Seite:Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin II.djvu/101

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Besitzes, desto häufiger dagegen nach Kaschgar, wo alle Bewohner des chokandschen Landes gerade so „Andidschaner“ heißen, wie in der sibirischen Steppe „Taschkenzen“.

In dem Transithandel nach Kaschgar machen die bucharischen Kaufleute und Kapitalien den südchokandschen eine unanganehme Concurrenz; um so mehr stehen die letzteren für die nationale Unabhängigkeit ihres Heimathlandes ein, d. h. fügen sie sich dem je herrschenden Stamme, der diese Unabhängigkeit wahrt. Darum auch ist es so wichtig für Chokand, die Hand immer auf Kaschgar zu halten; oft hat der Chan hier intervenirt. Der ostensible Vorwand dieser Einmischungen war stets die Beschützung resp. Befreiung der muhamedanischen Bevölkerung von Kaschgar, Jarkand etc., der wahre Zweck – Erlangung von Handelsvortheilen. Die Regierung von Chokand eröffnete den Nachkommen der muhamedanischen Dynastien von Kaschgar und Jarkand eine Zufluchtsstätte, ließ durch diese Prätendenten Aufstände gegen China anzetteln und unterstützte die Aufständischen mit Waffengewalt. Regelmäßig aber endigten diese Interventionen mit einem Vertrage, worin Chokand versprach, die unter seinem Schutz lebenden Prätendenten zu interniren und ihren Bestrebungen, die muhamedanischen Unterthanen Chinas zum Abfall zu verlocken, Einhalt zu thun, während andererseits China – Handelsvortheile zugestand. Im Jahre 1810 wurden mehrere solcher Verträge geschlossen und ebenso schnell von Chokand durch bewaffnete Intervention gebrochen, – um sich das Versprechen der Nichtintervention noch einmal und theurer bezahlen zu lassen. Durch eine solche etwa 40 Jahre lang fortgesetzte Politik hat Chokand jetzt das Monopol des Handels mit Kaschgar, zum Schaden der bucharischen und aller nicht-chokandschen Kaufleute, thatsächlich an sich gerissen. Der eigentliche Hergang war aber folgender. Zur Aufrechthaltung ihrer Privilegien erhielt die Regierung von Chokand das Recht, in Kaschgar eisen besondern Beamten mit einer militärischen Schutzwache aufzustellen. Dieser Beamte – Saketschi – eine Art chokandscher Consul, controlirte zuerst den Handel an der natürlichsten Stelle, am Zoll; dann fing er an, einen Theil des Zolls für die Kasse seines Hern zu beanspruchen; endlich nach dem letzten Vertrage erhebt er den Eingangszoll von allen Waaren, die von Westen her nach Kaschgar kommen, außerdem besitzt er die Polizeigewalt über alle sich dort aufhaltenden Fremden. Der Sinn einer solchen Stipulation ist klar. Auch über das letzte Ziel der chokandschen Politik kann kein Zweifel bestehen, es geht auf die völlige Einverleibung Kaschgars. Mehrmals schon gelang es den kaschgarischen Chodschi, mit chokandscher Hülfe die Chinesen völlig zu vertreiben, aber sie verloren jedesmal diese Hülfe

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Verschiedene: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Zweiter Band. Dietrich Reimer, Berlin 1867, Seite 86. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeitschrift_der_Gesellschaft_f%C3%BCr_Erdkunde_zu_Berlin_II.djvu/101&oldid=- (Version vom 1.8.2018)