Seite:Taras Schewtschenko. Ein ukrainisches Dichterleben. Von Alfred Jensen (1916).djvu/97

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Sogar das Kosakenleben ist nicht mehr so wie früher. Der Saporoger will nicht heiraten, noch weniger an den Pflug gehn, sondern er vermählt sich mit dem Vater Luh und der Mutter Chortytzja,[1] seine eigene Mutter verlassend. Als er aber zurückkommt, ist seine Jugend vorbei. Niemand erwärmt sein Herz, niemand gibt dem armen Krüppel einen Schluck Wasser.

Derartige wehmütige Töne erzittern auf der Harfe Schewtschenkos schon vor der Verbannung. Das Gedicht „Das aufgewühlte Grab“ (Rosryta mohyla) 1843 – ein in seinen Dichtungen recht oft wiederholtes Motiv – beginnt mit den Worten:

„Stilles Licht, geliebtes Land, du meine Ukraine! Warum hat man dich ausgeplündert? Weshalb nur gehst du unter? Hast du denn nicht gegen Sonnenaufgang innig zu Gott gebetet?“

Und noch mehr verstimmt klingt die Kobsa in dem im folgenden Jahre geschriebenen Liede von Tschyhyryn, der ehemaligen Residenz Chmelnytzkyjs:

„O Tschyhyryn, o Tschyhyryn! Alles ist vergänglich in der Welt. Dein Ruhm, so heilig, verfliegt wie Staub …“

„Ich Narr vergieße meine Tränen vergeblich auf deinen Trümmern. Die Ukraine ist eingeschlafen, mit Steppengras bedeckt und von Unkraut überwachsen. In Schmutz und Schlamm hat sie ihr Herz verkommen lassen, im hohlen Baumstamm giftige Schlangen geborgen und ihrer Kinder Hoffnung auf der Steppe gelassen. Diese Hoffnung haben die Winde zerstreut … Schlafe, Tschyhyryn. Mögen die Kinder der Ukraine bei dem Feinde zugrunde gehen. Schlafe, Hetman, bis Gerechtigkeit in dieser Welt aufsteht!“

Den kräftigsten Ausdruck findet seine Vaterlandsliebe in dem großartigen, beinahe an das Alte Testament gemahnenden „Sendschreiben an meine toten, lebenden und noch nicht geborenen Landsleute in- und außerhalb der Ukraine“ (Poslanije), geschrieben


  1. Chortytzja heißt die Insel in den Dnipróschnellen, wo die Saporoger ihr Hauptquartier (Ssitsch) hatten. Ihr gegenüber am linken Ufer des Flusses war eine große Waldung, Welykyj Luh genannt.