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er etwas Frappantes, und manchmal muß man lächeln: Wozu hast du deine Augen? Wozu deine Ohren? (Gottes Wort lesen und hören.) Wozu deinen Mund? – zum Schweigen. Am ersten Montag, als für die Diakonissen gebetet wurde, betete er u. a. um ein stilles Herz, einen schweigenden Mund und einen geistlichen Sinn. Ich könnte Dir noch viel erzählen, aber ich will’s dann mündlich tun.

 Danket, singet und lobet! Auch Polsingen wird die Hilfe schauen in kurzem. Frau Oberin ist auch sehr zufrieden, und die Schreiberinnen wundern sich, wie schön und bündig und vollständig er alles erledigt. Und so präzis ist er in den Gottesdiensten und Stunden, ich sag Dir, man muß auch noch pünktlich werden. In inniger Liebe

Deine Therese.


An ihre Schwester Mina.
Neuendettelsau, den 10. Dezember 1872

 Liebste Schwester, von hier könnte ich viel erzählen, wenn ich nur die Zeit hätte; aber ich muß für Schwester Adelheid auch bei der Grünen Schule vikarieren und bin deshalb sehr in der Arbeit. Aber ich bin ganz gesund dabei und froh und dankbar über Gottes Güte, die über Dettelsau ein neues Füllhorn des Segens ausgeschüttet hat. Unser neuer Herr Rektor ist uns eine rechte Gabe Gottes, für die wir ohne Unterlaß danken möchten. Gott hat weit über unser Bitten getan. Die Gemeinden sind nun getrennt; wir werden ganz von Herrn Rektor Meyer pastoriert. Er geht mit einer großen Zartheit den Spuren des seligen Herrn Pfarrers nach und hat längst seine Seele in dessen Geist und Sinn tief eingetaucht. Dabei ist er aber doch ganz er selbst ohne alle knechtische Nachahmung, die uns nur wehmütig oder komisch berühren würde. Unter anderem ist er ein außerordentlich präziser Geschäftsmann, in allen Stücken so pünktlich, daß man sich fast fürchten muß. Mit dem Glockenschlag ist er überall am Platze.

 Meinen ersten Tadel aus seinem Munde zog ich mir zu, weil am Betpult in der Sakristei eine Kleinigkeit nicht in Ordnung war – für ein anderes Auge als das seinige kaum bemerkbar, aber er zeigte mir’s, reichte mir die Hand und sagte freundlich: „Weil doch hier nichts in Unordnung sein soll.“

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 212. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/214&oldid=2955164 (Version vom 20.11.2016)