Seite:Wilhelm Löhes Leben Band 1 (2. Auflage).pdf/17

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erzählen und erzählte dann den Nachbarn unter der Bedingung, daß sie ihm hernach Eins sangen. Ernst, stark, gemüthlich, wohlwollend, weise, von jedem hochgeachtet, ein Segen und eine Säule der Stadt, lebte er in ununterbrochener Gesundheit bis in sein 52. Jahr (anno 1816, 28. October): da starb er nach schwerem Hauptleiden. Ich gieng, ein Knabe von acht Jahren, hinter seinem Sarge und mit mir die Schulen, die Obrigkeiten, die Geistlichkeit, viele, viele Bürger der Stadt.

 Meine Mutter war damals 46 Jahr alt. Dreizehn Kinder hatte sie meinem Vater geboren, von welchen noch sechs übrig waren, vier Schwestern, sämmtlich älter als wir Knaben, und zwei Brüder, von denen ich der ältere bin.

 Meine älteste Schwester Anna starb anno 1821, eine unbescholtene und fromme Jungfrau, kräftigen Geistes und Gemüthes. Sie lebte dreißig Jahre und war fast eben so lange krank, epileptisch. Ich erinnere mich noch des Entsetzens, das ich empfand, da ich als kleiner Knabe zuerst ihr Leiden sah. Bald verlor sich die Furcht; ich war ihr Tischnachbar, entriß ihr eilend die Arbeit, wenn ihr Anfall kam, verwunderte mich über ihre himmlische Heiterkeit, wenn sie zu sich kam, horchte ihr gerne, wenn sie an stillen Abenden unter den Choralmelodien ihres Saitenspiels weinte, und las ihr gerne zu ihrem Troste Lieder. Gegen Ende ihres Lebens wurden ihre Paroxysmen furchtbar. Nächte durch, halbe Tage durch raste sie; fünf, sechs starke Männer konnten sie nicht bändigen, sie warf sie sich vom Arme weg; das ganze Haus lag oft auf den Knieen. Endlich wurde die Nervenaufregung permanent. In der Gewißheit von Engeln bedient zu sein, wollte sie keine Wärterin leiden. Als sie starb, schloß sie sich selbst mit der Hand die müden Augen zu. Ich war am Morgen weggegangen, aber ich wußte es zur Stunde, als sie Abends starb, sagte es auch einer alten Magd meines