden konnten. „Nein, tot ist er nicht! Der Dichter lebt im Herzen seines Volkes; seine Seele lebt in seinen heiligen Worten und in glückseligen Tränen fort … In den Liedern, die du uns gelassen hast, gabst du das Bild einer heiligen Seele – es wurde ein majestätischer Tempel für die ganze Menschheit …“ (Samijlenko 1888 und 1906).


  1. Das ganze Gedicht ist von Alexander Popowicz in dem Schewtschenko-Heft der Ukrainischen Rundschau 1914 übertragen.