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den Lektionen jedoch sprach Herr Pfarrer einige Worte zu uns: „Kinder, wißt, daß eure Lieder, die ihr jetzt singt, verstanden sind im Himmel; euer Lobgesang begegnet dem Lobgesang droben.“

 Am ersten Feiertag empfingen wir das heilige Abendmahl in der festlich geschmückten Kirche, deren Altar insonderheit wunderschön geziert war, sogar mit frischen Blumen. Die geistliche Speise durchs Wort war freilich diesmal nicht so reichlich wie ehedem. Herr Pfarrer ist ja wieder sehr leidend. Das Zungenübel tritt wieder recht hervor und macht ihn gerade zum öffentlichen Sprechen untüchtig. Als wir ihm am Neujahrstage gratulierten (eine Deputation vom Diakonissenhaus), sprach er lange mit uns: er habe noch kein Jahr erlebt, in dem er so viel gearbeitet, in dem er so viel Kreuz getragen, in dem er so viel äußerliche Unterstützung von Gott empfangen und in dem er so viel Freude genossen. Er sei sehr viel Dank schuldig, besonders dem Diakonissenhaus für den Gehorsam, den es ihm entgegenbrachte; er sei ein glücklicher Pfarrer, weil er so viele treue Freunde und Beichtkinder habe.

 Vor einiger Zeit haben wir Diakonissen alle Instruktionen fertigen müssen, nach welchen wir nun allmonatlich von Herrn Pfarrer visitiert werden. Jede Visitation wird mit Gebet eingeleitet. Die bereits Visitierten sind ganz entzückt, sagen, es sei herrlich, so visitiert zu werden, so eingehend Seelsorge an sich üben zu lassen. Nächste Woche werde wohl ich drankommen. Ach, da denke meiner ein wenig!

...Deine Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 2. März 1859

 Geliebte Schwester, ...Sonntag vor acht Tagen war die Entlassungsfeierlichkeit unserer (wie dumm!), der hiesigen Missionszöglinge. Es ruht ein reicher Segen auf dem amerikanischen Werk. Auch die Diakonissensache gedeiht.... Wieder etwas Neues hab ich zu berichten, auf daß unsere Gemeinschaft die Meeresnatur nie verleugne, sondern in beständiger Wallung und Bewegung erhalten bleibe. Daß nur das Salz nie fehle! Daß nur die Bitterkeit und Ungenießbarkeit des Meerwassers nie geteilt werde!

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 93. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/95&oldid=2950982 (Version vom 10.11.2016)