Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/467

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würden, als eure Kühe! Wenn eure Kuh krank ist, weint ihr bittere Zähren und schluchzet, eure Seele laßt ihr ohne Gottes Wort verschmachten und vergehen ohne Kummer. Wenn eurer Kuh etwas fehlt, lauft ihr zum alten Hirten, der etwas kann durch eigene oder des Teufels Kunst. Und doch thut euch kein Hirt und kein Doktor etwas umsonst, ihr müsset’s ihm bezahlen. Ich hingegen thäte euch gern alles umsonst und schenkte euch mein Blut, geschweige meine wenige irdische Habe dazu, aber es ist noch kein einziger zu mir gekommen, der nur wie der Kämmerer gefragt hätte: „Ei, wie ist das und das in Gottes Wort gemeint? und wie muß ich selig werden?“ Darum hilft auch euer Bibellesen in den Häusern nicht viel, denn ihr seid stolz, wollt alles schon wissen, und seid nicht wißbegierig in Gottes Wort. Von selbst versteht ihr nicht viel, fragen mögt ihr auch nicht, so geht euer Leben hin, und ihr lernt Gottes Wort nicht und erfahret seine seligen Kräfte nicht. So kommt’s, daß der HErr die Verheißung Jes. 66, 19. 20 an den Vornehmen in Erfüllung bringt, während die Verheißung: „Die Armen sollen essen und die Elenden satt werden“ bei euch wenigstens nicht hinausgeht. Jes. 66, 19. 20 steht: „Ich will ihrer etliche, die errettet sind, senden zu den Heiden am Meer, und in die Ferne zu den Inseln, da man nichts von Mir gehört hat, und die Meine Herrlichkeit nicht gesehen haben, und sollen Meine Herrlichkeit unter den Heiden verkündigen, und werden alle eure Brüder aus allen Heiden herzubringen dem HErrn zum Speisopfer, auf Rossen und Wagen, auf Sänften und Mäulern und Läufern gen Jerusalem zu Meinem heiligen Berge.“ Und siehe, da am Kämmerer geschieht’s, er fährt auf Roß und Wagen und kommt zu dem Berge Zion und zu der Stadt Gottes und zu dem himmlischen Jerusalem – und ihr, ihr Armen, ihr Lahmen, ihr Krüppel, ihr, denen vor allen das Evangelium gepredigt wird nach des HErrn Gebot: „Den Armen wird das Evangelium gepredigt,“ ihr kommt nicht, ihr haust in eurem Elend und möget nicht Kraft nehmen, Freude zu empfangen und zu üben, und zu löcken unter der Sonne der Gerechtigkeit, welche, Heil unter ihren Flügeln, über euch aufgeht!