Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/158

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schlich sich wie ein Dieb in sein zerrissenes Herz und sog mit gierigen Lippen sein unschuldiges Blut. O, wenn er nur mit zorniger Hand den Erdball nebst allen irdischen Reptilien hätte fassen können, zermalmen und in die Hölle schleudern! …[1] Wer nicht glaubt, kann auch nicht hoffen …“ Daß der Dichter hier von sich selbst redet, geht auch daraus hervor, daß er im Gedichte fragt: „Wo ist das Ende der Welt und wo das des Himmels?“[2]

Der Heimaterde eingedenk betet der Jüngling zu Gott um Gerechtigkeit und Freiheit und er weint bitterlich bei dem Gedanken an die Geschichte seines Vaterlandes. Er lehrt, daß das öffentliche Wohl durch Liebe zu erwerben sei, daß man mit hochherziger Entschlossenheit für das Volk einstehn solle und das Leben, das schöne Geschenk Gottes, seinen Landsleuten opfern … Aber in persönlichem Verkehr bleibt der Jüngling allein und unverstanden unter den Fremden. Er fühlt schwer seine Einsamkeit und welkt dahin auf dem fremden Boden wie eine herbstliche Blume: „O weh mir – seufzt er – warum hab ich das Glück der Unschuld verlassen, mein Heimatland? Warum bin ich herumgeirrt? Was habe ich in der Fremde erreicht? Hier finde ich meinesgleichen nicht; ich bin ein Bettler da, ein armer Taglöhner, ein einfacher Arbeiter. Der einsame Mensch leidet fern von der Heimat und wird verzehrt von dem heißen Verlangen, ihr nützlich zu sein, bis er hinstirbt …“

Haben wir nicht hier vor uns das Bild Schewtschenkos in Petersburg, wo er von der Gesellschaft doch immer als „Chochol“ (Ukrainer) betrachtet wurde, wo er als Lehrling der Akademie seine künstlerischen Talente nie zur vollen Blüte entwickeln konnte und wo die Sehnsucht nach der Ukraine niemals erstickte?

In dem Gedichte hat Schewtschenko auch interessante Andeutungen über das literarische Leben in der russischen


  1. Hier, dünkt mich, hat Schewtschenko an die bekannte „Ode an die Jugend“ von Mickiewicz gedacht, wo der Jüngling mit einem Schlangen würgenden Herkules in der Wiege verglichen wird.
  2. Vergleiche hiemit die schon erwähnte Episode aus seiner Kindheit.