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Am Sonntag Sexagesimä.
(Merkendorf 1837.)


Röm. 8, 31–34. Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher auch Seines eigenen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat Ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit Ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher ist zur Rechten Gottes, und vertritt uns.

 Wenn einer die Erde bloß im Sommer sähe und wollte sie danach beurteilen, so würde er ohne Zweifel ein falsches Urteil fällen; wer sie richtig beurteilen will, muß auch ihren Winter gesehen haben. Ebenso ist’s auch mit einer Gemeinde; in der Kirche hier sitzen die Leute so nahe und stille beisammen, daß man denken sollte, es wäre der tiefste Friede unter ihnen; wer aber daraus schließen wollte, diese stille Gemeinde bestehe wirklich aus lauter Kindern des Friedens, der würde sehr irren. Man muß eine Gemeinde, um sie recht kennen zu lernen, nicht bloß in der Kirche, sondern im täglichen Leben betrachten; in der Kirche ist sie eine schöne Frühlingsgegend mit einem heitern Himmelsbogen darüber; im täglichen Leben ist sie ein Land voll Sturmes und winterlichen Streites der Elemente, kotig und schlüpfrig. Wenn man nun das bedenkt, so wird man traurig! Je menschenfreundlicher ein Herz ist, desto wehmütiger wird es bei Betrachtung des allgemeinen Unfriedens! Wie viel Streit, wie viel Hader, wie viel Prozesse, wie viele Gerichtstage, welch eine Notwendigkeit in den Gerichten, welch ein Zuströmen der Leute zum Gerichte: alle haben etwas zu klagen, zu verantworten,