Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/48

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rief Er dem Vater nach, der Ihn verließ: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Er überwand den ewigen Tod allein, sein Arm hat Ihm geholfen. Er merkte, daß das Herz des Herrn versöhnt war durch Sein Ueberwinden: nicht wie ein Sterbender, nein, als ein König, der den letzten Feind bezwungen, rief Er: „Es ist vollbracht“ – die Sünde ist vergeben, – und neigte nun gern und freiwillig Sein Haupt in den Tod.

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 Vom Himmel bis zum Kreuz und Rabenstein! vom unnahbaren Lichte bis in die Mitte zweier Mörder! vom Halleluja der Cherubim bis zum Spottlied der Juden – hat es der Herr gebracht! Man sollte meinen, es sey genug, daß Er Mensch geworden; man sollte glauben, der Vater werde gerne die Sünder lossprechen, schon darum, weil in ihrer Mitte Sein Sohn gewandelt und gelebt hat. Aber nein, der Heilige, der Sohn Gottes muß die Menschheit, die mehr als jede andere die Seine heißt, in den Tod geben, das Blut, das mehr als alles andere Blut, Sein, das Gottes Blut ist, auf die Erde gießen, um die Feindschaft Gottes wegzuwischen. Gottes Blut für Menschen Blut! Jesu Seele für der Sünder Seelen! Jesu Christi Kreuz statt unserer Strafen! Welche Liebe! Welch’ ein Preis der Versöhnung! Wer, wer unter euch widerspricht, wenn ich rufe mit dem Apostel: „Ihr – ach, wir sind theuer erkauft!“ (1 Cor. 6, 20 und 7, 23). Wer erkennt nicht den unausdenkbar großen Preiß! Darüber verliert die Sonne ihren Schein und die Erde bebt – was aber im Himmel über dieser Versöhnung vorgegangen ist, ob am Charfreitag nicht aller Engel Zungen verstummt sind, was den Herrn, den ewigen Vater und Seinen Geist in den Eingeweiden Seiner Liebe bewegt hat, davon ist Zeit, zu schweigen. Dabei aber bleibt es und dabei muß es bleiben: wir sind theuer erkauft von Gottes Zorn, und eben eine solche theure, köstliche Erlösung brauchte es, wenn wir in unsrer angebornen, unverständigen Feindschaft wider