Seite:Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin II.djvu/102

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und ihre Freiheit wieder, sobald sie Miene machten, das Band der Abhängigkeit von Chokand ganz oder theilweise ebenfalls aufzuheben. Dann reichten sich Chokand und China die Hand zum Vertrage. Das Streben der handeltreibenden Kreise von Chokand geht, wie bemerkt, nur dahin, alle Concurrenz fremder Kapitalien aus Kaschgar zu verdrängen, Regierung und Kaufleute aber verstehen es sehr gut, ihre eigennützigen Zwecke unter dem Deckmantel der Religion zu verbergen. Nun ergiebt sich auch die außerordentliche Wichtigkeit eines Einvernehmens der chokandschen Regierung mit den südlichen Karakirgisen, da diese die Bergpässe zwischen Chokand und Kaschgar in ihrer Gewalt haben und überdies mit ihrer Mannschaft die Streitkräfte Chokands auf dem halben Wege nach Kaschgar um die Hälfte zu verstärken im Stande sind. Ständen sie in Feindschaft gegen Chokand, so würde der Handel nach Kaschgar sofort unterbrochen und damit die Lebensader Chokands durchschnitten sein.

Jetzt ist Taschkend – seit dem 29. August a. St. 1866 – nach dem kurzen Zwischenspiel einer unter russischem Protectorat stehenden Pseudo-Autonomie definitiv dem Zarenreiche einverleibt, andererseits ist die Macht des Chans von Chokand durch die unglücklichen, verlustvollen Kriege mit Rußland auf das Schwerste erschüttert. Wenn nun der Emir von Buchara, der fanatischste Gegner Rußlands, diese Chance benutzen, die Karakirgisen auf seine Seite ziehen und sich damit die Uebergänge nach Kaschgar sichern würde, kann Rußland dabei ruhig bleiben, und wie wird dann sich jenes Bergvolk gegen Rußland verhalten? Es scheint in den Sternen dieses Reiches geschrieben zu sein, daß es, wie einst am Kaukasus, so in den Schluchten und Höhen des Bolor von Neuem einem Feinde begegnen soll, der nicht sowohl durch Mittel der Kunst, als durch die Gunst der Naturverhältnisse ihm einen hartnäckigen Widerstand zu bereiten im Stande ist. Oder läßt sich von einem Volke mongolisch-türkischer Race, das zwischen chinesischem und turanischem Despotismus in der Mitte wohnt, der trotzige Unabhängigkeitssinn, der einst die Kaukasier auszeichnete, nicht erwarten? Noch mehr sind neuerdings die Dinge verwickelt durch den Aufstand der muhamedanischen Bevölkerung im nordwestlichen China, der nun auch Kaschgar ergriffen, wieder einmal die Chinesen aus dieser Stadt hinausgeworfen und einen Prätendenten zum Vorschein gebracht hat, diesmal jedoch, wie es scheint, ohne chokandsche Mitwirkung. Jedenfalls gehen jetzt im Herzen Asiens sehr wichtige Dinge vor, und schwerlich wird Rußland an der Grenze, die es jetzt erreicht hat, lange verweilen können.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Zweiter Band. Dietrich Reimer, Berlin 1867, Seite 87. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeitschrift_der_Gesellschaft_f%C3%BCr_Erdkunde_zu_Berlin_II.djvu/102&oldid=- (Version vom 1.8.2018)