Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/65

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da von Güte und Heiterkeit … Seine Eigenliebe war ungemein stark und naiv zugleich. Ohne diese Eigenliebe, ohne den Glauben an seine Berufung wäre er in der kaspischen Verbannung unrettbar zugrunde gegangen. Die enthusiastische Bewunderung seitens seiner Landsleute, die ihn in Petersburg umgaben, hatte das Selbstvertrauen des aus eigner Kraft hervorgegangenen Dichters in ihm nur bestärkt … Die Eindrücke, die er in jungen Jahren empfangen hatte, waren ungemein tief. Bei all seiner Eigenliebe war ihm eine natürliche Bescheidenheit eigen. Im allgemeinen war er eine leidenschaftliche Natur, ungezügelt, vom Schicksal gedrückt, doch nicht gebrochen; ein Mann aus dem Volke, ein Dichter und Patriot.“

Der russische Dichter Polonskij, ein Freund Turgenjeffs, faßte seine Eindrücke von Schewtschenko in folgenden Worten zusammen: „Er schien nicht niedergedrückt zu sein, verkehrte mit den Leuten frei und einfach und prahlte nicht. Trotz der ,Eigenliebe‘, d. h. des Glaubens an seinen poetischen Beruf, war er schlicht und bescheiden. Sein Temperament war heftig, unbeherrscht. Er war kein lustiger Plauderer; in seinen Ansichten war er Demokrat von Natur aus, nicht auf Grund von Theorien. Die Leibeigenschaft haßte er mit allen Kräften; deshalb hatte er auch für Katherina II. nichts übrig und nichts für Puschkin, den Verfasser des Gedichtes ,Poltawa‘“.

Sowohl Turgenjeff wie Polonskij heben halb tadelnd Schewtschenkos Mangel an Bildung und Belesenheit hervor. Darin liegt ohne Zweifel eine große Ungerechtigkeit. Wenn man die Geschichte seiner traurigen Kindheit und Jugend in Betracht zieht, wie er ohne Pflege und wirklichen Unterricht aufwuchs, sollte man eher darüber staunen, daß er, der leibeigne Autodidakt, einen so respektablen Bildungsgrad besaß, wie es tatsächlich der Fall war. Schon in jugendlichen Jahren beherrschte er die Bibel fast vollständig und die ukrainische Geschichte ziemlich gut. Als er dann nach Petersburg kam, unterließ er es nicht, das Versäumte nachzuholen und er studierte recht fleißig Homer, Shakespeare und Schiller. Mit der neuern russischen und polnischen