Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/139

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

unserm Tun davon bestimmt war, daß wir mächtig gezogen wurden von unserm großen Lehrer. Dieser selber arbeitet nun mit aller Macht darauf hin, von seiner Person loszulösen und die große Aufgabe andern Händen zu übertragen. Wir können zwar hoffen, daß Gott die heißen Gebete um Fristung des teueren Lebens hört, aber dennoch scheint der Zeitpunkt eingetreten, da unserem Hirten der Triumph erblüht, vor aller Augen zu zeigen, daß er Jüngerinnen herangezogen, die am Lehrer nicht hangen bleiben, sondern um jeden Preis Jesu dienen wollen. Für uns aber ist gleichzeitig eine Periode der inneren Losschälung gekommen und eine mächtige Aufforderung, auf den Herrn allein zu schauen. Ich würde mich gerne auf konkretere Einzelheiten dieser allgemeinen Andeutungen einlassen; aber ich fürchte, mein Brief wird zu lang... Denke aber nicht, liebste Mutter, weil ich so ernste Seiten berührt, daß ich nicht fröhlich sei. Du weißt ja längst, daß mein Beruf mein Lebensglück ist, und das wird nie anders werden. Gott behüte Dich und schenke Dir seinen Frieden.

Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Januar 1864

 Liebste Mutter, ...wie schön hat uns Herr Pfarrer heute morgen über die Weisen vom Morgenland gepredigt! Mir war’s so leid, wie’s schon zu Ende ging. Der Epiphanientag ist in Dettelsau immer ein großer Schenktag. Da kommen die Bauern ins Pfarrhaus und bringen Mehl und Eier und Schmalz und Geld und alles mögliche für die Mission und für die „Akonissenanstalt“.

 Denke Dir, wir Diakonissen haben heuer von Herrn Pfarrer ein gar schönes Weihnachtsgeschenk bekommen, eine sehr getreue Übersetzung des Neuen Testaments nach dem Griechischen, die in Elberfeld erschienen ist. ...Herr Pfarrer ist wieder wohler, obgleich er sagen muß, daß er seit zehn Jahren keiner gesunden Stunde sich erinnere. Seine Frau habe das bißchen Erdenglück und seine Mutter, die eben zehn Jahre tot ist, seine Gesundheit mit ins Grab genommen...

Deine dankbare Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 137. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/139&oldid=2951054 (Version vom 10.11.2016)