Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/15

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die Ungläubigen allemal sehr elend dran, so glücklich sie auch scheinen. Es ist zwischen dem Glück, das sie haben, und dem wahren Glück ein so großer Unterschied, als zwischen dem Schlaf eines frommen, an Leib und Seele gesunden Mannes und dem Schlafe eines Kranken, der, von Angst des Gewissens und Schmerz des Leibes zugleich gefoltert, eine Arznei nahm, damit er eine Ruhestunde hätte. – Denke dir den feurigsten, weltlichgesinntesten Jüngling, die eitelste, lüsternste Jungfrau, welche von einem Genuß zum andern, von einer Freude zu der andern eilen, als wäre die Erde ein Freudenhaus und der Mensch vielmehr zur Lust aller Sinnen, als zum Kreuztragen berufen; gieb ihnen eine unverwüstliche Gesundheit, einen unerschöpflichen Reichthum, ein zähes Leben, welches dem Zahn der Zeit, dem Nagen der Leidenschaften zum Trotz frisch bleibt bis in’s höchste Greisenalter: – sind sie darum ohne Leiden? Ist nicht in ihrem Herzen eine bange Leerheit, welche sie umsonst durch immer neue Erdenlust zu vertreiben suchen? Ergreift sie nicht manchmal mitten in der Freude eine Angst, eine Unzufriedenheit, eine Unruhe, von Gott gesandt, die ihnen Salomonis Erfahrung in’s Andenken bringt: „Alles ist eitel! Es ist alles ganz eitel und Geistesplage!“? Komm, stelle dich in die Nähe eines Freudensaals: hörst du diese Geigen und Pfeifen, und wie sich die Tänzer alle Mühe geben, recht vergnügt zu seyn, und es doch nicht dahin bringen? Denn aus dem Jubel der Lust tönt, vernehmbar jedem geöffneten Ohre, das Weinen ungestillter Sehnsucht und der Schrei der Verzweiflung, und die Geigen und Pfeifen lauten in Wahrheit so traurig, wie dort vor Jairi Haus, da ihm sein Töchterlein gestorben war! – Und wenn auch das alles nicht ist, wenn du, o Weltkind, kein Leiden spürst in deiner Freude, was ist’s? Ohne daß du’s spürst, leidest du tief, und bald wird dich ewiger Fluch, wie ein Netz, umschlungen haben, wenn du nicht eilends aus dem Schlafe fährst. Der Welt