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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

Am fünfzehnten Sonntage nach Trinitatis.

Evang. Matth. 6, 24–34.
24. Niemand kann zween Herren dienen. Entweder er wird einen haßen und den andern lieben; oder wird einem anhangen und den andern verachten. Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon. 25. Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr eßen und trinken werdet; auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr, denn die Speise? Und der Leib mehr, denn die Kleidung? 26. Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie? 27. Wer ist unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? 28. Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29. Ich sage euch, daß auch Salomo in seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist, als derselben Eins. 30. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute stehet, und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er das nicht vielmehr euch thun? O ihr Kleingläubigen. 31. Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir eßen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32. Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr deß alles bedürfet. 33. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, und nach Seiner Gerechtigkeit; so wird euch solches alles zufallen. 34. Darum sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.

1. Von rechter Sorge,
2. Von falscher Sorge.
3. Von den Mitteln gegen falsche Sorge.

 1. DIe Vergangenheit liegt abgeschloßen und schweigend hinter uns. Die Gegenwart mit all ihrem Geräusch kehrt von Stunde zu Stunde mehr in die klare Stille der Vergangenheit ein. Die Zukunft liegt stumm und verschloßen, aber in ganz anderer Weise wie die Vergangenheit, sie liegt vor uns. Alle Augen sehen hinaus auf das, was kommen wird, − alles harrt auf die Zukunft. Der Mensch hat Leib und Seele und ist sterblich. Er weiß, daß ihm die Zukunft den Tod des Leibes und ein ewiges Jenseits für die Seele bringt. Er hat von Tod und Ewigkeit viel vernommen, aber er hat sie nicht erfahren, von ihren Kelchen nicht gekostet. Dazu ist die Zeit der großen Veränderung sammt der Art und Weise bei jedem eine andere. Kann es ihm gleichgültig sein, wann, wie er sterben werde? wie ihm die Ewigkeit erscheinen werde? Wenn er darüber nachdenkt, wenn er auf Erleichterung des Todes, wenn er auf Beseligung der Ewigkeit denkt, kann man ihn tadeln? − Doch nicht allezeit ist Auge und Erwartung auf eine ferne Zukunft gespannt. Oefters beschäftigt sich die Seele bloß mit der näheren Zukunft. Der Jüngling, das Mädchen sehen erwartungsvoll hinaus, wie sich, wo sich das eigene Heerdlein finden werde; der Mann harrt auf Gelingen seines Berufes und auf die Zukunft seiner Kinder. Oft liegt am kommenden Tage, der kommenden Stunde schon viel! Oft liegt auch für die Ferne, für die ewige Zukunft viel und alles an der Gestaltung der nächsten Minuten. Soll nun die Zukunft nicht bedacht werden, kein Gegenstand der Ueberlegung und unsrer Thätigkeit sein? Ohne Zweifel soll sies sein. Der Jüngling, das Mädchen sollen sich mit Fleiß und Eifer für den künftigen eigenen Lebensberuf bilden; der Mann soll seinen Beruf mit allem Ernst betreiben, seiner Kinder Heil mit aller Liebe suchen.

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 092. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/431&oldid=- (Version vom 24.7.2016)