Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/157

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„ist des Dichters heilige Seele, ewig lebendig sein heiliges Schöpferwort; und so wir ihn lesen, erwachen wir selbst zu neuem Leben – Gott und seinen Himmel ahnend.“ Von Schewtschenkos Vertrautheit mit dem göttlichen Worte zeugen nicht nur die vielen Zitate aus der Bibel, die als Motto seiner Gedichte angeführt sind, sondern auch mehrere poetische Paraphrasen der Psalmen Davids und Kapitel aus den Büchern der Propheten. Wie die polnischen Poeten von Kochanowski an in der Leidensgeschichte der Israeliten ein Spiegelbild für ihre eigene Nation erblickten, konnte Schewtschenko nicht umhin, die Worte des großen Psalmisten auf die Ukraine zu beziehen: „An den Flüssen Babylons saßen wir auf dem Felde unter den Weiden, beweinten unsre Gefangenschaft in der Fremde und hingen die Harfen auf die Weidenzweige.“ Oder wenn er die Sünden seiner Landsleute brandmarken will, wiederholt er in poetischer Umschreibung die Worte Oseas: „Kehre um, o Israel, zu Jahwe, deinem Gott! Denn durch deine Verschuldung kommst du zu Fall.“

Den Schlüssel zu Schewtschenkos innerm Leben glaube ich in dem mystischen Gedichte „Totenfeier“ (Trysna) zu finden. Es wurde im Herbst 1843 geschrieben und der Fürstin Warwara Nikolajewna Repnin gewidmet. Es ist ein wunderbares Selbstbekenntnis und da es in russischer Sprache verfaßt ist, möchte es wohl einen Ehrenplatz in der russischen Literatur verdienen. Der düstre Inhalt ist die Analyse eines Dichterschicksals, das unter dem Streben nach einem unerreichbaren Ideale leidet. Meiner Ansicht nach unterliegt es keinem Zweifel, daß Schewtschenko unter dem hingeschiedenen Freunde sich selbst versteht und so seine geistige Isolierung, seinen Idealismus und seine Seelenkämpfe angedeutet hat.

Zwölf junge Leute versammeln sich jährlich an einem bestimmten Tag zu feierlichem Gelage, um das Andenken des Entschlafenen zu begehn. Zuerst werden die traurigen Jugendjahre des unvergeßlichen Freundes skizziert, ebenso düster wie die Kindheit Schewtschenkos. „Der kindliche Traum verschwand wie eine scheue Taube, und Beklemmung