Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/37

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vielversprechende Künstlerlaufbahn eröffnete sich ihm. Er wurde Stipendist der „Gesellschaft für Aufmunterung der Künste“ und Zögling der Kaiserlichen Kunstakademie. Dabei war er schon 1840 ein bekannter Dichter. Die Periode 1839–47 war ohne Zweifel der fruchtbarste und glücklichste Abschnitt seines Lebens. Zweimal (1843 und 1845) besuchte er seine heißgeliebte Ukraine, das letzte Mal als Mitglied einer archäographischen Kommission in Kiew, um Skizzen für das geplante Werk „Die malerische Ukraine“ zu machen. Er wurde hier als Nationaldichter gefeiert und war mit der Familie des ehemaligen Gouverneurs von Poltawa, Graf Nikolaus Uwaroff, befreundet. Mit seinem Landsmann Kulisch, dem bekannten ukrainischen Schriftsteller, welcher mit Fräulein Biloserska (als Schriftstellerin unter dem Namen Hanna Barwinok bekannt) verlobt war, stand er sogar im Begriff, eine Studienreise nach Italien zu unternehmen, dem zweiten Vaterland Gogols.

Aber Schewtschenko kam nicht nach Italien. Sein Schicksal wies ihn nach dem fernen kalten Osten, zu dem „Toten Hause“ Dostojewskijs und unzähliger anderer Freiheitsmärtyrer.

Unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf: Hat sich Schewtschenko nach der Befreiung von der Leibeigenschaft wirklich glücklich gefühlt? Ich wage dies zu bezweifeln. Kein einziges Gedicht aus der besten Schaffensperiode seines Lebens zeugt von unmittelbarer ungetrübter Lebenslust und Fröhlichkeit. Er konnte das beschämende Gefühl gewiß nicht los werden, daß man ihn, den Künstler und Dichter, nach einem gewissen Geldwert taxierte, und zwar so hoch wie etwa ein kaiserliches Vollblutpferd oder dergleichen! Vielleicht störte ihn auch das Empfinden, daß ihm, dem ehemaligen Leibeigenen, in der „Gesellschaft“ das Stigma eines Parias anhaften könnte und daß er in der neuen, verfeinerten Welt ein Fremder sei. Aber vor allem litt er ja doch an dem schmerzlichen Bewußtsein, daß seine Verwandten und sein ganzes Volk am Dnipró, ebenso wie das russische an der Wolga, noch immer in der Leibeigenschaft schmachteten.