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Herrliches um die Einigkeit des Sinnes und Geistes, um die Gemeinschaft mit gottverlobten Seelen.

 O liebste Mutter! was habe ich gestern für einen Gnadentag gehabt! – Ich war in den letzten Tagen immer sehr traurig und betrübt, habe viel, viel geweint, und wenn man mich darum fragte, so konnte ich keinen rechten Grund angeben; allein ich erkannte bald, daß dies eine Erhörung meines Gebets um wahre Buße sei. Ich fühlte mich recht arm und elend, und doch gab mir der Teufel immer Zweifel ein, ob denn dies wirklich die Erkenntnis meiner Sünden sei, die mich so betrübt mache. Endlich bat ich Herrn Pfarrer, mir einige Minuten Gehör zu schenken. Gerne war er dazu bereit. Ich durfte abends 6 Uhr zu ihm kommen, und da beschrieb ich ihm denn meinen ganzen Seelenzustand. Er sagte nun, daß er schon seit ein paar Tagen meine Traurigkeit bemerkt, leitete mich durch Fragen zur rechten Erkenntnis meiner selbst und gab mir dann den herrlichsten Rat, den süßesten Trost. Und wenn ich nun das Schriftchen von Luther: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ gelesen habe, so darf ich wieder zu ihm kommen. Ich ging mit fröhlichem Herzen aus dem Betsaal und habe nun eine hohe Freudigkeit und Gottes Frieden in mir. Es ist merkwürdig, welchen wunderbaren Einfluß die Worte des Herrn Pfarrers auf einen haben; denn Frau von Petrikofska versuchte es ein paarmal mich zu trösten, allein ich konnte mich bei ihr nur recht ausweinen, nicht aber beruhigen. Von dieser lieben, guten, wahrhaft edeln Frau möchte ich Ihnen recht viel erzählen. Sie ist meine englische Lehrerin, kann uns aber durch ihr Augenleiden nicht so weit fördern, als ihre Kenntnisse es erlaubten. Sie hat mich aufgefordert, öfters in ihr Zimmer zu kommen und mit ihr zu lesen; ich bin aber noch nicht so weit gekommen mit meinem Mut. Nach Weihnachten will die liebe Frau unser Haus verlassen, weil die helle Erleuchtung in unserm Haus ihren Augen nicht zuträglich ist. Wie ahnd wird es mir nach ihr tun!

 Nun sinds nur noch einige Tage auf Weihnachten. Ich freue mich sehr, sehr darauf, denn es soll hier wunderschön sein.... Meine Zeit ist sehr beschränkt. Die französischen Stunden, die ich zu geben habe, nehmen nicht viel Zeit weg; allein

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 30. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/32&oldid=- (Version vom 17.10.2016)