Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/74

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Dieser Berghügel ist für die Ukrainer ein Ziel nationaler Pilgerfahrten geworden.

Bei der feierlichen Beisetzung am 10. Mai 1861 hielt der Protopop Matzkewytsch die Gedächtnisrede und er äußerte unter anderm: „Und du, uralter Dnipró, der du auf deine blauen Wellen so stolz bist! Dir wurde es vergönnt, auf dem Rücken deiner Wogen die irdischen Reste Schewtschenkos zu tragen. Erzähle du uns von dem für jeden Ukrainer teuren Menschen – dem Kobsaren! Es gab eine Zeit, wo man von unsrer Ukraine glaubte, sie wäre ein Land, das für höhere Gefühle und Gedanken unempfindlich sei; Schewtschenko aber bewies, daß dieses Land, wo die nationale Aufklärung vernachlässigt wurde, doch eine Seele und ein Herz besitzt, die für alles Erhabene und Schöne zugänglich sind. Ja, toter Bruder, dein Name wird eine Leuchte der Menschen sein; sie haben dein gutes Werk gesehn und den Vater, der im Himmel ist, gepriesen. Jahrhunderte vergehn; aber entfernte Geschlechter von Söhnen der Ukraine werden sehn und erkennen, wer Taras Schewtschenko war. Du wünschtest in Kaniw zu leben, Bruder. Gut, lebe dort bis zu Ende der Welt! Und du, Ukraine! Hüte andächtig unsre teure Heimaterde, denn in ihr ruhen die Gebeine von Taras Schewtschenko. Hier, auf einem der höchsten Hügel des Dnipró, ruht seine irdische Hülle und wie auf dem Berge von Golgatha das Kreuz des Heilands, so steht hier ein Kreuz, das sowohl auf dem dies- wie auf dem jenseitigen Ufer unsrer ruhmreichen Ukraine weithin sichtbar sein wird …“

Unablässig tritt in den Gedichten Schewtschenkos, seien sie aus Petersburg oder aus dem halbasiatischen Osten, sein Herzenswunsch hervor, in seiner geliebten Ukraine begraben zu werden und dieser einzige Wunsch ging ihm wirklich in Erfüllung. Schon 1845, als er in Perejaslaw an Typhus erkrankte, gab er diesem Wunsch einen innigen Ausdruck in dem Gedichte „Das Vermächtnis“.

„In ein Hügelgrab der Steppe,
     wenn ich sterben werde,
senkt mich, Brüder, daß mich decke
     Ukrainererde,