Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/335

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nicht gedacht werde! Vor Seinem Blicke aufgethan ist die Vergangenheit und die Zukunft aller Menschen, die in die Welt kommen sollen und kamen, aufgethan ist ihm der Blick über die ganze Erde hin, alle Nationen sind Sein Augenmerk, Seine Herden, Seine Schafe, Sein Herz schlägt lauter für sie vor Liebe, als es vor Angst und Schmerzen schlägt! ER ist in schwerem Streit begriffen; aber er kämpft um den Preis, für den der Schächer ein Angeld ist, welcher in der Verheißung ausgesprochen liegt: „Ich will Dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Ende zum Eigentum!“[1] Welche Geschäfte hat ER zu thun, wie arbeitet ER, wie Großes will ER, wie Großes thut und duldet ER dafür! Ja, ER weiß, daß mit der Mittagsstunde, welche nun nahte, noch schwerere Leiden über Ihn hereinbrechen würden! ER weiß, daß Gott um Mittag von Ihm gehen, Ihn verlassen würde, daß mit Gott alle Kreaturen von Ihm weichen würden, selbst des Tages Licht, daß ER am Mittag würde allein gelassen werden, die Kelter zu treten, daß ER, ach ER Sein Haupt in den zeitlichen Tod neigen dürfte, den ewigen Tod überwinden müßte, daß ohne diese Arbeit Seine Arbeit nur halb geschehen, nur unvollendet zurückbleiben, kein Mensch selig werden könnte! Ach, Seiner Seele ist bange in Seinen großen Erlösungsgeschäften, man sollte denken, hingenommen in solche Arbeit hätte ER keine Gedanken übrig für die einzelnen Seelen, fürs Allgemeine bemüht, vergäße ER Sein Haus, Sein irdisches Haus! ER, der schon zur Zeit Seines Lebens gesagt hatte: „Wer den Willen thut meines Vaters im Himmel, der ist meine Mutter, Bruder und Schwester!“ wer wollte es Dem verdacht haben, wenn ER, bemüht, viele Mütter, Brüder und Schwester für das ewige Leben zu gewinnen, vergessen hätte, Sein eigenes Haus zu bestellen und Seine Mutter zu versorgen! Aber ER, des heiliger Geist durch der Apostel Mund spricht: „Wer seine Hausgenossen nicht versorgt, der ist ärger, als ein Heide!“, ER mußte in allen Stücken vollkommen sein, denn einen solchen Hohenpriester sollten wir haben, der da wäre heilig, unschuldig, unbefleckt,


  1. Psalm. 2, 8.