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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 5. Februar 1864

 Liebste Mutter, in unserm Hause war in den letzten Wochen viel Aufregung. Ich könnte Dir lange Geschichten erzählen. Doris hat eine schwere Aufgabe mit den Magdalenen. Eine ist neulich über sie hergefallen, weil sie eine Arbeit tun sollte, die sie nicht mochte. Da hat man sie, um sie unschädlich zu machen, in ein Stübchen unter dem Dach eingesperrt. Da drinnen hat sie zwei Tage lang gewütet und getobt; dann ist sie nachts aus dem kleinen Fensterchen hinausgestiegen und auf dem Dach herumgekrabbelt, endlich an der Dachrinne heruntergerutscht. Wir konnten alle nicht begreifen, wie das einem Menschen möglich war. Sie wurde am andern Tage wieder gebracht, aber Herr Pfarrer hieß ihr Tür und Tor öffnen, wenn sie nicht bleiben und sich leiten, d. h. auch strafen lassen wolle. Da erwählte sie den verkehrten Weg und ging mit ihrem Bündelein unterm Arm fort von der Stätte, die ihr hätte zum Heil werden können...

 Denke Dir, jetzt kommen zwei Diakonissen nach Hof. Es ist ein neues Krankenhaus dort erbaut worden. Wir haben aber so wenig Leute, daß man genötigt ist, Stationen, die bereits im Segen stehen, aufzulösen; denn eine solche Anfrage, wie die von Hof, möchte man um keinen Preis abschlagen, da es seit Jahren ein großer Wunsch des Hauses ist, zunächst dem Bayernlande zu dienen...

 In dankbarer Liebe

Deine Tochter Theresia.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, Frühjahr 1864?

 Liebe Ida, ...man gibt hier überhaupt keine Diakonissen mehr in Privathäuser, wenigstens in gegenwärtiger Zeit nicht, wo ein solcher Mangel an Diakonissen ist, wie er, seit das Haus steht, noch nicht dagewesen. Seit Wochen sollen zwei sehr wichtige Posten mit mehreren Diakonissen besetzt werden. Da überlegt nun Tag für Tag unser hochwürdiges Direktorium und – bringt nichts heraus. Frau Oberin schläft nicht mehr nachts. Herr Pfarrer selbst wird von der großen Not stark berührt, bis er in einer schlaflosen Nacht vom Donnerstag auf den Freitag sich eine Idee ausheckte, die er uns gestern mitteilte. Feierlich, zur ungewohnten

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 138. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/140&oldid=2951073 (Version vom 10.11.2016)