Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/339

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diese Tiere sind menschlicher, als manche Kinder, und diese Kinder sind tierischer, als jene Tiere. Denn mancher Sohn ist im fremden Land und vergißt die arme Mutter in der Heimat ganz und gar; mancher Sohn hat genug zu leben für Weib und Kind, ja, er hat übrig, denn er kann zum Biere gehen, kann manche kleine Summe im Spiel verlieren, manchen Tag mit Weib und Kind herrlich und in Freuden leben: wie leicht könnten sie mit diesen überflüssigen Ausgaben den Segen ihrer Eltern gewinnen, ihre Augen mit Freudenthränen, ihr graues Haupt mit Ehren zieren; aber nein! Während der Sohn am Sonntag Abend beim Bier sitzt, während er Geld verschwendet und verliert, sitzt die Mutter bei trocknem Brote, alt, oft krank. Ja, ja, oft ist die Mutter auf dem Krankenlager, auf dem Siechbette. Christus hat wohl gesagt, daß, wer einen Kranken besuche, der besuche Ihn; aber dem Sohne fällt nicht ein, seine Mutter zu besuchen; er könnte seiner Mutter Arzt sein, die Freude über einen Besuch würde sie mehr erquicken, als alle Arzenei, aber der Sohn besucht sie nicht. Er ist ihrer Schwachheiten und Gebrechen im Leben so müde geworden, als hätte er selbst keine, als würden seine Kinder an ihm nichts zu tragen haben, wenn er in die Jahre kommt: er hat seiner Mutter in gesunden Tagen oft einen kräftigen Fluch hinterhergeschickt, was Wunder, wenn er in ihrem Siechtum unempfindlich ist? Er tröstet sie nicht: Christus hat am Kreuz hängend nicht vergessen, die Mutter zu trösten, da hängt eine Mutter selbst in ihrem Kreuze und wird nicht getröstet. Vielleicht thut der Sohn ein Überflüssiges und bringt seine Mutter, um ihrer ein für allemal los zu sein, in ein Hospital: dann meint er, sie versorgt zu haben! Als ob fremde Menschen gleichsam größerer Liebe gegen eine alte Mutter fähig wären, als der Sohn ihres Leibes, den sie mit Schmerzen geboren hat. Ja, wohl hat mancher Sohn schon seine Mutter aus dem Hause in ein Spital oder irgendwohin geschafft, wohl verpraßt mancher sein Gut, das ihm Vater oder Mutter sauer verdient haben, während die Mutter nur mit Mühe, wie eine Bettlerin, einen Groschen vom Sohne empfangen kann, den alten, ausgedienten, müden kranken Leib zu laben. Endlich etwa stirbt sie, liegt allein in