Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/136

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

die Festzeit eine rechte Trauerzeit geworden. Gestern war in der Dorfkirche ein furchtbares Gedränge. Kaum war noch ein Plätzchen zum Stehen da. Dazu war’s ziemlich warm, und der Dampf und Dunst von Bauern! Kurz, die Folge war, daß Herr Pfarrer nur mühsam die Predigt zu Ende führen konnte. Beim Austeilen des Weines und Brotes zitterte er heftig, und als er nachhause kam, mußte er sich legen. Er sagte, er habe sich zum Sterben gerüstet, nur wollte er erst, nachdem er das Sakrament selbst empfangen. Heute morgen war er noch sehr angegriffen, sagte aber doch, er wolle uns was Kurzes predigen. Und siehe da, oder vielmehr höre, lauter und kräftiger und mächtiger als gewöhnlich strömt die ganze herrliche Pfingstpredigt aus seinem Munde. Das durfte uns nicht vorenthalten bleiben. Wir wissen nun freilich nicht, wie’s weitergeht. Vielleicht war’s nur eine vorübergehende Stärkung. Vielleicht aber ist Gott seinen armen Schafen gnädig und hat das nur einen aufgehobenen Finger sein lassen, daß wir doch aufs neue ernstlich wahrnehmen der Zeit, darinnen wir heimgesucht sind. Denn eine Heimsuchung voll Gnade und Liebe ist von Tag zu Tag, sonderlich von Sonntag zu Sonntag, unser Dettelsauer Leben. Ich möchte es manchmal an alle unsere Türen und Wände schreiben: Bedenke die Zeit, darinnen du heimgesucht bist. Es gewöhnt sich ja am Ende der Leichtsinn, besonders junger, eitler Mädchen, an alles.

 ...Unseres seligen Ludwig Biographie wird auch hier viel verlangt. Ich habe, so oft ich sie lese, einen Drang, auch der Heiligung nachzujagen wie er. Überhaupt weiß ich immer für mich kein besseres Mittel, um mich aus Trägheit und Mißstimmung recht schnell herauszureißen, als wenn ich mich mit dem Lebenslauf irgend eines selig Vollendeten befasse.

...Deine dankbare Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Juni 1863

 Meine herzlich geliebte Mutter, ...höre die Freudenbotschaft, daß unser lieber Herr Pfarrer am 2. oder 6. Juli zurückkommt. Zwar ist sein Befinden noch nicht

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 134. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/136&oldid=2951048 (Version vom 10.11.2016)