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noch nicht angegriffen sein und würdest Du mir noch eine Art Recht darauf zuerkennen, so könnte ja auf diesem Wege mein sehnliches Verlangen gestillt werden. Ich habe Herrn Pfarrer noch nichts gesagt. Ich wollte erst wissen, ob überhaupt eine Möglichkeit wäre. Vielleicht schreibst Du mir gleich nach Empfang meines Briefes. Durchsetzen um jeden Preis will ich natürlich die Sache nicht. Nur wird jedermann, der sich in meine Lage versetzt, mein Gefühl des Mangels gerecht und mein Verlangen in der Ordnung finden.

 Ja, wenn ich könnte, wie ich wollte, dann ginge ich ein paar Wochen in ein Krankenhaus, ein paar Monate in die hiesige Küche, ein paar Monate lernte ich ordentlich nähen. Es ist ja in der Tat nicht viel mit mir. Aber Krankenpflege sollte ich nun zu allernächst verstehen. Ich bitte Dich, schreibe mir doch gleich morgen, wenn’s möglich ist, Deine Meinung – so oder so.

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 9. p. Trin. 1868

 Liebste Mutter, ...Ich danke Dir von ganzem Herzen, daß Du mir zur Erlangung meines Wunsches helfen willst. Ich bin ein wenig von Berlin abgegangen und tiefer heruntergestiegen. Ich kann ja auch in einem der Spitäler, wo unsere Schwestern arbeiten, lernen. Herr Pfarrer findet es ganz gut, wenn ich irgendwohin gehe. Aber so bald kann ich jetzt noch nicht fort. Am 13. August kommen die Tüncher in den Betsaal. Dann wird auch unser Siechensaal gemacht. Da wird’s schon Herbst werden. Ich bin jetzt schon beruhigt, weil ich die Möglichkeit sehe. Ich denke nicht, daß es so arg viel kosten wird. – Denke nur, unter meinen Pflegebefohlenen ist jetzt eine Gräfin, die die Kopfgicht hat und auch Gelenkrheumatismus. Man muß ihr jetzt nachts einheizen. Sie ist eine geborene Französin und in Polen aufgewachsen. Da hat sie denn auch polnische Gewöhnungen an sich. Man mußte ihre beiden Koffer unter die Matratzen ins Bett stellen. „So machen’s wir Polen.“ Auf dem Kopfe trägt sie eine Pelzmütze, eine wattierte Haube, ein seidenes Tuch und dann noch eine Art von Turban drüber. Kuriose Menschen gibt es doch unter der Sonne!

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 172. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/174&oldid=- (Version vom 10.11.2016)