Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/71

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„Gib mir, o Gott, auf dieser Erde
nur Lieb, das Paradies des Herzens,
nur das, nichts andres wünsche ich.“

Leider kam es dem Dichter nicht in den Sinn, daß es jetzt doch etwas zu spät wäre, seine Oksana zu finden und er war sich wohl kaum bewußt, daß er schon ein bejahrter, physisch gebrochener Mann war, dessen Aussehen den jungen schwarzäugigen Ukrainerinnen wenig Reiz einflößen konnte. Er hielt um Charyta an, das sechzehnjährige Dienstmädchen seines Schwagers Warfolomej Hryhorowytsch Schewtschenko; aber gerade Charyta, die für einen jungen, schönen Dorfschreiber schwärmte, fand ihn „zu alt und glatzköpfig“ und sie zog den Schreiber vor.

Schließlich machte der alte Junggeselle 1860 in Petersburg einen letzten Versuch, seinen schiffbrüchigen Kahn in den Hafen des Ehestandes zu retten. In dem Dorfe Strjelna, in der Nähe von Petersburg, hatte eine Schwester der Frau von Kulisch über den Sommer ein ukrainisches Dienstmädchen, die zwanzigjährige Lukerja Polusmakiwna. Der Ansicht Turgenjeffs gemäß war sie gesund und robust, nicht schön, aber in ihrer Art anziehend, „mit wunderschönen blonden Haaren und mit der zugleich stolzen und ruhigen Haltung, die für ihre Rasse bezeichnend ist“. Sie war ein wenig leichtfertig und eitel, dabei dumm und ungebildet und Schewtschenko glaubte wohl ihre Wißbegierde zu wecken, indem er ihr ein Lesebuch verehrte. Er freite um Lukerja und sie gab ihm leichtsinnig das Jawort. Nun hatte Schewtschenko endlich sein Ziel erreicht, aber nur um die allergrößte und schmählichste Enttäuschung zu erleben. Lukerja zeigte bald ihren wahren Charakter. Es kam zu unerquicklichen, groben Auftritten und nach einigen Wochen war diese tragikomische Verlobung schon wieder aufgehoben. Der arme Dichter war um eine bittre Lebenserfahrung reicher und die Einwirkung dieser Demütigung auf seine schon zerrüttete Gesundheit dürfte ohne Zweifel die unvermeidliche Katastrophe beschleunigt haben. Nicht ohne Erschütterung liest man die Gedichte der allerletzten Monate seines Lebens. Man merkt, wie die