Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/263

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Wie aber von Gotha her Mutian den Basler Freunden sein "Vivite"! zuruft, so wird dem Humanisten sein Besonderes auch beim Scheiden vom Leben zu Teil, in einer Grabschrift, die den bisher üblichen Epitaphien gegenüber den Geist einer befreiten und glänzenden Zeit atmet.

Ein frühes Beispiel ist die Grabschrift des Cono 1513. Von ihr zieht sich die große schöne Reihe bis zum Epitaph des Erasmus, wo ausgesprochen ist, daß, solange der Erdball daure, Erasmus in seinen Schriften weiterleben und sich mit den Weisen aller Völker unterhalten werde. Zwischen diesen beiden Polen sehen wir die unablässige Bemühung um klassische Grabschriftredaktion. Brilingers Sammlung ist reich an solchen Entwürfen. Rhenan, der schon dem Cono das Grab geweiht, konzipiert auch die Grabschrift für Johannes Petri und in wiederholten Fassungen diejenige für die Amerbache.


Unverkennbar ist Wirkung dieses bewußten Sichbeugens unter gemeinsamen Stilzwang, daß in humanistischen Schilderungen das Typische überwiegt, selbst bei Erasmus, der doch eindringend zu beobachten und scharf zu porträtieren vermag. Auch das persönliche Einzelbild der Humanisten selbst erscheint uns wie verschleiert. Das Individuelle und Charakteristische soll zurücktreten hinter der harmonischen Gesamterscheinung. Gleichmäßig geformt und gefärbt, nur durch wenige Machtgestalten unterbrochen, liegt das ganze Humanistenwesen vor uns. Die zahlreichen Darstellungen und Bezeichnungen in Briefen Dedikationen Grabschriften haben bei all ihrem Glanz und Klang nur selten etwas bestimmt Kennzeichnendes. Wir dürfen sagen, daß all dies Konventionelle die Spuren von Eigenart und Ursprünglichkeit tilgt. Aber wir sehen auch, wie diese Form dem unbedeutenden Menschen seine Haltung, dem unbedeutenden Geschehen sein Pathos geben kann.

Im Bewußtsein der Allen gemeinsamen Humanität kommt der Einzelne dazu, bei allem Selbstgefühle doch Eigenes preisgeben zu müssen. Seine wissenschaftliche und schriftstellerische Leistung wird hingenommen als ein Teil der über das persönliche Verdienst weit hinausgehenden humanistischen Tätigkeit und Offenbarung überhaupt. Es ist der Zustand der „wahrhaft kräftigen Zeiten, in denen die Einzelnen einander geben und von einander nehmen, ohne ein Wort zu verlieren“. Die allgemeine Bewegung, der allgemeine Zustand sind Alles. Wie in den Gebieten der Kunst und der deutschen Literatur geistiges Eigentum mißachtet werden kann, so bei den Humanisten.

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 242. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/263&oldid=3403173 (Version vom 1.8.2018)