Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/294

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Wir lesen, daß Christus mit allerlei Menschen Umgang gehabt hat, daß ER eine Magdalena in Seinem Gefolge hatte, die früher eine große Sünderin gewesen, daß ER bei Zöllnern und Sündern einkehrte, mit ihnen zu Tische saß, aß und trank etc. Daraus machen nun laue Christen den Schluß: Also brauche ich es im Umgang mit Menschen auch nicht so genau zu nehmen, habe ich nicht Gesellschaft, wie sie mir förderlich ist, so nehme ich eben die, welche ich haben kann. Dergleichen Reden und Grundsätze beweisen, daß man sein Herz noch nicht recht kennt in seiner Verderbtheit, in seinem Hang zu allem Bösen, beweisen, daß man eine höhere Meinung von sich und seiner Kraft hat, als billig ist, daß man sich von seinen Grundsätzen, seiner Weisheit, seiner Treue mehr verspricht, als man halten kann, Summa: daß man eben stolz und hochmütig ist. Christus hat keine Welt in Seinem Herzen, die Welt außer Ihm ist Ihm ein Greuel, ER ist unfähig, von ihr etwas anzunehmen. Wenn ER darum unter Sündern ist und von ihnen umgeben, so schadet Ihm das so wenig, als es dem Himmel und seiner Sonne schadet, wenn sie von Wolken umgeben sind, oder als es dem Wasser schadet, wenn Öl darauf gegossen wird. ER lernt von Zöllnern und Sündern nichts, nimmt auch nichts von ihnen an, und von Seiner reinen Liebe, von Seiner himmlischen Weisheit, von Seiner Anmut und Kraft, welche Geister an sich zog und fesselte, ist zu erwarten, daß ER den Zöllnern und Sündern zum Heile sein wird, sowie es ganz natürlich ist, daß in Seiner Gegenwart kein Zöllner und Sünder sich seinen Sünden ergeben haben wird. Dazu hatte ER den ausdrücklichen Beruf und Befehl, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, darum muß ER auch mitten unter die Sünder gehen, muß sich zu ihnen erniedrigen, auf daß ER alle Tiefen der Menschheit kennen lerne, und wahrlich, für den, dem es keine Schande ist, unter Übelthätern gekreuzigt zu werden, der noch am Kreuze Macht hat, Mörder und Aufrührer zu heilsbegierigen Betern umzuwandeln, ist es weder eine Schande noch eine Schwärmerei, unter Sündern und Zöllnern bei Gastmählern zu sitzen, welche